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Warum ich nicht stolz bin, Bayer zu sein

Von Kindesbeinen an wird einem/einer in Bayern eingeredet, stolz auf seinen Freistaat Bayern bzw. auf das ehemalige Königreich Bayern sein zu müssen. Im Elternhaus, im Kindergarten, in der Schule, ja, sogar noch im Institut an der Universität und am Arbeitsplatz wird er gepflegt, der bayerische Gemeinschaftssinn, der bayerische Regionalpatriotismus, das, was viele immer noch „reine und unverstellte Heimatliebe“ nennen, ohne weiter drüber nachzudenken…

Von Robert Schlickewitz

Unsere „wunderschönen Landschaften“ mit ihren blauen Seen, den grünen Wiesen, den schneebedeckten Bergen mit dazugehörigen Almen ohne Sünd‘, die blitzsauberen Dörfer mit ihren barocken Kirchen, um die uns „die halbe Welt beneidet“; unser allgegenwärtiger „Fuaßboi“ (Fußball) mit seinen „unnachahmlichen Siegen“, von denen „die ganze Welt spricht“; unsere (zugegeben) innovativen und modernen Industrieunternehmen, die bayerische Produkte weltweit populär und nachgefragt gemacht haben; unsere „unvergleichliche bayerische Küche“, die alles Andere bei weitem in den Schatten stellt: was ist schon so ein „schlapper Döner oder so eine armselige Pizza gegen unseren Schweinsbrodn mit Knedln“; nicht minder bedeutend – unser köstliches, „einmaliges“ bayerisches Bier, „unser Exportartikel Nummer Eins“: ganze „Heerscharen aus nah und fern“ reisen doch alljährlich zu unserem Bierfest, der „Wies‘n“ an („und lassen viel Geld da“); tja, und unser König Ludwig erst, der „in weiser Voraussicht Schloß an Schloß reihte“, damit uns heute Millionen Touristen aus aller Welt mit ihrer geschätzten vorübergehenden Anwesenheit beehren können und damit den Fremdenverkehr „zu einem wichtigen Standbein unserer“ uns so heiligen „Wirtschaft machen“. Mit Stolz erfüllt ferner viele unserer Landsleute die als angemessen bzw. als wohlverdient angesehene bayerische Repräsentanz im Vatikan – dass „einer von uns mal Papst wird“, das haben sich „Generationen von uns wohl gewünscht, aber nie zu erträumen gewagt“ – nun ist es Wirklichkeit geworden, nur (leider) „scheint es zu wenigen von uns recht bewusst zu sein“.

Als nicht zu unterdrücken, gilt noch folgender Aspekt: „Wir Bayern sind beliebt“, und zwar im ganzen vereinten Deutschland. Unser bayerischer Dialekt hört sich für das fremde Ohr „weich und wohlklingend“ an, nicht so „schneidend und scharf“, nicht „so penetrant und aufdringlich“ wie das Deutsch der „Preißn“. „Bayerisch hört einfach jeder gern“, egal ob er „von der Waterkant, aus dem badischen Hinterwald, vom Rhein oder von der Oder kommt!“.
Summa summarum  „kann man doch wohl ohne Übertreibung sagen, dass wir Bayern einfach Spitze sind“, dass wir super sind – „mia san halt mia“,  – eben einzigartig auf der Welt!

Die obigen Zitate sind übrigens authentische Aussagen von bayerischen Landsleuten aus Ober- und Niederbayern, aufgeschnappt während der letzten Jahre. Sie geben zusammengefasst das geläufige Eigenbild sehr vieler von uns Bayern wieder.

Als  gebürtiger und gestandener Bayer seit mehr als einem halben Jahrhundert und auch – wie man es dreht oder wendet – tief in seiner bayerischen Heimat verwurzelt, mag es mir nicht gelingen an diesem rein positiven und überwiegend von plattem Stolz geprägten Selbstverständnis teilzuhaben.

Warum?

Weil ich als Historiker die Vergangenheit ebenso wie die Gegenwart vor Augen habe und weil Bayern noch viel zu viel von dem kennzeichnet, was ich als unmenschlich, als verlogen und als verwerflich ansehe.

Eine kleine Auswahl meiner persönlichen bayern-/heimat-kritischen Gesichtspunkte mag dies erläutern:

Bayern weist, wie anerkannte Historiker und Nachschlagewerke bereits vor dem NS immer wieder feststellten, die blutigste und intoleranteste Judengeschichte aller deutschen Regionen auf. Dies bezieht sich auf einen Zeitraum von über eintausend Jahren.

Bayern war ab dem 16. Jh. die Heimat der Gegenreformation, jener Bewegung aus der katholischen Kirche und der weltlichen Macht heraus, die Deutschland auf Jahrhunderte Zwist, Hader, Mord und Totschlag sowie später einen schmerzlichen Sonderweg in Europa angedeihen ließ.

In Bayern wurden noch bis in die zweite Hälfte des 18. Jhs., in erster Linie von katholischen Inquisitoren, Frauen als Hexen verurteilt und hingerichtet; es waren mit die letzten Fälle in Europa.

Obwohl Bayerns Herrscher lange Zeit erheblich von den Fähigkeiten ihrer jüdischen Bankiers und Hoffaktoren profitierten, hat kein Angehöriger der Dynastie der Wittelsbacher die Juden seines Landes in deren Bestreben nach Gleichberechtigung je unterstützt.

Bayerns extrem ausgeprägter Partikularismus (lieber Bayern als Deutschland) verhinderte die Einigung Deutschlands auf Jahrzehnte. Als einer der letzten Kulturstaaten Europas wurde Deutschland somit erst 1870/1871 ein Nationalstaat, mit Folgen für seine weitere Entwicklung.

Der jüdische Schriftsteller und Erfolgsautor Jakob Wassermann schrieb über seine Jugenderlebnisse in Bayern: “Zum erstenmal begegnete ich jenem in den Volkskörper gedrungenen dumpfen, starren, fast sprachlosen Haß, von dem der Name Antisemitismus fast nichts aussagt, weil er  weder die Art, noch die Quelle, noch die Tiefe, noch das Ziel zu erkennen gibt. Dieser Haß hat Züge des Aberglaubens ebenso wie der freiwilligen Verblendung, der Dämonenfurcht wie der pfäffischen Verstocktheit, der Ranküne des benachteiligten, Betrogenen ebenso wie der berechtigten Abwehr, affenhafter Bosheit wie des religiösen Fanatismus. Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst, Angst verführt, verlockt zu werden, Lust an Geheimnis und Niedrigkeit der Selbsteinschätzung. Er ist in solcher Verquickung und Hintergründigkeit ein besonderes deutsches Phänomen. Es ist ein deutscher Haß.“

Keine andere deutsche Region weist eine derart intolerante Sinti-und-Roma-Geschichte auf wie Bayern. So war München der Gründungs- und Wirkungsort der “Zigeunerzentrale”, jener Behörde, die ab 1899 unmenschliche Verfolgung von Angehörigen der Minderheit betrieb und deren Vorarbeiten der systematischen Vernichtung von einer halben Million “Zigeunern” durch die Nazis schon sehr früh den Weg ebnete.

Um die Wende vom 19. auf das 20. Jh. traten in Bayern ganz besonders die Angehörigen des Jesuitenordens (SJ) als  Hassprediger gegen Juden in Erscheinung. Noch heute gehören innerhalb der katholischen Kirche Jesuiten zu den unerbittlichsten Gegnern von Juden.

Albert Einstein gab noch vor Erreichen seiner Volljährigkeit die deutsche Staatsbürgerschaft auf – wegen schmerzlicher, judenfeindlicher Erfahrungen im damals noch erzkatholischen Oberbayern.

Bayern und München waren ab 1917 die Lieblingsaufenthaltsstätten (außerhalb Italiens) von Nuntius Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII., der wegen seiner Haltung gegenüber den Juden angesichts der Verfolgung durch Nazideutschland zum umstrittensten Kirchenoberhaupt der zweitausendjährigen Papstgeschichte wurde. Allerengste freundschaftliche Beziehungen verbanden Pacelli mit dem bayerischen Klerus und der bayerischen Dynastie der Wittelsbacher.

Der bis in die Gegenwart in hohem Ansehen stehende, christliche Vorzeigeliterat der Bayern, Ludwig Thoma, trat als übler Hetzer gegen Juden auf. Die Zeitung, die 1920/1921 seine rassistischen Ergüsse anonym verbreitete, der oberbayerische „Miesbacher Anzeiger“, fand Abnehmer in ganz Deutschland.

Bayern war Brutstätte und Wiege des Nationalsozialismus. Sowohl die antisemitische Thule-Gesellschaft (1918) als auch die NSDAP (1919/1920), die SA (1921) oder die SS (1925) – sie entstanden alle in Bayern.

Sowohl in seinen Reise-, als auch in seinen Kriegserinnerungen (1906-1923; 1929) offenbarte Kronprinz Rupprecht von Bayern primitivsten Rassenhass. Der Thronprätendent der Wittelsbacher übertraf sogar noch die Menschenfeindlichkeit mancher Nationalsozialisten.

Adolf Hitler fand in keiner anderen Region Deutschlands so viele Gleichgesinnte wie in Bayern; deswegen startete der katholische Deutschösterreicher von dort aus seine folgenreiche Karriere und erklärte später in „Mein Kampf“ München zu seiner Lieblingsstadt.

Der gebürtige Bayer, Julius Streicher, verantwortete mit seinem Hetzblatt “Der Stürmer” die intensivste und wirksamste antijüdische Propaganda vor und während des Dritten Reiches.

Karl Valentin, bis heute Lieblingskomiker vieler Bayern, denunzierte während des NS Juden, und er schrieb anbiedernde Briefe an Hitler.

Der in München geborene und katholisch getaufte Heinrich Himmler gilt als der Initiator der Konzentrationslager Dachau und Auschwitz.

Ebenfalls ein gebürtiger Oberbayer, Hermann Göring, gab die “Endlösung der Judenfrage”, die bekanntlich sechs Millionen Juden das Leben kostete, in Auftrag.

Mit „Der Befehl des Gewissens“ (1937) verfasste Hans Zöberlein den judenfeindlichsten Roman der gesamten NS-Ära. Der bayerische Autor erzielte eine Gesamtauflage von über 1 Million Exemplaren.

Das oberbayerische KZ Dachau war jenes Konzentrationslager, das am längsten, nämlich von 1933 bis 1945, ‘in Betrieb’ war; zugleich diente es als Musterlager für Auschwitz und rund 2000 weitere Lager.

Seriöse Umfragen wie der OMGUS-Report stellten fest, dass der Antisemitismus der Deutschen, speziell der Bayern, auch nach dem Tode Hitlers bzw. nach dem Ende des Dritten Reiches, eine feste Konstante blieb.

Die im Vorfeld der Verleihung des Literaturpreises der bayerische Landeshauptstadt München an den jüdischen Schriftsteller Lion Feuchtwanger (1957) hochwogenden christlich-konservativ-antisemitischen Proteste degradierten die Auszeichnung zur Farce.

In Bayern entstanden in den 1980er Jahren die beiden rechtsextremen Parteien “Republikaner” und  DVU.

Die rechtsextreme NPD zählte 2008 im Bundesland Bayern ihre meisten Mitglieder.

Gemäß den Erhebungen der Friedrich-Ebert-Stiftung war Bayern in den Jahren 2006, 2008 und 2010 das deutsche Bundesland mit den meisten Judenhassern, den meisten Verharmlosern des NS und einem besonders hohen Anteil an Fremdenfeinden.

Bayern bescherte Deutschland 2009 den vorerst letzten und zugleich weltweit meist beachteten Fall von Holocaustleugnung. Bayerisch-katholische Frömmler (“Piusbrüder”) hatten den britischen Bischof Williamson eingeladen.

Bayern weist laut Statistiken der Jahre 2011 und 2013 die höchste Selbstmordrate aller deutschen Bundesländer auf.

Neben dem Saarland gilt Bayern als das katholischste Bundesland der BRD. Im östlichen Bayern, in den Bezirken Niederbayern und Oberpfalz beträgt der Katholikenanteil sogar bis zu 90 %.

Lange Zeit war man davon ausgegangen, dass die 1976 an der epilepsiekranken Studentin Anneliese Michel von bayerischen Geistlichen, und mit tödlichem Ausgang, vollzogene „Teufelsaustreibung“ die letzte derartige in Deutschland war. Jedoch belehrte im Jahre 2012 ein Aufruf des bayerischen Papstes Benedikt XVI. an seine, den Exorzismus praktizierenden, Geistlichen die Öffentlichkeit darüber, dass dem „Teufel“ in der katholischen Kirche nach wie vor ein fester Platz eingeräumt wird.

Eine Studie der Universität Leipzig stellte 2015 fest, dass Bayern das judenfeindlichste deutsche Bundesland ist.

Bis in die Gegenwart werden in Bayern regelmäßig an furchtbare antijüdische Traditionen anknüpfende, zugleich als rein kommerziell erkannte, Oberammergauer Passionsspiele aufgeführt.

Das Alles vor Augen, kann ich nicht stolz drauf sein, Bayer zu sein.

Denn:
Blühenden Almen, Bier, Benedikt, Schlössern, Schweinebraten, Fußball und wirtschaftlichem Erfolg –  stehen weit verbreitet ungenügende Wissbegier in Sachen eigene Identität (=Neugier auf die eigene Geschichte) und daraus resultierend Mangel an Einsicht, Erkenntnis und Selbstreflexion, erhebliche Defizite bei Anstand und Gewissen sowie eine geradezu maßlose Selbstüberschätzung  gegenüber.

Stand: 2015