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Israelis wollen deutschen Pass

„Jetzt können Sie ganz legal nach Beirut fahren“, gratulierte die Konsularbeamtin der deutschen Botschaft einem jungen Israeli, als sie ihm einen deutschen Pass überreichte. „Ach das ist überflüssig, da fahre ich im Panzer hin“, witzelte der Israeli…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 31. Mai 2011

Der Wartesaal im 19. Stock des Tel Aviver Hochhauses in der David Frisch Straße ist meist gut gefüllt. Zwischen der Sicherheitsschleuse mit Panzerglas zu den Räumen der Botschaft und dem Saal für Pass- und Visumsangelegenheiten steht ein Sicherheitsmann, der jedem erst einmal das Handy abnimmt. Die Umgangssprache ist Hebräisch, obgleich die meisten Antragsteller „Deutsche“ sind.

Gemäß einer neuen Studie von Dr. Sima Salzberg von der Bar Ilan Universität haben etwa 100.000 israelische Staatsbürger einen deutschen Pass in der Tasche. Jährlich beantragen rund 7000 Israelis einen deutschen Pass, seit dem Jahr 2000 insgesamt etwa 70.000. Andere europäische Länder wie Polen oder Rumänien hätten im gleichen Zeitraum jeweils nur etwa 6000 Pässe für Israelis ausgestellt.

Ein Recht auf einen Pass haben deutsche Juden (und deren Nachkommen), denen von den Nazis widerrechtlich die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt worden ist.

Nach dem Krieg und teilweise bis heute gibt es deutsche Juden, darunter auch Holocaustüberlebende, die sich geschworen haben, niemals mehr deutschen Boden zu betreten. Aber ihre Kinder und Enkel haben gemäß der Studie die „Scham der Eltern“ überwunden und sehen eher die Vorteile eines EU-Passes: keine Visumspflicht für die USA, freie Reisemöglichkeiten in Länder, die Israelis nicht einlassen, Studienstipendien und unbeschränkter Aufenthalt in jedem EU-Land.

Eine Konsularbeamtin der Österreichischen Botschaft in Tel Aviv sagte, dass es insgesamt nur etwa 6000 österreichische Passinhaber in Israel gebe, „weil die jüdische Gemeinde viel kleiner war, als in Deutschland“. Gemäß Paragraf 58d aus dem Jahr 1992 könne jeder Österreicher, der seinen Pass in der Nazizeit verloren, und 1948, bei der Staatsgründung Israels automatisch und „ohne Willenserklärung“ Israeli geworden sei, einen österreichischen Pass beantragen. „Das ist ihr Recht und deshalb fragen wir nie nach den Motiven. Aber aus Gesprächen geht hervor, dass die Kinder und Enkel einen Kreis schließen wollen, also den Pass wegen eines emotionalen Gepäcks beantragen.“ Ein historisches Kuriosum gibt es im 18. Stock des Hochhauses in der Frisch-Straße, in der spanischen Botschaft. Marie Carmen der Konsularabteilung bestätigt, dass sephardische Juden, deren Vorfahren nachweislich im Rahmen der Inquisition 1492 aus Spanien vertrieben worden sind, bei der Beantragung der spanischen Staatsbürgerschaft bevorzugt werden. Während Bürger anderer Länder bis zu ihrer Naturalisierung zehn Jahre in Spanien leben müssen, wird sephardischen Juden schon nach zwei Jahren Aufenthalt in Spanien ein Pass verliehen. „Natürlich ist es schwierig, die spanische Herkunft nachzuweisen, weil es damals noch keine Register gab“, sagt Carmen. Gleichwohl leben in Israel viele sephardische Juden, die Ladino (mittelalterliches jüdisch-spanisch) sprechen und ihre alte spanische Kultur pflegen.

Während Europa die Doppelstaatlichkeit grundsätzlich ablehnt, gibt es noch eine weitere kleine Gruppe von Israelis mit zwei Pässen. Wer einen deutschen Vater hat, erbt automatisch dessen deutsche Staatsbürgerschaft. Seit dem 1.1.1975 (in Österreich seit 1983), gewährt das Gesetzt Gleichberechtigung von Mann und Frau. Seitdem darf auch die Mutter ihre Staatsbürgerschaft vererben. Dov E. aus Oldenburg, vor 1975 geboren und inzwischen nach Israel ausgewandert, ist in Deutschland als Staatenloser aufgewachsen. Seine Mutter ist zwar eine Deutsche, aber sein Vater ist Norweger. Deshalb verweigerten ihm die Behörden deutsche Papiere.

Deutsche Bürger mit israelischem Pass dürfen in Israel sogar Wehrdienst leisten, ohne die deutsche Staatsbürgerschaft zu verlieren. „Sie dürfen nur den dreijährigen Pflichtdienst leisten, sich aber nicht zu Offizierskursen oder einer Verlängerung ihres Militärdienstes freiwillig melden“, bestätigte auf Anfrage die Konsularabteilung der deutschen Botschaft.

Die neue Studie zu der durchaus umstrittenen Akzeptanz deutscher oder österreichischer Staatsangehörigkeit durch Israelis soll in der Zeitschrift „Jakinton“ aus dem Anlass „75 Jahre Einwanderung aus Deutschland nach Palästina“ veröffentlicht werden. Die „Jekkes“, wie die aus Deutschland stammenden Juden in Israel genannt werden, haben einen eigenen Verein und sind bemüht, ihre deutsche Kultur in Israel zu propagieren. Reuven Merchav, ex-Botschafter und heute Vorsitzender der „Vereinigung von Israelis aus Zentraleuropa“, oder kurz „Jeckes-Organisation“ ist ein entschiedener Gegner der Beantragung eines europäischen Passes: „Für mich gibt es nur einen blauen Pass mit dem Wappen unseres Staates. Und nur damit sollten wir uns im Ausland identifizieren.“

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com