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Erinnern – Gedenken – Handeln

Rede zum 9. November 2011 in Aachen…

© Hajo Leib, Stellvertretender Vorsitzender des Vereins EL-DE-Haus e.V., 09.11.11

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde,

herzlichen Dank für Ihre Einladung, auch im Namen des Vereins EL-DE-Haus e.V., dem Förderverein des NS-Dokumentationszentrums und des Museums der Stadt Köln.

Ihren Aufruf zum heutigen Gedenken unterstütze ich vorbehaltlos. Die Unterzeile „Gegen das Vergessen“ würde ich positiver formulieren: „Für gemeinsames Erinnern“. – Ich bin gebeten worden, heute zum Thema „Antisemitismus – eine dauerhafte Herausforderung für die demokratische Gesellschaft“ zu sprechen. Zu einem solchen Vortrag gehören aus meiner Sicht drei Kerngedanken: Erinnern – Gedenken – Handeln.

Erinnern

Jeder Mensch muss sich den schmerzlichen Erinnerungen seiner Kindheit oder Jugend stellen. Er muss aus der Erfahrung eigener Probleme, eigener Schwächen oder aus seinen großen Irrtümern lernen. Auch die Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen muss verarbeitet werden. Verdrängen ist menschlich, macht aber auf die Dauer die Seele krank. – Und genauso verhält es sich bei einer Gesellschaft und der Identität ihrer Menschen.

Wir Deutschen erinnern uns immer wieder gern an kulturelle, wissenschaftliche, politische oder sportliche Errungenschaften. Der eigenen NS-Geschichte, der Ursachen und Verbrechen, hat sich die Gesellschaft, haben sich die Eliten wie das Volk nur sehr, sehr zögerlich gestellt. Zwar fehlte es nicht an mahnenden Aufklärern in der frühern Nachkriegszeit. Stellvertretend möchte ich hier nennen: „Die Schuldfrage“ von Karl Jaspers, Philosoph, Mediziner und Psychoanalytiker. Walther Hofers Quellensammlung „Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933-1945“ oder Eugens Kogons „Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager“ . In den 1960er Jahren standen die drei Frankfurter Auschwitzprozesse (1963-1968) im Zentrum öffentlichen Interesses. In dieser Zeit entstand auch die Protest- und Studentenbewegung, die sogenannten 68er. Ende der 19970er folgte das wohl größte und nachhaltigste Medienereignis in der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik: die mehrteilige „Holocaust“-Serie, die 1979 erstmals in einigen Dritten Programmen ausgestrahlt wurde und etwa die Hälfte der erwachsenen Bundesbürger erreichte!

Erst ein viertel Jahrhundert nach dem Holocaust hatte Bundeskanzler Willy Brandt 1970 erstmals im Bundestag des 8. Mai 1945 offiziell gedacht. Ende desselben Jahres folgte seine kniende Verneigung vor dem Holocaust-Denkmal für die Opfer des Warschauer Gettos: Brandts nachhaltige Geste um Vergebung. Der Bundeskanzler übernahm Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft. Erst weitere 15 Jahre später, nach 40 Jahren, hatte ein konservativer Politiker, Bundespräsident Richard von Weizsäcker, in seiner Rede zum 8. Mai 1985 dieses Datum offiziell erstmals als historischen Tag der Befreiung genannt und zugleich erinnert, dass der 8. Mai nicht losgelöst vom Tag der Machtergreifung Hitlers gesehen werden dürfe.

Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit geriet endlich in den Fokus der Politik, der Wissenschaft, der Bildung und der Medien. In der Folge entstanden ab den 1980er Jahren nach und nach überall in der Republik NS-Gedenkstätten und -Dokumentationszentren. Heute gibt es sie überall in Deutschland, über 200 sind es inzwischen landesweit.

Zwei Generationen hat es also gebraucht, bis Gesellschaft und Bevölkerung bereit waren, sich den Opfern der NS-Zeit zuzuwenden, das lange „Beschweigen“ wurde beendet, die „Unfähigkeit zu trauern“. Eine späte, aber gleichwohl wirksame Heilung an der Seele unserer Gesellschaft, an unserem Volk. Aber: das war und ist kein Selbstläufer. Die Erinnerung an die deutsche NS-Vergangenheit muss immer wieder neu erarbeitet und entwickelt werden. Sie ist und bleibt eine Daueraufgabe unserer demokratischen Gesellschaft. Und immer wieder gab es, gibt es Versuche und Vorstöße, diese Erinnerung zu torpedieren, zu konterkarieren. Nur zwei Beispiele: Der Historikerstreit Mitte der 1980er Jahre oder die Walser-Rede im Herbst 1989. Die Erinnerung an die in der Weltgeschichte singulären NS-Verbrechen ist deshalb für unser Land und Volk überlebenswichtig, weil wir es heute und in der Zukunft den Opfern schuldig sind, aber auch weil es für die Identität unseres Landes, für Europa unverzichtbar ist. Erinnerung ist unser Beitrag für ein gesundes humanistisches Selbstbewusstsein, das den Blick in eine demokratische und friedliche Zukunft in Europa richtet – anstatt auf Konflikte und Kriege.

Gedenken

Wer sich erinnert, dem ist es intellektuelles und emotionales Bedürfnis zu gedenken. Darum haben wir uns heute – wie überall in Deutschland, in Europa – zusammengefunden. Wir gedenken an diesem Jahrestag der NS-Pogrome der Entrechtung, Entwürdigung, Demütigung, Verfolgung und Ermordung der jüdischen Mitbürger vor 73 Jahren durch das nationalsozialistische Deutschland. Diesem weiteren ‚Höhepunkt’ rassistischen Staatsterrors waren seit 1933 NS-Maßnahmen, -Gesetze, -Willkür vorangegangen. Und es sollten noch grausamere, bis dahin unvorstellbare, folgen – bis zur „Endlösung“ der Judenfrage.

Das Gedenken an die jüdischen NS-Opfer ist zwar heute gesellschaftlicher Konsens, wird aber noch immer nur von einer Minderheit aktiv gestützt und mitgetragen. Gedenken heißt, aus meiner persönlichen Sicht, sich – soweit das überhaupt möglich ist – in die Opfer hineinzufühlen und zu -denken, was sie erlitten, verloren haben. Nur wenn wir uns erinnern, was dieser deutsche Rassismus an unvorstellbarer Bestialität gegen die jüdischen Mitbürger und die Juden in Europa angerichtet hat, können wir auch ehrliches Mitgefühl äußern und zeigen.

Gedenken aber heißt auch, den Opfern ein Gesicht zu geben. Ein aktuelles Beispiel aus Köln möchte ich schildern. Im NS-Dokumentationszentrum, im Kölner „EL-DE-Haus“ wurde bis vor kurzem die Sonderausstellung gezeigt „Deportiert ins Getto. Die Deportationen der Juden aus dem Rheinland im Herbst 1941 ins Getto Litzmannstadt“ (heute Lodz)“. 3.000 Juden aus dem Rheinland wurden damals über Köln und Düsseldorf deportiert. Die Ausstellung nennt alle Namen der Opfer, zeigt am Beispiel einiger Menschen und Familien, was diese erleiden mussten, bis sie an den Haftfolgen, in Gaswagen oder Konzentrationslagern umgebracht wurden. Nur 23 von ihnen überlebten. Einer von ihnen ist Henry Oster, heute 84 Jahre alt. Er war 13 Jahre alt, als er miterleben musste, dass seine Eltern vom Getto ins KZ abtransportiert wurden. Er sah sie nie mehr wieder. Nach dem Holocaust lebte Henry Oster in den USA, in L.A. Erst 2010 besuchte er Deutschland erstmals wieder, Köln, seine Heimatstadt. Nie wieder wollte er deutschen Boden betreten, er hasste dieses Land. Aber er kam doch wieder nach Köln, weil es dort, wie Henry Oster betont, die NS-Gedenkstätte im EL-DE-Haus gibt, die den Opfern ein Gesicht gibt und die Täter beim Namen nennt. – Am letzten Ausstellungstag hatte das NS-DOK anlässlich des 70. Jahrestages dieser Deportationen zu einer Gedenkveranstaltung eingeladen. Es sprachen Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters, der Direktor des NS-DOK, Dr. Werner Jung, Dr. Michael Rado von der Synagogen-Gemeinde Köln – und das Überlebensopfer Henry Oster. Allein schon die Tatsache, dass ein Mensch mit diesem Kindheitstrauma bereit ist, in seiner Heimatstadt, von der aus er mit seinen Eltern vor 70 Jahren deportiert worden war, über sein Schicksal zu reden, beweist menschliche Größe. Dass Henry Oster im Verlauf des Berichts sein Opfer-Schicksal völlig unprätentiös und unpathetisch vortrug (nur am Ende versagte kurzzeitig seine ruhige Stimme), hat mich und etwa 200 Besucherinnen und Besucher den Atem stocken lassen. Den Opfern ein Gesicht geben! Ein solches Gedenken vergisst niemand mehr. Davon bin ich überzeugt. [Diese eindrucksvolle Gedenkveranstaltung wird der Verein in seiner nächsten Newsletter-Ausgabe dokumentieren]. Die Ausstellung „Deportiert“ ist jetzt im Düsseldorfer Landtag noch bis zum 26. November zu besichtigen.

Gedenken aber heißt auch, sich mit den Tätern zu beschäftigen. Scheinbar normale Menschen, die sich aus Überzeugung oder aus Befehlsgehorsam an dem Massenmord beteiligten, ihn vorantrieben oder perfektionierten oder gar befehlten. Noch längst nicht alle Verbrechen sind aufgeklärt. Unzählige Dokumente warten weltweit noch auf Sichtung und Auswertung. Auch fehlen noch Verstrickungen ganzer Bereiche mit NS-Verbrechen: wie z.B. Medizin, Justiz, Verwaltungen oder Unternehmen; einige sind nur teilweise erforscht: entweder weil die Archive noch immer unter Verschluss gehalten wurden oder werden oder weil das Geld fehlt, wissenschaftlich fundierte Forschung zu betreiben bzw. voranzutreiben.

Gedenken sind wir den NS-Opfern und ihren Nachkommen schuldig; aber nicht aus lästigem Pflichtgefühl heraus, sondern auch uns selbst zu liebe. Kein Mensch hält es auf Dauer aus, in bewusster Kenntnis dieser historischen Wahrheit zu leben ohne der Opfer gedenken. –  Dem Erinnern folgt Gedenken. Und aus beidem, untrennbar verbunden, folgert:

Handeln

Fast unglaublich und unfassbar: Trotz der geschichtlichen Wahrheit, trotz des Massenmordes an Juden, trotz des Vernichtungskrieges gegen Polen und die Sowjetunion, trotz der Überfälle auf die westeuropäischen Nachbarländer, gab es nach 1945 Nazis in der Bundesrepublik; immer noch und wieder – bis heute! Die NPD und andere Nazi-Organisationen gibt es noch immer. Und sie trieben und treiben ihr rassistisches Unwesen: Leugnung oder gar Rechtfertigung des Holocaust, Schändung jüdischer Friedhöfe, an Synagogen, Diffamierung fremder Kulturen, Jagd auf Ausländer, brutale Überfälle bis zum Mord an Migranten oder Behinderten: Zugleich aber bilden sich überall Bürgerinitiativen und Bündnisse, die den Faschisten entgegentreten, entschlossen und wirksam.

Unsere Verfassung, unsere Gesellschaft können verblendetes, rassistisches Denken und faschistisches Gedankengut leider nicht verbieten. Das Recht auf freie Meinungsäußerung, im GG bewusst verankert nach den Erfahrungen der NS-Vergangenheit, ist ein hohes Gut. Gleichwohl wünschte ich mir von Politik und Justiz eine wehrhaftere Verteidigung unserer Grundrechte, die Rassismus, Diffamierung von Minderheiten oder gar Verfolgung Andersdenkender ausdrücklich verbieten. – Hier ist der Anstand der Mehrheit, der demokratischen Gesellschaft gefordert, die diesen rassistischen Ausfällen konsequent begegnen, sie bekämpfen und nicht zulassen, dass bei uns ein politisches Klima der Kultur- und Ausländerfeindlichkeit entstehen kann.

Zwar ist in den vergangenen Jahren – als Ersatz zum Antisemitismus – eine pauschale Islamfeindlichkeit mehr und mehr in den Vordergrund gerückt, eine andere Art von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Auch hier zeigt die demokratische Öffentlichkeit, zeigen demokratische Kräfte Flagge gegen rassistischen Hass, Intoleranz und Kulturfeindlichkeit. Bei uns am Rhein hat sich seit 2008 das politisch sehr breite Bündnis „Köln stellt ich quer“ gebildet: als Antwort auf den rechtspopulistischen Versuch der selbst ernannten Bürgerbewegung „pro Köln“ (von ehemaligen Nazis gegründet), die dank unserer Gegenmobilisierung dreimal kläglich scheiterten, mit einem „Anti-Islam-Kongress“ in Köln Stimmung gegen alle Muslime zu erzeugen. Gleichwohl müssen wir feststellen, dass diese Biedermänner und -frauen mit ihrer Fremdenfeindlichkeit in Fraktionsstärke im Kölner Stadtrat sitzen und 2009 sogar noch leichte Stimmengewinne erzielen konnten. Die demokratischen Kräfte müssen wachsam bleiben und diesen Rechtspopulisten entgegentreten, wo und wann auch immer sie versuchen, ihr Gift des Rassismus in die breite Öffentlichkeit zu spritzen. Es bleibt also viel zu tun.

Aber hier geht es um Antisemitismus, den es bei uns wie anderswo leider immer noch gibt. Die wichtigsten Gegner und Feinde der demokratischen Gesellschaft sind und bleiben Rechtsradikale und Nazis, denen die demokratische Gesellschaft sowie die außerparlamentarischen Bündnisse politisch keinen Fußbreit lassen dürfen – diese Erfahrung aus der NS-Zeit haben wir gelernt.

Außer dem nazistisch-rassisch motivierten Antisemitismus gibt es leider auch mehr oder weniger verdeckten Antisemitismus, der – objektiv – jedoch auch rassistische Ursachen hat. Diese Art von Antisemitismus trifft man leider auch bei Linken an oder besser: bei denen, die sich Linke nennen oder sich als solche verstehen. Dazu möchte bzw. muss ich mich aus aktuellem Anlass heute äußern.

Ein gemeinsames Beispiel des Antisemitismus hat in Aachen und Köln zu einer hitzigen Debatte geführt, die bis heute anhält. Den Träger des Aachener Friedenspreises 1998, Walter Herrmann, hat der Friedenspreis-Vorstand gegen Antisemitismus-Vorwürfe in Schutz genommen. Zwei Vorstandsmitglieder sind darauf hin aus Protest zurückgetreten.

Anfang 2010 hatte Herrmann an seiner „Klagemauer“ auf der Kölner Domplatte eine Karikatur aufgehängt, in der ein Jude auf seinem Teller einen palästinensischen Jungen verspeist; daneben steht ein Glas Blut. Das Messer, mit dem der Jude den Palästinenser-Jungen zerstückelt, trägt die Aufschrift „Gaza“, während die Gabel mit der amerikanischen Flagge gekennzeichnet ist. Abgesehen davon, dass diese „Karikatur“ eine uralte antisemitische Legende aus dem Europa des 19. Jahrhunderts aufgreift, wonach Juden zur Osterzeit Christen umbringen, um deren Blut zu trinken, und diese im „Stürmer“ und in anderen Nazi-Blättern immer wieder genüsslich aufgewärmt wurde, ist es ein politischer und juristischer Skandal, dass heute – unter dem Deckmantel der Israel-Kritik – derartig widerwärtige rassistische Machwerke gegen Juden folgenlos bleiben. Der Verein EL-DE-Haus hat den öffentlichen Protest und die Strafanzeige der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit gegen die antisemitische Volksverhetzung Herrmanns an seiner „Klagemauer“ im Frühjahr 2010 ebenso unterstützt wie Ende desselben Jahres die Protestresolution Kölner Persönlichkeiten, Parteien und politisch-kulturellen Einrichtungen.

Die inkriminierte „Karikatur“ an der „Klagemauer“ war jedoch keineswegs ein Ausrutscher, was manche Kölner der Öffentlichkeit glauben machen wollten. Seit Jahren erschienen an der sogenannten Klagemauer immer wieder Artikel und Karikaturen, die den Nahostkonflikt und das Gaza-Drama zu antisemitischer Propaganda instrumentalisierten. Dazu wörtliche Beispiele, die Herrmann-Unterstützer selber ins Internet gestellt haben und die das jüdisch-europäische Portal „haGalil“ zusammengestellt hat:

„Bitte / Wie viele Jahrhunderte / Will das israelische Volk (sic!) noch unsere ‚Eine Welt’ erpressen?“
„Zionismus = Rassismus“
„Wie zur Zeit der Apartheid in Südafrika – jetzt Boykott gegen israelische Produkte.“
„Hitler ist Vergangenheit. Aber Israel ist Gegenwart! Nicht noch Einmal.“
„Gestern das Warschauer Ghetto, heute: GAZA-Ghetto. Wie sich die Bilder gleichen!“
„Unterschriften gegen bedingungslose Kooperation mit Israel“
„Gerade wir Deutschen dürfen nicht wieder wegsehen wie seit 1933“.

Der Aachener Politikwissenschaftler Dr. Richard Gebhardt hat dazu ausführlich Stellung genommen, z.B. in einem Interview mit den „Aachener Nachrichten“ vom 5. August 2011. Ich zitiere:

„Wer das Warschauer Getto mit dem Gaza-Streifen vergleicht, hat jeglichen historischen Maßstab verloren. Eine politische Verurteilung der dortigen Zustände – die in der Tat unhaltbar sind – könnte auf unsinnige Vergleiche verzichten. Es scheint mir aber bezeichnend, dass stets Israel argwöhnisch betrachtet wird. Dabei böte der Iran schon aufgrund der Konferenzen mit Holocaustleugnern Anlass für einen Aufschrei der kritischen Geister!…Die Grenzen der Kritik werden dann überschritten, wenn durch Nazivergleiche der deutsche Faschismus verharmlost wird, Israel das Existenzrecht in sicheren Grenzen abgesprochen und der Protest etwa gegen die Siedlungspolitik mit antisemitischen Bildern unterlegt wird. Und all dies ist im Fall der Kölner ‚Klagemauer’ geschehen.“ – Zitatende

Dem stimme ich völlig zu. Ergänzen möchte ich, dass der bei einigen „Linken“ immer beliebtere Apartheid-Vergleich ebenso inakzeptabel, nicht hinnehmbar ist. Auch hier ist für mich die rote Linie überschritten.

Am Schluss meiner Ausführungen möchte ich noch persönliche Anmerkungen anfügen. Ich selbst bin kein gläubiger Christ, kein Jude, kein Muslim. Solange ich aber einigermaßen eigenständig denken kann, bin ich überzeugter Antifaschist und kompromissloser Gegner des Antisemitismus, jeglichen Rassismus. Ich habe eine linke Vergangenheit, zu der ich stehen kann, Fehler und Irrtümer eingeschlossen. Von einem möchte ich kurz erzählen. 3 ½ Jahre nach dem Sechstage-Krieg 1967 hatte ich die Gelegenheit zu einem längeren Aufenthalt im Nahen Osten und konnte Syrien, Libanon, Jordanien und Irak bereisen. Was ich damals dort erfahren und erlebt habe, hat meine „antiimperialistische Solidarität“ mit arabischen Ländern, gelinde gesagt, geheilt: außer in Beirut und selbst dort nur vereinzelt habe ich weder in den Hauptstädten noch in der Provinz Menschen angetroffen, die auch nur den Hauch des Verständnisses für das Existenzrecht Israels aufbrachten. Es gab – und gibt dort, anders als in Israel – keine Opposition, keinerlei demokratische Strukturen, keine Pressefreiheit. Militär und Geheimdienste herrschten überall und übten sichtbar Willkür und Macht aus. Die Solidarität mit Palästinensern war eine einzige große Lüge; ihr Schicksal war den arabischen Brüdern gleichgültig. Wer damals die palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon, in Syrien oder Jordanien gesehen hat und wie diese Menschen vor den Augen ihrer arabischen Brüder und Schwestern vegetierten, musste sich mit Abscheu abwenden; zumal die meisten Palästinenser wegen der ägyptischen und arabischen Großmannssucht gegen Israel dorthin geraten waren… – Natürlich kann das palästinensische Schicksal uns nicht gleichgültig sein. Aber lösen können das nur Israel und die palästinensische Verwaltung; vielleicht mit Unterstützung Europas, den USA, China, Russland. Klar ist, dass weder Hisbollah noch die Hamas die Schlüssel für eine friedliche Öffnung in dieser Region haben oder derzeit haben wollen. Und solange Israel von mehr oder weniger gefährlichen Nachbarn umgeben ist, wird dieses Land keine Ruhe und Sicherheit finden. Und Palästina auch nicht.– Von einer israelischen Regierung erhoffe ich mir eine politische Strategie, die sämtliche Möglichkeiten der Kooperation mit Palästinensern verstärkt auslotet und die verbündeten Staaten mehr fordert, Israel dabei zu unterstützen. „Wandel durch Annäherung“ ist vielleicht ein Stichwort für mögliche Lösungswege im Nahen Osten.

Auch und gerade deshalb, aus den Erfahrungen der Geschichte wie der aktuellen Politik, ist von allen demokratischen Kräften wachsames Handeln und politische Zivilcourage bei der Aufklärung über, im Kampf gegen Antisemitismus gefordert. Heute und in der Zukunft. Tragen wir alle dazu bei und helfen wir, dass die Jugend aufgeklärt wird über unsere gemeinsame NS-Geschichte. Und vermitteln wir ihnen, ohne Zeigefinger, warum es auch für sie wichtig ist, diese Geschichte zu kennen – und die eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen für ihr zukünftiges Handeln gegen Antisemitismus und Rassismus jeder Art; für die Zukunft Deutschlands und Europas. – Ich danke Ihnen.