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Ramadan in Jerusalem

Geduldig schaut Abu Ziad zu, wie der Händler beim Damaskustor der Altstadt Jerusalems Handteller große Pfannkuchen in eine Papiertüte packt, das Kilo für 12 Schekel (2,20 Euro). Im Laden nebenan wird aus einem großen Bottich flüssiger Teig mit einer metallenen Gießkanne nachgefüllt und mit schnellen Bewegungen auf eine heiße Platte gegossen…

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 3. August 2011

Innerhalb von Sekunden wirft das Pfannküchlein Blasen und wird mit einem Spachtel auf ein geflochtenes Tablett geworfen. Winzige schwarze Körner, Zwiebelsamen, werden als Würze darüber gestreut. „Wir nennen das Kataef. Das ist die traditionelle Ramadan-Speise. In den Pfannkuchen packen Sie Walnüsse, Datteln oder Käse, je nachdem, ob sie Kataef süß oder salzig mögen. Dann tunken wir das Päckchen in Öl“, erklärt Abu Ziad. Stolz stellt er sich als Cousin des bekannten Politikers Ziad Abu Ziad vor. Im Schnellkurs erklärt er uns auf der Straße die wichtigsten Sitten des muslimischen Fastenmonats.


Kataef, die typischen Ramadan-Pfannkuchen

Beim Sichten der ersten Mondsichel im neunten Monats des muslimischen Kalenders beginnt Ramadan und dauert einen Monat bis zum dreitägigen Id el Fidr Fest. Weil der Islam keinen Schaltmonat kennt, wandert der Fastenmonat unweigerlich durch das Jahr. In diesem Jahr fällt er in den heißen August und ist deshalb besonders unerträglich „Wir müssen sehr früh, noch bei Dunkelheit, aufstehen. Sowie die Sonne am Horizont erscheint und der Muezzin das erste Allah-Uakbar (Allah ist groß) gerufen hat, dürfen wir bis Sonnenuntergang nichts mehr in den Mund nehmen, kein Essen, kein Wasser, keine Zigarette.“ Während des Ramadan sei es Pflicht, zweimal am Tag zum Gebet in die Moschee zu gehen. Die drei weiteren Gebete könne man auch anderswo absolvieren, auf der Straße, in Büro oder im Geschäft.

„Richtig schön wird es dann am Abend, beim täglichen Iftar-Fastenbrechen-Essen. Dann sitzen und essen wir zusammen mit der ganzen Familie. Wir laden uns gegenseitig ein. Es können durchaus 12 bis 20 Personen werden.“ Ehe wir Abu Ziad getroffen haben, sind wir vom Jaffa-Tor quer durch den Basar der Altstadt Jerusalems zum Damaskustor gelaufen. Auf der „Christenstraße“, wo freilich die meisten Händler längst Moslems sind, sahen wir das erste untrügliche Zeichen des Ramadan: Erschöpfung und Müdigkeit. Ein alter Mann schlief fest auf einem weißen Plastikstuhl vor seinem Geschäft, gestützt auf seinen Gehstock.

Auffällig viele Läden im Basar waren geschlossenen. Vor allem die zahllosen Mini-Restaurants über der von Kaiser Hadrian im vierten Jahrhundert angelegten zentralen Basarstraße hatten ihre Eisentore verriegelt. Während des Ramadan werden Geschenke überreicht, wie an Weihnachten bei den Christen. Einige junge Männer mochten es aber gar nicht, als wir eine fromme, mit schwarzen Tüchern verhüllte Muslima fotografierten, wie sie knallbunte, kitschige Büstenhalter auswählte.

Nahe dem von Suleiman dem Prächtigen errichteten Damaskustor trafen wir dann Abu Ziad. Ob es ihn stört, wenn während des Ramadan die Christen ihre Straßencafés offen halten? „Das ist Jerusalem. Da kann jeder machen, was er will. Wer in Jordanien beim Essen oder Rauchen in der Öffentlichkeit erwischt wird, wird von der Polizei bis zum Ende des Ramadan ins Gefängnis geworfen. In Bethlehem oder Ramallah gibt es nur noch wenige Christen. Immerhin fragen die Polizisten, ob man Christ sei. Moslems wandern auch in Palästina bis Ramadan-Ende ins Gefängnis. Christen werden nur verwarnt.“ Politisch inkorrekt kommentierten wir, dass das Leben in Jerusalem ideal sei. „Ja, hier sind die Polizisten jüdisch und deshalb sind wir alle frei“, erwidert Abu Ziad und lächelt verlegen wegen seines ungewollten Versprechers. Mit einer typisch arabischen Geste reicht er uns die Hand. Diese Reaktion gleicht dem Spruch „Zwei Punkte für Dich“, oder dem Eingeständnis, etwas „Falsches“ gesagt zu haben, was man aber nicht offen eingestehen kann.


Das Damaskustor im Zeichen einer grünen Mondsichel

Abu Ziad eilt zu seiner Familie, während wir noch durch die trostlose Salah-A-Din Straße außerhalb der Altstadt schlendern. Ein Mann namens Mahmoud grüßt freundlich. Wir fragen ihn, ob er hungrig sei. Mahmoud lacht. „Heute ist doch erst der dritte Tag. Schlimm wird es erst ab dem 20. Tag des Ramadan. Aber Allah wird und alle ernähren, wenigstens spirituell. Ramadan ist eine gute Zeit, um den Armen zu helfen und gute Taten zu tun.“ In dem sonst immer brodelnden Geschäftszentrum von Ostjerusalem herrscht eine gespenstische Leere. Die Bürgersteige sind leergefegt. Die Eisentore der Läden sind verschlossen. Fliegende Händler bieten noch Berge von Broten und in Plastikflaschen gefüllte Ramadan-Getränke: Mandelmilch und Tamarindi-Saft. Langsam selber hungrig geworden, gehen wir zum Restaurant, wo wir oft Humus und ein halbes Brathuhn genießen. „Nein, Sie können hier jetzt nicht essen. Es ist noch Ramadan“, sagt Ahmad, der sonst immer zuvorkommend und ungefragt den Tisch mit orientalischem Mezze füllt, bunten Salaten auf kleinen Tellern. Die Tische im Lokal sind leer. Einer liest aus dem Koran. Vor dem Lokal sind die schönsten vorbereiteten Speisen auf langen Tischen ausgebreitet. Doch die darf man nicht sofort verzehren, sondern nur in Aluminium verpackt als „Take-Away“ nach Hause mitnehmen.

Die Sonne senkt sich am Horizont. Die Straßen werden immer leerer. Am Damaskustor leuchten weiße Girlanden und ein grüner Neon-Halbmond, von der (jüdischen) Jerusalemer Stadtverwaltung aufgehängt. An Verkaufsständen hängen Lichterketten, wie man sie auch von Weihnachten kennt: Mondsicheln und Sterne. Plötzlich knallt es. Über dem muslimischen Friedhof steigt eine Rauchwolke auf. Mit einer alten türkischen Kanone gibt dort ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung einen Böllerschuß ab. Das ist das abgesprochene Zeichen.

Ibrahim ist normalerweise eine Touristenattraktion in bunter Tracht mit großem Messingbehälter auf dem Rücken. Er muss sich bücken, um in Plastikbecher Tamarindisaft aus dem kunstvollen Behälter zu gießen. „Komm, iß mit mir“, ruft er, und reißt eine halbe Hühnerbrust aus dem schon kalt gewordenen gebratenen Hähnchen, das er sich rechtzeitig beim „Take-Away-Restaurant“ besorgt hat, um sofort nach dem Böllerschuß loszuessen. „Hier in Jerusalem lebt jeder nach seinem Gebrauch. Früher wusste ich nicht, dass man bei den Juden am Sabbat nicht auf der Straße rauchen darf“, sagt Ibrahim.

In den wenigen noch offenen Läden sitzen die verbliebenen Händler auf Konservenbüchsen vor einem Tisch aus Pappkartons. Hastig essen sie aus Plastiktellern. Auf den Straßen sind jetzt nur noch israelische Polizisten und Grenzschützer zu sehen. Endlich kommt ein Taxi vorbei. „Was ist denn hier los? So leer habe ich das ja noch nie gesehen”, meint der jüdische Taxifahrer. Vom Ramadan hatte er nichts gehört.

© Ulrich W. Sahm, haGalil.com