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Gilad ist frei: Ruhe, wir sind gerührt

Mit der Nachricht von dem Shalit-Abkommen hat sich wieder einmal das Nordkorea-Syndrom unserer bemächtigt, genauso wie in den Tagen der Zeltrevolution oder von „Operation Cast Lead“…

Von Yitzhak Laor

Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Medienkanälen sind durch eine riesige Welle der Eigenliebe verdeckt, und die Freude über unsere nationale Einheit wird noch verstärkt durch die Verachtung für die Palästinenser, die Blut an den Händen haben. Die „Operation Cast Lead“ war unsere Milchstraße zu ihnen.

Von wo wurde nicht berichtet, von der Straße, von vor dem  Gefängnis, aus Mitzpe Hila, wo die Familie Shalit wohnt. Es gab Tränen, Umarmungen, ehemalige Kriegsgefangene, Aktivisten, den Allgemeinen Sicherheitsdienst, trauernde Angehörige von Terroropfern, Psychologen, Armee-Angehörige-die-dafür und Armee-Angehörige-die-dagegen waren, Palästinenser, die von der Hamas enttäuscht waren, Prozentzahlen für die Wahrscheinlichkeit, dass die Entlassenen zum Terror zurückkehren würden.

Und mehr als alles andere regierte die Königin der Gehirnwäsche – das „Dilemma“, über das man so hervorragend eine „offene Diskussion“ führen kann. Die Aufgabe des Dilemmas ist es, Glaubwürdigkeit zu erzeugen – die Rettung des Lebens eines Soldaten gegenüber dem Risiko der Gefährdung des Lebens vieler anderer Israelis. Die Antwort ist klar (wenn es nicht so wäre, wäre das Dilemma niemals zu einem solchen erhoben worden). Das Dilemma wird im Stil einer Reality-Show präsentiert: Würden Sie gegen das Abkommen stimmen, wenn Sie Kulturministerin Limor Livnat wären? Nein? Dann ist das Dilemma ja gelöst.

Wie immer liegt auch in diesem Fall die eigentliche Frage unter dem so einfach zu verdauenden Klischee und der Gehirnwäsche wie ein stinkender Kadaver begraben: Sollten wir unsere Soldaten umbringen, sobald sie entführt werden, oder sollen wir zulassen, dass sie über Jahre in Gefangenschaft verrotten? Natürlich werden wir es gerade jetzt nicht so ausformuliert zu hören bekommen: Das würde uns ja dabei stören, uns selbst zu lieben. Und die kollektive Eigenliebe ist für unsere Dauersendungen der sicherste Quotenbringer.

Wo kommt nur der Hunger nach einer so wenig intelligenten Berichterstattung her? Schließlich sind Roni Daniel vom Zweiten Programm und all die anderen nicht wirklich Objekte der Lust, sogar für vollkommen geschmacklose Menschen. Doch die Kommentatoren und Reporter sind Teil unseres Wohnzimmer-Kollektivs. Der orchestrierte und immer wiederkehrende Diskurs ist schon lange Teil unser privaten Gespräche geworden, sogar im Bett. „Das Dilemma“ ist eng umgrenzt und monoton, und es gelingt ihm, andere gerade jetzt wichtige und relevante Episoden an den Rand zu drängen, wie beispielsweise die Verleugnung zweier Soldaten der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte, die im Mai 1948 Typhus-Bakterien in den Gaza-Streifen gebracht haben und dort exekutiert wurden. Ihre Leichname wurden für Jahrzehnte nicht zum Begräbnis nach Israel gebracht. Oder die langen Jahre der Gefangenschaft derer, die in die gescheiterte israelische Sabotage-Operation in Ägypten 1954 (die sog. Lavon-Affäre) verwickelt waren. Und die wirklichen Vorgänge um die Nicht-Befreiung von Ron Arad, der fehlgeschlagene Versuch, 1994 den entführten Soldaten Nachshon Wachsman zu befreien, der nicht wichtig genug war, um für ihn Scheich Yassin freizulassen (im Gegensatz zu den Mossad-Agenten in Jordanien, die eben doch wichtig genug waren). Und wie genau sind eigentlich Ehud Goldwasser und Eldad Regev umgekommen?

Vielleicht könnte auch jemand einen Film über Miriam Grof machen, deren Sohn in Syrien festgehalten wurde? Hat die israelische Demokratie dazu geführt, dass ihre Untertanen ihrem eigenen Leben sensibler gegenüberstehen? Oder unsensibler gegenüber ihren Mitmenschen? Und hätte ein entführter drusischer Soldat die gleichen Emotionen ausgelöst? Ruhe jetzt, wir sind gerührt!

Kurz gesagt, in diesem „Sturm der Gefühle“ erblüht einmal mehr das Kollektiv, das jede Fähigkeit zu denken verliert. Die vom Fernsehen übertragenen Gefühle ersetzen die spontanen Emotionen, und die Freude, die uns den Hals zuschnürt, kaufen Werber und Meinungsmacher und strahlen sie dann wieder rund um die Uhr aus. Es ist wie das Hintergrundlachen in einer amerikanischen Sitcom. Andere freuen sich für uns, anstelle unser.

Die Israelis sind süchtig nach Geschichte, solange sie auf ihren Fernsehbildschirmen stattfindet. Es gibt kein Volk, das so süchtig nach Geschichte ist wie das unsere, solange nur wir die Helden der Geschichte sind, und nur das Fernsehen stellt sicher, dass wir die Helden sind. Das Fernsehen seinerseits stellt auch sicher, dass unsere Sucht nur von kurzer Dauer ist, ohne jeden Sinn für Geschichte. Das heißt, ohne jede Möglichkeit, den Moment zum Beispiel als Teil des Untergangs des Militarismus in Israel zu sehen, ob wir nun Iran angreifen werden oder nicht.

Sehr auffällig war auch die häufige Nennung des Namens der Familie Fogel aus Itamar in der gegenwärtigen Aufregung. Warum? Weil die Namen der anderen Ermordeten schon lange tief unten im kollektiven Gedächtnis versunken sind. Das ist die Wahrheit des Fernsehgedächtnisses.

Jetzt, endlich werden wir Gilad in Ruhe lassen. Er wird bis in den frühen Morgen bei seiner Mutter sitzen und ihr erzählen, wovon er in diesen langen Nächten geträumt hat. Und wir werden anfangen zu verstehen, zum Beispiel die Sommerrevolution und wie der Todeskuss des Fernsehens sie schon in „Geschichte“ verwandelt und damit ausgelöscht hat. Es gibt einen neuen Diskurs, so hat man uns gesagt, gegen die Magnaten und für Hüttenkäse. Und dann war die Revolution vorbei und das nächste Event stand an, in den gleichen Medien, jetzt war es tiefe Trauer über den Tod von Steve Jobs, den Magnaten der Mittelklasse-Spielzeuge.

Wir warten auf die nächste Aufregung.

Haaretz, 18.11.11, Newsletter der Botschaft des Staates Israel