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Ein Baum ist was Feines…

Eine Ansprache zu Peter Finkelgruens 70. Geburtstag…

Von Nadine Engelhardt

Lieber Peter,

zu Ehren Deines Großvaters, Martin Finkelgrün, steht hier ab sofort ein Baum. Ein Baum ist was Feines. Er ist ein Symbol der Hoffnung und des Versuchs der Verminderung der Feinstaubbelastung in städtischen Ballungsräumen. Er wird wachsen, blühen, grünen und Sauerstoff spenden. Vögel werden ihn bevölkern und ihre Gespräche darin führen und – ein Parkplatz wird fehlen.

Du wirst also wie ein Rohrspatz fluchen, wenn Du abends mit Deinem Sternenpanzer zum dritten Mal ums Karree fährst, weil Du keinen Parkplatz mehr findest und wenn Du doch mal hier zu parken kommst, werden Dir die Vögel auf das frischgewaschene Auto kacken und Du, Aug‘ in Aug‘ mit dem Baum, „Danke, Opa“ knurren. Das wäre zumindest menschlich.

„Für Menschen ist das nichts,“ schrieb Dein Vater Hans-Leo Finkelgrün 1940, nachdem er Europa verlassen hatte, „Das ist etwas für Helden, Abenteurer, Führer und Kanonenfutter und für Schlachtenbummler.“ Und im selben Brief: „Die europäische Kultur ist nicht tot. Sie lebt in uns allen. […] Aber die Kultur wird in der ‚Neuen Welt‘ genauso leben – wie wir. Wenn wir wirklich wollen.“

Du, lieber Peter, bist nicht nur in die „Alte Welt“ zurückgekehrt, sondern trägst auch das Bedürfnis und den Willen Deines Vaters, ihre Kultur fortleben zu lassen, in Dir. Das zeigt sich über Deine Bücher hinaus, auf die ich noch kommen werde, ganz besonders in Deinem jahrzehntelangen Engagement, etwa, was die Anerkennung der Edelweißpiraten als Widerstandsgruppe angeht.

Ein langjähriges Mitglied unseres PEN-Zentrums, Uwe Friesel, schrieb mir: „Ich weiß leider nicht viel über den Literaten Finkelgruen, schätze aber ungemein den Kämpfer und wortgenauen Polemiker, etwa jetzt in der Auseinandersetzung mit dem deutschen P.E.N. in inhaltlich-historischen Fragen zum Ausstellungkatalog. Wichtig war auch sein Hungerstreik zur Durchsetzung von Wiedergutmachungsansprüchen. Vielleicht kannst Du diesen Wesenszug, diese kämpferische Zivilcourage ein wenig hervorheben? Denn davon haben wir ja in Deutschland weiterhin viel zu wenig. Dabei ist er stets ein diplomatischer, weise auf Ausgleich bedachter Mensch geblieben – um so mehr wiegt dann, was er zu sagen hat…“

Womit wir wieder bei diesem Baum sind, der hier nur gepflanzt werden kann, weil Du mit dieser Zivilcourage Deinen Großvater aus der „Anonymität der sechs Millionen“, wie Du selbst einmal schriebst, herausgeholt hast, weil Du das Unrecht, das ihm geschehen ist, aufgedeckt und benannt hast, weil Du, indem Du – nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit den Amtsträgern – den Mörder Deines Großvaters vor Gericht brachtest, für die Wiederherstellung des Rechts gesorgt hast, dessen Verwalter in den Jahren zuvor gemeint hatten, sich mit der gerichtlichen Abwicklung von Shoah-Opfern lediglich in Zehntausender-Chargen befassen zu müssen, und jede andere Sicht- und Herangehensweise als Zumutung betrachten zu dürfen.

Und auch der Exilpen, also das P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland, in dessen Namen ich heute hier stehe, würde ohne Deine Ideen, ohne Dein sowohl organisatorisches als auch diplomatisches Geschick, ohne Deine tatkräftige Hilfe und ohne Deine kämpferische Zivilcourage schon seit mehreren Jahren nicht mehr existieren.

Wie ist der PEN auf den Finkelgruen gekommen? Ich versuche mich an einer Erläuterung: Der Literat Peter Finkelgruen hat zwei wundervolle Bücher geschrieben, in denen er dem Schicksal seiner Familie, also seinen Eltern und Großeltern, die, abgesehen von seiner Großmutter, das Ende des zweiten Weltkrieges nur sehr knapp oder gar nicht überlebt haben, und seinem eigenen Lebensweg nachgegangen ist.

„Haus Deutschland“ und „Erlkönigs Reich“ gehören für mich zu den besten Büchern, die zu diesem Thema in deutscher Sprache existieren. Anhand von Dokumenten, Briefen, Bildern und Deinen eigenen Erinnerungen und Reflektionen läßt Du sie alle wieder aufleben: sowohl Deinen Großvater und Deinen Vater, als auch Deine Großmutter und Deine Mutter.

Du präsentierst sie weder als alles überstrahlende Helden noch als hilflose Opfer – sondern als Menschen, die, wie Du selbst schreibst, sich dem ihnen zugedachten Schicksal mit ihrem ganzen sozialen Erfindungsreichtum entgegenstellten, und die bis zuletzt versuchten, Widerstand zu leisten, so wie Du Deinen ganzen sozialen Erfindungsreichtum und Deine ganze Kraft dafür eingesetzt hast, dafür zu sorgen, daß sie und viele andere dem Vergessen entrinnen konnten.

Der Name Finkelgrün wird noch einmal bekannt und berühmt – schrieb Dein Vater 1940 an seinen besten Freund, und ich denke, er würde sich freuen, wenn er wüßte, wie sehr er damit recht behalten hat.

Lieber Peter, ich wünsche Dir im Namen unserer Mitglieder und unseres Vorstands zu Deinem 70. Geburtstag alles Gute, und ich persönlich hoffe, daß Du noch viele Jahre lang bei bester Gesundheit fluchend ums Karree kurvst, auf der Suche nach einem Parkplatz, aber hoffentlich auch ein bißchen stolz bist, weil es der Baum Deines Großvaters ist, von dem die Vögel auf Deinen Wagen herunterkacken.