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Kein Tahrir-Platz in Israel

Proteste auf öffentlichen Plätzen fungieren als eine Art kollektive Therapie. Sie erlauben es der Gesellschaft, Spannungen abzubauen und Sorgen Ausdruck zu verleihen, genauso wie es der Patient bei seinem Therapeuten auf dem Sofa tun würde. Doch kann man in Zusammenhang mit den Protesten auf den verschiedenen Tahrir-Plätzen in der Region sehen, dass verschiedene Arten des Protests existieren…

Von David Altman

Die Tahrir-Plätze in Kairo, Tunesien, dem Jemen und Syrien sprechen von Blut, Feuer und Gewalt – die Gefühle, die auf diesen Plätzen ausgedrückt werden, reflektieren einen tief verwurzelten Ärger und den Wunsch nach Rache für eine bittere Vergangenheit. Diese Proteste suchen nach Feinden und wollen Schuldzuschreibungen machen, während die Regime oft mit ungeahnter Gewalt reagieren.

Seit dem Beginn des „arabischen Frühlings“ haben nur wenige den Eindruck gehabt, dass die Proteste zu einer positiven Lösung führen werden, die in eine egalitäre, blühende und gerechtere Gesellschaft münden wird. Stattdessen beobachten wir Gewalt, Kriminalität, einen Mangel an Solidarität, ethnische Konflikte und Terrorismus, die nicht nur die Zukunft dieser Länder gefährden, sondern auch Erfolge, die in der Vergangenheit trotz schwieriger ökonomischer Umstände erzielt wurden, zunichte machen können.

Die gegenwärtigen „Zeltproteste“ in Israel sind etwas anderes. Wer die Zeltstädte betrachtet, die in verschiedenen Städten in Israel entstanden sind, fühlt sich an den Bibelvers erinnert, in dem Bileam Israel mit folgenden Worten segnet: „Wie schön sind deine Zelte, Jakob, wie schön deine Wohnstätten, Israel!“ Die Zeltproteste erfüllen ihre Funktion, Frust und Spannung abzubauen und öffentlicher Solidarität für soziale Gerechtigkeit Gehör zu verschaffen. Innerhalb von wenigen Wochen wurde aber auch eine Liste von Forderungen vorgelegt und der Regierung und der Öffentlichkeit Lösungsvorschläge gemacht.

Die Protestierenden verleihen also ihrem Wunsch danach Ausdruck, durch den Dialog mit Entscheidungsträgern zu praktischen Lösungen zu kommen. So wie Israel einen Weg findet, mit sozialen Protesten umzugehen, die verschiedene Gruppen innerhalb der Gesellschaft umfassen und vernünftige Lösungen zu präsentieren, scheint es, verharren seine Nachbarn in einem Modus anhaltenden Aufruhrs und der Instabilität, da es ihnen am Willen zu friedlichen Lösungen und Kompromissen mangelt.

Während die Protestierenden des Tahrir-Platzes nach dem Kopf ihres ehemaligen Präsidenten rufen, verlangt auch der Zeltprotest nach dem Kopf des israelischen Ministerpräsidenten – um sich mit ihm an einen Tisch zu setzen und Verhandlungen zu beginnen. Der große Unterschied ist, dass die Gesellschaft in Israel sich nach einer praktischen Lösung sehnt, während dies in der arabischen Welt nicht erwünscht ist.

Die Anführer der arabischen Welt haben in der Geschichte immer wieder versucht, die Emotionen ihrer Bevölkerung gegen Israel zu lenken, um von schwierigen sozialen und ökonomischen Situationen abzulenken. Die gegenwärtigen Proteste in Israel illustrieren den gegenläufigen Trend – Öffentlichkeit und Entscheidungsträger verschieben die öffentliche Agenda von dem andauernden Konflikt hin zu inneren sozialen Angelegenheiten, um sich um innere Belange zu kümmern und die Gesellschaft voranzubringen.

Es wird behauptet, dass soziale Netzwerke wie Facebook die sozialen Proteste ausgelöst haben. Doch die Welt muss verstehen, dass soziale Netzwerke nur Instrumente sind, die es Menschen möglich machen, sich zu organisieren und den Entscheidungsträgern und der Öffentlichkeit ihre Botschaften zu vermitteln. Die Möglichkeit für echte, produktive, lösungsorientierte Veränderungen dagegen wird von der Kultur, Erziehung und sozialen Verantwortung der jeweiligen Gesellschaft geschaffen.

Der Autor ist Senior Vize-Präsident des Netanya Academic College und Vize-Vorsitzender des Zentrums für strategischen Dialog am College.
Aus Ynet, 05.08.11, übersetzt f. d. israelische Botschaft. Die Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der israelischen Regierung wieder, sondern bieten einen Einblick in die politische Diskussion in Israel.