Facebook-Revolution erreicht Israel

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Die revolutionäre Stimmung des „arabischen Frühlings“ hat jetzt auch Israel erreicht. Die Macht des sozialen Netzwerks Facebook bekommen die drei Großmolkereien Israels, Strauss, Tara und Tnuva, zu spüren…

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 16. Juni 2011

Ein orthodoxer Familienvater aus Bnei Brak, Jitzhak Elrov, empörte sich über einen Preisanstieg von über zehn Prozent bei populären Milchprodukten und startete in Facebook einen Boykott von „Cottage“. Dieser krümelige Käse, hergestellt nach einem ureigenen israelischen Rezept, gehört zu jedem Frühstück in Israel dazu, zumal wegen den Koscher-Gesetzen Wurst und anderer Fleischaufschnitt verpönt ist. Der Frischkäse, in London und anderswo schon für einen Euro zu haben, kostet in Israel fast zwei Euro.

Die Kampagne gegen den überteuerten Käse wurde inzwischen von allen Medien aufgegriffen und scheint zu wirken. „Wenn die Kunden sich zusammentun und alle auf den Käse verzichten, kann den Herstellern und den Supermärkten eine teure Lehre erteilt werden“, erklärte ein Wirtschaftsexperte. Denn frische Milchprodukte haben nur eine begrenzte Haltbarkeit. Wenn sie in großen Mengen an die Hersteller zurückgehen, werden sie darauf reagieren müssen.

„Cottage“, in Israel beliebter als Quark, hat nicht einmal einen hebräischen Namen. Die Hersteller behaupten, dass stark angestiegene Benzinpreise und Transportkosten schuld an der Verteuerung seien. Doch es wird auch über andere Faktoren spekuliert. Neben mangelnder Konkurrenz stehen die drei Hersteller im Verdacht, ihre Preise abzusprechen. Das ist in Israel verboten, aber nicht leicht nachzuweisen. Ein unmittelbarer Grund für die Preiserhöhungen am Tag nach Schavuot (Wochenfest, jüdischer Vorläufer von Pfingsten) ist der Beschluss des Finanzministeriums, Preisbindungen für Grundnahrungsmittel aufzuheben.

Finanzminister Juval Steinitz reagierte auf den Kundenboykott, wie es ihn in Israel bisher noch nicht gegeben hat: „Wenn die israelischen Hersteller nicht mit den Preisen wieder runter gehen, könnte ich Importe von Milch und frischen Milchprodukten zulassen.“ Steinitz will den Käse jedenfalls nicht wieder durch eine von oben verfügte Preisbindung verbilligen. Und Importe zuzulassen ist leicht dahergesagt, aber nicht ohne weiteres durchführbar. Denn ohne den Koscher-Stempel eines Rabbi, der in der Molkerei darüber wachen muss, dass keine unkoscheren Produkte hergestellt oder dass kein Fleisch mit Milchprodukten in Berührung kommt, lassen sich in den meisten israelischen Supermärkten keine Nahrungsmittel verkaufen.

Bei Facebook haben innerhalb von nur drei Tagen schon über 32.000 Teilnehmer auf „gefällt mir“ gedrückt. Im Parlament präsentierte die Abgeordnete Ronit Tirosch dem Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu einen „Cottage-Käse“ und legte so im wörtlichen Sinn das Problem auf den Regierungstisch. So wurde im Land, wo laut Bibel „Milch und Honig fließen“, ausgerechnet der Käse zum Symbol einer unsozialen Politik, die vor allem die schwachen Schichten trifft.

(C) Ulrich W. Sahm / haGalil.com

1 Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Sahm,
    leider haben Sie in Ihrem Artikel nicht tief genug gegraben. Wie kann es sein, dass dieser Cottage „…nicht einmal einen hebräischen Namen…“ hat, obwohl er „… nach einem ureigenen israelischen Rezept..“ hergestellt wird? Da Sie in der Jerusalemer Diaspora leben, muss ich Ihnen berichten, dass dieser Käse schon über die ganze EU verbreitet ist. Keine Richtlinie verbietet dies hier. Dagegen sollten Sie umgehend etwas unternehmen! Ich habe mir diesen Cottage auch zum Frühstück in einem Lubliner Hotel reingezogen und neulich in Germersheim. Nun noch eine zweite wichtige Information für Sie: Diesen Käse gab es in Europa schon vor der Gründung des Staates Israel. Er ist hier unter dem Namen Hüttenkäse, Körniger, etc. bekannt. Dies würde erklären, warum es keinen hebräischen Namen dafür gibt. Oder liegt der Ursprung des Rezepts in biblischer Zeit als Mose auf dem Sinai weilte? Dann sollten Sie zum Spaten greifen und losziehen! Sie werden zum Entdecker einer Steintafel mit dem eingemeiselten israelischen Orginalrezept und dem hebräischen Produktnamen.
    Ohne Ihren Artikel gelesen zu haben, kaufte ich heute den Körnigen aus der JA-Produktreihe. Er lag knapp unter einem Euro und war 1,30 Euro günstiger als die nicht-israelischen Standardmarkenartikel. Die Preise in Deutschland liegen auf israelischen Niveau, was vermuten lässt, dass es sich hier um ein internationales Kartell handelt. Somit wäre Herr Netanjahu restlos überfordert und sollte die Welthandelsorganisation einschalten.
    Keine Sorge, die meisten Produkte aus Deutschland sind koscher und auch zertifiziert. Die Liste finden Sie im Internet unter http://www.ordonline.de/. Die deutsche Wirtschaft freut sich auf neue Absatzmärkte und Exportsubvensionen aus Brüssel. Besser so, als wenn die revolutinäre Stimmung der Araber auf die Israelis überspringt.

    PS: Im Jahr 2006 wurde der Hüttenkäse in Israel von der Preisbindungspflicht für Grundnahrungsmittel befreit. Seit der Deregulierung steigt der Preis.

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