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Deutsche Misere mit den Ehrenbürgern

Nein, nicht nur die Deutschen helfen mit ihren lokal so gerne verliehenen Ehrenbürgerschaften der Eitelkeit vieler Menschen auf die Sprünge: Wie sonst wäre Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl „Ehrenbürger Europas“ geworden? Aber dass sie sich hernach, wenn die Ehrenbürger gestorben sind, so schwer damit tun, wie´s denn weiter damit gehalten werden soll, das ist eine offenbar typische deutsche Eigenheit…

Von S. Michael Westerholz

Die Peinlichkeiten der letzten beiden Wochen um Adolf Hitlers Ehrenbürgerschaft in seiner Geburtsstadt Braunau am Inn in Österreich ist durchaus nicht einmalig. Und – ganz bewusst ist Hitler weiterhin Ehrenbürger im tschechischen Landskroun, einer einst überwiegend deutschen Stadt.

Es stimmt schon: viele Jahrzehnte haben Bürgermeister und Gemeinderäte in Braunau redlich versucht, das ihre Stadt oft lähmende, die Bürger vor allem bei Reisen belastende Gespenst Adolf Hitler zu bändigen. Richtig gelungen ist das nie, zumal ein neuer, bürgerlicher Bürgermeister von den herkömmlichen alljährlichen Mahndemos nicht recht begeistert war. Dass dann noch, wie haGalil jüngst enthüllte, ein taktloser Verleger ins romantische Städtchen einlud und dazu Hitlers Geburtshaus präsentierte, war nicht im Sinne einer Bürgermehrheit.

Kaum hatte sich Braunau nach der auch heuer zahlreich besuchten Anti-Nazi-Demonstration im April wieder kommod eingerichtet, fand ein Nationalrat der österreichischen Grünen heraus: Hitler steht immer noch auf der Liste der Braunauer Ehrenbürger! Lokalhistoriker wie Gymnasiums-Chef Florian Kotanko fieselten die Unterlagen durch und atmeten auf: Stimmt gar nicht. Er war nie Braunauer Ehrenbürger!

Aber das erwies sich als nicht untypische speziell österreichische Haarspalterei: Hitler, der Braunau nie sonderlich mochte und der, als er ‚“meine Heimat“ 1938 ins Deutsche Reich eingeliederte, bei seiner Triumphfahrt durchs Land Braunau ohne anzuhalten flott durchquerte, war Ehrenbürger des benachbarten Klosterdorfes Ranshofen. Und dieser Ort mit einer später weltbekannten Aluminium-Schmelzerei hatte Hitler sofort zum Ehrenbürger gemacht. Und war dann nach Braunau eingemeindet worden.

Kaum zwei Wochen nach der weltweiten Aufregung bestimmten Braunaus Stadträte jetzt einstimmig: Hitler ist nicht mehr unser Ehrenbürger! Hohn und Spott, in den Nachbarländern über die Österreicher ausgegossen, waren dennoch nicht berechtigt. Erstens: 1938 hatten Bürgermeister Friedrich Leinser und seine christlich-soziale Mehrheit den Antrag der „großdeutschen“ Stadträte abgeschmettert, Hitler die Ehrenbürgerwürde anzutragen. Dabei war´s auch geblieben, nachdem Leisner und alle Nazigegner aus ihren Ämtern gefeuert worden waren. Und, zweitens, von den einst 4000 großdeutschen Gemeinden mit dem Ehrenbürger Adolf Hitler haben auch heute noch viele keinen endgültigen Schlussstrich gezogen. „Sollten sie aber“, rät der Münchner Historiker Hans Günter Hockerts. Es gehöre zur politischen Kultur, einen Trennungsstrich zu ziehen und den Verbrecher Hitler auch symbolisch auszubürgern.

Flapsig damit umzugehen, wie Bürgermeister Max Knott (CSU) das vor wenigen Jahren trat, ist gewiss nicht zeitgemäß: Seine oberpfälzische Gemeinde Nittendorf-Etterzhausen bei Regensburg druckste mit der Causa herum. Knott: „Ich kann Hitler doch keinen Brief schreiben, dass er kein Ehrenbürger mehr sei…“ Das kam in der deutschen Öffentlichkeit gar nicht gut an und in seiner Partei auch nicht.

Der Alliierte Kontrollrat, der das total besiegte Deutschland ab 1945 regierte, hatte zwar 1946 verfügt, dass Ehrenbürgerschaften der Naziverbrecher erloschen seien. Und die darin leider in purer Bürokratie vernebelte Regierung von Niederbayern hatte 1995 der Stadt Plattling mitgeteilt: Mit dem Tod erlösche jede Ehrenbürgerschaft. Postum sei da nichts mehr geboten. Plattling entschied pragmatisch: Einstimmig sprach es Hitler (und Himmler gleich mit!) die Ehrenbürgerwürde ab. So entschieden Eppingen schon 1946, Hannoversch-Münden 2008, Forst 2009, Dülmen, Marbach und Bad Doberan 2010, Trier, und die österreichischen Gemeinden Amstetten und Waidhofen 2011.

Plattling indessen war viel peinlicheres passiert als Braunau und den anderen Städten: Als 1994/95 ein neues Adressbuch Deggendorf/Plattling erschien, dauerte es einige Zeit bis auffiel: In der Plattlinger Liste standen unter 4. „Hitler Adolf, Reichskanzler und Führer“, unter 7. „Himmler, Heinrich, Reichsführer SS“. Wer das verschuldet hatte, blieb ungeklärt: Allerdings hatte weit früher ein Stadtarchivar jedem, der es hören wollte oder nicht, erzählt, dass er ein sibirischer Gefangenschaft eine bösartige Ärztin erlitten habe, „natürlich eine Jüdin“. Und, dass er „gegen Juden im Allgemeinen nichts habe – braucht´s ja auch nicht, hier gibt es sie ja nicht mehr!“

Plattlings SPD-Bürgermeister und die Stadträte sprachen Hitler und Himmler in öffentlicher Sitzung einstimmig die Ehrenbürgerwürde ab – und fielen gleich darauf über einen Autor her, der die ganze Sache als positives Beispiel der Geschichts-Aufarbeitung in einem Buch über das bis dahin aus dem Gedächtnis verdrängte KZ Plattling publik gemacht hatte. „Damit hat er seiner jüdischen Gemeinde Straubing einen Bärendienst erwiesen“, schimpften Bürgermeister (und Ehrenbürger!) Siegfried Scholz und sein SPD-Parteifreund Georg Weiß in einer öffentlichen Stadtratssitzung am 18. Dezember 1995.

Schockierend freilich, dass Adolf Hitler ausgerechnet im böhmischen Landskroun Ehrenbürger bleiben sollte. „Die Politik sollte nicht versuchen, die Geschichte umzuschreiben. Sie spiegelt eben die damalige Zeit wieder“, begründete dies der heutige tschechische Bürgermeister.