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Wo bleibt die politische Hüttenkäse-Revolution?

In unserer Region finden einige Revolutionen statt. Korrupte Regime zerfallen, Menschen kämpfen für Freiheit und freie Meinungsäußerung. In Syrien wird immer noch Blut vergossen. Und in Israel schafften es Twitter und Facebook, die Millionen anspornten, gegen korrupte Regime zu kämpfen, den Preis für Hüttenkäse leicht zu senken…

Kommentar von Yoel Marcus, Ha’aretz, 08.07.2011
Übersetzung von Daniela Marcus

Es begann mit einem jungen Familienvater namens Yitzhak Elrov. Er ist Kantor in der ultra-orthodoxen Stadt Bnei Brak und rief Konsumenten dazu auf, Hüttenkäse zu boykottieren bis der Preis reduziert sei.

Die öffentliche Reaktion war überraschend, denn sie war eine Kriegserklärung des Durchschnittsbürgers an mehrere Familien, die die Wirtschaft dominieren und den Geschmack und den Preis von Produkten diktieren. Was die Regierung nicht tat –Haben Sie von der Absprache zwischen Regierung und Handel gehört?– tat das Volk. Es stoppte den Kauf der Produkte bis die wohlhabenden Geschäftsleute, die ihre Produkte in den Regalen verderben sahen, kapitulierten. General Evelyn Barker, Kommandeur der britischen Streitkräfte im Mandatsgebiet Palästina, sagte einst: „Wir werden die Juden bestrafen (…), indem wir ihnen in die Tasche greifen und ihnen unsere Verachtung zeigen.“ Er konnte sich nicht vorstellen, dass auch ein Jude einem anderen Juden in die Tasche greifen kann.

Doch wo ist das Volk, das einen Aufstand organisieren kann, wenn es um den eigenen Geldbeutel und Magen geht, wenn es den Hüttenkäse unserer Existenz und Zukunft betrifft? Wo ist es, wenn zum ersten Mal rund um die Welt Zweifel an der Berechtigung unserer Existenz als jüdischer Staat laut werden? Unter den Menschen, die gegen uns arbeiten, sind Juden und junge Amerikaner, die voll der Kritik über unser Verhalten sind. Was während der Tage von Premierminister Yitzhak Shamir gut war (nichts tun und nichts initiieren), bedeutet nun fatale Stagnation.

Ein politischer Beobachter beschreibt die israelische Stimmung als „Kaffeehaus-Syndrom“, das kennzeichnend für uns ist: Wenn Terroranschläge in Cafés stattfinden, initiieren wir keine Verhandlungen mit Terroristen. Doch warum sollten wir mit Terroristen reden, wenn keine Anschläge stattfinden?

Die Regierung gibt uns nicht das Gefühl, dass es auf jeden Fall eine Friedensinitiative geben muss. Sie gibt uns nicht das Gefühl, dass ihre Entscheidungen durchdacht und intelligent sind. Nehmen wir zum Beispiel die „Entscheidung“ der Regierung, die Leichen von 84 Terroristen an die palästinensische Autonomiebehörde zu übergeben, nur um zwei Tage später zu entscheiden, dass diese Geste nicht stattfinden wird. Warum geschah dies? Weil Premierminister Benjamin Netanyahu die Entscheidung traf und Verteidigungsminister Ehud Barak sie aufhob mit der Begründung, dass Leichen von Hamas-Terroristen darunter seien und dass die Rückgabe nicht gut für die Öffentlichkeitsarbeit sei, soweit es die Verhandlungen um die Befreiung des entführten israelischen Soldaten Gilad Shalit betrifft. Wenn unser Urteilsvermögen in diesem Fall so primitiv ist, welches Urteilsvermögen haben wir, wenn es um lebende Menschen geht?

Es wird Zeit, uns selbst ein paar Fragen über unsere Denkweise zu stellen. Fragen wie: Müssen wir wirklich im Jordan-Tal bleiben? Sollten wir dort Posten haben, die uns warnen, wenn eine iranische Atomrakete auf dem Weg zu uns ist? Sind die Linien von 1967, die wir so ärgerlich ablehnen, wenn sie als Grundlage für ein Abkommen vorgeschlagen werden, wirklich „Auschwitz-Linien“ wie Abba Eban sie einst nannte? Haben wir nicht ausgehend von den 1967er Linien unseren größten militärischen Erfolg erzielt? Gibt es wirklich eine demographische Gefahr? Wenn wir sagen, es gibt keine, warum ist es dann so schlimm, einige palästinensische Flüchtlinge aufzunehmen?

Ist unsere Forderung, als jüdischer Staat anerkannt zu werden, wirklich so wichtig? Die Juden wurden schließlich bereits im 13. Jh. v. d. Z., als Mose sie in das Land Kanaan brachte, eine Nation. Der erste Tempel wurde 586 v. d. Z. zerstört, der zweite Tempel 70 n. d. Z. Hat damals irgendjemand den Namen „Palästina“ gehört? Wurde 1947 im UN-Teilungsplan ein Staat „Palästina“ erwähnt? Unsere Forderung, als Juden anerkannt zu werden, ist ein Witz.

Je mehr Zeit vergeht, umso offensichtlicher wird die Entfernung und Entfremdung zwischen der israelischen Öffentlichkeit und ihren Staatsführern, Ministern und Millionären. Die meisten Menschen hier haben nicht das Gefühl, dass wir einen kollektiv verantwortlichen Erwachsenen haben, der uns zum Frieden führt. Die Ultra-Orthodoxen und Extremisten sind diejenigen, die die Politik des Staates Israel bestimmen.

Wo bleibt die politische Hüttenkäse-Revolution, die endlich den Traum von Groß-Israel ad acta legen wird?