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Painting to Remember

Sakrale Bauten waren immer dazu prädestiniert, eine große Faszination auf die Menschen auszuüben. Mit ihren gewaltigen Mauern, ihren hohen Kuppeln und kühnen Türmen schlagen sie eine ideelle Brücke zwischen Himmel und Erde und trotzen somit der Vergänglichkeit…

Von Anna Zanco-Prestel

Sie sind Sinnbild für Dauer, Festigkeit und Halt. Selbst wenn man den Namen ihrer Erbauer nicht mehr kennt, stehen sie stellvertretend für eine neue Allianz zwischen Natur und Mensch. An ihnen misst er sich bei jeder Begegnung und wird sich über die eigene Größe und Schwäche zugleich bewusst.

Was aber, wenn diese mächtigen Spuren vergangener Epochen aus dem Stadtbild oder aus einer Landschaft ausgelöscht werden? Dieser Frage muss Alexander Dettmar unausweichlich nachgegangen sein, als er sich als Architekturmaler des Themas „Zerstörte Synagogen“ annahm. „Bewahrt die Spuren“, der Ausspruch des Berliner Rabbiners Leo Baeck, wurde zum Leitmotiv der Arbeit dieses aus Freiburg im Breisgau stammenden Künstlers, für den die Judenvernichtung zum zentralen Thema seiner Reflexion wurde. 2600 Synagogen waren es, die zwischen dem 9. und 10. Dezember 1938 auf deutschem Boden der NS-Zerstörungswut zum Opfer fielen.

Einige von ihnen wieder ins Gedächtnis der Menschen zu führen, sie quasi zu neuem Leben zu erwecken, machte sich Alexander Dettmar zur Aufgabe. Jahrelange Recherchen in Archiven anhand von Plänen und verblassten Fotos waren dazu erforderlich, um ihnen ein neues Gesicht zwischen Realität und künstlerischer Verfremdung zu verleihen. „Unpathetisch“ – wie er sagt – sei er zunächst ans Werk gegangen, sozusagen „auf Stimmungsfang“ an den Orten, an denen sich einst diese Beispiele jüdischer Baukunst als aparte „Solitäre“ oder integrationsfreudig in die umliegende christliche Bebauung eingefügt hatten.

In den Gemälden mit den dominierenden warmen Erdtönen nehmen ihre Konturen erneut Gestalt an, während ein langsamer Transfigurierungsprozess einsetzt, bis sie sich – abstrahierend und trotzdem nach Authentizität trachtend – in „Kulissen des Menschlichen“ (Helmut Seewald) verwandeln.

Die erste öffentliche Werkschau fand – wie hätte es anders sein können! – im Leo Baecks Institute in New York statt.

Unter dem Titel „ Painting to Remember – Zerstörte deutsche Synagogen“ sind nun 100 Bilder aus dem Malzyklus im Kulturzentrum der Pasinger Fabrik bis zum 18. März 2012 zu sehen.
Ergreifend die Gestaltung der von Thomas Linsmayer kuratierten Ausstellung, die – nach dem Willen des Künstlers – auf dem Betrachter wie eine „Gesamtinstallation“ wirken soll.

In den architekturgeschichtlichen Kontext werden sämtliche Bilder in einem im Hirmer Verlag erschienenen Begleitband in deutscher und englischer Sprache geführt. Enthalten sind darin als historisch relevante Dokumentation sowohl Aufnahmen und Bauzeichnungen als auch Beiträge von Experten sowie einschlägige Erinnerungsberichte.

„Eine Zivilisation ist am Ende, wenn sie beginnt, Gotteshäuser zu zerstören“ hat der Münchner Stadtrat und stellvertretender Leiter der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern Marian Offman bei Eröffnung der Ausstellung in Pasing gesagt. Dettmars gelungener Versuch, die deutschen Synagogen in ihrer schwermütigen Schönheit der völligen Vergessenheit zu entreißen, weist zum wiederholten Mal auf die große Lücke hin, die die Vernichtung des Judentums im deutschen Kulturleben hinterlassen hat. Sie dient aber auch dazu, die Erinnerung an den Menschen jüdischen Glaubens wach zu halten, die sie einmal bevölkerten. Die tiefsinnigen Ölgemälde des Ernst-Barlach-Preiträgers Alexander Dettmar sind aussagekräftiger und bewegender als manche spät entstandenen Denkmäler unserer Zeit. Sie wirken wie ein Trait-d’Union zwischen dem Unwiederbringlichen, das einmal war, und der Gegenwart. Durch sie und dank ihnen wird in der entstandenen Leere ein Hauch von Ewigkeit wieder spürbar.


Alexander Dettmar mit Thomas Linsmayer (Kurator u. Leiter der Ausstellungsabteilung der Pasinger Fabrik)
Bild im Hintergrund: Synagoge Ohel Jakob, München, 1938 zerstört. Öl/Lw.2011, 100 x 100.

Rahmenprogramm

So, 26.02.2012, 16 Uhr
Führung und Vortrag durch Alexander Dettmar

Di 28.02.2012
Nizza Thobi, Liederabend unter dem Motto:
„Ein Koffer spricht“

Do, 08.03.2012, 19 Uhr
Vortrag und Diskussion mit Max Mannheimer

Weitere Informationen: www.pasinger-fabrik.com