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Mit SAR-EL in Israel

Erfarungen aus drei Wochen als freiwilliger Helfer im SAR-EL-Programm bei der israelischen Armee…

Von Rolf Kahle-Flemming

Jedes Volk, jeder Glaube besitzt eine „Große Erzählung“.(Ich nehme hier einen Begriff auf, den Ton Veerkamp, früher Studentenpfarrer in Berlin, eingeführt hat: „Ich nenne Große Erzählung eine von der Mehrzahl der Gesellschaftsmitglieder erkannte und anerkannte Grunderzählung, in der sie ihre einzelnen Lebenserzählungen miterzählt wissen“. ) Sie begründet die Existenz dieser Gemeinschaft, sie schafft das Bewusstsein der gemeinsamen Herkunft und des gemeinsamen Weges in der Vergangenheit. Sie schafft das, was wir „Identität“ nennen und bewegt die Menschen, ein gemeinsames Ziel zu erstreben. Sie erzählt die Geschichte der Befreiung und die Bewährung oder Gefährdung dieser Freiheit – eine andere Geschichte zu erzählen, würde sich auch nicht lohnen. Sie gibt der Sehnsucht eine Sprache, dem Traum von einem nicht bedrohten oder gefährdeten Leben, aber auch dem Zorn über das, was Menschen getan haben und was Menschen angetan wurde und wird, und sie erzählt von der Würde des Lebens.

Dabei ist es gleichgültig, ob sich eine Begebenheit, von der erzählt wird, so oder anders oder vielleicht auch gar nicht ereignet hat – entscheidend ist, dass von ihr erzählt wird und dass die Menschen sie für wichtig halten.

In dieser Großen Erzählung kann sich jeder einzelne Mensch, kann sich jede Gruppe wiederfinden, kann sich als Teil von ihr betrachten und mit der eigenen Geschichte oder der eigenen kleinen Erzählung zur Großen Erzählung beitragen.

In Israel kommen mehrere solcher Erzählungen zusammen, die alle miteinander zu tun haben, einander durchdringen und dennoch nicht identisch sind: Die Geschichte Israels als des Volkes Gottes bis zur Zerstörung Jerusalems, die Geschichte der Zerstreuung und der Verfolgung und endlich die Geschichte des neuen Staates, der einerseits säkularer und demokratischer Staat ist und andererseits immer versucht ist, auf seine geschichtliche und theologische Legitimierung im Tanach zurückzugreifen.

Diese Gemengelage findet sich auch wieder in den Motiven der Menschen, die Zeit, Geld und Kraft aufwenden, um diesem Staat und seiner Armee für eine Dauer von drei Wochen bis zu drei Monaten als freiwillige Helfer zu dienen.

Im März und April dieses Jahres war ich für drei Wochen als freiwilliger Helfer im SAR-EL-Programm bei der israelischen Armee.

Während des ersten Libanonkriegs im Sommer 1982 drohte die gesamte Ernte auf den Golan-Höhen verloren zu gehen, weil die übergroße Mehrzahl der Siedler als Reservisten eingezogen worden war. Dr. Aharon Davidi, der Verwaltungschef des Golans, rief in den USA um Hilfe. Innerhalb weniger Wochen kamen ungefähr 650 Freiwillige, die die Ernte retteten und so dem Land halfen. Und diese ersten Freiwilligen wünschten sich, dass aus dieser einmaligen Aktion eine dauerhafte Einrichtung würde.

Im Frühjahr 1983 wurde deswegen SAR-EL gegründet, das Nationale Projekt mit der Abkürzung für „Dienst für Israel“ und ist inzwischen in fast 30 Ländern der Erde vertreten

Mit diesem Programm sollen die Bindungen der Juden in aller Welt an das Land und das Volk im Lande Israel gestärkt und gefördert werden, und es wird ausdrücklich gewünscht und begrüßt, dass auch Nichtjuden daran teilnehmen. Bis Ende 2010 haben über 125.000 Freiwillige teilgenommen; 6 % von ihnen sind im Land geblieben und israelische Bürger geworden.

Vierzig oder fünfzig Menschen jeglichen Alters sammelten sich in der Ankunftshalle des Flughafens von Tel Aviv und wurden von einer kleine, drahtigen Frau mit gewaltiger Stimme begrüßt: „You’re in the army now, so don’t complain about the food and don’t complain about the beds!“ Anschließend teilte sie uns mit, was wir alles nicht dürfen oder tun sollten: Unseren Stützpunkt, dem wir zugeteilt würden, verlassen, die Uniform außerhalb des Stützpunktes tragen, mit den Soldaten politische Fragen diskutieren und – ganz wichtig – keine religiösen Fragen erörtern und schon gar nicht Werbung für unseren Glauben oder unsere Religion machen. Dies würde zum sofortigen Ausschluss aus dem Programm und der Abschiebung aus Israel führen.

Die Busse zu den einzelnen Basen standen schon bereit; jeder nannte seinen Namen und bekam ein Schild auf die Kleidung geklebt, auf dem der Name des Ziels stand. Unsere Gruppe machte sich auf den Weg in Richtung Süden, in den Negev.

Elf Personen umfasste unsere Gruppe, sechs Männer und fünf Frauen. Elf Menschen, die beschlossen hatten, einen mehr oder weniger großen Teil ihrer Zeit, ihrer Kraft, ihres Geldes diesem Land zukommen zu lassen, denn alles bis auf die Unterkunft und die Verpflegung während dieser drei Wochen mussten sie selber bezahlen. Sie hatten sich dafür entschieden, möglicherweise nicht so pathetisch wie das hier klingt, ein kleiner Teil dieser Großen Erzählung zu sein.

Erstaunlich fand ich, dass unter diesen elf Menschen nicht ein einziger Jude war. Zwar hatte der eine eine jüdische Großmutter gehabt, ein anderer war mit einer russischen Jüdin aus Kiew verheiratet, aber wir waren alle Christen und zwar in der übergroßen Mehrzahl protestantische Christen, wenngleich verschiedener Herkunft, Denomination, Färbung.

Und ebenso erstaunlich fand ich, wer plötzlich irgendwo seine Bibel hervorzog: Der Mann aus North Carolina ebenso wie die Frau aus Alabama, die in Italien lebende Schweizerin, die der protestantischen Kirche Frankreichs angehört, ebenso wie der Australier, der über verschiedene Gemeinden und Kirchen nun seinen Weg zum Judentum gefunden hat und sich als messianischer Jude betrachtet, ohne aber bisher konvertiert zu sein. Kann man das überhaupt – zum messianischen Judentum konvertieren? Ich vermute, kein Rabbi wird so etwas mitmachen und das Oberrabbinat in Jerusalem wird eine solche Konversion ganz sicher nicht anerkennen. Mein Freund befindet sich da in der Tat zwischen allen Stühlen.

Die Freiwilligen werden vorzugsweise in Nachschub- und Versorgungsbasen eingesetzt. So auch wir, die wir uns in Gegenwart zweier Feldwebel wiederfanden, die uns von nun an täglich unsere Aufgaben zuwiesen: Schuki und Buchi. Die beiden waren zwei Seiten einer Medaille, immer zusammen und konnten augenscheinlich nur gemeinsam auftreten. Sie hatten den gleichen Rang, aber der eine versuchte immer, den anderen zu kommandieren, und der andere brüllte dann zurück. Sie waren zwar pensioniert, kamen aber für 180 Tage im Jahr zurück zur Armee, um den Nachschub zu organisieren.

Die beiden und wir elf waren nicht die einzigen Freiwilligen: Jeden Morgen kam ein Bus aus der nahen Stadt und brachte 15 bis 20 Frauen und Männer im Rentenalter in die Basis. Auch die waren mit solchen Aufräum- und Packarbeiten wie wir beschäftigt; wir trafen sie freilich nur zum Frühstück oder zum Mittagessen.

Unsere ersten Tätigkeiten waren einfach: Lastwagen ausräumen. Da standen zehn oder zwölf Lastwagen, aus denen wir alles entfernen mussten, was sich in den Kisten, Kästen, Behältern und im Fahrerhaus befand. Alle diese Werkzeuge, Feuerlöscher, Bagagesäcke wurden jedes halbe Jahr herausgenommen und ebenso wie die Lastwagen selbst auf die Funktionsfähigkeit überprüft. Anschließend, wenn wir alles untersucht, geprüft, entrostet, eingeölt und notfalls auch wieder gangbar gemacht hatten, räumten wir das alles wieder dahin, wo wir es hergeholt hatten.

Die Lager! Hunderte von Metern von Regalen, und oben an jedem Regal ein Schild mit dem Kennzeichen des Lastwagens, Trucks, Jeeps oder Tankwagens. Darin lag auch ein genaues Verzeichnis all dessen, was zu diesem Fahrzeug gehört und was sich demzufolge in diesem Regal befinden sollte. Und auf dem Boden Hunderte, Tausende von Ersatzteilen, die bestellt und geliefert, aber noch nicht eingeordnet worden waren.

„Hast du keine Angst?“ war in den allermeisten Fällen die erste Reaktion, wenn ich erzählte, ich ginge nach Israel. Das war auch in den Jahren vorher schon so gewesen, wenn meine Frau und ich unsere Reisepläne für den Urlaub bekanntgaben: „Das wäre mir zu gefährlich!“ Offenbar ist Israel als ein von Gewalttaten geschütteltes Land im Bewusstsein der Menschen präsent, und die Furcht gilt immer dem Leben des Reisenden und nie dem Land. Dabei ist das Land in seiner Existenz mindestens ebenso bedroht wie möglicherweise der einzelne Urlauber oder Reisende, der, wenn er mit einer Gesellschaft fährt, ohnehin nie an eine Stelle kommt, an der es gefährlich werden könnte.

An die fünfzig Raketen und Granaten aus Granatwerfern sind in den drei Wochen vom Gazastreifen aus nach Israel hinein abgefeuert worden. Bedroht haben wir uns nie gefühlt, obwohl eine Rakete in der Gegend der Stadt niederging, bei der unsere Basis lag.

Einmal allerdings war fast mit Händen zu greifen, wie der Zorn durch unsere Gruppe ging: Am 23. März detonierte in Jerusalem eine Bombe, die dort in einer Aktentasche abgestellt worden war. Wir hatten nur mitbekommen, dass eine Gruppe der Fatah die Verantwortung übernommen hatte (Die sie später freilich wieder abstritt) und wussten nichts von den Opfern. Wir packten gerade Magazine für Maschinenpistolen und Infanteriegewehre in die Segeltuchtaschen und waren uns nach wenigen Augenblicken und wenigen Sätzen einig: Wenn es zu einem Konflikt kommt und wenn die Dinge gebraucht werden, an denen wir hier arbeiten und die wir hier packen, wird es nicht an uns liegen, wenn etwas nicht funktioniert. An diesem Nachmittag haben wir mit besonderer Entschlossenheit und Erbitterung weitergearbeitet.

Immer wieder ist mir in Deutschland entgegengehalten worden, dass und wie die Palästinenser leiden. Ich bestreite das nicht. Ich bestreite nicht, dass die israelische Regierung sich manchmal nachgerade dumm verhält, dass sie eine unglaublich schlechte Öffentlichkeitsarbeit betreibt, dass israelische Siedler Öl in jedes Feuer gießen, das sie irgendwo glimmen sehen. Gegen jedes Argument, das ich für Israel vorbringe, wird mir ein anderes, ebenso einsichtig scheinendes, entgegengehalten. Es ist platterdings unmöglich, ein objektives Urteil zu fällen. Darum habe ich für mich eine Konsequenz gezogen und eine Entscheidung getroffen: Ich stehe auf der Seite Israels. Nicht unkritisch und gewiss nicht bei jeder einzelnen Entscheidung der Regierung, aber ich stehe auf der Seite des Staates, des Landes, der Menschen. Bewusst und mit Vorsatz!

Und das war der Antrieb aller Menschen in unserer Gruppe. Da waren die konservativen Christen, die im Staat Israel und in den Juden ungeachtet aller zeitlichen und geographischen Brüche das Volk Gottes sehen, da war der Deutsche, dessen Stiefvater Jude ist und in Israel lebt und der das Land und die Menschen kennenlernen will. Da war der Mann, dessen Traum es ist, einen Kibbutz in der Wüste zu errichten, einen Kibbutz vorzugsweise mit seinen Landsleuten und ohne die Altersbeschränkung auf 35 Jahre. Eine Siedlung mit Männern und Frauen, die ein Leben voll mit beruflicher Erfahrung mit sich bringen. Und der historisch-kritische Theologe aus Deutschland, dessen Gründe ein so unentwirrbares Durcheinander bilden, dass er sie selber nicht plausibel erklären kann oder möchte. Der hat seine gesamte Theologie im Koffer gelassen und war nur fromm mit den Frommen, war unangestrengt ein Bruder unter Schwestern und Brüdern. Und der hat in dem Australier einen Bruder gefunden, auf dessen Freundschaft er um nichts auf der Welt verzichten möchte.

Was soll, was wird aus Israel werden? Dass es der einzige demokratische Staat im Nahen Osten ist, bleibt vorderhand eine Binsenwahrheit, auch wenn sich in den arabischen Staaten der näheren und ferneren Nachbarschaft Änderungen durchgesetzt haben oder sich – möglicherweise – abzeichnen. Dass es im Augenblick auch noch militärisch stärker ist als mehrere seiner Gegner zusammen, ist eine Hoffnung der allermeisten Israelis. Es bleibt aber immer die Drohung der Palästinenser, die offenkundig auf keinen Fall das Lebensrecht Israels anerkennen wollen, selbst wenn die Autonomiebehörde auf den West Banks inoffiziell und ohne großes Aufheben mit Israel kooperiert zum Nutzen beider.

Es bleibt die Drohung, die in der „asymmetrischen Kriegführung“ besteht: Die Hamas und andere Terrororganisationen können nicht offen gegen Israel kämpfen, weil sie wissen, dass sie hoffnungslos unterlegen wären. Sie müssen sich auf Raketenangriffe, Mörserbeschuss, Selbstmordattentate und Attacken aus dem Hinterhalt beschränken. Gleichgültig, wie die Regierung, wie die Armee reagiert – sie können es eigentlich immer nur falsch machen: Entweder haben sie die Weltöffentlichkeit gegen sich, weil sie angeblich „überreagieren“ oder sie erfahren den Druck der heimatlichen Öffentlichkeit, weil sie nicht genug gegen den Terror unternehmen.

Symptomatisch dafür ist das Schicksal der entführten, verschleppten Soldaten, sieben bisher, von denen man nichts oder kaum etwas weiß. Der letzte ist Gilad Schalit, dessen Entführung sich in diesem Juni zum fünften Mal jährt. Wie soll die Regierung, wie soll die Armee handeln? Dies war ein bedrückendes Planspiel, das unsere Madrichot mit uns veranstalteten. (Die Madrichot waren zwei junge Soldatinnen, Tamar und Liat, die als unsere Betreuerinnen abgeordnet waren. Sie haben uns immer begleitet, war ständig für uns da, beantworteten geduldig jede Frage und halfen bei jedem sprachlichen, organisatorischen oder militärischen Problem.)

Soll sie mit den Entführern verhandeln? Ein Kommandounternehmen zur Befreiung versuchen? Nichts tun? Was, wenn das Unternehmen misslingt, der Entführte oder weitere Soldaten sterben, möglicherweise auch gefangengenommen werden? Dann stünden sie wieder vor dem ersten Dilemma: Was tun?

So lässt sich Gedankenreihe fortsetzen; immer wieder endet sie vor dem ursprünglichen Problem: Mit den Terroristen verhandeln oder nicht? Denn immer drohen zwei Möglichkeiten, wenn eine Aktion misslingt: Verurteilung durch die UNO und die Weltöffentlichkeit oder der Druck durch die heimatlichen Medien und die Bevölkerung.

Hier stellen sich „letzte“ Fragen, die mit Leben und Tod, mit der Verantwortung vor Gott und den Menschen zu tun haben. Und wenn der Bundesaußenminister im November 2010 in Gaza öffentlich geäußert hat, es sei „ein Gebot der Menschlichkeit, dass dieser junge Mann zurückkehren kann zu seiner Familie“, dann irrt er fundamental: Es ist ein Gebot des Völkerrechts, dass derartige Entführungen unterbleiben oder von der Völkergemeinschaft geahndet werden.

Inzwischen scheint sich in den Köpfen der Politiker als die einzig mögliche Vorstellung die Schaffung eine Palästinenserstaats etabliert zu haben. Es mag auch sein, dass im September auf der Vollversammlung der Vereinten Nationen die Palästinenser einen entsprechenden Antrag stellen. Doch was dann? Nehmen wir an, ein solcher Staat würde gegründet, auf welchem Gebiet, in welchem Umfang und mit welcher Regierung auch immer. Was geschieht, wenn weiterhin vom Territorium dieses Staates aus Angriffe auf Israel geführt werden? Dann werden sich über kurz oder lang zwei Staaten im Krieg miteinander befinden.

Doch diese Überlegungen gehen über einen Reisebericht weit hinaus.

Im nächsten Jahr will ich jedenfalls wieder dorthin, und ich sage mir des Öfteren den alten Wunsch vor: Nächstes Jahr in Jerusalem…

Ein Monat bei den israelischen Streitkräften: Kurzzeitsoldat
Das Sar-El-Programm ermöglicht einen Einblick in einen der sensibelsten Bereiche Israels, in das Militär. Ein Erfahrungsbericht…