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Vor 67 Jahren: In Deggendorf eröffnete eine Universität

Es war ein etwas übermütiger, aber gutgemeinter Beschluss  der Leitung, ihre Fachhochschule (FH) Deggendorf künftig „Hochschule Deggendorf University of Applied Sciences“ zu nennen. Das passierte im Spätsommer 2011 und endete vor Jahresschluss mit einer  Blamage.  Denn das bayerische Wissenschaftsministerium strich das „University“…

Von S. Michael Westerholz/

Peinlich war das Possenspiel, weil die eilfertige Umbenennung eine Menge herausgeworfenes Geld kostete und die Streichung ausgerechnet in der Zeit passierte, in der der vor der Pensionierung stehende Hochschulpräsident wegen seiner Verdienste zum Ehrenbürger Deggendorfs ernannt werden sollte. „Mich wundert´s“, schrieb daraufhin der pensionierte US-Professor Dr. Ehrlich, „sollten denn die Deggendorfer total vergessen haben, dass in ihrer Stadt schon einmal eine Universität existierte?“

Am 22. Oktober 1945 skizzierte  Chaplain (Major) Judah Nadich von der „US-Army-Administration“ in Europa Grundvoraussetzungen für eine menschenwürdige Versorgung der überlebenden Juden in den DP-Camps in Bayern. Der Major war vom Hauptquartier der US-Truppen beauftragt worden, nicht nur die räumlichen, gesundheitlichen und Versorgungs-Verhältnisse der durchweg traumatisierten Juden zu überprüfen. Vielmehr sollte er auch Vorschläge für eine Selbstverwaltung, für kulturelle, sportliche und sonstige Freizeit-Aktivitäten erarbeiten. Und er sollte mitteilen, was  für die Bildung der Menschen in den Camps getan werde und was künftig erforderlich sei.

Was der Major im DP-Camp 7 Deggendorf in der Alten Kaserne sah, wo mittlerweile schon über 1200 Überlebende unter anderem der KZ Theresienstadt, Flossenbürg und Auschwitz lebten, war unerfreulich. Zwar hatten die Juden sich eine eigene Verwaltung gewählt und  erste Ansätze zu Musik-, Tanz-. Theater-  und Sportgemeinschaften geschaffen. Es gab neben einem Altenheim einen Kindergarten. Und auch eine Elementarschule war eröffnet, während  berufliche Schulen, die kaufmännische, handwerkliche,  Verwaltungs- und Agrar-Praxis und  Fachunterrichte kombinierten, vorbereitet wurden: Vor allem hierzu kamen Lehrer und Handwerker aus Palästina nach Deggendorf.  Unterrichte wurden im heutigen Comenius-Gymnasium, in der alten und in der neuen Kaserne erteilt, die Fachpraxis in der ALTEN KASERNE und in Kibbuz-Einrichtungen in  den benachbarten Gemeinden Mietraching, Mainkofen und Halbmeile vermittelt . Schneider, Schuhmacher, Friseure, Koscher-Metzger, Bäcker  und sogar eine Apotherin eröffneten im DP-Camp eigene Werkstätten und Läden. Auch sie bildeten Lehrlinge aus.

Viele der zuletzt 1965 Überlebenden in Deggendorf waren Akademiker unter anderem aus Berlin, Breslau, Hamburg , dem Ruhrgebiet, Bonn und Wien, aus Polen und der Tschechoslowakei: Lehrer, Anwälte, Notare und Richter,  Beamte des gehobenen und höheren Dienstes, Verleger, Journalisten, Mediziner, Hochschuldozenten, Kaufleute, Ingenieure unterschiedlichster Fächer. Zumal  1945/46 rund  97 Prozent der  Bewohner des Camps  nach Palästina oder in die USA auswandern wollten und so gut wie keiner in die deutschen Heimatregionen zurückkehren wollte, befürwortete  Major Nadich die Eröffnung einer höheren Schule. Sie sollte ihre Absolventen auf das Leben in einer Umgebung vorbereiten, die für sie völlig fremd war. Und so kam es, dass zu einem nicht mehr genau bekannten Zeitpunkt um den Jahreswechsel 1945/46 mit Zustimmung der Militärregierung in Deggendorf eine Universität eröffnet wurde. Die aus Berlin stammenden Eheleute Richard und Sophie Ehrlich erzählten dies ihrem in England geretteten Sohn. Und die Berlinerin Margot Friedländer erinnert sich noch an die vielen Bildungskurse.

Die Uni Deggendorf  bot englische , jiddische und hebräische Sprachkurse an, experimentierte aber auch in Chemie und Biologie, in Bau- und Statik-,  Maschinenbau- und Elektro-Ingenieurswissenschaften. Sie bildete auch medizinisches und pharmazeutisches Personal aus oder weiter. Auch literarisches Grundwissen wurde vermittelt, wobei hier praktische Übungen in der Camp-eigenen Zeitung „Center Revue“ ermöglicht wurden. Als Dozenten sind bekannt:  Chefredakteur der Center Revue Dr. Alexander Gutfeld, * 1898, wissenschaftlicher Uni-Mitarbeiter aus Berlin (Journalismus, Publizistik), Richard Ehrlich, * 1888, Journalist und Verleger aus Berlin, (Druckerei-  und Verlagsmanagement, Journalismus), Dr. Richard Treitel, *1879, Rechtsanwalt, Notar, Politiker und Journalist aus Berlin, (Arbeits- und Tarifrecht),  Erna Siencewicz, nähere Daten unbekannt,  (Pharmazie), Käthe  Breslauer, * 1874, Studienrätin i. R. aus Berlin (Literatur, Palästina-Landeskunde).

Nur Geschichtswissenschaften wollte niemand lehren, aber auch niemand hören: In der Center Revue schrieb Dr. Gutfeld zum Jahreswechsel 1945/46, die Redaktion sei sich einig, auf Geschichten aus der Vergangenheit, auch der jüngsten, noch allgegenwärtigen, zu verzichten. „Nach vorne wollen wir blicken!“ Aber schon in dieser Ausgabe seiner Zeitung musste er einer Ausnahme zustimmen  -der 18-jährige Hamburger Magnus Bari musste die Geschichte seines Überlebens und der glückhaften Suche nach seinen Eltern und der Schwester loswerden.  Und überdies mussten Dr. Gutfeld und seine Mitarbeiter bald darauf auch einen Aufruf starten, wer Noten zu deutschen Operetten habe  – das „Weiße Rößl“ sollte aufgeführt  werden und wurde ein großartiger Erfolg. Exakte Stundenpläne der Universität Deggendorf haben sich nicht erhalten. Vier Lehrer Deggendorfer Schulen, die nicht in den Naziterror verstrickt waren, sollen dort wie auch in der Volksschule für die jüdischen Kinder tätig gewesen sein.

Doch auch hier erwies sich der Begriff  „Universität“  als etwas zu hochgeschraubt: In einem weiteren Bericht der Center Revue  im Jahre 1947 wurde sie als das bezeichnet, was sie wirklich war: Eine „Volksuniversität“ nach US-Maßstäben, also eine Volkshochschule (VHS) nach den deutschen Vorstellungen. Mit der starken Abwanderung der überlebenden Juden ab Mitte 1947 schrumpfte auch diese  Deggendorfer„Universität“. Ab 1948 sind außer Englisch-Sprachkursen keine Aktivitäten mehr nachweisbar. Um diese Zeit begann aber auch die heute riesige  VHS Deggendorf ihre Lehrtätigkeit. Ihr Mitgründer war jener Generalleutnant Friedrich Weber, der vor den Juden und nach ihnen in der ALTEN KASERNE  wohnte.