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Wie ein katholischer Pfarrer Geschichte entsorgt

Jüdischen Beobachtern galt er als ehrlichster Deggendorfer Pfarrer seit 200 Jahren: Ludwig J. Rösler in Deggendorf, ein ebenso fleißiger und vorbildlicher wie oekumenischer katholischer Priester. Doch das schöne Bild hat Risse bekommen, seit der Pfarrer damit begonnen hat, den widerlichsten Teil der 1200-jährigen Geschichte der Stadt an der Donau mit etwas Kalkfarbe zu entsorgen – den Mord an den Deggendorfer Juden im Jahre 1338. Angesichts der Entschlossenheit des Pfarrers helfen nur noch Gebete oder öffentliche Proteste…

Von S. Michael Westerholz

Darum geht´s: Nach dem Mord an den Juden aus wirtschaftlichen Gründen, nämlich um sich ihrer Schulden bei den jüdischen Mitbürgern zu entledigen, bauten die Deggendorfer eine mordsgroße Kirche. Das war keine Sühnehandlung, sondern ihr Zeichen des Triumphes, zumal bei dem Mord vermutlich sogar eine Synagoge an dem Kirchbauplatz vernichtet worden war. Als aber um 1360 das Geld für den Bau ausging, erfanden die Deggendorfer eine üble Nachrede: Die Juden hätten heilige Hostien gestohlen und gemartert, jene Oblaten, die nach dem katholischen Glauben in der sogenannten „Wandlung“ während des Gottesdienstes zu Fleisch und Blut des jüdischen Propheten Jesus von Nazareth in Galiläa werden.


Die sonst so Kirchen-feindlichen Nazis ließen den Druck dieser Ansichtskarte der Kirche um 1940  zu: Sie warb ja für eine antisemitische Wallfart! (Foto: Sammlung Westerholz)

Sofort  flossen die Spenden wieder, der Bau ging weiter, ab der Kirchenweihe um 1390 entwickelte sich eine blühende Wallfahrt. Die wuchs ins Gigantische mit bis zu 100.000 Gästen an den alljährlich sieben Wallfahrtstagen, zumal die Priester nun auch noch einen besonders großen Ablass in Rom einkauften:  Ablässe waren vor allem für solche Handwerker und Unternehmer wichtig, denen aus irgendwelchen Gründen Kirchenbesuche und liturgische Mitwirkungen untersagt worden waren  –  denn so war ihnen auch die Ausübung ihres Berufs verboten: Da konnten Menschen rasch ins Existenznot geraten! Wer aber durch Gottesdienstbesuche, Beichten (in Form des Sündenbekenntnisses gegenüber einem Priester!) und Spenden den Ablass erwarb, war seiner Sündenstrafen ledig und konnte wieder an den vorgeschriebenen religiösen Handlungen teilnehmen.


Solch drastische Bilder vom Judenmord in Deggendorf wurden noch 1953 im Wallfahrtsbüchlein   eines katholischen Priesters verbreitet, das Büchl dann aber rasch eingezogen und vernichtet. (Repro: Westerholz)

Die verlogene Erfindung einer jüdischen Straftat liess sich bis jüngst in der Wallfahrtskirche inmitten der Stadt Deggendorf nachlesen. Ein unbekannter Steinmetz hat sie um das Jahr 1400 als Inschrift in eine der Kirchensäulen des gotischen Bauwerks gemeißelt. Dem heutigen Sprachgebrauch angepasst, lautet sie:

IM JAHRE DES HERRN 1337,
AM NÄCHSTEN TAG NACH
SANKT MICHAELS TAG,
WURDEN DIE JUDEN ERSCHLAGEN,
DIE STADT ZÜNDETEN SIE AN.
DA WURDE GOTTES LEICHNAM GEFUNDEN,
DAS SAHEN FRAUEN UND MÄNNER,
DA FING MAN DAS GOTTESHAUS ZU BAUEN AN.

Diese „steinerne Urkunde“  machte Deggendorf und die Deggendorfer reich. Dabei wurden die Wallfahrer fast 600 Jahre von ihren Bürgermeistern und Räten, von ihren Pfarrern und den Regensburger Bischöfen belogen und betrogen: Den großen Ablass gab es schon wenige Jahre nach dem Kauf nicht mehr. Ein verständiger Papst hatte ihn wie fast alle Ablässe in der Welt widerrufen, weil ihm das Geschachere um die Ablässe aus theologischen Gründen herzlich zuwider war. Nur – den Wallfahrern in Deggendorf wurde die wiederholte Mitteilung des Vatikans an die Stadt, die Pfarrer und Bischöfe verschwiegen.


Nur zur alljährlichen Wallfahrtszeit wurde die mit einem päpstlichen Wappen geschmückte GOLDENE PFORTE  geöffnet. Pfarrer Rösler hat sie jetzt zumauern lassen. (Foto: Sammlung Westerholz)

Als ein echt katholischer Pfarrer Johann Heinrich von Golling gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Wallfahrt wegen all der Schwindeleien beenden wollte, wurde er mit Schimpf und Schande aus der Stadt vertrieben: „Diese ganze Stadt lebt allein von den Hostien“, schrieb ein erboster Deggendorfer Händler an die Regierung. Und so lief die Wallfahrt bis 1992 weiter  –  da endlich verbot sie der Regensburger Bischof Manfred Müller.

Der gegenwärtige Pfarrer Rösler machte sich nun anlässlich einer Millionen-teueren Innenrestaurierung der Kirche ans ganz große Aufräumen: „Nichts soll mehr an die Wallfahrt erinnern!“ Er ließ außen eine Bronzetafel in Augenhöhe anbringen, auf der Stadt und Kirche das Unrecht bekennen, das Deggendorfs Juden angetan worden ist. Ließ auch eine „GOLDENE PFORTE“ zumauern, durch die Bischöfe, Priester und Wallfahrer alljährlich zu Beginn der Wallfahrtswoche in die Kirche einzogen  –  und schaute jetzt zu, als Maler die Säuleninschrift mit einem Wisch übermalten!

„Die Inschrift ist ja eine Lüge“, begründet der Pfarrer die Entsorgung der Geschichte: „Weder haben die Juden damals Feuer in der Stadt gelegt, noch haben sie Hostien geschändet!“ Dass mit der Farbe aber auch der Nachweis des Mordes an den Deggendorfer Juden und die Sünden seiner Kirche entsorgt wird, spielt für den Pfarrer keine Rolle: Das sei ja schon der Schrifttafel an der Außenmauer zu entnehmen. Während  Kreisheimatpfleger Georg Loibl dem Gespräch mit dem Pfarrer zum Thema schweigend zuhörte und sich jeglichen Kommentars enthielt, wollte Pfarrer Rösler auch der Idee nicht zustimmen, die Schrift mit etwas dunkler Farbe wieder sichtbar zu machen und ihre Bedeutung mittels einer Schrifttafel an der Säule  zu erläutern.

In der Stadt ist die Sache bisher offenbar noch nicht aufgefallen. Sowohl die Lokalpolitiker, als auch die Lokalzeitungen schweigen. Bei der Israelitischen Kultusgemeinde hält man sich bedeckt. Auf Proteste des Schreibers dieser Zeilen allerding reagierte der Pfarrer: „Ich denk´vielleicht noch einmal über  die Sache nach…“  Was bedeuten könnte, dass Hinweise von außen aus aller Welt noch etwas retten könnten.