- haGalil - https://www.hagalil.com -

Über Zionismus und Antzionismus

Zionismus ist eine im Zarenreich des 19. Jahrhunderts entstandene Bewegung des europäischen Judentums. Die Bewegung hatte das Ziel, dem in Europa diskriminierten und verfolgten Judentum durch einen eigenen Staat zu Selbstbestimmung und „Normalität“ zu verhelfen…

Rolf Verleger, Juni 2011*

A) Zionismus, 1 x pro, 4 x kontra.

Der Name „Zionismus“ sollte die Kontinui­tät zur jüdischen Tradition ausdrücken: Die alte religiöse Sehnsucht nach Gottes Rückkehr zum Berg Zion (in Jerusalem) sollte durch diese Bewegung ihre reale Erfüllung erhalten.

Jedoch war damals die große Mehrheit der Zionisten (nicht der Juden) unreligiös oder sogar anti-religiös. Denn der Zionis­mus verstand sich als ein modernisieren­des Element innerhalb des Judentums. Die traditionelle jüdische Kultur und Mentali­tät traf bei vielen Zionisten auf Verachtung. So wandten sie sich gegen die jiddische Sprache, die sie als „Jargon“ und Sklaven­sprache der Diaspora ansahen, und beleb­ten stattdessen erfolgreich das Hebräisch der heiligen Bücher zu einer im Alltag ge­sprochenen Sprache wieder.

Als Anti-Zionisten kann man entsprechend solche Leute bezeichnen, die diese Bewe­gung ablehnen. Viele Juden taten dies, aus guten und schlechten Gründen. Selbstver­ständlich definierten sie sich nicht negativ – als „Anti-Zionisten“ – , sondern positiv:

–   als religiöse traditionelle Juden (so wie die meisten aus der Familie meines Va­ters). Ihre Argumentation: Judentum ist eine Religion, deren Gebote und Ver­bo­te zu befolgen sind, und mitnich­ten eine politische Bewegung eines „Vol­kes“.    Emanzipation    und    Selbstbe­stimmung liegen in Gottes Hand. Die Zio­nisten pro­fanisieren unzulässiger­weise eine spiri­tu­elle Frage.

–   als jüdische Bürger ihres Staates (so wie die meisten aus der Familie meiner Mut­ter). Ihre Argumentation: Juden­tum ist eine Religion wie andere auch. Man kann nicht loyaler Bürger zweier Staaten sein. Emanzipation ist daher indi­viduell im Rahmen des jeweiligen Staates zu er­reichen. Beispielsweise war der einzige Jude im britischen Kabi­nett 1917, Edwin Montagu, aus diesen Gründen strikt ge­gen die Deklaration des britischen Außenministers Lord Bal­four zur Grün­dung einer Jüdischen Heim­stätte in Pa­lästina (s. Chaim Weiz­mann: Memoiren, S. 303ff.). Und diese Ansicht war nicht auf Arrivierte wie Mon­tagu beschränkt. Ihr individuelles Glück zu suchen war of­fen­sichtlich auch das Lebensmotto der Hundertausende von Juden aus dem Za­renreich, die sich auf die Auswanderer­schiffe nach Übersee zwängten.

–   als jüdische Sozialisten, vor allem im „Bund“ („Allgemeiner Jüdischer Arbei­ter­bund in Litauen, Polen und Russ­land“). Ihre Argumentation: Emanzipa­ti­on der Juden als nationale Gruppe mit eigener Sprache und Kultur muss im eige­nen Land und mit der eigenen Spra­che erfolgen: in Litauen, Polen und Russ­land, und mit der tatsächlich ge­sprochenen Sprache, dem Jiddischen. Der Bund wurde nach der Oktoberrevo­lu­tion von den herrschenden Bolsche­wisten zerschlagen.

–   als herkunftsunabhängige Sozialisten und Kommunisten. Ihre Argumentati­on: Die Unterdrückung der Juden ist nur in einer unfreien, ungleichen Ge­sellschaft möglich, als eigenes Problem irrelevant und durch die Schaffung einer Gesell­schaft von Freien und Glei­chen zu än­dern: Marx, Lassalle, Eduard Bernstein, Bronstein (Trotzki), Kagano­witsch, Sinowjew, Kamenew, Rosa Lu­xemburg, Ernest Mandel, Heinz Brandt, Bruno Kreisky und viele andere.

In meinen Augen sind alle diese An­sich­ten richtig und falsch – Religiosität, Zio­nismus, individuelle Emanzipation, Eman­zipation als Gruppe, Emanzipation der ganzen Welt. Jede dieser Ansichten habe ich ge­teilt, jeder dieser Ansichten habe ich wider­sprochen und beides tue ich im­mer noch. Irgendeine dieser Ansich­ten in eine Schublade namens „Anti-Zionismus“ zu stecken ist eigentlich nur möglich, wenn man die Welt in Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Freund und Feind einteilt – wenn man also nur bis zwei zählen kann.

B) Im Zionismus: pro und kontra Jüdischer Staat

Zionismus hat, wie oben gesagt, das Ziel, den Juden durch einen eigenen Staat zu Selbstbestimmung, „Normalität“, eigener Kultur und Sprache zu verhelfen.

Die Geschichte des Zionismus ist eine Ge­schichte der Auseinandersetzung über dieses Ziel.

Es mag überraschen: Leute, die den Jüdi­schen Staat als Ziel ablehnten, bildeten Führung und Rückgrat der Zionisti­schen Bewegung.

Die Meinekestraße ist vom Bahn­hof Zoo aus gesehen die erste Querstraße links zum Kur­fürstendamm, bebaut mit schö­nen Berliner Gründerzeit-Reihen­häusern. Das Haus Nr. 10 gehörte seit 1925 der „Jüdi­schen Rundschau“, dem Zentral­organ der Zionistischen Vereini­gung für Deutsch­land. Wie es auf der Gedenktafel am Haus heißt (Foto: R.V.), verhalf diese Vereini­gung etwa 50.000 Men­schen zur Auswan­derung. Die meisten werden wohl nach Paläs­tina gegangen sein, in die „Jüdische Heimstätte“ unter britischer Herrschaft.

Chefredakteur der zionistischen Jüdischen Rundschau von 1919 bis 1938 war Robert Weltsch. Unter anderem publizierte er 1933 eine Serie von Artikeln „Tragt ihn mit Stolz, den gelben Fleck!“ (an die sich bei­spielsweise meine Mutter noch gut erin­nern kann). Er emigrierte 1938 nach Paläs­tina, lebte und arbeitete nach dem Krieg in England und starb 1982 in Israel.

Interessant ist, was dieser Zionist vom jüdischen Staat hielt. Er lehnte ihn ab! Und er schildert in seinem Essay von 1951 „A Tragedy of Leadership“ über die Autobio­gra­fie Dr. Chaim Weizmanns, dass dies die entscheidende Frage für die zionistische Bewegung und für ihren Führer war, für Dr. Chaim Weizmann, den Mann, der 1917 erreichte, dass der britische Außen­mini­ster, Lord Balfour, im Auftrag seiner briti­schen Regie­rung die Erklärung heraus­gab, dass diese Regierung die Errichtung einer jüdischen Heimstätte auf dem Gebiet des Osmanischen Reichs anstrebte. (Deutsche Über­setzung der folgenden Zitate aus dem Essay: R.V.)

„Die Geschichte des Zionismus 1917-1948 … wird dominiert von der permanenten Auseinandersetzung zwischen Dr. Weiz­mann und der von ihm geführten Bewe­gung … Auf den Kongressen war die Mehr­heit gegen seine Politik, wenn nicht sogar gegen ihn als Person, und am Ende hatte man keine Wahl als ihn wiederzuwählen, denn es gab keinen alternativen Kandida­ten. Der Konflikt kulminierte 1931, als Weiz­mann zurücktreten musste; vier Jahre spä­ter musste er wiederberufen werden, da die Bewegung in dieser sehr unruhigen Zeit kopflos war … Aber die Beziehung hatte sich nicht sehr verändert. … Nun tauchte ein neuer Gegner aus den Reihen der Partei auf, die immer Weizmanns lo­yalste Unterstützer war, in der Person von Herrn David Ben-Gurion, der offen Weiz­mann während des Krieges 1939-1945 und auf dem Kongress 1946 bekämpfte und der seine eigene politische Agenda und den sogenannten „Aktivismus“ organi­sier­te … den Dr. Weizmann niemals guthieß. Bereits 1940 hatte Weizmann praktisch al­len Einfluss auf das Geschehen in Palästina verloren und wurde nicht einmal mehr über die Ereignisse informiert.“ (S.212-213).

„Weizmann war der einzige in den Reihen der Zionisten der mit britischen Ministern auf Augenhöhe umgehen konnte, und instinktiv wusste das die zionistische Bewe­gung. Es gab niemanden, der so mutig und effektiv für die jüdische Sache auf­treten konnte.“ (S. 217)

„Bereits 1919 beunruhigte ihn die Frage, die ihn nach seinen Worten den Rest seines Lebens beschäftigen würde, näm­lich: ‚Warum mussten wir von Anfang an Feindschaft, oder bestenfalls frostige Neu­tra­lität, der britischen Vertreter vor Ort [d.h. im britischen Mandatsgebiet Palästi­na, R.V.] erleben? … Warum war es eine fast universelle Regel, dass Verwaltungs­beamte, die bei ihrer Ankunft uns günstig zugeneigt waren, sich nach wenigen Monaten gegen uns stellten?‘ Die Antwort ist relativ einfach. Die Offiziellen vor Ort glaubten – zu Recht oder Unrecht – dass es das zionistische Ziel war, die Araber ihres Landes zu berauben, oder sie zu domi­nie­ren, und sie lehnten den Gedanken ab, dass eine Minderheit eine Mehrheit domi­nieren sollte. …

Während all dieser Jahre wurde die zionis­ti­sche Bewegung nicht müde zu betonen, dass die Juden nicht nach Palästina kämen, um die Araber zu dominieren; und sie erklärten feierlichst zu vielen Anlässen, dass kein Araber aus dem Land vertrieben werden sollte. Nur Jabotinsky sagte offen schon auf dem Kongress von 1921, dass Palästina nicht mit dem Einverständnis der Araber zu besiedeln sei und dass Amerika eine Wildnis geblieben wäre, wenn die wei­ße Besiedlung vom Einverständnis der Indianer abhängig gewesen wäre. Der Kongress war über diesen Vergleich schockiert. Niemand akzeptierte Jabotins­kys Argumentation, dass das ganze Unter­nehmen letztlich militärisch sein würde … Weizmanns Formel war in den Jahren des scharfen Konflikts in der Folge des arabi­schen Aufstands von 1929 …, dass ‚die Ju­den nicht dominieren wollen und nicht dominiert werden wollen‚. Praktisch, wenn nicht sogar wörtlich, bedeutete dies … [das] Programm eines bi-nationalen Staats, wo beide Gemeinschaften gleiche Rechte und innere Autonomie haben wür­den. Die offizielle zionistische Position … wurde aus den zionistischen Reihen be­stritten … be­sonders … von den Revisi­o­nis­ten, die unter Führung Jabotinskys ‚einen jüdischen Staat auf beiden Seiten des Jor­dan‘ als das Ziel des Zionismus prokla­mier­ten, ohne zu er­läutern, was mit der nicht-jüdischen Bevöl­ke­rungsmehrheit Palästi­nas geschehen sol­­le.

Die Sache kulminierte auf dem schick­sal­haften Treffen des zionistischen General­rats in Berlin im August 1930 … Weizmann, provoziert durch die Tiraden der Revi­sio­ni­sten, erklärte unverblümt, dass die Um­wandlung Palästinas in einen Jüdischen Staat … unmöglich sei, da wir die Araber nicht vertreiben könnten und wollten. … Die Araber, sagte er, seien ’so gute Zio­ni­s­ten wie wir‘: auch sie liebten ihr Land und könnten nicht überredet werden, es jemand anderem zu überlassen. … Weizmanns Rede in Berlin wirkte als Bombe, obwohl diese Dinge schon lange debattiert worden waren. Niemals zuvor war dieser Aufruf zum Realismus mit solcher Autorität und so klar formuliert worden; es gab kein logisches Argument dagegen … [Trotzdem] protestierten die meisten Diskussionsteilnehmer sofort gegen Weizmanns Worte. „(S. 219-221)

Am Vorabend des 17. Kongresses in Basel 1931 gab Weizmann der Jüdischen Tele­graphen-Agentur (JTA) ein Interview, in dem er sich offen gegen die Idee wandte, einen Jüdischen Staat als das Ziel des Zio­nismus zu proklamieren. Laut JTA sagte er, ‚die Welt wird diese Forderung nur in eine Richtung deuten: dass wir eine Mehrheit erlangen wollen, um die Araber zu ver­trei­ben.‘ Das Interview verursachte einen Sturm, und ein Misstrauensantrag wurde gestellt. Kurioserweise waren die zionisti­schen Parteien auf zweifache, durch und durch widersprüchliche Weise schockiert. Sie lehnten Weizmanns Implikation ab, dass ihr Programm als ein Wunsch zur Vertreibung der Araber interpretiert werden könnte. Auf der anderen Seite waren sie strikt gegen jede Politik, die irgendwelche Restriktionen beinhalten würde, die darauf ausgerichtet wären, eine Vertreibung der Araber zu vermei­den.“ (S. 223f.)

„Als er 1944 [nach Palästina] zurückkam, fand er eine völlig andere Atmosphäre vor. [in seinen Worten] ‚ …  das tragische, vergebliche, un-jüdische Zurückgreifen auf Terrorismus, eine Perversion der reinen Verteidigungsfunktion der Haganah‘ … Die neue Generation militanter und selbst­auf­opfernder Nationalisten in Palästina hatte keine Spur übrig von dem humanistischen Zionismus, mit dem Weizmann identifiziert war.“ (S. 225).

„Die Wahrheit war, dass ein Kapitel zionistischer Geschichte zu Ende war. Neue Kräfte waren an die Oberfläche gekommen, und alle außer einer kleinen Gruppe von Old-Timern – waren überzeugt, dass eine neue Zeit – das barbarische post-Hitler-Zeitalter des 20. Jahrhunderts – neue Methoden benötigte, sehr verschieden von dem, was Dr. Weizmann und seine Freunde befürwortet hatten.“ (S. 226).

Was Robert Weltsch resigniert als „Old-Timer“ bezeichnete, waren meiner Meinung nach die besten Köpfe des Judentums innerhalb der zionistischen Bewegung: Chaim Weizmann selbst, sein Mentor Ascher Ginsberg (Achad ha’Am), Martin Buber, Hannah Arendt, später Mosche Scharett, Nachum Goldmann, Uri Avnery und viele andere – aber gewisslich die Minderheit.

Sollte ich eine Rangreihe der übelsten Typen innerhalb der zionistischen Bewe­gung aufstellen müssen, so ist Nr.1 nicht der von Weltsch erwähnte Wladimir Se’ev Jabotinsky. Dieser Mann hatte Format, er sprach das aus, was andere nicht zu den­ken wagten. Er war ein Ultra-Nationalist und viele seiner Sprüche und Gedanken klin­gen faschistisch, aber er war wenig­stens ehrlich. Nein, Nr.1 ist  David Ben-Gurion: Weizmanns Gegner ab 1935, der Mann, der Jabotinskys gewalttätiges Pro­gramm umsetzte, ihn aber bis über seinen Tod hinaus als Konkurrenten fürchtete (als dieser 1940 auf einer USA-Reise starb, ver­bot er die Bestattung der Leiche in Paläs­ti­na), der ohne jede Skrupel bereits 1938 die Pläne zur Vertreibung und Enteignung der Araber ausarbeiten ließ und sie ab 1947 umsetzte, der in der von ihm verfass­ten Unabhängigkeitserklärung einen demokratischen Rechtsstaat mit gleichen Rechten für jedermann proklamierte, aber die arabischen Vertriebenen ihres Besitzes beraubte, ihre Rückkehr mit Gewalt ver­hinderte und die Verbliebenen unter Mili­tärrecht stellte.

Es ist eine Schande, dass nach diesem Mann eine Straße in Berlin benannt ist. Konsequenterweise sollte man die Tier­garten­straße, die die Ben-Gurion-Straße kreuzt, in Slobodan-Milosevic-Straße um­benennen und die Lennéstraße in Kara­dzic- Mladic-Boulevard.

C) Die deutschen Befindlichkeiten

Konrad Adenauer wusste: Er bekommt Deutschland nur wieder in die Weltge­meinschaft, wenn er sich mit den USA gut stellt. Das Eintrittsticket dafür war Unter­stützung des Staats Israel: 1952 unter­zeichnete Deutschland das Luxemburger Abkom­men, in dem als „Wiedergut­ma­chungsleistung“ die Lieferung von Waren im Werte von 3 Milliarden DM an Israel vereinbart wurde. Deutschland wurde pro-zionistisch. Und so ist es geblieben bis heute: „Sie wissen ja, wir können nicht anders als Deutsche, die Vergangenheit …“.

Dass das bei Adenauer nichts mit mora­li­scher Umkehr von der Nazizeit zu tun hat­te, sieht man leicht daran, dass der pro-zionistische Adenauer den antisemitischen Bürokraten Dr. Hans Globke zu seinem wichtigsten Mitarbeiter machte und Kritik daran an sich abperlen ließ. Ebenso mag es ein Zufall sein, aber ist symptomatisch für die Adenauer-Zeit, dass der erste gro­ße Prozess über die Verbrechen in Ausch­witz erst im Jahr des Endes von Adenauers Kanzlerschaft begann, 1963. Pro-Zionis­mus und völlige Nonchalance gegenüber Antisemitismus gingen bei Adenauer trefflich zusammen.

Dass Pro-Zionismus und Antisemitismus zusammengehen, war keine Ausnahme von der Regel, sondern ist logisch. Denn wenn heutzutage die kleinen neonazis­ti­schen Gruppierungen „Ausländer raus“ fordern – was bedeutet das? Es heißt: Raus aus Deutschland, „zurück“ in die Türkei, in den Irak, nach Albanien etc. Würden sie es wagen, offen „Juden raus“ zu fordern, dann hieße das: Raus aus Deutschland, „zurück“ nach Palästina! Das ist das Wesen von Fremdenhass: Die „Fremden“ sollen aus „unserem“ Land in „ihre Heimat“ verschwinden. Genau so war es in den ersten Jahren der Nazi-Herrschaft: Zynische Sympathie für den Zionis­mus war die logische Kehrseite des Anti­semitismus.

Dies änderte sich bei den Nazis erst 1939, als sich Hitler im totalen Krieg mit dem Weltjudentum wähnte. Nun ging es nicht mehr um die Reinhaltung des deutschen Volkskörpers durch Verdrängung der Juden, sondern um einen Kampf auf Leben und Tod: Juden mussten vernichtet wer­den, wo immer man sie antraf. Auch in Pa­lästina hatten sie kein Lebensrecht, sonst würden sie Deutschland vernichten. Hitler weitete seinen Fremdenhass gegen Juden von seinem Deutschland auf sein Europa aus und auf die ganze Welt, denn die Welt sollte ihm gehören: Seinem Deutschland oder dem Weltjudentum, so sah er das. Mit Gegnerschaft speziell gegen das zio­nistische Projekt hatte dieser Verfolgungs­wahn nichts zu tun. Im harten Ringen gegen das Weltjudentum ließ er sie alle umbringen: meine Urgroßeltern Emma, Leopold, Hedwig, meinen Großvater Arnold, meinen Stief-Großvater Bruno, meine Großmütter Hanna und Miriam, mei­ne Onkel Jonas, Heinrich, Pinchas, meine Tanten Berta, Paula, Laura, meine Halbbrüder Heinrich, Me’ir, Zwi und viele andere.

Wie sollten sich in den 60er-Jahren Deut­sche gegenüber dem atemberaubenden Adenauer’schen Pragmatismus verhalten, wenn sie sich an moralischen Leitlinien orientieren wollten? Alles erschien rich­tiger als Adenauers kalte Distanzierung und kühle Berechnung: Aktion Sühne­zeichen versuchte die echte Wieder­gut­machung der Sünden der Eltern gegen­über Judentum und Israel auf einer per­sönlichen Ebene. Eine sich öffentlich immer weniger artikulierende nostalgische Grundstimmung trauerte dem „gesunden“ Hitler’schen Nationalismus der frühen 30er Jahre nach. Und Teile der Linken und insbesondere die ML-Bewegung, die für al­le, die in den 70er-Jahren studierten, ein­flussreich war, verbanden den Zorn gegen diese „Ewig-Gestrigen“ mit einer bedin­gungslosen Solidarität für die von unserem westlichen Bündnis Unterdrückten von Heute – und das waren die nationalen oder sozialistischen Bewegungen nicht nur in Vietnam, Südafrika, Kambodscha, Zim­babwe, Guinea-Bissao, Angola, Mozam­bique, El Salvador, Nicaragua, Guatemala, Chile, Kurdistan, Nord-Irland, Portugal, Baskenland, sondern auch in Palästina. Das war konsequent. Es war gespeist von dem richtigen Gefühl, dass ein radikaler Bruch mit der Nazi-Vergangenheit nötig war. Insbesondere wenn weiterhin große Teile der deutschen Politiker in den 70er Jahren, besonders aus der CDU/CSU, sich in Solidarität mit den Schlächtern Franco und Pinochet, dem Südafrikanischen Apartheid-Regime und anderen USA-freundlichen Diktaturen übten.

Die Kehrseite der Konsequenz der deut­schen Linken der 70er Jahre war, dass die­jenigen Teile der Realität verleugnet wur­den, die diese Konsequenz störten. Am drastischsten geschah dies in Bezug auf Kambodscha. Auch der Autor dieser Zeilen hielt die Berichte über den Massenmord des Pol-Pot-Regimes an seinen kam­bo­dschaner Bürgern – 30 Jahre nach Ausch­witz und in gleicher Quantität und Bruta­li­tät wie der NS-Massenmord an den Juden Europas – zunächst für imperialistische Greuelpropaganda.

Darüber redet heute keiner mehr. Alles vergessen. Alle haben, 66 Jahre nach den deutschen Verbrechen an den Juden Europas, 59 Jahre nachdem Adenauer es kaltschnäuzig vorgemacht hat, die „rich­ti­ge Linie“ entdeckt: „Solidarität mit Israel als deutsche Staatsräson“, denn „wir Deut­schen können ja nicht anders“.
Peinlich in seinem Scheuklappendenken.

Zur Veranschaulichung eine kleine Tabelle.

für Juden indifferent oder sowohl für als auch gegen Juden gegen Juden
für jüdischen Staat Jabotinsky Stalin (bis ca. 1950)
Adenauer
Hitler (bis 1939)
sowohl für als auch gegen jüdischen Staat Weizmann, Scharet, Goldmann
gegen jüdischen Staat Buber, Arendt Hitler (ab 1939)
Stalin (ab ca. 1950)

Da kann sich nun jede(r) mit seiner Bio­gra­fie in seinen verschiedenen Lebensab­schnitten selbst verorten. Zur heutzutage „politisch korrekten“ Einstellung (Jabotins­ky) siehe oben, in Teil (B).

D) Zusammenfassung und eigene heutige Meinung

Es gab und gibt eine Menge guter Gründe gegen das Projekt eines „Jüdischen Staats“. Weder historisch noch logisch hat die Gegnerschaft gegen dieses Projekt etwas mit Antisemitismus zu tun.

Der Staat Israel wird sich in Frieden nur halten können, wenn er den Ausgleich mit der nichtjüdischen Bevölkerung im Staat und in seiner Nachbarschaft sucht und wenn er von einem ethnokratischen Besatzerstaat in eine gerechtere poli­ti­sche Form übergeht.

Es gibt dazu zwei Alterna­ti­ven. Die eine Alternative ist der Untergang Israels. Die andere Alternative ist das Andauern des gegenwärtigen Unrechtszustands; den un­mittelbaren Preis für diese Alternative werden weiterhin die Palästinenser zu zahlen haben, aber mittelbar auch die Unterstützer dieses Unrechtszustands, be­sonders die westlichen Länder und die jü­dischen Gemeinschaften außerhalb Israels, in Form der Verachtung der Weltgemein­schaft und in Form von „terroristischen“ Akten aus Empörung über diese Unterstüt­zung.

Zitierte Quellen:

Meine Hochachtung gilt den wenigen deutschen Politikern, die sich für die fried­li­che Lösung einsetzen, indem sie den Blick auf das Unrecht lenken, so wie Norman Paech, Inge Höger, Wolfgang Thierse, Rup­recht Polenz, Hermann Dierkes.

Mein Beileid gilt den vielen deutschen Politikern, die mit „wir können ja nichts tun als Deutsche …“ den Unrechtszustand unterstützen; eingehüllt in einen Kokon der wohlfeilen Betroffenheit über die Ver­gangenheit glauben sie, sie könnten nichts tun gegen Unrecht und Leiden in der Gegenwart.

[1] veröffentlicht in: Semit, Sondernr. 1/2011. © Rolf Verleger, verleger@onLuebeck.de