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Du bist ein Jekke? Wie cool

Über Israelis deutscher Abstammung machte man sich früher lustig, weil sie so festgefahren sind; heute nutzen ihre Nachfahren begeistert soziale Netzwerke wie Facebook, um ihr Erbe zu bewahren, weil sie beginnen auf ihre Wurzeln stolz zu sein…

Von Ofer Aderet, Haaretz v. 10.06.2011

„Hat jemand ein Rezept für Rote Grütze?“ war die Frage einer Nutzerin letzte Woche auf der Facebook Seite für die Nachkommen der Jekke (Juden aus den deutsch-sprachigen Ländern). Ihr Nachname, Tuchler-Neubert, ließ keinen Zweifel an ihrem Ursprung. Genau wie ihr Interesse an der feinen deutschen Nachspeise – ein gekühlter Pudding aus roten Beeren. Ein anderer Nutzer, in heiterer Stimmung, fragte: „Mal sehen, wer mir erklären kann, warum die Banane krumm ist.“ Jeder Nachkomme von Jekkes mit Erinnerungen an irgendeine Oma Gertrude weiß, dass diese Frage auf den gereimten deutschen Ausspruch „Warum? Warum ist die Banane krumm?“ anspielt. Die Facebook-Seite, nach einem bekannten deutschen Kinderlied namens „Hoppe hoppe Reiter“ benannt, ist stolz darauf, ein warmes Zuhause für „junge Nachkommen von Jekkes zur Erhaltung des Jekke-Erbes“ zu sein. Oben auf der Seite ist ihre Zielgruppe definiert: „Wenn Deine Erinnerungen an Deine Großmutter Reime in Deutsch oder totale Stille zwischen 2 und 4 am Nachmittag enthalten, bist Du an der richtigen Stelle.“

Die Seite ist einer der Wege der altgedienten Jekke Organisation, der Vereinigung der Israelis mitteleuropäischer Herkunft – 1932 in Tel Aviv gegründet – in den letzten Jahren, um eine Annäherung an ein junges Publikum, Mitglieder der dritten und vierten Generation von Israelis mit deutschem Hintergrund, zu ermöglichen. Nächste Woche [am 16.6.] ist eine große Zusammenkunft im Tefen Industrial Park im westlichen Galiläa geplant, der von einem der bekanntesten und reichsten Mitglieder der Gemeinschaft, Stef Wertheimer, gegründet wurde.

Die Veranstaltung markiert den 75. Jahrestag der Besiedlung von Pionier-Jekkes in 50 landwirtschaftlichen Kibbuzim, Moshavim, Ortschaften und Wohnvierteln im ganzen Land. Die Direktoren der Organisation hoffen, junge Gesichter im Publikum zu sehen – die nächste Generation, die ihnen helfen kann, ihr Erbe auch über die nächsten 75 Jahre zu bewahren.

„Die Organisation ist alt und grundlegenden Ziele – in erster Linie die Ermöglichung der Einwanderung der deutschen Juden – sind längst verschwunden“, sagt der bekannte Journalist Micha Limor. „Die Gründergeneration stirbt aus und wir suchen neue Mitglieder und Ziele.“ Limor, 73, der in den letzten Jahren die Zeitschrift der Organisation, den Yakinton, herausgegeben hat, ist selbst ein stolzer Jekke der zweiten Generation. Seine Generation fasst den Beinamen nicht länger als Beleidigung auf.

Im Hinblick auf dessen Herkunft gibt es noch immer Kontroversen. Einer Version entsprechend, kommt „Jekke“ von dem deutschen Wort „Jacke“, ein Kleidungsstück, das typisch für westeuropäische Juden war. Andere sagen, mit einem Augenzwinkern, dass „Jekke“ das hebräische Akronym des Wortes „Schwer-von-Begriff-Jude“ sei. Fast sicher spielt es auf einen alten, abwertenden deutsche Begriff im Sinne von „Clown“ oder „Narr“ an. „Für unsere Eltern war der Beinamen „Jekke“ eine schreckliche Beleidigung, die sie nie verziehen“, erzählt Limor, der in Haifa, einer wichtigen Bastion des Jekke-Lebens wohnt. „Aber wir tragen keine Jacken mehr – vielleicht nur im Fernsehen – und wir sehen uns nicht als so schwer zu verstehen“.

Nachdem Limor vor sechs Jahren die Redaktion übernahm, führte er eine Reihe von Schritten durch, um den Yakinton für die jüngere Generation freundlicher zu machen. Das war keine leichte Aufgabe. Die altgediente Zeitschrift, die im nächsten Jahr ihr 80. Jubiläum feiert, war überholt und veraltet und enthielt vor allem allgemeine und aktuelle Informationen für seine Leser – alle Mitglieder der Organisation.

Der erste Schritt, den er unternahm, war, dem ursprünglichen Namen – Mitteilungsblatt (in Deutsch) – einen zusätzlichen, hebräischen Namen hinzuzufügen: Yakinton, ein Wortspiel aus „Jekke“ und der hebräischen Bezeichnung für Zeitung („iton“). Es ist auch der hebräische Name der Hyazinthe, einer mediterranen Blumen, passend für eine Zeitschrift, die auf israelische Leser abzielt. Der zweite Schritt war ebenso bedeutsam: Die Erweiterung des hebräischen Teils der zweisprachigen Zeitschrift, so dass der Großteil der Inhalte in Hebräisch erscheint und nur ein Drittel in Deutsch, „zum Wohle der Jekkes in den Altersheimen, die sich noch immer nicht der Sprache entwöhnt haben“, wie Limor es ausdrückt.

Die Veränderung zeigt sich auch im eigentlichen Inhalt, der nun auch umfassende Berichterstattung über das Jekke-Erbe und die Erhaltung von Jekke-Werten in der Gesellschaft enthält. Yakinton, eine der ältesten Zeitschriften in Israel, hat sich an die Neuerungen der Zeit angepasst, manchmal zum Leidwesen der alten Mitglieder der Organisation, die die alte und bescheidene Version der Veröffentlichung vorgezogen haben. „Die bisherige Redaktion war sparsam“, sagt Limor. „Um die Menge des verwendeten Papiers zu verringern, wurden die Worte dicht aneinander gedrängt und es gab keine Fotos.“

Die Farbe, der Abstand und die Grafiken, die er einführte ärgerten einige Abonnenten. „Die alten Leute beschwerten sich, dass ich Fernsehen in die Zeitung bringen würde und ihre Atmosphäre zu internet-mäßig und modern sei“, erzählt er.

Heute werden tatsächlich nach Veröffentlichung die wichtigsten Artikel der Zeitung ins Internet hochgeladen. Alle alten Ausgaben wurden gescannt und sind online verfügbar. Die derzeitige Aussendung beträgt 4.000 Exemplare, davon ein Viertel ins Ausland, aber die tatsächliche Zahl der Leser ist weit höher. „Es gibt Kibbuzim, die, um Geld zu sparen, eine Kopie kaufen und zwischen den etwa 50 Jekke-Lesern herumreichen“, erzählt Limor.

Einer der Vorteile des Magazins – zumindest für Werbetreibende – ist die Leserschaft, die viele berühmte und wohlhabende Jekke-Familien beinhaltet, unter ihnen die Strauss, Federmans, Hamburgers, Harels und Fischers sowie viele andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und wirtschaftliche Führungspersönlichkeiten. Die überwiegende Mehrheit der Leser ist zwischen 50 und 70 Jahren alt, meist Angehörige der zweiten Generation. In letzter Zeit zeigen jedoch auch die dritte und vierte Generation reges Interesse.

„Mein Sohn, der 46 ist, liest natürlich, was sein Vater schreibt, aber wer die Zeitschrift von Anfang bis Ende durchliest, das ist mein 17-jähriger Enkel, der von der Jekke-Szene fasziniert ist“, sagt Limor.

Die Redaktion besteht aus 10 regelmäßigen Autoren, darunter einige renommierte Professoren, allesamt Jekkes, die für die Zeitung auf ehrenamtlicher Basis arbeiten. Zwei der Vorstandsmitglieder sind Jekkes einer anderen Art – deutsche Frauen, die jüdische Männer heirateten und konvertierten. Die Gruppe trifft sich einmal im Monat. Als erstes, wie es sich für Jekkes gebührt, führen sie eine Obduktion der letzten Ausgabe durch. Die Kritik besteht im Wesentlichen aus der Suche nach typografischen Fehlern im hebräischen Teil des Magazins und Beschwerden über die Sprache im deutschen Teil. Die ursprünglichen Jekkes, die im Schoß der deutschen Sprache der 1920er Jahre aufwuchsen, klagen oft über Innovationen in ihrer Muttersprache. Dann planen sie die nächste Ausgabe und am Ende der Sitzung wird ein wenig getratscht und über Anfragen, die die Redaktion erhalten hat, geredet.

Wie es sich für eine seriöse und erfahrene Publikation gehört, gelingt es dem Yakinton ab und an, einen Sturm zu entfachen. Nach der Veröffentlichung des Goldstone-Berichts über den Gaza-Feldzug, schrieb Limor in seiner Kolumne „Dinge, die ich sagen wollte,“ dass Richter Goldstone “ ein reines Gewissen“ habe. Mit seiner „kompromisslosen Integrität, bürokratische Beharrlichkeit in Bezug auf Gerechtigkeit, das Verständnis der Wirklichkeit und ihrer sprachlichen Formulierung so direkt wie wissenschaftlich, (sei) Goldstone eine perfekte Nachbildung unseres eigenen Jekke, dem Staatskontrolleur Micha Lindenstrauss“. Trotz einiger Rufe aus der Führung der Organisation, den Redakteur für das Geschriebene zu feuern, hat Limor seinen Job behalten und fährt fort, mit typischer Jekke-Unflexibilität weiterhin die redaktionelle Unabhängigkeit zu wahren.

Die Person, die für den Wind der Veränderung in der Jekke Organisation zuständig ist, ist Direktorin Devorah Haberfeld, die ihr Amt vor fünf Jahren aufgenommen hat. Haberfeld, deren Vater aus Österreich nach Israel gekommen ist, verstand, dass die Organisation, wenn sie bis ins 21. Jahrhundert überleben will, die ganze israelische Gesellschaft erreichen und Flexibilität bei der Aufnahme neuer Mitglieder zeigen muss – eine ausgesprochen unjekkische Eigenschaft. In Israels heterogenen Gesellschaft, die sich aus so vielen verschiedenen Gemeinden zusammensetzt, bedeutet das, dass die dritte und vierte Generation „Jekkes“ auch Marokkaner, Tunesier oder Jemeniten sein können. „Es gibt Mitglieder der Organisation, die mit Jekkes verheiratet sind – „gut verheiratet“, wie sie sagen – und Nachkommen von Jekkes, die bereits „gemischt“ sind“, sagt Haberfeld während eines Interviews im Büro der Organisation, das seit den 1940er Jahren in einem wunderschönen Gebäude in der Nähe der Nahalat Binjamin Straße in Tel Aviv ansässig ist. „Die Vorschriften machen es möglich.“

„Jekketum ist nicht mehr eine Frage der ethnischen Zugehörigkeit, sondern vielmehr eine Art Israelitum“, fügt sie hinzu. „Auch meine Putzfrau, ein Araberin aus Jaffa, sagt mir, sie ist eine Jekke und weigert sich zu gehen, bis sie nicht alle Fenster im Gebäude gereinigt hat.“

Reuven Merhav, ein ehemaliger Generaldirektor des Außenministeriums, ist derzeit Präsident der Organisation. „Wenn ich heute spreche, hören die Leute keinen deutschen Akzent mehr“, sagt er während eines Interviews in seinem Haus im Jerusalemer Viertel Rehavia, einer weiteren Jekkes-Bastion. „Meine Kinder sprechen kaum drei Worte deutsch. Was bleibt vom Jekketum sind die Werte.“ Diese Werte, sagt er, beinhalten Toleranz, Gerechtigkeit, Humanität und Glaube an die Bedeutung gegenseitiger Hilfe. Darüber hinaus sagt er: „Die Jekkes haben sich auf professionellem Level ausgezeichnet, durch ihren Fleiß, ihre Bescheidenheit und ihre tiefe Verbundenheit mit der Gesellschaft und ihrem Erbe.“

Die Jeckes waren auch bereit, jede Art von Arbeit zu tun, fügt Merhav an. „Es waren Akademiker unter ihnen, die Fensterreiniger, Anwälte, die Busfahrer, Ärzte, die Geflügelbauern wurden und Historiker, die Handtaschen verkauften.“

Schlafstunde

Zusammen mit der Zeitung betreibt die Organisation auch zwei Internet-Seiten, die sich der Bewahrung von Jekke-Werten widmen. Die offizielle Website (http://www.irgun-jeckes.org) bietet aktuelle Informationen über die Aktivitäten der Organisation, insbesondere über die Hilfe, die es für Menschen deutscher Herkunft gibt. Sie enthält auch Geschichten über Yekke-Erbe und Aktivitäten, sowie das komplette „Buch der Jekkes“ – ein Online-Buch, das den Namen und Aktivitäten der Jekkes Einwanderer gedenkt, die in der fünften großen Einwanderungswelle 1929-39 ins Land kamen. Nur einige Hundert der ursprünglichen 60.000 Jekke Einwanderer werden derzeit in der Liste angezeigt, aber sie wächst von Tag zu Tag.

Die andere Webseite der Organisation, Yeke (http://yeke.cet.ac.il), ist ein pädagogisches Projekt, das die jüngere Generation anspricht und versucht, sie durch Geschichten, Witze und Comics der Jekke-Kultur näher zu bringen. So werden die Besucher in der Jekke-Lach-Abteilung aufgefordert, „mit uns zu lachen“ und Witze über Jekkes zu veröffentlichen.

Ein weiteres Projekt, das kürzlich startete, ist „Das Wörterbuch des gesprochenen Jekkisch“, für das die Organisation alle seine Mitglieder aufrief und darum bat, Worte und Ausdrücke, die sie zu Hause gehört haben, zu senden. Freiwilligen sind jetzt fleißig und energisch dabei, das Material zu bearbeiten. Das Wörterbuch soll in seiner Print-Ausgabe zu Rosch haSchana veröffentlicht werden; ein Teil davon ist bereits im Internet verfügbar. Zusammen mit Worten wie „Schlafstunde“ wird es Ausdrücke enthalten wie „Kaffee und Kuchen“ und „Spiegelei“.

„Als der Schriftsteller Isaac Bashevis Singer im Jahr 1978 den Nobelpreis für Literatur erhielt, sagte er mit einem Lächeln, dass Jiddisch schon 4.000 Jahre lang sterbe“, bemerkt Haberfeld. „Ich glaube, wir werden auch wissen, wie wir in Zukunft fortführen sollen, was wir fast 80 Jahre lang getan haben, gerade wegen unserer Jekke-Eigenschaften. Mein Enkel ist bereits ein Viertel persisch, ein Viertel jemenitisch, ein Viertel polnisch und ein Viertel österreichisch. Ich hoffe, er wird dennoch etwas von unserer Tradition bekommen.“

Übersetzung: A. Livnat

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