Schweigeminute

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Im Berliner Thikwa-Theater läuft in Kürze das Stück „Schweigeminute“ an, das im Mai 2010 im Ballhaus Naunystraße uraufgeführt und im September 2010 beim israelischen Off-Theater-Festival Acco ausgezeichnet wurde. „Eine intelligente und kluge Inszenierung, die den schöpferischen Schauspieler ins Zentrum stellt, und die Komplexität zwischen Israel und Deutschland zum Ausdruck bringt-in einer sehr heutigen Art, indem sie das Leben von jungen Leuten berührt, die über ihre Identität nachdenken…“, heißt es in der Begründung der Jury. Ramona Ambs hat Ariel Nil Levy, der gemeinsam mit Hila Golan das Konzept entworfen hat und selbst auch als Schauspieler mitwirkt, zum Stück befragt…

Ariel, es ist schon sehr ungewöhnlich, wenn ein Theaterstück in zwei Sprachen gleichzeitig aufgeführt wird. „Schweigeminute“ erzählt in Hebräisch und Deutsch – von was eigentlich?

Ariel: Die Beziehung Israel-Deutschland ist eine komplizierte Beziehung, in der es neben vielen Unterschieden auch viele Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Gesellschaften gibt. Über allem steht die große Frage nach dem „Wie“ einer Erinnerungskultur und nach dem Umgang mit dem Vergessen. Der Satz „Von der Humanität über die Nationalität zur Bestialität“ (ursprünglich von Franz Grillparzer und später von dem israelischen Philosophen Yeshayho Leibovitch wiederaufgenommen) ist quasi das Motto. Während des Stücks wird dieses Motto geprüft und in Frage gestellt. Die Schauspieler untersuchen die Verbindung zwischen den Begriffen Humanität, Nationalität und Bestialität anhand ihrer eigenen sowie auch fiktiver Biographien und indem sie sich mit Kulturstereotypen und Identitätsfragen beschäftigen (z.B. künstlerische Identität im Gegensatz zur nationalen oder privaten Identität).

Ein weiteres Leitmotiv des Stückes ist die Zeit, symbolisiert durch die Form der Uhr. So ähnelt der Bühnenaufbau, wie auch der formale Aufbau des Stückes einer Uhr. Und auch in seinem Inhalt, das Laufen gegen die Uhrzeigersinn ist ein Schwimmen gegen den Strom, gegen das Erbe unserer Väter, mit kompromissloser Fragestellung und Selbstkritik, und ohne nationalitätsbedingte Blindheit.

Die Migrationsgeschichten in diesem Stück sind sowohl autobiographisch wie auch fiktiv. Die vier Schauspieler – Deutsche wie Israelis – gehen durch eine emotionale persönliche Reise, um sich selbst zu finden, ohne Abhängigkeit von Heimat und Land. Die Anwendung von verschiedenen Sprachen und deren Übersetzung sowie die textliche Nutzung von privatem wie erfundenem Material, schafft eine Komplexität, die uns zu dem entscheidenden Satz führt: Sich selbst entwurzeln heißt: die Suche nach mehr Bedeutung – (stammt von Simone Weil, Schwerkraft und Gnade).

Wie kamt ihr auf die Idee zu diesem Stück?

Die Idee zum Stück kam von unserer eigenen Immigrationserfahrungen. Weg von Israel zu sein hat uns natürlich eine neue Perspektive eröffnet, unseren Blickwinkel vergrößert. In Israel ist halt eine andere Realität, die Zeit läuft ganz anderes dort. Wir sind gewöhnt an Lärm, Aufruhr und an die ständige Last des dortigen Lebens, und wenn man im Gegensatz dazu hier die relative ‚Ruhe‘ spürt und die „deutsche Gemütlichkeit“ sieht, denkt man schon mal: was ist eigentlich ’normal‘?

Wir beide, Hila und ich, haben uns in Linz 2008 getroffen. David Maayan, mit dem wir in unterschiedlichen Projekte schon gearbeitet hatten, war dort der künstlerischer Leiter und Kurator von einem Projekt, in dem wir engagiert waren. Er hat uns unterstützt und begleitet.

Ich bin schon fast 11 Jahre hier, Hila seit 3,5 Jahren. Unser Theater-Leben haben wir beide schon sehr jung begonnen. Mit 16 Jahren. Hila hat ihre Ausbildung und erste Theater-Inszenierungen am Acco Theater Center gemacht und ich war bereits mit 16 Jahren auf der Schauspielschule in Israel und habe danach weiter an verschiedenen Theatern im deutschsprachigen Raum als Dramaturg, Regisseur und Übersetzer gearbeitet. Wir haben in Linz viel über Theater und Hitler gesprochen und haben uns verliebt.

Im Nachhinein haben wir dort eine gemeinsame theatralische Sprache gefunden und so entstand unsere erste gemeinsame Arbeit. Wir wollten die deutsch-israelischen Beziehungen auf eine andere Art berühren und anfassen. Dass dabei selbstverständlich auch heilige Kühe geschlachtet werden würden, war uns von vornherein klar, ebenso die Tatsache, dass es Sachen gibt, die man nicht verleugnen kann und vor denen wir nicht wegrennen können.

In Berlin haben wir Niva, Anke und Meytal gefunden, wir haben angefangen, historische Texte zu lesen, wir haben alle die Fragen des aktuellen Migrationstest untersucht und das traurige Ritual der Vergangenheit aufgegriffen: die Schweigeminute. Daraus und aus Tausend weiteren Teilen haben wir das gemacht was „Schweigeminute“ heute ist.


© Pierre Martinerie

Das Stück wurde im Mai 2010 beim Diyalog-Festival im Ballhaus Naunynstr. uraufgeführt, im September 2010 wurde es beim israelischen Off-Theater-Festival Acco ausgezeichnet und im vergangenen November hattet Ihr Aufführungen im Tmuna Theater in Tel Aviv: Wie waren die Publikumsreaktionen an diesen doch sehr unterschiedlichen Spielstätten?

Das Stück hat seinen Weg in dem postmigrantischen Tempel in Kreuzberg, im Ballhaus Naunynstrasse, mit ganz warmen Reaktionen begonnen, wir haben dort am Premiere-Abend eine Frau erlebt, die mit Tränen zu uns gesagt hat, wie mutig sie den Inhalt und die Texte fand… Für manche Deutsche hingegen war es nicht leicht, wie wir ihre heiligen Kühe schlachteten. Es gibt eine direkte, ich würde sagen israelische, also eben drastische Art die Sachen zu sagen.

In Acco sind wir in einem alten Ritter-Pferdestall aufgetreten, 16 mal in einer Woche, sehr intensiv … Es gibt eine Figur im Stück, eine israelische Reiseführerin, durch deren aggressiv-humorvolle Art die Israelis die Kritik, die diese Figur verkörpert, sehr gut annehmen konnten. Wir hatten ein wenig Sorge, wie ältere Leute in Israel auf die Teile, die auf deutsch sind, reagieren würden, umso glücklicher waren wir dann über die Auszeichnung als beste Vorstellung im Festival im Rahmen der Gastspiele. Danach hat uns das Goethe Institut eingeladen und wir hatten mehere Vorstellungen in Israel.

Wir sind froh und gespannt jetzt auf die Aufführungen im Thikwa Theater im Juli! Und wir freuen uns, noch Vorstellungen im Juli in Tel Aviv und Acco geben zu können und im Oktober während der Jiddischen Musik- und Theater-Wochen in Dresden in Deutschland aufzutreten. Wir hoffen das deutsche Publikum im Theater Thikwa mit dem Rhythmus und Inhalt des Stückes zu berühren, gleichzeitig ist für uns total wichtig, wach und selbstkritisch zu bleiben und deshalb freuen wir uns auch über Gedanken und Kritik von unserem Publikum.

Vielen Dank für das Gespräch.

„Schweigeminute“ wird vom 7.7. – 10.7. 2011 im Thikwa-Theater Berlin-Kreuzberg gezeigt.

Mit Niva Dloomy, Ariel Nil Levy, Anke Rauthmann, Meytal Zur | Konzept: Ariel Nil Levy + Hila Golan | Regie: Hila Golan | Musik: Erez Frank, Daniel Roth | Gesang: Meytal Zur | Licht: Yair Vardi | Filmzitate aus: Yizkor, Slaves of Memory, Dokumentarfilm, 1990, R: Eyal Sivan

und im Teatron Tmuna am 15./16. Juli im Teatron Tmuna in Tel Aviv.