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Köln und die Edelweißpiraten

Am 17. Juli findet in Köln das Edelweißpiratenfest statt – eine gute Tradition. Peter Finkelgruen, 1942 in Shanghai als jüdisches Flüchtlingskind geboren, in Prag und Israel aufgewachsen, siedelte 1959 nach Deutschland über. Als Journalist und Schriftsteller, wie auch als langjähriges Mitglied des P.E.N.-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland hat er mehrere Bücher über seine Familiengeschichte verfasst. Seit über 40 Jahren lebt er in Köln, verfolgte als Journalist u.a. auch die Jahrzehnte langen, beschämenden Auseinandersetzungen, bis die Edelweißpiraten endlich vor wenigen Jahren auch von den Offiziellen der Stadt Köln als widerständische Jugendbewegung gegen die Nationalsozialisten anerkannt wurden…

Aus Anlass des diesjährigen Edelweißpiratenfestes am 17.7. im Kölner Friedenspark erinnert er für haGalil an den langen politischen Weg, bis diese „unangepassten“ Jugendlichen auch von den seinerzeit verantwortlichen Kölner SPD-Politikern für ihr mutiges Engagement als Widerstandskämpfer anerkannt wurden. (RK)

Köln und die Edelweißpiraten

Von Peter Finkelgruen

Diese beiden Begriffe werden von den Offiziellen der Stadt heute als einander zugehörig betrachtet. Wie der Dom, die Kölsch-Brauereien und  der Klüngel. Tempora mutantur, wie die Kölner sagen. Das war nicht immer so. Kommt man an der Hüttenstraße vorbei, sieht man die Tafel zu Ehren der von der Gestapo dort öffentlich ermordeten Edelweißpiraten, die von der demokratischen Obrigkeit dort angebracht wurde. Man sieht wunderschöne Graffiti, die von der ernsthaften Zuwendung junger Menschen in dieser Stadt zeugen. Die wenigsten der älteren Bürger scheinen sich zu erinnern, daß die Edelweißpiraten von Oberbürgermeister Burger, Regierungspräsidenten Antwerpes und selbst den hohen Richtern in dieser rheinischen Metropole vor noch nicht einmal 35 Jahren noch öffentlich als Verbrecher denunziert wurden. Der Weg bis zur Anerkennung der Edelweißpiraten als Widerstandsgruppe war lang und mühselig. Er war geprägt von der Auseinandersetzung mit einer Bürgerschaft, die von nichts, was im Dritten Reich gewesen war, gewußt haben wollte und einer Obrigkeit, die die Haltung dieser Nichtgewußthabenwollenden ermutigte und förderte. An all das erinnere ich mich, wenn ich diese kleine Geschichte, die ich im Jahre 1980 zu diesem Thema geschrieben habe, vor mir sehe.

Paul Urbat – ein Kölner Bürger

Beim Kölner Regierungspräsidenten befindet sich eine Akte, die für die Geschichte der Stadt Köln von großer Bedeutung ist. Allerdings nicht nur für die Geschichte des Jahres 1944, mit dem diese Akte beginnt, sondern auch für die heutige Ge­schichte, die unsere Gegenwart ist. Der Inhalt dieser Akte und die Art und Weise, wie sie benutzt wird, erwecken viele Zweifel. Zweifel zum Beispiel daran, ob die mit der Aktenführung befaß­ten Nachkriegsbeamten wirklich anderen Geistes sind als die Beamten des Jahres 1944, die die Akte anlegten. In dieser Akte sind über einhundert Kölner Bürger aufge­führt. Einer davon ist Paul Urbat.

Was wissen wir von dem Kölner Bürger Paul Urbat? Die letzte »amtliche« Spur von ihm findet sich in den genannten Akten, Akten der Kölner Gestapo. Am 11. März 1945 schrieb nämlich über ihn Kriminalkommissar Kütter, Leiter der Sabotagekommission:

»Arbeiter Paul URBAT, geb. 11.9.1923 zu Köln-Bickendorf, Mischling 1. Grades, n. Pers. Bl. 421 d. A.

Im Jahre 1934 wurde Urbat wegen Einbruchs mit einem Monat Gefängnis bestraft. Bei Urbat handelt es sich um einen Hilfs­schüler, der keine abgerundete Schulbildung genossen hat. Er ist Halbjude, und seine Eltern wurden im August 1944 in das lnternierungslager Köln-Müngersdorf eingewiesen. Da noch ein Pferd aus dem elterlichen Geschäft zu versorgen war, durfte er bis auf weiteres zur Pflege des Pferdes zu Hause bleiben. Nachdem Pferd und Wohnung seiner Eltern durch den neuen Eigentümer über­nommen waren, meldete er sich nicht der ihm gegebenen Auflage entsprechend im Internierungslager, sondern wurde flüchtig. Zusammen
mit der aus dem Internierungslager geflüchteten Halb-Jüdin Ruth Krämer fand er zunächst einige Tage bei dem Reichs­deutschen Willi Krämer Unterkunft und Verpflegung. Da Willi Krämer die beiden nicht länger in seiner Wohnung beherbergen wollte, suchte und fand Urbat bei Steinbrück in der Unterkunft Schönsteinstraße
7 einen Unterschlupf für sich und die Ruth Krämer. Im Besitz des Steinbrück sah er nun auch eine Pistole, die dieser ihm auch in ihrer Handhabung zeigte. Obwohl Urbat erkannte, daß in der Unterkunft Schönsteinstraße 7 wegen des Treibens der dort verkehrenden Personen kein auf die Dauer geeig­neter Unterschlupf war, hat er aus Gründen der eigenen Sicherheit eine Anzeige über seine Wahrnehmungen nicht erstattet. Da er fernerhin einige Tage unentgeltlich in der Unterkunft Schönstein­straße 7 mitverpflegt wurde, hat er zweifellos für die Bande Hilfs­dienste geleistet.«

Sein Elternhaus an der Ecke Venloer- und Sennefelder Straße und die Aussage von Cilly S. – das sind die einzigen von ihm noch vorhandenen nicht amtlichen Spuren. Cilly S., eine der Hauptfiguren der Gruppe, gegen die die Gestapo in Ehrenfeld aktiv wurde, hat ihn gesehen kurz vor seiner und ihrer – Ver­haftung. Verhaftet wurden sie von der Sabotagekommission. Die Sabotagekommission wurde am 11. Mai 1940 von dem damaligen Leiter der Kölner Gestapo, Kurt Lischka, eingerich­tet, und sie hieß bis zum Ende des Krieges »Kommando Kütter«. Kurt Lischka hatte einen guten Blick für Beamte, auf die sich die Nazis verlassen konnten.

Im Gegensatz zu Lischka, der auch im Nachkriegsdeutsch­land eine bürgerliche Karriere in Köln machte, hat sich der Kriminalkommissar Kütter Ende des Krieges selbst entleibt. Allerdings erst, nachdem er seinen Ermittlungsbericht über die »Ehrenfelder Bande« nach allen Regeln der Bürokratie abge­schlossen hatte.

Paul Urbat hat sich wahrscheinlich nicht selbst umgebracht. Er hat auch keine bürgerliche Nachkriegskarriere gemacht. Paul Urbat, den Kölner Bürger, gibt es nicht mehr.

Seine Spur verliert sich. Sein letzter bekannter Aufenthalts­ort ist eine der Zellen im El-De-Haus, der Zentrale der Kölner Gestapo. Jenes Gebäude, auf das der Angeklagte Kurt Lischka blicken konnte, wenn er seine Augen von der Anklagebank hob, auf die er schließlich doch noch geraten ist – im Jahre 1979.

Von Cilly S. wissen wir, daß Paul Urbat nicht nur die Ruth Krämer, sondern auch deren Mutter, Friedel Krämer, geborene Rothschild, zur Schönsteinstraße 7 brachte, damit sie sich dort verstecken.

Paul Urbat aber, der Halbjude, der – so muß es heute scheinen – die Unverschämtheit besaß, sich nicht freiwillig zum Abtrans­port in die Gaskammer zu melden und deshalb nicht zum Stadion in Köln-Müngersdorf ging, begnügte sich nicht damit, sich im Keller der Schönsteinstraße 7 zu verstecken und von Cilly S. verpflegen zu lassen. Er ließ sich von Hans Steinbrück im Umgang mit Waffen unterrichten. Das hat er sicherlich nicht getan, um sein theoretisches Wissen über jene Instrumente zu erweitern, mit denen die Nazis Millionen von Menschen in den Tod schickten. Es ist anzunehmen, daß er spätestens im Sommer 1944 erkannte, daß er aktiv an der Auseinandersetzung mit den Nazis und der Gestapo mitwirken mußte.

Sein Lebenslauf und seine Erfahrungen, soweit sie aus dem wenigen verfügbaren Material erkennbar werden, machen das sehr verständlich, ja, lassen eigentlich keine andere Deutung zu. Wenn einer als elfjähriger Junge (!) bereits von Männern in Talaren ins Gefängnis gesteckt wurde, dann dürfte er sicherlich die Disposition erworben haben, sich gegen staatlich verord­netes Unrecht, dem auch seine Eltern zum Opfer fielen, zur Wehr zu setzen. Ganz bestimmt dann, wenn der Staat und die ihn tragenden Bürger und Beamten gewissermaßen voraus­setzen, daß bei Halbjuden eine asoziale Veranlagung zu erwarten sei.

Hans Steinbrück, der Mann, der im Keller der Cilly S. auch andere Leute versteckte, die den Nazi-Staat und seine Schergen zu fürchten hatten, war ein Aktivist. Er begnügte sich nicht damit, Leute zu verstecken. Er versorgte sie. Um die Versor­gung überhaupt möglich zu machen, organisierte er Raub- und Beutezüge. Er sprach potentielle Sympathisanten an und moti­vierte sie. So auch Christine H. Er bat sie, ihm Waffen zu beschaffen. Das hat Christine H. getan. Diese Ehrenfelder Bürgerin stahl von Gewalttätern in Uniform Waffen – wenn sie in der Wirtschaft genügend Alkohol zu sich genommen hatten. Diese Waffen brachte sie Hans Steinbrück. Ich stelle mir vor, daß Paul Urbat von Hans Steinbrück an diesen von der Chri­stine H. beschafften Waffen ausgebildet wurde. Christine H. wurde auch verhaftet, genauso wie alle, die zur Ehrenfelder Gruppe gehörten oder mit ihr zu tun hatten. Sie und andere Ehrenfelder Bürger waren aber bereits vorher durch Denunzia­tion von Gestapospitzeln aufgefallen.

»Am 2.10.1944 wurden wegen der Vorkommnissein Köln-Ehren­feld einige von den Ortsgruppen der NSDAP als politisch untragbar bezeichnete Personen zur Unterbringung in Konzen­trationslager festgenommen. Darunter befand sich auch die Ehefrau Heinrich Heinen, Christine geborene Leisiffer…«

Hans Steinbrück gehörte zu den dreizehn, die am 10.11.1944 »auf Befehl des Reichsführers SS … an dem freien Platz neben dem Bahndamm Ecke Venloer-, Hütten- und Schönsteinstraße in Köln-Ehrenfeld durch Erhängen exekutiert« wurden. Paul Urbat war nicht unter den Erhängten.

Paul Urbat blieb verschwunden. Wir wissen nicht, ob der junge Mann, ein Jahr zuvor gerade volljährig geworden, vergast wurde. Ob er in einer Zelle erschossen wurde. Ob er wie andere von den Angehörigen des Kommandos Kütter totgeprügelt wurde.

Paul Urbat wurde ein Opfer der Lischkas, Kutters, Hoegens, Hirschfelds, und wie sie alle hießen. Das können wir mit Sicher­heit sagen. Daß er nicht überlebt hat, bewahrt ihn immerhin davor, auch heute Opfer zu sein: Opfer der Beamten dieses Staates.

Heute nämlich müßte Paul Urbat sich von Behörden und Gerichten sagen lassen, daß er damals zusammen mit Hans Steinbrück, Günther S. und Bartholomäus Schink, Gustav Bermel, Rheinberger »Bubbes« und anderen, die am 10.11.1944 ermordet wurden, eine kriminelle Vereinigung gebildet hatte. Er müßte erleben, daß Kölner Gerichte den Antrag auf Aner­kennung als Verfolgte des Nationalsozialismus der Christine H. ablehnten und im Urteil begründen: »Diese Bande als ‚Widerstandsbewegung‘ zu bezeichnen, muß zur Ehre der wirklichen Gegner des Nationalsozialismus entschieden abgelehnt werden.«

Er hätte auch erleben müssen, wie der zuständige Dezernent für Wiedergutmachung sich die Aussagen der Gestapo öffent­lich zu eigen machte. Er hätte erleben müssen, daß der Leitende Staatsanwalt in Köln einen Antrag auf Bestrafung der an der Ermordung der Dreizehn beteiligten Nazi-Schergen einstellte, weil man sie unangenehmerweise hätte überführen müssen, das heißt, weil sie sich nicht freiwillig meldeten. Er hätte erleben müssen, daß er und seine Helfer und Kameraden nachträglich verleumdet werden.

Er hätte allerdings auch erleben können, daß Bürger dieser Stadt sich zusammengetan haben, um das Andenken der Ehrenfelder Widerständler zu ehren und zu verteidigen. Zu ver­teidigen gegen politisch Verantwortliche in Stadt und Land. Der Regierungspräsident in dieser Stadt deckt seine Beamten nach dem Motto »Meine Ehre heißt Treue«, das heißt, er hält Sturheit für ein Charakteristikum seines Amtes. Auch wenn ihn diese Sturheit in die Nähe eines kriminellen Deliktes bringt. Denn der Ermittlungsbericht des Kriminalkommissars Kütter, jenes Dokumentes, das Aufschluß gibt über die wahren Helden dieser Stadt, beweist, daß der Regierungspräsident Öffentlich­keit und Gerichte täuscht und die Toten auch heute noch verleumdet.

Paul Urbat hätte aber noch eine andere Erfahrung gemacht: Politiker dieser Stadt – Ratsherren und Bürgermeister -, die alljährlich Wochen der Brüderlichkeit zelebrieren und von der »Bewältigung der dunkelsten Kapitel der deutschen Ge­schichte« reden, lassen solche Beamte gewähren. Sie bestärken sie in ihrer Bürger- und Demokratieferne.

Erstmals erschienen in: Gröhler/Hoffmann/Tümmers (Hrsg.) (1980): Beispielsweise Köln. Ein Lesebuch. Lamuv Verlag, TB 4

–> Freunde von gestern – und Feinde von heute (oder was mich ein jüdischer Edelweißpirat lehrte)