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Strakonitz – Wien – Bristol: Die Schulgründerin Paula Fürth

Paula Fürth betrieb in der Ersten Republik eine der drei heute vergessenen privaten Wiener Gartenbauschulen, die alle von Frauen aus dem jüdischen Bürgertum gegründet und geleitet wurden. Paula Fürth wurde am 19. April 1897 im südböhmischen Strakonitz als jüngstes von vier Kindern des wohlhabenden Ehepaars Adolf und Helene Fürth geb. Dub geboren…

David. Jüdische Kulturzeitschrift, Ausgabe 90, Iris MEDER und Ulrike KRIPPNER

Der Teil der weitverzweigten Familie, dem Paula Fürth entstammte, betrieb eine Fezfabrik. Um 1900 übersiedelte die Familie nach Wien.1 Als Kind erkrankte Paula Fürth an Kinderlähmung. Die Krankheit griff ihre Hände an und führte dazu, dass die zarte, im Alter weisshaarige Frau zeit ihres Lebens hinkte.2

Minna Bernays, unverheiratete Schwester von Martha Freud geb. Bernays, war bis 1896, als sie zu Martha und Sigmund Freud zog, Gesellschafterin bei Paula Fürths Grossmutter Emma Dub, geb. Schwab. Über Minna Bernays war die Familie Fürth eng mit den Freuds befreundet. Die Familien verbrachten mehrere gemeinsame Urlaube und botanisierten bei Spaziergängen rund um Lavarone im Trentino. Paula Fürth pflegte in ihrem Garten wertvolle Pflanzen, die Sigmund Freud von seinen Patienten geschenkt bekommen hatte. Mathilde, die älteste Tochter von Martha und Sigmund Freud, heiratete Robert Hollitscher, einen Onkel Paula Fürths.3 Die Freundschaft Paula Fürths zur etwa gleichaltrigen Anna Freud reichte bis in das Exil in England.

Wenige Jahre nach ihrem Umzug nach Wien bezog die Familie ihr 1907 vom renommierten jüdischen Architekten Alexander Neumann geplantes neues Haus in der Döblinger Hauptstrasse 56. Aus unbekannten Gründen wurde das Haus jedoch bereits wenig später verkauft und stattdessen das ebenfalls von Neumann 1909 gebaute benachbarte Haus Döblinger Hauptstrasse 60 erworben. Im Haus wohnte neben Paula Fürth bis 1938 auch ihr Bruder, der Papiergrosshändler Robert Fürth (1895-1987), der 1939 nach Chile emigrierte. Paula Fürths ältere Schwester Elly, die Medizin studierte, starb 1914 mit 20 Jahren. Ein weiterer Bruder, Julius, wurde 1894 geboren.

Von 1915 bis 1920 war Paula Fürth an der Wiener Universität inskribiert und besuchte naturwissenschaftliche Vorlesungen. Am 18. Februar 1921 wurde Paula Fürth mit ihrer am Pflanzenphysiologischen Institut unter der Leitung des Pflanzenphysiologen Hofrat Prof. Dr. Hans Molisch durchgeführten Dissertation „Zur Biologie und Mikrochemie einiger Pirola-Arten“ promoviert.4

Auf dem Grundstück ihres Elternhauses betrieb Paula Fürth eine Gärtnerei, ein Blumengeschäft und ab Mitte der 1920er Jahre die Gartenbauschule Döbling, wofür zusätzlich Ackerland in Wien-Leopoldau zur Verfügung stand. Der Lehrplan der gärtnerischen Berufsschule für junge Frauen ist in der Abschrift eines Schreibens des Stadtschulrates aus dem Jahr 1929 erhalten: 2 Jahrgänge; im Wintersemester je 12 Stunden, im Sommersemester je 9 Stunden; Unterricht in Anatomie, Morphologie, Physiologie, Systematik, Chemie, Pflanzenbestimmen, Obst- und Gemüsebau, Obstsortenkunde, Obsttreiberei, Blumenzucht, Gehölzkunde, Planzeichnen und Gartenkunst (3 Std. im Wintersemester), Freihandzeichnen und Feldzeichnen (2 Std. im Sommersemester), Schädlingskunde, Düngerlehre, Gewächshauskultur, Buchhaltung. Stundenausmass 0,5 bis 1 Stunde mit Ausnahme der angegebenen Fächer.5 Darüber hinaus bot Fürth Kurse an, in denen Kinder von 6 bis 14 Jahren von jungen Gärtnerinnen in gärtnerische Arbeiten eingeführt wurden, um ihnen einen Bezug zur Natur und zum Gärtnerhandwerk zu vermitteln. Über den Beruf der Gärtnerin bemerkte Paula Fürth, „dass sich ein junges Mädel als Gärtnerin genauso gut oder besser ihr Brot verdienen kann wie als Stenotypistin oder als Kunstgewerblerin. Reichtümer kann man als Gärtnerin nicht sammeln, aber für Mädeln, die ihren Beruf ernst nehmen, gibt es immer Stellungen“.6

Die Fassade des Blumengeschäfts entwarf Anfang der 1930er Jahre der Wiener jüdische Architekt Fritz Rosenbaum. Mit ihm arbeitete Paula Fürth auch auf der grossen Werkbund-Ausstellung im Österreichischen Museum für Kunst und Industrie 1930 zusammen, wo sie für die Innenausstattung von Rosenbaums Muster-Blumenladen verantwortlich war.7 Im selben Jahr stellte sie auf der Ausstellung Wie sieht die Frau der Wiener Frauenkunst in der Neuen Hofburg gemeinsam mit der jüdischen Architektin Liane Zimbler einen kleinen Innen-Garten mit Steingärtchen aus. Zimbler8 war die zentrale Figur der Wiener Frauenkunst, eines informellen Netzwerks von Kunstgewerblerinnen, Künstlerinnen und Designerinnen, das 1926 als linksliberale Abspaltung der VBKÖ Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs gegründet worden war. 1931 gestaltete Fürth mit dem Architekten Otto Prutscher einen Hofgarten auf der Ausstellung Blume und Plastik im Wiener Künstlerhaus.9 Mit dem 1930 in der Fachzeitschrift Architektur und Bautechnik publizierten Garten Langer im Döblinger Cottageviertel gestaltete sie den grossen formalen Garten einer neobarocken Villa.

In den Jahren 1937-38 publizierte Fürth vier Artikel über Gartenentwürfe des erfolgreichen Wiener Gartenarchitekten Albert Esch, den letzten 1938 als Paula von Mirtow in der deutschen Fachzeitschrift Gartenschönheit. Albert Eschs politische Einstellung ist nicht zweifelsfrei geklärt. Er suchte 1938 um Mitgliedschaft in der NSDAP an, welche 1942 ohne Angabe von Gründen abgelehnt wurde.10

Im März 1937 hatte Paula Fürth den 1886 im russischen Simbirsk geborenen griechisch-katholischen Schriftsteller Serge von Mirtow geheiratet und dessen Namen angenommen. Laut ihrer „Vermögensanmeldung“ war die Gärtnerei 1938 verpachtet. Am 24. Juli 1939 meldete sich Paula von Mirtow nach London ab. Im Freud Museum London ist ein Kondolenzschreiben vom 25. September 1939 von Paula von Mirtow an Anna Freud zum Tod von Sigmund Freud erhalten. Der kurze, maschinengeschriebene Brief schliesst mit dem Satz: „Ueber meine persönlichen Angelegenheiten und wieso mich das Schicksal nun doch nach Bristol verschlagen hat, berichte ich Dir ein anderes Mal.“11 Als Adresse gibt Paula von Mirtow Dorset House, Clifton Down, Bristol, 8 an. Das 1930 eröffnete Dorset House war die erste ergotherapeutische Ausbildungsstätte in Grossbritannien. Neben traditionellen handwerklichen Techniken wurden auch Therapiemethoden wie Sport, Theater und Gartenarbeit gelehrt und angeboten.12 Es ist anzunehmen, dass Paula von Mirtow in Dorset House in der Gartentherapie arbeitete.13 Ab dem Frühjahr 1940 dürfte sie wie alle in Grossbritannien lebenden deutschen Frauen im Alter von 16 bis 60 Jahren in einem Lager interniert worden sein. Serge von Mirtow nahm sich kurz nach der Emigration das Leben.14

Im Januar 1946 absolvierte Paula Mirtow, die in England zum Protestantismus konvertierte, am Wistow Training Centre for Post War Christian Service, einer evangelisch-theologischen Ausbildungsstätte für deutschsprachige, „rassisch“ verfolgte Emigranten, die zweite Prüfung zur Pfarrgehilfin, was sie zu einer Tätigkeit als Diakonin befähigte.15 Am 17. November 1949 wurde Paula Mirtow, Lehrerin, wohnhaft in Bristol, britische Staatsbürgerin.16

In den folgenden Jahren verfasste sie Artikel für die Zeitschrift Theology, schrieb 1957 das Buch Jesus and the religion of the Old Testament und übersetzte Anfang der 1960er Jahre zwei Bücher alttestamentarischen Inhalts aus dem Englischen ins Deutsche.17 Offenbar waren ihr Fragen der Beziehung von Judentum und Christentum wichtige Anliegen. Paula von Mirtow lebte später in Bedford Park in West London, der 1875 begründeten ersten Gartenstadt der Welt. Sie starb in den 1970er Jahren.

Das Gelände der Gärtnerei hinter dem Haus Döblinger Hauptstrasse 60 ist heute verwildert. In den 1980er Jahren standen dort noch das Gerippe eines Gewächshauses sowie zahlreiche alte Blumentöpfe, die vor wenigen Jahren mutwillig zerstört wurden.