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PEN und der Umgang mit der Geschichte

In einer eigenen Presseerklärung sowie in einer Ankündigung auf seiner Website hat der Deutsche PEN bekanntgegeben, am 6. September 2011 eine Ausstellung in Berlin zu eröffnen, in der, „der P.E.N. einen Blick zurück auf seine Auflösung um 1933, auf seine Exil-Zeit, die Neugründung um 1948, die Trennung in Ost und West und die aus guten Gründen erst 1998 vollzogene, jedoch sorgfältig vorbereitete Verschmelzung der beiden P.E.N.-Zentren“ werfen wird…

Leider wurde der Deutsche PEN-Club „um“ 1933 nicht mal eben aufgelöst und die 1998 erfolgte Verschmelzung war auch nicht ganz so unkompliziert, wie es der Deutsche PEN in seiner Ankündigung gerne hätte. In einer Presseerklärung äußerte sich dazu Günter Kunert, Präsident des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland:

„Vor wenigen Monaten gab es einen Briefwechsel mit dem Präsidium des deutschen PEN zur Frage des Umgangs mit Vergangenheit in der deutschen Gegenwart. Ohne nachhaltige Wirkung. Nun lädt der deutsche PEN-Club zu einer Veranstaltung am 6. September 2011 in Berlin ein – leider unter einer völlig falschen, um nicht zu sagen gefälschten Voraussetzung.

In einer Pressemitteilung zu einer Ausstellung behauptet der deutsche PEN, indem er vorgeblich einen Blick zurückwirft, 1933 sei der deutsche PEN-Club aufgelöst worden. Ein unentschuldbarer Irrtum. Der deutsche, von den Nazis gleichgeschaltete PEN-Club ist aus dem Internationalen PEN ausgetreten, nachdem er unliebsame Autoren ausgeschlossen hat – keine Verfolgung, also kein Ruhmesblatt.

Hingegen ist in England der Exil-PEN gegründet worden mit Heinrich Mann als Präsidenten und weltberühmten Autoren als Mitglieder, eben mit den Emigranten. Dieser Exil-PEN ist nie aufgelöst worden und existiert noch heute; er hat sich zeitentsprechend umbenannt in PEN Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland. Der heutige Deutsche PEN ist eine Neugründung von 1948 und keineswegs der legitime Erbe des Exil-PEN. Im Namen dessen protestiere ich gegen die Enteignung unserer Geschichte und ihre Falsifizierung.

Geschichtsfälschung, wir wissen es nur zu gut, ist eine deutsche Spezialität. Aber daß sie immer noch und ausgerechnet vom deutschen PEN praktiziert wird ist eine Schande, über die jene sprechen sollten, die sie verantworten, weil sie „hilfsbereite Sorge“ für „in ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung beschnittene Schriftsteller“ auf ihr Panier geschrieben haben.

Hier also haben Sie meine Meinung, um die ich in diesem Falle als Präsident des PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland nie befragt worden bin (Natürlich haben wir als potentielle Störenfriede keine Einladung zur Ausstellungseröffnung erhalten!).

Günter Kunert
Präsident“

Presseerklärung des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland vom 21. August 2011
www.exilpen.de

Auch Ralph Giordano, der 1997 infolge des Streits um die Wiedervereinigung der ost- und westdeutschen PEN-Zentren aus dem bundesdeutschen PEN austrat und Ehrenmitglied des PEN-Zentrum eutschsprachiger Autoren im Ausland wurde, äußerte sich zur Ausstellung in einer Pressemitteilung:

„Ich schließe mich dem Protest Günter Kunerts an gegen die Art und Weise, wie der deutsche PEN-Club Geschichtsklitterung treibt. Heißt es doch in seiner Einladung zur Ausstellung „PEN – die internationale Schriftstellervereinigung, ihre deutsche Geschichte, ihre Aufgabe“ am 6. September 2011 in Berlin, der deutsche PEN-Club sei 1933 aufgelöst worden. Die Wahrheit ist, daß der von den Nazis gleichgeschaltete deutsche PEN 1934 aus dem Internationalen PEN ausgetreten ist und es über die Geschichte seiner Selbstentleibung nichts, aber auch gar nichts Heroisches zu berichten gibt.

Fahne und Stimme der deutschen Literatur in der Nazi-Ära war vielmehr der damals in England gegründete Exil-PEN, mit international bekannten Mitgliedern wie Heinrich Mann, Ernst Toller und anderen antifaschistischen und demokratischen Literaten.

Dieses „PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland“, über Jahrzehnte geleitet von dem verdienten jüdischen Emigranten Fritz Beer, existiert immer noch, wird aber vom Deutschen PEN notorisch mißachtet. Kein Wunder, denn die im Exil-PEN zusammenge-schlossenen Schriftsteller fordern eine tabulose Aufklärung über die Geschichte des 1948 neu gegründeten deutschen PEN. Eine Forderung, die sich nicht vereinbaren läßt mit der Schmerzlosigkeit, mit der der bundesdeutsche PEN-West und der Ulbricht- und Honecker-hörige PEN-Ost 1998 zusammengeführt worden sind. Eine Schmusekursphilosophie, die zu einem wahren Exodus bekannter Schriftsteller aus dem amalgamierten Deutschen PEN führte. Kein Wunder, daß er an Impetus und Gewicht verloren hat.

„Gegen Abwiegelung und Verdrängung!“ – das bleiben Kriterien des Exil-PEN. Gern hätte er sie am 6. September in Berlin selbst öffentlich verfochten. Leider fehlt die Voraussetzung dafür: er ist nicht eingeladen worden.

Ralph Giordano“

PEN-Generalsekretärs Herbert Wiesner äußerte sich dazu auf der Website des Deutschen PEN:

„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

am 9. August haben wir Sie bereits um Ihre Aufmerksamkeit gebeten für die Ausstellung:

P.E.N. – die internationale Schriftstellervereinigung, ihre deutsche Geschichte, ihre Aufgaben

Die von Sven Hanuschek kuratierte und von Reschke, Steffens & Kruse, Berlin/Köln gestaltete Ausstellung wird Dienstag, 6. September, 17 Uhr (geöffnet ab 16 Uhr), im Foyer der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin, Schumannstr. 8, gegenüber dem Deutschen Theater, eröffnet. Wie wir erst kürzlich erfahren konnten, wird der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Herr Staatsminister Bernd Neumann, zur Eröffnung sprechen. Und es bleibt dabei: Der große chinesische Schriftsteller Liao Yiwu ist unser besonderer Gast.

Einen kleinen Skandal gibt es auch schon um diese Ausstellung. Das P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland hat in einer Presseerklärung zu unserer, ihm noch nicht bekannten Ausstellung vor „Geschichtsfälschung“ und „Enteignung“ einer wohl als Eigentum des ehemaligen Exil-P.E.N. angesehenen Geschichte gewarnt. Wir haben Günter Kunert, den verehrten Präsidenten jenes P.E.N.-Zentrums zur Ausstellungseröffnung eingeladen, damit er seinen Verdacht revidieren kann, hier werde Geschichtsklitterung betrieben. Um Geschichte kann man sich streiten, doch sollte man sich unter Freunden nicht darum prügeln – man hat sie einfach, um kritisch und ehrlich damit umzugehen. Genau dies ist die Absicht dieser Ausstellung, die allerdings nur einen kurzen Rückblick auf die Zeit von 1933-1945 wirft. Sehr viel ausführlicher werden die Entwicklungen seit der Neugründung 1948 dargestellt, das Verhältnis von Ost und West bis hin zur späten „Verschmelzung“ der beiden deutschen P.E.N.-Zentren.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat sich zehn Tage vor der Eröffnung in ihrem Feuilleton Günter Kunerts Vorverurteilung unserer Ausstellung angeschlossen. Es wiederholt sich damit ein vor vielen Jahren schon entbrannter Kampf um die Existenzberechtigung zweier deutscher P.E.N.-Zentren.

Als eine Inszenierung der Selbstfeier betrachten wir diese Ausstellung nicht. PEN International und das deutsche P.E.N.-Zentrum begreifen sich als eine große Organisation zur Wahrung der Menschenrechte und des Rechts auf freie Meinungsäußerung von Schriftstellern und Journalisten in aller Welt. Im Mittelpunkt unserer Tätigkeit stehen heute die Sorge und die Hilfe für „Writers in Prison“ und „Writers in Exile“.

Auf Anforderung schicken wir Ihnen gerne den Ausstellungskatalog noch vor der Auslieferung des Taschenbuchs als pdf-Datei. Bitte wenden Sie sich an PEN-Germany@t-online.de

Auf Ihren Besuch und auf Ihre Berichte freuen wir uns.

Mit freundlichsten Grüßen
Herbert Wiesner
Generalsekretär“

Dies veranlasste wiederum Peter Finkelgruen, geboren 1942 in Shanghai, Vorsitzender des Fördervereins des PEN Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland und zuvor mehrere Jahre lang Mitglied des Vorstands, zu folgendem Offenen Brief:

„Sehr geehrter Herr Wiesner,

erlauben Sie mir, als einem im Exil geborenen Autodidakten der deutschen Sprache, Ihnen folgendes zu sagen: Wäre ich ein Lehrer, der die Texte Ihrer Presseerklärung vom 9. August 2011 und vom 26.August 2011, zu beurteilen hätte, so hätte ich einige Zeilen am Rande rot angestrichen und daneben geschrieben „missverständlich“. Unter Ihrem Text stünde: „Wiesner nachsitzen!!“

Bereits im Januar dieses Jahres hatte ich das fragwürdige Vergnügen eines Briefwechsels mit Ihnen, bei dem es im Prinzip um dasselbe ging. Nein, nicht um die Anbringung einer Gedenktafel im Gedenken an die seinerzeit in Sanary versammelten vertriebenen Autoren aus Deutschland. Dafür habe ich Ihnen sogar gedankt. Es ging damals wie heute um Ihren Umgang – nein nicht mit den Toten, sondern mit den Überlebenden.

Heute geht es um Ihre, um es milde zu sagen, missverständliche Wortwahl bei der Einladung zu einer Ausstellung, die gewiss sehr berechtigt ist, fehlt es doch in Deutschland wie im deutschen PEN an einer zusammenhängenden Schau der Verfolgungs- und Nachkriegszeit. Der Zeit, in der, um es in biblischer Ausdrucksweise zu formulieren, jene, die gemordet hatten, auch noch erbten.

Es geht darum, dass Sie, Herr Wiesner, in einer Einladung in Bezug auf den deutschen PEN von SEINER „Auflösung um 1933“ und von SEINER „Exil-Zeit“ sprechen. Dies hat mit der Ausstellung, die erst am 6. September eröffnet werden wird, wie Sie nicht müde werden, zu betonen, vorläufig noch nichts zu tun, zeigt aber deutlich, wer mit den Possesivpronomen zuerst um sich geworfen hat und sich die historische Rolle seines Verbandes schönfärbt.

Und wenn Sie jetzt versuchen, die Dinge so darzustellen, als würden Günter Kunert und Ralph Giordano die Ausstellung kritisieren, setzen Sie auf die Verfälschung der Vergangenheit jetzt auch noch eine Verfälschung der Gegenwart.

Mein Vorwurf an Sie lautet, dass Sie als Sekretär des deutschen PEN gewollt oder ungewollt einen allzu lässigen Umgang mit der deutschen Sprache pflegen.

Darüber hinaus meine ich, wie ich in meinem Schreiben vom 24. Januar zum Ausdruck brachte, bei Ihnen einen auffälligen Mangel an Takt und Fingerspitzengefühl gegenüber Überlebenden der Verfolgung und des Exils festzustellen. Günter Kunert, den Sie öffentlich wissen lassen, dass, wenn er bei der Ausstellungseröffnung einen Zwischenruf machen sollte, nicht des Saales verwiesen wird, wird gewiss erleichtert sein ob dieses Zugeständnisses.

Wenn Günter Kunert in seinem Brief davon spricht, dass Geschichtsfälschung eine deutsche Spezialität sei, erlauben Sie mir angesichts Ihrer Äußerungen noch eine hinzuzufügen: Rechthaberei.

Zum Schluss noch eine Frage an den Generalsekretär des deutschen PEN: In Ihrer Erklärung vom 26. August 2011 sprechen Sie im Hinblick auf Günter Kunerts und Ralph Giordanos Erklärungen davon: „Es wiederholt sich damit ein vor vielen Jahren schon entbrannter Kampf um die Existenzberechtigung zweier deutscher P.E.N.-Zentren.“ Ist dem so? Jedenfalls wissen wir nichts davon.

Mit freundlichen Grüßen

Peter Finkelgruen“