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Siegfried Bernfeld: Die Menschheit ist nicht, sie soll erst werden

„Die Menschheit verlangt die Assimilation der Juden, die Auflösung ihrer nationalen Sonderart und -existenz.“ Auf diese Formel läßt sich das mannigfaltige Gewirre sehr klarer und sehr unklarer Argumente reduzieren, die bei jeder Erörterung der Judenfrage im Kreis der akademischen Jugend den nationalistischen Sprecher umschwirren. „Ich will mich der größeren Idee der Menschheit, dem Allgemein-menschlichen widmen, nicht dem kleinlichen Ideal des Volkes.“ Das ist die Grundlage, auf der unzählige Einzelne ihre persönliche Entscheidung aufbauen…

Siegfried BernheimerSiegfried Bernfeld: Die Assimilation um der Menschheit willen (1917)aus Zionismus und Jugendkultur pp 197, Zionistische Beiträge.
Historisches zur aktuellen Integrationsdebatte

II. Teil

Die alte Idee der Menschheit, schon etwas blass und ohne rechte Kraft, erfährt dort eine neue Färbung und neue Werbekraft, wo Kampf zwischen Nationen herrscht und eine Gruppe außerhalb der im Grunde miteinander streitenden wirtschaftlichen Tendenzen und daher außerhalb deren Werkzeuge, der feindlichen Nationen, unergriffen aber dennoch mitbetroffen stehen bleibt. Also in der jüdischen akademischen Jugend Österreichs seit 1848; in beträchtlichen deutschen Kreisen während des gegenwärtigen Krieges und unter ihnen wieder in großen Teilen der jüdischen akademischen Jugend.

Solchen Gruppen erscheint die friedliche Menschheit als Gegenbild, als Ideal. Ihnen schiene am besten, es gäbe keine Nationen oder sie schlössen doch ewigen Frieden, und zwar augenblicklich, d.h. auf der Basis des status quo nunc. Die Forderungen für eine jüdische Nation erscheinen ihnen geeignet, den Idealzustand zu verschieben. Wozu noch eine gesonderte Nation? Haben wir deren nicht schon genug, zu viele?

Auch uns beseelt die Hoffnung auf eine Zeit der Menschheit, wo alle Völker miteinander im Frieden sein und miteinander gegen Ungerechtigkeit und Unwürde kämpfen werden.d eben darum müssen wir uns wenden gegen jene Art, Wirklichkeiten, Forderungen, Ziele bunt zu vermengen mit Phantasien, Wünschen und Phrasen. Die Menschheit ist nicht, sie soll erst werden. Niemand vermag zu sagen, wie sie sein wird. Aber eins ist gewiß, sie wird nicht aus einer homogenen Masse von Menschen bestehen, sondern irgendwie aus einem Bau natürlicher Gruppen.

Wir haben nur eine Möglichkeit, uns eine Menschheit homogener Art im Rahmen des heute Gegebenen oder jemals Gewesenen vorzustellen. Wenn irgendeine Gruppe ganz weniger Einzelner in den Besitz des gesamten Bodens der Erde, aller seiner natürlichen Kräfte und Mittel, aller Werkzeuge zu irgendwelchen Produktionen gelangte und aus dieser unumschränkten Allmacht die übrigen Menschen zu Tieren der Arbeit verurteilte, denen keine wache arbeitsfreie Stunde, keine arbeitsfreie Kraft gegeben wäre; wenn diese Gruppe alle ihre Arbeitstiere zu einer und derselben notdürftigen Sprache, nicht mehr Sprache, nur noch Bedürfnisäußerung, zwänge, dann gäbe es vielleicht die eine einheitliche homogene Menschheit -so lange als jene Machtbesitzer nicht erschlagen würden.
Niemand denkt so etwas mit einem Schimmer von Ernst, der das Wort Menschheit spricht. Und also denkt jeder an Menschheit, als an eine Organisation von Menschengruppen. Wenn aber Menschengruppen, dann gewiß Nationen; falls es bis dahin noch solche gibt, wie es gewiß ist für jene Zeit, die die Ungeduld der Menschheitsfreunde als die ihres großen Tages sich denkt. Darum muß an dieser Stelle die wichtigste Entscheidung getroffen werden: Sollen alle Nationen, alle Gruppen, die sich als Nationen fühlen und bejahen, aufgenommen sein in jenes großartige Organon, oder sollen einige ausgeschlossen, und das heißt vernichtet, sein? Jene Anwälte der Menschheit werden vielleicht selbst Eskimos, Tataren, Buschmänner und Tasmanier willkommen heißen, wenn aber nicht, so doch die Kulturnationen einbeziehen. Alle, nur die Juden nicht.

Hier ist ein Widerspruch von solcher Größe und Aufdringlichkeit, daß wir vermuten müssen, mächtige seelische Kräfte erzeugen diese geistige Trübe, um in ihr gesichert fischen zu können. Um ein Symptom bloßzulegen, wollen wir auf diesen einen deutlich hinweisen. Man bemerkt nicht, was doch so klar ist, daß aus der Idee der Menschheit die Vernichtung irgend einer Nation nicht verlangt werden kann, ohne jene in sich selber aufzuheben; noch viel weniger einer Nation, die geradezu diese Idee zum ersten Mal konzipiert und in Werken vollkommenster Gestaltung immer und immer wieder gepredigt hat. Diese unmögliche Forderung aber wird noch absurder dadurch, daß nicht die Assimilation an die „Menschheit“ verlangt wird – und auch gar nicht verlangt werden kann -, sondern an das Deutschtum, wobei der Versuch nicht einmal unternommen wird, nachzuweisen, daß das Deutschtum menschheitswürdiger sei als das Judentum.
Sie wollen die Assimilation der Juden, weil sie das Deutschtum wollen, und nicht, weil sie von der Menschheit gefordert wird. Es ist ein Hohes, das Deutschtum, seine Kraft und Entfaltung zu wollen, und nicht unehrenhaft, es als Jude anzustreben. Aber verächtlich und gefährlich ist solche Unklarheit der Motive, die zu völliger Verwirrung und zu verkehrtem Tun führt. Nicht genug daran, daß keineswegs die Idee der Menschheit, wenn sie nur als vernünftiger Begriff konzipiert wird, die Assimilation der Juden fordert, sie wird durch sie auch gar nicht gefördert. Zunächst erfährt die an sich hohe Idee der Menschheit durch solche Forderung eine sehr merkwürdige und wenig erhabene Veränderung. Zuzugeben ist, daß keiner von den Assimilatoren an jene Gestaltung denkt, wie sie oben angedeutet wurde. Aber dennoch müssen sich seine Gedanken folgerichtig in diese Gegend hinbewegen, denn er fügt ein imperialistisches Moment als wesentliches in seine Konzeption der Menschheit ein, sowie er die Vernichtung irgend einer lebenswilligen Nation zur Voraussetzung nimmt, oder grundsätzlich zuläßt; und das wird doch der jüdischen Nation gegenüber verlangt. Im Namen der Menschheit.

Einerlei, ob einer die Assimilation fordert, weil er das Deutschtum als Menschheit will, oder ob ihm eine Gesamtheit vorschwebt, in der sich die Kulturen einiger wenigen, heute mächtigen Nationen in den Besitz der Erde teilen, immer wird dies eine Menschheit sein, im Wesen wie die heutige, eine imperialistische, zerfallend in herrschende und unterdrückte Völker. Und wäre es auch nur ein Kulturimperialismus; warum sollte dieser weniger schlimm sein, wo doch kein Zweifel ist, daß er auf wirtschaftlichem aufgebaut sein würde? Aber wenn man die großen Worte von Gerechtigkeit, Frieden, Menschheit zurücknähme und sich bekennte: Nie kann es eine andere Menschheit geben als eine solche imperialistische, dann ist es erst recht an den Juden, die Frage zu erheben: Da euch also gewiß ist, daß jene Nationen unterdrückt sein werden, die am Tage der Menschheitsgründung, der Gründung solcher Menschheit, nicht mächtig und schöpferisch sein werden, warum soll keine Veränderung in der Machtverteilung, in dem Schöpferanteil der Nationen bis dahin sich vollziehen dürfen, oder vielmehr, weil dies in solcher Allgemeinheit doch keiner meint und will, warum sollen die Juden nicht versuchen dürfen, sich bis dahin einen Rang zu erobern, der allein ihnen Rechte in der Menschheit geben wird? Warum die Juden allein nicht?
Und mehr noch. Die Assimilation der Juden erhält gar nicht den kulturellen status quo der Nationen, wie manche meinen, sondern verändert ihn. Auch sie schafft eine neue Lage. Die Juden assimilieren sich doch nicht der Menschheit, sondern konkreten Nationen, und zwar nur einigen von ihnen, diese vermehrend und kräftigend und somit andere schwächend. Die erste Generation der Assimilierten freilich erzeugt eine Klasse von Menschen, die nicht so innig der Nation verbunden sind, die wirklich übernationalen Zusammenhang haben, nämlich den mit allen anderen noch nicht ganz assimilierten Juden in den anderen Nationen. Aber auch das ist Zusammenhang einer bestimmten nationalen Gruppe. Oberflächlichem Betrachten mag diese die Hoffnung auf einen Keim der Menschheit, der wahren übernationalen Verbundenheit, erwecken. Aber deren Nachfolge, wenn sie sich wirklich ganz assimiliert, ist dann völlig aufgegangen in die umgebende Nation, und keinerlei Sicherheit ist gegeben, vielmehr jede Gewähr genommen, daß nicht diese zweite oder eine dritte Generation alles Völkertrennende in sich bejahe.
Bezeichnend ist für die lebens- und wirklichkeitsfremde Art dieser Menschheitsideologie, wie sie auf die Frage nach der Realität der Menschheit in der Gegenwart zu antworten vermag. Ihr ist die Menschheit gegeben in den Werken der Kunst, Literatur und Wissenschaft, die über jede nationale Begrenzung hinaus auf alle Gruppen wirken, oder besser, auf Einzelne in allen Gruppen zu wirken vermögen. Die Schöpfer dieser Werke mit deren Verehrern zusammen sind ihnen die Menschheit, die Werke sind ihnen das Kulturgut der Menschheit. So ist die Realität der Menschheit eine geistige, und ihr gegenüber erscheinen die Realitäten der Nationen als die materiellen und gegengeistigen. Und diese selbe Gesinnung äußert sich auch in jener zweiten Formel: Ich will mich dem weiteren Kreis der Menschheit widmen, dem Höchsten zuwenden. Verständlich ist solche Gesinnung aus der wirtschaftlichen Freiheit, in der allein diese Ideologie erwächst, aber zu billigen ist sie dennoch nicht, obwohl sie den Schein des kompromißfreien Geistigen für sich hat.

Es ist nötig, sich ganz klar zu machen, was solche Widmung des persönlichen Lebens an den Kulturbesitz der Menschheit bedeutet, daß er ein beharrlich festgehaltener Rest einer abgestorbenen Lebenshaltung und Gesinnung ist: der ästhetischen, in einem weiteren Sinn. Nur ein Dasein, dessen zentrales Erfaßtsein sich erschöpft im Genuß der Kunst und Wissenschaft, kann gemeint sein mit jenem ganz abstrakten „sich den höchsten Dingen widmen“ oder allenfalls noch eins, das sich zum Zweck setzte, solche Werte zu erzeugen. Aber wie vielen wird dies in Wahrheit gegönnt sein, von denen, die sich zur Menschheit zählen, die nicht Deutsche, nicht Juden sein wollen, sondern Menschen? So bleibt doch bloß das Genießen. Wäre diese ästhetische Weltanschauung in sich völlig geschlossen, so bliebe eine Möglichkeit, sie irgendwie zu bejahen. Aber nicht einmal dies ist der Fall. Sie wird gewaltsam durchbrochen von Realitäten, die man verneinen und bekämpfen, aber nicht übersehen kann. Was soll der Kultus des Menschheitlichen anderes als eine Täuschung sein gegenüber der Tatsache, daß der Kanon der allgemein menschlichen Werke in jeder Nation ein anderer ist, daß notwendigerweise im Weltbild, in der Menschheit des Menschen deutscher Erziehung Goethe und Kant eine größere oder doch unvergleichlich andere Rolle spielen, als in den Menschen französischer oder russischer Erziehung, und daß, um noch eins zu nennen, auch der Begriff dieser Menschheit selbst andere Prägung beim kosmopolitischen Deutschen und andere beim kosmopolitischen deutschassimilierten Juden gewinnt? Ob es einer wahr haben will oder nicht: Es gibt so viele verschiedene Reliefs der angeblich einen Menschheitskultur, als es verschiedene Nationen gibt; und dies gilt für die Wissenschaft so gut wie für die Kunst, ganz zu schweigen von der Philosophie. Die Wahrheit ist eine, aber das Interesse an ihren differenten Seiten und unendlich vielen Brechungen und Ausstrahlungen ist in jeder Nation ein anderes. Und dieses Interesse ist es, das die Wahrheitsforschung, die Wissenschaft, bestimmt und vor allem die Wissenschaften. So kommt es, daß die Probleme jeder Wissenschaft in den Nationen verschiedene sind. Man lese wissenschaftliche Zeitschriften und Bücher in deutscher, französischer, englischer Sprache und man wird verblüfft sein, eine französische, englische und deutsche Psychologie, Soziologie oder Nationalökonomie zu finden. Gewiß ist auch uns: Was Wissenschaft feststellt, was Philosophie ergründet, was Kunst darstellt an irgendeinem Ort, das wird irgendwie lebendig werden an allen andern; aber nicht so, daß eine menschheitliche Kultur daraus entstände, sondern so, daß jede Nation aus jenem Schatz sich aneignet, wonach sie gerade Hunger hat, und so aneignet, wie es ihre geistigmaterielle Natur verlangt. Das hat seinen unvermeidlichen Grund in vielleicht sehr ungeistigen, aber sehr realen Tatsachen. Solange die Menschheit eine Wirtschaftsordnung bestimmt, in der alle Menschen – wir sagen alle, weil das Häuflein der Ausgenommenen wahrhaftig nicht mitzählt – so gut wie alle ihre Kraft, ihr ganzes Denken und Wollen dem einen Zweck zuwenden müssen, leben zu können, so lange wenigstens ist nur diesem winzigen Häuflein – und einem Teil der Jugend – die Möglichkeit gegeben zur ästhetischen Betrachtung der Dinge. Diese Ordnung ist nun einmal Tatsache. Überdies, jene Arbeit ums Leben geschieht nicht homogen in der Menschheit, sondern Gruppen von Menschen, zusammengehalten durch unterschiedliche Gruppen von Produzenten, sind gemeinsam am Werk: die Nationen. Die Lebensmöglichkeit jedes Einzelnen dieser Gruppe ist Innig verknüpft mit ihrer Gesamthaltung und Machtbereicherung. So wird zum zweitenmal das geistige Schaffen und Genießen des Einzelnen eingespannt in einen wirtschaftlichen Rahmen. Nur was der Gruppe an Kräften freibleibt, ist geistigen Werten und Werken gewidmet, aber in Richtung und Kraft überdies bestimmt vom Zwang zur Selbsterhaltung der Nation, der in den verschiedenen verschieden stark und nach verschiedenen Richtungen wirkt, verschiedene Kulturen erzeugend. So ist das Menschenhäuflein der Geistigen, die die Menschheit repräsentieren wollen, noch überdies in unterschied licht‘ Gruppen geteilt, die unauflöslich verknüpft sind mit ihrem Nährboden, ihren Nationen.

Das ist das Unglück, wogegen wir kämpfen, rufen die Liebhaber der Menschheit. Aber kämpft ihr denn? Wollt ihr verändern und was und wie? Hier ist der angedeutete Punkt, wo jede ästhetische Weltanschauung ihre tödliche Krise erhält, wo sie übergehen muß in die ethische, politische oder an Unfruchtbarkeit sterben, an allzu lebensdünner Atmosphäre ersticken. Es kann eben nicht bleiben, wie es ist. Man muß, wir müssen verändern. Es gibt genug der größten Werke und Werte, seitdem im Osten irgendwo die ersten erdacht, ausgesprochen und eingemeißelt wurden. Wir müssen beginnen, uns nach ihnen zu richten, wir müssen sie erlösen, und das heißt, sie verwirklichen.

Erschienen im August 2011 in der Bibliothek der Psychoanalyse, psychosozial-verlag.de

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Siegfried Bernfeld: Zionismus und Jugendkultur
Seine Vision bestand in der Errichtung eines sozialistisch geprägten jüdischen Gemeinwesens in Palästina. Organisiert nach dem Vorbild der Freien Schulgemeinden sollte dies insbesondere durch die jüdische Jugend geleistet werden, was Bernfeld in seiner Schrift »Das jüdische Volk und seine Jugend« detailliert beschrieb. Von Bernfelds utopischem Entwurf sind bemerkenswert viele Elemente in den israelischen Kibbuzim wiederzufinden…