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Freunde von gestern – und Feinde von heute

(oder was mich ein jüdischer Edelweißpirat lehrte)…

Eine Erzählung von Peter Finkelgruen

Die Uraufführung des Spielfilms „Edelweißpiraten“ am 2. November 2005 in Köln gibt Anlaß, den unten folgenden Beitrag abzudrucken. Erschienen ist er in dem Band „Fremd im eigenen Land“, der 1979 von Henryk M. Broder und Michel Lang im Fischer Verlag Frankfurt/Main herausgegeben wurde. Michel Lang, der Mitglied unseres Zemtrums war, ist leider vor kurzem verstorben.

Günther S. starb im Jahre des Unheils 1944. Er war sechzehn Jahre alt, als er am 10. November 1944 zusammen mit zwölf anderen Menschen von der Kölner Gestapo in Köln öffentlich erhängt wurde. Günther S. ist bereits als Opfer des Nationalsozialismus in diese deutsche Gesellschaft hineingeboren worden. Sein Vater war Jude. Sein Vater war auch Kommunist. Er floh nach der Machtübernahme der Nazis nach Holland. Zusammen mit dem Bruder lebte Günther bei seiner Mutter. Sie starb, als er acht Jahre alt war. Um diese Zeit kam seine Tante – Schwester der verstorbenen Mutter – aus dem Lager zurück. Sie hatte als Kommunistin im KZ gesessen.

Sie vertrat nun die Stelle der Mutter, so gut es eben ging. Beide Brüder erhielten einen Amtsvormund. Einen christlichen Pfarrer, der genügend Zivilcourage hatte, um gemeinsam mit der Tante die beiden Jungen vor dem Zugriff jener zu schützen, die Deportationen von Juden planten, organisierten und durchführten. Das muß man so verstehen: Der Pfarrer und die Tante schützten die beiden nicht vor Hitler, Himmler oder Eichmann. Sie schützten sie konkret, und zwar vor Beamten der Stadt Köln. Vor Beamten beim Jugendamt, vor Beamten beim Rasseamt, vor beamteten Lehrern, vor Beamten bei der Ordnungsbehörde, vor Beamten der Geheimen Staatspolizei. Aber heranwachsende Jugendliche lassen sich nicht ewig beschützen. Sie beginnen mit der Zeit, ihr Schicksal in eigene Hände zu nehmen und es zu gestalten. Sie gestalten es nach dem Grad ihrer Erkenntnisfähigkeit und der sich bietenden Möglichkeiten. Beides hängt von den jeweiligen Umständen ab.

In Anwesenheit der Jungen vermied es die Tante, politische Gespräche zu führen. Sie, ihre Freunde und Bekannten haben die Jungen nicht politisch indoktriniert. Das war auch nicht nötig. Die Jungen wußten, daß die Tante im »Lager« gewesen war. Bekannte und Nachbarn im Stadtviertel Ehrenfeld wußten es auch. Es war in der Bevölkerung bekannt, daß es »Lager« gab, in die man kam, wenn man etwas gegen die Nazis hatte. Daß es auch andere Gründe gab, weshalb die Nazis eine persönliche Bedrohung darstellten – in Gestalt von zahllosen Beamten und Funktionären verschiedenster Rangordnung -, wußten die Brüder spätestens von dem Zeitpunkt an, als ihnen von solchen Funktionsträgern höhnisch mitgeteilt worden war, man habe ihren Vater, den Juden und Kommunisten, erhängt. Daß dies nicht der Fall war, erfuhr Günther in seinem kurzen Leben nicht mehr. Sein überlebender Bruder hörte erst nach dem Krieg, daß der Vater mit vielen anderen nach Litzmannstadt deportiert worden war, daß er dort umgebracht worden war. Auf irgendeine jener zahllosen, einfallsreichen Arten, mit denen Nationalsozialisten menschliches Sterben zum Krepieren machten.

Die beiden Brüder gingen in ihrem Viertel in die Schule. In die Volksschule. Es gab auch Unterricht in Rassekunde in der Volksschule. Beim Kapitel über Juden forderte der Lehrer Günther auf, sich vor die Klasse zu stellen. Die Mitschüler sollten mal einen Halbjuden sehen. Später, in der Pause, hänselten ihn die Schüler deswegen. Sie verletzten ihn. Sie prügelten ihn. Sie beutelten ihn. Sie taten es, weil ein beamteter Lehrer ihnen beibrachte, wie man Menschen verletzt. Günther wehrte sich. Er leistete Widerstand. Er war impulsiv und kräftig genug, seine verletzte Menschenwürde zu verteidigen. Er verteidigte sie mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung standen: mit den Händen, mit den Füßen, mit den Zähnen. Er verteidigte seine Würde »mit Klauen und Zähnen«. Er verlor in der physischen Auseinandersetzung. Aber er behielt seine Würde und seine Selbstachtung. Die Weichen waren gestellt für seinen ganz persönlichen Weg.

Gelegentlich ging er zum Bahndamm in Köln-Ehrenfeld. Er sah dort Gruppen von Juden, die von Beamten der Reichsbahn und von Polizisten in Waggons verladen wurden. Abends, wenn seine Tante von der Arbeit kam, fand sie ihn – im Dunkeln auf der Couch liegend und eine Zigarette rauchend. Er war still. Nach einer Weile sagte er, es seien wieder Juden wegtransportiert worden: Dann ging er runter auf die Straße. Er suchte. Er hätte wohl beim Hinausgehen nicht präzise sagen können, was er suchte. Es läßt sich vermuten, was der so erwachsen belastete und mit noch kindlichen Bedürfnissen ausgestattete Jugendliche Günther S. suchte: Erleichterung, Ablenkung, irgendeinen Jugendlichen oder erwachsenen Menschen, der kein Angreifer war, kein Schmäher, kein Denunziant. Einen Menschen, der ihn akzeptierte. Am besten einen Kameraden. Am besten gleich mehrere. Er fand sie.

In Köln trafen sich an zahlreichen Orten Jugendliche in seinem Alter. Jugendliche, von denen einige eine bewußte, andere eine unbewußte Abneigung gegen den deutschen Alltag hatten. Die Jungen und Mädchen, die sich da trafen, gehörten nicht zu den Kreisen derjeniger, die Vorteile aus der politischen und wirtschaftlichen Ordnung dieser Zeit zogen. Für diese Jugendlichen war die Mißachtung der Menschenwürde in dieser oder jener Form eine tägliche Lebenserfahrung geworden. Sie hatten gelernt, auf ihre Weise mit dieser Erfahrung zu leben. Sie waren zum Mitmachen nicht bereit.
Die Jugendlichen, die sich im Volkspark, am Manderscheider Platz, im Nippeser Loch und an zahlreichen anderen Stellen trafen, waren keine politische Jugendgruppe. Sie waren auch keine illegal organisierte Gruppe von Untergrundkämpfern. Sie trafen sich, weil sie sich erkannten. Sie erkannten sich daran, daß sie bereit waren, sich zu akzeptieren, wie sie waren. Sie waren bereit, miteinander umzugehen und sich zu vertrauen – ohne die Vorlage eines Ariernachweises oder des Mitgliedsausweises einer Parteiorganisation. Das war in Deutschland nicht mehr üblich. Also erkannten sie sich als Außenseiter. Außenseiter erkennen sich schnell – egal, aus welcher Ecke sie kommen.

Einige unter ihnen hatten Eltern, die als Kommunisten verhaftet worden waren. Andere kamen aus Familien, die früher in der Gewerkschaftsbewegung aktiv waren. Andere wieder, besonders die schon Älteren, hatten eigene Erfahrungen aus der Zeit der Jugendbewegung. Es entstand schnell ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter diesen Jugendlichen. Sie trafen sich in Gruppen, je nach den Straßen, in denen sie wohnten. In Sülz, Ehrenfeld, Bickendorf, Ossendorf und Mülheim gab es solche Gruppen. In diesen Stadtvierteln lebten auch besonders jene Teile der Bevölkerung, die den Naziterror verstärkt zu spüren bekamen. Hier fanden Günther und sein Bruder Anschluß. Sie fanden, soweit das möglich war, auch ein bißchen Erholung. Man blieb nicht auf seine Straße beschränkt. Man traf auch Jungen un Mädchen aus benachbarten Straßenzügen und Stadtvierteln. Hier lernten sie andere Lieder als die, die man in der Schule lernen mußte. Andere Lieder, als man sie in der Hitlerjugend sang. In der Hitlerjugend waren die Gleichaltrigen, die sie bedrohten. Die sie bekämpften. Diese ständig über ihnen schwebende Drohung brachte es mit sich, daß sie ihre eigene Identität definieren mußten. Sie gaben sich romantisch klingende Namen. Die Gruppe, der sich Günther mit seinem Bruder anschloß, nannte sich »Edelweißpiraten«. Andere nannten sich Navajos, Kittelbachpiraten oder auch Packs.

Sie hatten eigentlich nicht bewußt den Vorsatz, Widerstand zu leisten. Ideologie war ein Fremdwort für sie. Ihre ablehnende Haltung gegenüber der sie umgebenden Wirklichkeit wurde ihnen jedoch in konkreten Fällen immer bewußter.

Bartholomäus Schink beispielsweise, ein Freund der Brüder S., wurde auch Edelweißpirat. Er war kein Jude und kein Kommunist. Er erfuhr nur bewußt, was Unrecht war. Er sah, wie erwachsene Deutsche den der Familie bekannten jüdischen Friseur öffentlich totprügelten.

Er, der Schuljunge, weinte und beklagte sich zu Hause über das, was er gesehen hatte. Daß die Synagoge in der Körnerstraße in Ehrenfeld verwüstet und verbrannt worden war, hatte er ebenfalls wahrgenommen. Als Anführer hatten sich dabei drei Brüder aus einer bekannten Metzgerei in HJ- und SA-Uniformen hervorgetan. Man brauchte keine besondere Schulung, um einen Zusammenhang zwischen der Uniform und dem Unrecht zu erkennen. Wenn man das Unrecht ablehnte, lehnte man auch die Uniform ab. Man sah sich dann um nach einem anderen menschlichen Umgang.

Aber der Umgang mit anderen, die ähnlich empfanden, fiel auf. Er wurde gemeldet. Der Beamte im einfachen Dienst meldete es seinem Vorgesetzten, einem Beamten im mittleren Dienst. Dieser meldete es auf dem Dienstweg an einen Beamten im gehobenen Dienst. Er versah dabei seine Meldung mit ausführlichen Hinweisen. Der Beamte des gehobenen Dienstes machte eine Vorlage für den Beamten des höheren Dienstes. Der Beamte des höheren Dienstes schließlich verfaßte einen genauen Bericht mit Bewertungen und Anregungen für die Reichsführung in Berlin. Da, wo der Führer war.
Und weil es so viele Meldungen von Beamten im einfachen Dienst gab, so viele Weitergaben von Beamten im mittleren Dienst, so viele ausführliche Hinweise von Beamten im gehobenen Dienst, so viele Bewertungen und Anregungen von Beamten im höheren Dienst, haben der Reichsjugendführer und der Führer des Reichssicherheitshauptamtes Befehle und Verordnungen, Verbote und Gesetze erlassen.

Und die Beamten im höheren, gehobenen, mittleren und einfachen Dienst, die alle verpflichtet waren, jederzeit Gewähr dafür zu bieten, daß sie für den nationalsozialistischen Staat eintraten, traten den jugendlichen Edelweißpiraten, Navajos und ähnlichem Pack in den Hintern. Weil man die Würde des NS-Staates am besten damit bewies, daß man die Menschenwürde in den Hintern trat. Also schickte man HJ-Streifen auf die Straßen. Die sollten die verbotenen Gruppen von Jugendlichen in den Hintern treten. Damit sie anständige deutsche Menschen werden.
Günther S., sein Bruder und ihre Freunde Barthel, Schäng, Bubes, der schwarze Pitter und der Addi wußten es da aber schon besser. Der Barthel wußte: Ein anständiger Deutscher heißt einen jüdischen Friseur totschlagen oder es zumindest mit Verständnis zur Kenntnis nehmen. Der Schäng wußte, daß mit anständiger Deutscher gemeint ist, wer es für richtig befindet, daß Schängs Vater, weil Kommunist, ins Arbeitslager geschickt wird. Daß Männer in Ledermänteln in die Wohnung kommen, dort alles durcheinanderwerfen und einen selbst gegen den Schrank.

Die HJ-Gruppen, die auf die Edelweißpiraten Jagd machten, vertraten diesen Standpunkt. Die Edelweißpiraten hielten natürlich nichts davon. Deshalb wurden sie auch nicht in Ruhe gelassen. Sie versuchten, HJ und SA zu ignorieren. Sie trafen sich mit ihren Klampfen abends zum Erzählen und Liedersingen. Sie fuhren am Wochenende ins Siebengebirge. Dort trafen sie sich an den Steinbruchseen mit Gruppen aus anderen Städten.

Die HJ machte weiter Jagd auf sie. Es kam zu Prügeleien. Sie setzten sich zur Wehr. Im Siebengebirge. Auf dem Heimweg. In der Stadt. In der Stadt jedoch hatten sie es inzwischen nicht mehr nur mit den gleichaltrigen HJlern zu tun. Parteigruppen – etwa die Ortsgruppe Marsiliusstraße der NSDAP – wollten beweisen, daß sie fest auf dem Boden des nationalsozialistischen Staates standen. Das konnte man sehr gut, wenn man Jagd auf die Edelweißpiraten, diese Oppositionellen, machte. Das taten sie denn auch.

Das Reich war zu dieser Zeit schon bedroht. Wer mit dem Fall und Verlust des nationalsozialistischen Reiches selbst etwas zu verlieren hatte, glaubte noch an die Wunderwaffen und den Endsieg. Aber man spürte, daß dieser Glaube allein nicht genügte. Der Staat mußte vor dem drohenden Fall verteidigt werden. Vor allen Feinden. Vor allen Laschen.

Feinde waren nicht nur die, die mit ihren Bomben die Städte ausradierten. Die schlimmsten Feinde waren die im Innern: die unsicheren Elemente, die jeder Gleichschaltung Trotzenden, die, die sich heimlich ihr kleines Terrain geistiger Freiheit sicherten. Die Edelweißpiraten gehörten dazu.

Als die Befehle von oben und die Treibjagden der HJ und der Parteigruppen nicht mehr genügten, ging man einen Schritt weiter. Bei den abendlichen Treffen erzählten sich nun die Jugendlichen bereits von den ersten Vorladungen zur Gestapo. Anfangs kamen die meisten, die eine solche Vorladung erhielten, ihr noch nach.

Als sie aus dem EL-DE-Haus in der Elisenstraße zurückkamen, wußten einige, ahnten die meisten, daß nun ein neuer Abschnitt ihres Lebens begonnen hatte. Im EL-DE-Haus, dem Hauptquartier der Kölner Gestapo, wurde nicht nur in den Hintern getreten. Da wurde deutlich gemacht, daß es ums Überleben ging. Im ELDE-Haus wurde etwas höher angesetzt. Über dem Hintern. Über dem Steißbein. Am Rückgrat. Das sollte nämlich gebrochen werden – für den Endsieg. Dort wurde jedem Vorgeladenen klar, daß er nunmehr Opfer war. Entweder Opfer im Kampf ums Vaterland. Oder Opfer der jüdisch-klerikal-bolschewistischen Unterwanderung. Oder Opfer des eigenen gebrochenen Rückgrats. Er konnte blitzschnell wählen.

Kampf fürs Vaterland? Er hörte doch die englischen Sender. Opfer derjüdischen Unterwanderung? Er fühlte sich von den Brüdern S. nicht unterwandert. Auch hatte Günther noch nie den Ansatz des Versuches gemacht, andere rituell zu schlachten. Opfer der Klerikaien? Bei den Katholiken im Kolpinghaus in der Breitestraße, wo man häufig zu 50 Pfennig zum Mittagessen ging, hatte er auch kein Gefühl der Feindberührung. Man erkannte dort im Gegenteil haufig Gleichgesinnte. Man erhielt dort zum erstenmal Flugblätter von jugendlichen Edelweißpiraten aus anderen Stadtbezirken. Durch die erfuhr man auch zuerst von den „bolschewistischen Unterwanderern«, den armen Schweinen, von russischen, ukrainischen und anderen Ausländern, die sich in den Barackenlagern der Stadt befanden. Die waren weiß Gott nicht gekommen, um den Barthel, den Schäng, den Addi, den Bubes und alle anderen Freunde zu verderben. Sie waren von Männern in Uniform, den Repräsentanten des Staates, nach Köln gebracht worden, um dort für wenig Essen und ohne Lohn zu arbeiten.

Und Opfer des eigenen gebrochenen Rückgrats? Das konnte einer, der im EL-DE-Haus »vernommen« wurde, nicht grundsätzlich ausschließen. Denn Folter ist Folter. Und deshalb ging man zu den Vorladungen am besten nicht mehr hin. Der neue Lebensabschnitt begann also mit einer sehr erwachsenen Entscheidung. Wissend, daß die Gestapoleute im EL-DE-Haus logen, wissend, daß die Zeit der vergleichsweise harmlosen Prügeleien mit der HJ vorbei war, entschieden sich die Jugendlichen aus Günthers Gruppe gegen ein gebrochenes Rückgrat.

Der Barthel wollte keinen jüdischen Friseur totprügeln.

Der Schäng wollte nicht jahrelang ins Arbeitslager.

Der Bubes wollte nicht, daß die Zwangsarbeiter verrecken.

Der Roland wollte nicht, daß der Ortsgruppenleiter das Viertel terrorisiert.

Die Entscheidung ergab sich beinahe von selbst. Jeder sah zu, daß er zurechtkam. Daß er überlebte. Daß er sich selbst nicht und keinen anderen verriet. Das Gefühl der Opposition wuchs. Nicht ein Gefühl für Ideologie. Wenn es eine Ideologie gab, dann die der Erfahrung. Der Erfahrung, daß Beamte, daß Diener des Staates Gegner waren. Die in Uniform und die in Zivil.

Die Erfahrung lehrte sie jedoch auch, daß bei denen in Uniform manchmal welche waren, die sich nicht ganz behaglich fühlten. Zum Beispiel jener Polizeibeamte, der sich weigerte, sie zu verhaften.
Das war noch in der nun weit zurückliegenden Zeit der Auseinandersetzungen mit der HJ. Sie waren aus dem Siebengebirge zurückgekommen und von einer HJ-Patrouille angehalten worden. Die HJ-Knaben hatten den Polizisten aufgefordert, sie zu verhaften. Vergeblich. Das gab’s auch.

Da waren die Beamten in Zivil gefährlicher. Ihnen waren ihre Aufgaben und Möglichkeiten viel weniger anzusehen. Sie wußten auch nichts von all den stillen, bienenfleißigen Beamten in Zivil in Verwaltung und Justiz, die so unauffällig Berichte schrieben und Verordnungen ausarbeiteten.

Allerdings wußten sie von den Gestapoleuten. Und natürlich von den SS- und SA-Uniformierten. Deren Uniformen konnten sie mit Unrecht, Unterdrückung und Mord konkret verbinden. Mit denen wollten sie nichts gemein haben. Eher schon wollten sie mit deren Opfern etwas gemein haben. Zu denen Kontakt zu bekommen, war nicht schwer. Sie kamen ja alle mehr oder weniger aus Kreisen, in denen es die unterschiedlichsten Opfer gab.

Der Schäng kannte einen, der hatte Abitur. Michel, der Abiturient, hatte früher am Ubierring gewohnt. Er war verurteilt worden, im gleichen Arbeitslager wie Schängs Vater zu schuften. Er war Führer der bündischen Jugend gewesen und galt als Hochverräter. Schäng hatte ihn bei einem Besuch im Lager Siegburg kennengelernt, in dem sein Vater war. Die Gefangenen waren dort nicht so streng bewacht wie in dem Lager, in dem Günthers Tante gewesen war. Die Jungen wurden zwar von den Bewachern immer wieder fortgescheucht, gelegentlich hatten die Jungen aber doch das Gefühl, sie würden immer dann gescheucht, wenn einer der Bewacher sich von einem anderen beobachtet glaubte.

Schäng bekam also Kontakt zu Michel, in dem er sofort ein Opfer erkannte. Michel erzählte ihm von der bündischen Jugend. Er brachte ihm Texte von Liedern bei, die Schäng noch nicht kannte. Er erzählte ihm auch, wie man Gleichgesinnte erkennen könne. An den Kniestrümpfen, dem Halstuch, dem irgendwo angebrachten Edelweiß. Michel hatte eine Balalaika, die er dem Schäng schenkte. Der nahm sie fortan zu den Treffen mit den Kameraden mit.

Der schwarze Pitter war schon früh in der sozialistischen Arbeiterjugend gewesen. Er hatte bereits mehrere Gestapovorladungen gehabt. Er war verheiratet. Deshalb sagte er seiner Frau nach der letzten Gestapovorladung, jetzt müsse er verschwinden. Wenn die Gestapo nach ihm fragen würde, solle sie sagen, er sei mit einer anderen Frau abgehauen und außerdem sowieso ein Nichtsnutz, der sich mit möglichst wenig Arbeit ein bequemes Leben machen wolle. Der schwarze Pitter war überhaupt derjenige unter ihnen, der dauernd sagte, man müsse etwas tun. Man müsse etwas organisieren. Man müsse Kontakt aufnehmen zu Partisanen. Vielleicht sogar zu Alliierten.

Der Heinz, der Barthel und der Bubes nahmen ihren Kontakt zu anderen Opfern auf ihre Art und Weise auf. Sie hatten nach der letzten Vernehmung bei der Gestapo die Wut im Bauch. Man hatte sie dort zwei Tage und eine Nacht lang im Keller stehen lassen und ihnen gedroht, sie würden nun zur Front geschickt. Am Abend kamen sie auf dem Heimweg an der Lukasstraße vorbei. Dort stand eine Kolonne von Wehrmachtslastern, die zur Front fahren sollten. Es waren keine Wachen zu sehen. Es war dunkel. Man hörte Sirenen, die einen Angriff ankündigten. Heinz, Barthel und Bubes machten sich an die Reifen der LKWs. Aus einigen ließen sie die Luft heraus. Andere schnitten sie kaputt. Plötzlich durchfuhr sie ein furchtbarer Schreck. Vorn Dach eines der Wagen sprang ein Mann. Er redete unverständliches Zeug, mit deutschen Brocken vermischt. Hunger. Essen. Kameraden. Vogelsanger Weg. Arbeiten bei der Firma Ostermann. Sie begriffen, daß der Mann einer der russischen Zwangsarbeiter war. Daß sich in den Wehrmachtsautos Lebensmittel befanden. Sie spürten plötzlich ihren eigenen Hunger. Sie halfen dem Mann, Lebensmittel von den Autos zu den Baracken zu bringen, in denen seine Kameraden hausten. Sie gingen noch einmal zu den Autos und nahmen Lebensmittel für die Leute zu Hause mit.

Günther traf auch ein Opfer. Im Vorderhaus bei der Cilly wohnte plötzlich ein junger Mann, den er vorher nicht gesehen hatte. Sie trafen sich mehrmals bei scheinbar ziellosen Gängen durch die Straßen des Viertels. Sie kamen ins Gespräch. Man erkannte sich schnell in dem, was man dachte. Günther erzählte, daß sein Vater, da Jude, umgebracht worden sei. Hans, wie der junge Mann sich nannte, sagte ihm, die Juden würden in Konzentrationslagern umgebracht. Er sei selbst aus einern KZ abgehauen. Zusammen mit anderen. Die Lagerkommandantin würde aus der Haut umgebrachter Häftlinge Lampen und Brieftaschen machen lassen. Er und seine Kameraden hätten aus dem Lager solche präparierten Hautstücke mitgebracht. Er holte aus der Jackentasche einen Umschlag hervor. Darin lagen pergamentähnliche Fetzen.
Einer dieser Fetzen hätte von der Haut seines Vaters sein können. Das war vielleicht der Punkt, wo Günthers Wunsch nach Verteidigung seiner Selbstachtung neue Nahrung bekam. Wo er nicht mehr nur einfach in Frieden gelassen und überleben wollte. Die Ortsgruppenleiter, die Uniformierten, die Beamten waren nun seine konkreten Feinde. Sie hörten auf, nur eine Bedrohung zu sein. Es galt, sie zu besiegen.

In unterschiedlichem Maß begannen sie alle so zu fühlen. Und auch zu handeln. Bei Cilly im Keller übten sie, mit Waffen umzugehen. Die Gelegenheit gab es immer, wenn die Sirenen heulten. Wenn die Bomben fielen. Die Waffen beschafften sie sich bei einern Einbruch. Mal verkaufte ein Wehrmachtsangehöriger seine Pistole gegen Butter – auf dem Schwarzmarkt. Mal klauten die Mädchen den Soldaten die Waffe, wenn diese ihren Urlaubsrausch ausschliefen.

Die Einbrüche in Depots fielen auf. Meldungen über aufgebrochene Eisenbahnwaggons auf den Güterbahnhöfen häuften sich. Die Wachen wurden verstärkt. Ihre Erfahrungen wurden größer. Ihre Verzweiflung steigerte sich. Cilly, die zuerst nur den Bombenhans verstecken wollte (er wurde so genannt, weil er bei einem Bombenentschärfungskommando gearbeitet hatte und überhaupt ein Draufgänger war), merkte nun, daß eine Kompanie von Illegalen in ihrem Keller ein und aus ging. Sie kannte den einen oder anderen. Die meisten kannte sie nicht. Hans hatte die anderen angeschleppt. Hans tat so, als könne er demnächst das Rheinland befreien. Ein anderer Hans tauchte auf, der sogenannte blonde Hans. Er war aus Sachsenhausen getürmt. Er war Kommunist. Man munkelte von Beziehungen zu Moskau. Er verschwand immer wieder mit dem schwarzen Pitter. Die Dauerbewohner im Keller wechselten schnell und häufig. Nur eine Frau mit ihrer Tochter blieb die ganze Zeit. Sie waren Jüdinnen. Sie sprachen weder Russisch noch Französisch. Man konnte sie nicht, wie es sonst manchmal geschah, in den Baracken der Zwangsarbeiter unterbringen.

Günther erzählte seiner Tante nichts. Das hatte er früh, und er hatte es nicht zuletzt von ihr gelernt. Nie sagte man jemandem etwas, der es nicht unbedingt zu wissen brauchte. Das war ganz einfach vernünftig. Nach der ersten Schießerei kam er nach Hause, als sei nichts geschehen. So, wie er früher, als er dort noch Mitglied war, von einem gewonnenen Fußballspiel bei der Rhenania gekommen war.

Barthel war nach wenigen Tagen vom Westwall getürmt. Er hatte sich – nach der Drohung aus der Elisenstraße – freiwillig dorthin gemeldet. Es schien ihm zum ersten mal ein Ausweg zu sein. Der kleine Barthel war ein Mann, als er nach Ehrenfeld zurückkam. Er wußte, was ihn erwartete. Er sagte es seiner Mutter. Er sagte es seiner Schwester. »Jetzt werden sie mich kriegen«, sagte er. Er hatte recht. Die zivilen Staatsbeamten aus der Elisenstraße traten jetzt an, um dem Günther, dem Hans, dem Bubes, dem Schäng, dem Heinz, dem Barthel und ihren Freunden den letzten Tritt zu versetzen. Es sollte für die meisten der Tritt in den Abgrund werden. Der Tritt vom Balken, auf dem sie standen, die Schlinge um den Hals, in den Tod durch Strangulation. Die Tritte in den Hintern hatten sie nicht zu anständigen Deutschen gemacht. Die Tritte ins Rückgrat hatten dieses nicht gebrochen.

Ihr auf diese Weise gebrochenes Genick sollte zu einer Drohung für alle werden. Für die Nachbarn. Für die aufmuckenden Leute des Viertels, für die Brüder und Schwestern, die herbeigezerrt worden waren, um das grausige Schauspiel zu sehen.

Aber noch war es nicht soweit.

Nach und nach fanden sich viele im Gestapo-Sondergefängnis Brauweiler wieder. In den Monaten nach dem Juli 1944 waren es Hunderte. Beinahe zweihundert allein aus Ehrenfeld. Es war eine verzweifelte Zeit. Sie flüsterten sich Durchhalteparolen von Fenster zu Fenster zu. Sie hörten Schreie eines Aufsässigen, der nicht aus der Zelle herauskommen wollte, dann dort mißhandelt und erschossen wurde. Sie merkten, die Kameraden wurden weniger.

Der Höhere SS- und Polizeiführer West in den Gauen Düsseldorf Essen, Köln-Aachen, Westfalen-Nord, Westfalen-Süd und Wehrkreis VI schrieb an den Regierungspräsidenten in Köln am 27.10.1944:
»Ich habe aus der Verantwortung der Sicherheit unseres innerdeutschen Lebens gegenüber 11 dieser Verbrecher öffentlich in Köln hängen lassen. Der Rest wird nicht verschont, sondern geht nach dem Abschluß der Ermittlungen dem gleichen Schicksal entgegen.«

Der Rest – das waren Günther und seine in diesen Zeiten erworbenen Freunde. Schäng kam mit dem Leben davon. Heinz auch. Am 4.1.1957 schrieb der Regierungspräsident in Köln an den Invaliden Karl Bermel, der eine Hinterbliebenenrente aufgrund des Bundesgesetzes zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung nach seinem Sohn Gustav (dem Bubes) beantragt hatte, der an der Hüttenstraße mit erhängt worden war:
»Auch die Kriminalpolizei in Köln ist davon überzeugt, daß von den festgenommenen Terroristen am 10.11.1944 dreizehn Personen ohne Gerichtsverhandlung und ohne Gerichtsurteil öffentlich erhängt wurden, um die Bevölkerung von weiteren Terrorakten abzuhalten.«

Der Antrag des blinden Karl Bermel wurde abgelehnt.

So wurden alle diesbezüglichen Anträge abgelehnt, mit Ausnahme des Antrages nach Günther S. Dieser wurde teilweise anerkannt, soweit der Erhängte Jude war. So erhielt Günther S. – folgerichtig und zynischerweise – wieder seine Sonderstellung. Der Höhere SS- und Polizeiführer war durch Regelungen und Verordnungen gedeckt. Der Regierungspräsident in Köln von heute ist es auch. Die Beamten in Zivil, die den Günther und seine Kameraden verhafteten, verhörten und schließlich in der Hüttenstraße erhängten, waren auch gedeckt. Der Entschädigungsdezernent beim Regierungspräsidenten in Köln, der die berechtigten Ansprüche ablehnte, ist es auch. Sie alle befolgten Befehle, Anordnungen und Anweisungen. Sie erfüllten ihre Pflicht. Sie sind jederzeit für den Staat eingetreten.Sie hatten es mit Verbrechern zu tun. Dienstlich.

Ich hätte Günther S. sein können. Mein Vater war Jude. Daß ich heute über ihn und seine Freunde schreiben kann, lag möglicherweise daran, daß meine Eltern nicht in Köln gelebt haben. Daß es ihnen gelang, aus Deutschland zu entkommen. Daß ich erst auf ihrer Flucht geboren wurde. Die Geschichte von Günther S. und seinen Freunden habe ich nicht erfunden.

Ich erfuhr von der Geschichte im Verlauf einer journalistischen Recherche.

Es ging darum, daß die SPD-Fraktion in Köln-Ehrenfeld eine Straße nach Bartholomäus Schink, dem kleinen Barthel, benennen wollte. Politiker der CDU, aber auch einige der SPD und FDP, hatten Bedenken dagegen. Denn in den fünfziger Jahren hatte der damalige Regierungspräsident in Köln einen Wiedergutmachungsantrag nach Bartholomäus Schink abgelehnt. Bartholomäus Schink sei kein Widerständler gewesen. Er habe vielmehr einer Bande von Kriminellen angehört, die die Bevölkerung terrorisiert habe. Er sei zwar – rein formal – sicherlich zu Unrecht öffentlich erhängt worden (kein Prozeß, Todesstrafe unverhältnismäßig usw.), in der Sache sei er jedoch zu Recht bestraft worden.

An der Hinrichtungsstätte fand ich eine Gedenkplatte zum Gedächtnis an die Erhängten. Ich erfuhr auch, daß der Oberbürgermeister der Stadt am jeweiligen Jahrestag der Hinrichtung dort Kränze anbringen läßt. Als mir noch bekannt wurde, daß der frühere Fraktionsvorsitzende der FDP im Stadtrat, der heutige Bundesinnenminister, sich für die Ehrung der Hingerichteten eingesetzt hatte, begann ich, die Geschichte aller Ermordeten zu recherchieren. Ebenfalls das Vorgehen derer, die Anträge auf Entschädigung nach dem Bundesentschädigungsgesetz in dieser Angelegenheit bearbeitet hatten.

Ich stieß dabei auf die merkwürdige, beschämende und empörende Tatsache, daß die Kölner Wiedergutmachungsbehörde den Widerstand der Menschen, die keine sie vertretende politische, religiöse oder weltanschauliche Lobby haben, den Widerstand der »kleinen Leute« also, von Anfang an kriminalisiert hat.

Sie hat diesen Widerstand kriminalisiert durch die systematische Benutzung von Gestapounterlagen, die sie einseitig zuungunsten der Betroffenen auslegte. Mit der gleichen Systematik hat sie belastete Gestapobeamte in den Akten und vor Gericht als Kronzeugen benutzt (unter anderem den, der wegen der Tötung mehrerer Häftlinge nach dem Kriege verurteilt worden war. Einer der Getöteten war der, dessen Schreie Barthel und Schäng hörten). Es ist wohl klar, daß für Gestapobeamte die Erhängten Verbrecher sein mußten. Diese Bewertung wurde von den Gerichten und von der Behörde übernommen.

Dies erschien mir ungeheuerlich. So beschloß ich, die Geschichte dieser» Verbrecher« zu rekonstruieren. Ich suchte überlebende Verwandte auf. Ich sprach mit ihren ehemaligen Freunden, ebenfalls Widerständlern, die das Glück gehabt hatten, davonzukommen. Ich sah Dokumente ein. Sehr persönliche Dokumente und solche, die im Archiv jedem zugänglich sind.

So lernte ich die Getöteten kennen. Sie wurden wieder lebendig.

Sie wurden für mich verständlich. Es bereitete mir Freude, festzustellen, daß, als ich noch keine drei Jahre alt war, in Deutschland jugendliche Menschen eine solche Haltung und Reaktion an den Tag gelegt hatten gegenüber der grausigen Realität des deutschen Faschismus. So wurden Günther S., der kleine Barthel und die anderen für mich posthum zu Freunden. Meine Freunde von gestern.

Und damit werden mir meine Feinde von heute klarer. Sie nehmen konkrete Gestalt an.

Es sind Menschen, die nicht in der Lage sind, einmal falsch getroffene Entscheidungen zu revidieren. Die, obwohl eine solche Revidierung sie weder den Job, noch Geld, noch irgend etwas Existentielles kosten würde – geschweige denn das Leben -, nicht in der Lage sind zu sagen: Hier ist falsch und schlecht entschieden worden. Das muß geändert werden. Ein deutscher Beamter revidiert sich nicht, es sei denn, er hat das Messer an der Kehle. Selbst die Tatsache, daß nach dem Krieg das Urteil von Gestapoleuten benutzt wurde, um ein Bild über deren Opfer zu gewinnen, hält er nicht für einen Grund, die Fälle neu zu prüfen.
Ein deutscher Beamter hat offenbar einen imaginären Popanz, der ihn leitet, der sein Handeln bestimmt – sein Berufsprestige. Das zeigt sich darin, daß er nie zweifelt, immer eine feste Überzeugung hat (die jeweils nützliche), nie eine Belehrung annehmen muß, nie eine Entscheidung unter einer neu gewonnenen Erkenntnis revideren muß, kurz, sich so verhält, wie man es normalerweise unflexibel und dumm nennt.
In diesem Falle führt das dazu, daß Menschen, die unsere Achtung und Bewunderung verdienen und die in einem Staat, von dem wir heute behaupten, er sei ein für allemal vergangen, beschämend zu Tode gebracht wurden, in unserem heutigen Staat unverdrossen weiter geschmäht werden. Ihr Andenken wäre eine Ehre wert. Aber in diesem neuen (?) Staat wird ihnen noch einmal Dreck hinterhergeworfen. Sicher liegt das daran, daß die Bürokraten die gleichen geblieben sind. Daß die älteren unter ihnen nichts gelernt haben und folglich die jüngeren von ihnen auch nicht belehrt werden konnten. Oder liegt es daran, daß in der Bürokratie, der großen Grauschicht unserer Demokratie, die Menschen nicht wirklich lernen wollen, was sie, wären wir eine wirkliche Demokratie, nämlich eine Herrschaft des Volkes, lernen sollten?

Es gibt noch einen Grund, weshalb in diesem Land die Menschen sich so leicht der Analyse ihres politischen Handelns von gestern entziehen und deshalb kein Muster für ihr Handeln und Urteilen von heute haben und schon gar keinen Entwurf für morgen machen können: Wenn man Günther S., wenn man den kleinen Barthel zum Helden macht, dann muß man akzeptieren, daß die Menschen, die versucht haben, Widerstand zu leisten, nebenan gewohnt haben. Man muß akzeptieren, daß sie keine Intellektuellen, keine hohen Tiere, keine mit besonderer Macht und Information ausgestatteten Menschen waren. Und was, um Gottes willen, würde das über einen selbst aussagen? Dann soll der Held schon lieber Stauffenberg heißen. Und damit hat es sich. Entschädigungsantrag abgelehnt!

Ein anderes Erlebnis im Verlauf meiner Recherchen. Vierunddreißig Jahre nach der öffentlichen Hinrichtung. In der 10. Klasse der Hauptschule Bernhard-Letterhaus-Straße ist Geschichtsunterricht. Wenige Wochen vorher hat der Kultusminister des Landes Nordrhein- Westfalen Anweisung gegeben, aus Anlaß des 40. Jahrestages der Reichskristallnacht auf die Geschichte des Dritten Reiches und seiner Ursachen einzugehen. Die Bernhard-Letterhaus-Straße ist benannt nach einem tiefgläubigen Katholiken, der als Freund des früheren Reichskanzlers Heinrich Brüning am 13. November 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode wegen Mitwisserschaft an der Bewegung 20. Juni veruteilt worden war.

Von diesem Tag hatten die Hauptschüler alle irgendwann einmal gehört. Sie wußten, daß irgendwelche Generäle eine Bombe auf Hitler geworfen hatten und dafür hingerichtet worden waren. Aber über das Wesen des deutschen Faschismus und darüber wie Widerstand denn überhaupt möglich war, hatten die Schüler, wie alle Schüler der letzten 30 Jahre, wenig erfahren. Von ihrem Lehrer erfuhren die Schüler nun die Geschichte der dreizehn. Die Geschichte von Günther, Barthel und ihren Freunden.

Sie verstanden die Gehenkten, die ihnen im Alter so nahe waren. Sie verstanden, was in diesen Jahren in ihrer Stadt geschehen war. Sie verstanden die Angst, die Wut und den Widerstand. Was sie sicher nicht verstanden hätten:
»Diese Bande als „Widerstandsbewegung“ zu bezeichnen, muß zur Ehre der wirklichen Gegner des Nationalsozialismus entschieden abgelehnt werden.« (Urteil des Landgerichts Köln in einem der Entschädigungsfälle.)

Ich hoffe sehr, daß junge Leute wie diese (deren Geschichtsunterricht sich am Konkreten orientierte) mich in einigen Jahren noch verstehen können. Daß sie verstehen können, was meine Angst vor Deutschland ausmacht.

Als Jugendlicher bin ich nach Deutschland zurückgekehrt. Meine Angst vor deutschen Uniformen begann bereits am Flughafen angesichts der Zoll- und Paßkontrolleure. Diese Angst blieb mein ständiger Begleiter. Ich befaßte mich mit ihr nicht im Sinne einer Auseinandersetzung, sondern suchte sie durch Anpassung zu überwinden. Ich versuchte, eine Assimilierung zu erreichen. Ich mußte lernen, daß das nicht gelang. Die Angst blieb. Es gab immer wieder Dinge, die diese Angst nährten. Sie verstärkten. Solche wie diese:

daß der Regierungspräsident in Köln Jugendlichen dieses Alters (16 Jahre) genügend politisches Bewußtsein und die Fähigkeit zum Widerstand abspricht;

daß sein Regierungsdirektor mir sagt, wenn er jetzt die Entscheidung zugunsten der Gehenkten ändern würde, dann würde das noch mehr Unmut in der Bevölkerung gegen die Wiedergutmachung hervorrufen;

daß vom Schuldezernenten der Stadt Köln berichtet wird, er habe einen Antrag der Jungdemokraten auf eine gemeinsame Resolution zum 40. Jahrestag der Pogromnacht vom Tisch gewischt mit der Bemerkung, man müsse mal nach vorne schauen und nicht immer nach hinten;

daß er, als Parteifreunde eine Veranstaltung in Sachen Ehrenfelder Widerstand organisierten, ganz schnell die Christlich-Jüdische Gesellschaft um Stellungnahme bat;

daß der Bürgermeister dieser Stadt, der enthusiastisch für eine Städtepartnerschaft mit Tel-Aviv eintritt, zum Kölner Volkswiderstand erst eine Stellungnahme der Synagogengemeinde abwarten will;

daß der Generalsekretär des Zentralrates der Juden meint, dazu habe er wirklich nichts zu sagen, sich aber täglich mit den Repräsentanten dieses Staates identifiziert;

daß der Ehrenfelder Fabrikant Ostermann zum erstenmal davon hören will, daß in seinem Betrieb früher Zwangsarbeiter schuften mußten. Daß er auch nichts gegen eine Straßenbenennung nach Bartholomäus Schink hätte, »wenn sonst alles ordentlich geprüft ist und er allen Maßstäben standhält«. Er selber möchte die Straße jedoch lieber Metallstraße nennen (er hat einen metallverarbeitenden Betrieb).

Diese Leute sind die Quelle meiner Angst.

© 1978, 2005 by Peter Finkelgruen
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