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Salon Exil mit Doğan Akhanlı

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich im August 2010 die Nachricht von der Festnahme Doğan Akhanlıs auf dem Istanbuler Flughafen. Ein türkischer Schriftsteller mit deutschem Pass, der nach Folter und Gefängnis, die er in jungen Jahren in der Türkei erlitten hatte, seit über 20 Jahren unbehelligt und ordnungsgemäß eingebürgert in Köln lebt, will zum ersten Mal nach all der Zeit in sein Herkunftsland reisen, um seinen kranken Vater zu besuchen, wird an der Passkontrolle verhaftet und muss vier Monate in Untersuchungshaft verbringen…

Die Anklage: Beteiligung an einem Raubüberfall mit Todesfolge. Er soll 1989 mit Komplizen eine Wechselstube ausgeraubt und deren Besitzer erschossen haben. Im Zusammenhang damit beschuldigt man ihn, Mitglied einer aufrührerischen Bande zu sein, die einen Umsturz der öffentlichen Ordnung bezweckt habe. Dass der türkische Geheimdienst diese „radikale Vereinigung“ längst als „nicht umsturzrelevant“ eingestuft hat, tut nichts zur Sache. Es nützt auch nichts, dass Zeugen, die ihn seinerzeit als Mittäter erkannt zu haben meinten, ihre belastenden Aussagen als unter Folter abgepresst zurückziehen. Nicht einmal, dass die Söhne des Opfers von damals Akhanlıs Unschuld bezeugen, hilft ihm. Man hat ihn seit dem Militärputsch von 1980 im Visier. Damals war er in Istanbul beim Kauf einer radikalen Zeitschrift beobachtet und als gefährlichen Aufrührer verhaftet worden. Danach war der 1957 in Şavşat in der türkischen Provinz Artvin geborene Akhanlı in den Untergrund gegangen, und hatte später zwei Jahre im Istanbuler Militärgefängnis gesessen. Wieder frei, kehrte er seiner Heimat 1992 den Rücken und ging nach Deutschland. Und nun, da er es wagt, den Boden seines Vaterlandes zu betreten, hat die Justiz ihre Maschinerie in Gang gesetzt, ein Räderwerk , das vier Monate lang durch nichts zu stoppen ist, weder durch ausländische Proteste noch durch sachlich-logische Argumente. Dann endlich wird er aus der Haft entlassen und kehrt zurück, kehrt heim nach Köln, wo er seit beinah zwanzig Jahren als Schriftsteller lebt und neben vielen anderen Aktivitäten an Projekten zur historischen Aufarbeitung der Völkermorde an den Armeniern und den Juden beteiligt ist.

Doğan Akhanlı ist Verfasser der Romantrilogie Die verschwundenen Meere, deren dritter Band, Die Richter des Jüngsten Gerichts, den Genozid an den Armeniern zum Thema hat. 2005 erschien sein vielgepriesener Roman Der letzte Traum der Madonna, 2009 sein vorerst jüngstes, noch nicht auf Deutsch erschienenes Buch Babasız günle (Tage ohne Vater) und Ende 2010 Fasıl, ein ebenfalls noch nicht in deutscher Sprache verlegter Report über seine Vernehmung durch die türkische Polizei im Sommer 2010.

Im SALON EXIL liest er aus neuer Prosa und spricht über sein Leben und Schreiben im Exil.

Moderation: Christa Schuenke
20.01.2012 – 20 Uhr – Lichtburgforum
Eine Veranstaltung des Lichtburgforums in Zusammenarbeit mit dem P.E.N.-Zentrum Deutschland und der Buchhandlung Thalia.

Der SALON EXIL ist eine Veranstaltungsreihe, die in loser Folge, etwa jeden zweiten Monat, Autoren, die sich mit allen möglichen Aspekten der Exilthematik auseinandersetzen, ein Podium gibt. Wie es sich für einen Salon gehört, lesen die auftretenden Autoren aus ihren Texten vor, mindestens genauso wichtig aber ist es uns, Gäste und Zuhörer miteinander ins Gespräch zu bringen.

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