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Daniel Libeskind in München: Neue Pläne braucht das Land

Die Münchener Synagoge, unweit vom Karlsplatz (Stachus) gelegen, war ein Symbol des liberalen jüdischen Bürgertums im Deutschland vor der Katastrophe. In vielen Details spiegelten sich die Werte des in Deutschland entstandenen Progressiven Judentums, das heute die weltweit größte religiöse Gruppierung (WUPJ) innerhalb der jüdischen Welt darstellt. Sie stand auch für den herausragenden Einfluss jüdisch-deutschen Denkens auf die gesamte jüdische Welt…

Für Adolf Hitler war sie ein Hassobjekt und so kam es, dass gerade dieses G’tteshaus als erstes in Nazi-Deutschland zerstört wurde. Schon im Juni 1938 stand hier ein Abrisskommando der angesehenen Baufirma Moll vor der Tür und machte sich an die Arbeit. Die Gemeinde musste die Kosten umgehend begleichen. Für Moll ergaben sich danach noch weitere lukrative Aufträge und Gelegenheiten. Die Stadt München würdigte Molls Engagement mit Strassen- und Parkbenennungen.

Für Hitler war ein weiteres Mal klargeworden, wie leicht sich Mittäter finden lassen und wie einfach es war, jüdische Kultur und zunehmend auch jüdisches Leben aus Deutschland zu entfernen. Im November 1938 folgte im Alten Münchner Rathaus der Befehl zum Staatspogrom und das Zerstören und Morden nahm im ganzen Reich seinen Lauf. Auch in München, wo dann auch die anderen Synagogen und Betstuben zerstört oder demoliert wurden, so wie die orthodoxe Synagoge „Ohel J’akow“.

Diese wurde inzwischen wieder aufgebaut. Dass auch dieser Aufbau nicht einfach war, belegt schon das Datum der Einweihung: Es hat über 60 Jahre gedauert, bis in der Stadt München wieder ein repräsentatives jüdisches G’tteshaus gebaut werden konnte. Dies ist allerdings weniger ein Verdienst der Stadt, als vielmehr des über zwanzigjährigen unermüdlichen Beharrens von Charlotte Knobloch, die sich als Präsidentin der orthodox ausgerichteten Gemeinde daran machte, ihrer Heimatstadt dieses Geschenk zu machen.

Tikun Olam: Vom Hass Zerstörtes wieder errichten

Seit Jahren gibt es auch wieder eine liberale jüdische Gemeinde in München. Doch die Verhältnisse haben sich umgekehrt. Die große Gemeinde (IKG) ist heute orthodox dominiert, die Liberalen sind die Minderheit und da sich Offenheit und Orthodoxie in der Regel ausschließen, fand sich nirgendwo im Rahmen der IKG ein Platz für liberale G’ttesdienste, bei denen beispielsweise Männer und Frauen, Buben und Mädchen, gleichberechtigt am G’ttesdienst teilnehmen könnten.

Es braucht also eine eigene liberale Synagoge. Gerade in München. Bis man in dieser Bestrebung einen Glücksfall für die Stadt erkennen wird, eine Bereicherung, die einer Weltstadt gut zu Gesicht stünde, werden vielleicht ebenso viele Jahre vergehen, wie im Fall der Ohel-J’akow Synagoge.

Egal wie oft man im Rathaus seine Freude über „jedes zarte Regen jüdischen Lebens“ beteuert: Ohne die Beharrlichkeit Einzelner, deren Engagement manchmal über die Grenzen des Zumutbaren hinausgehen muss, wäre nichts gewachsen und nichts entstanden. Andererseits wäre es aber auch nie zu so kühnen Plänen gekommen, wie sie heute der weltberühmte Architekt Daniel Libeskind für München vorstellen wird, hätte sich die Stadt in den vergangenen Jahren nicht auf Lippenbekenntnisse und beschwichtigende Gesten beschränkt und sich statt dessen zu einer effektiven und tatkräftigen Unterstützung des liberalen Judentums in dieser Stadt durchgerungen.

Schließlich ging es der Liberalen Jüdischen Gemeinde „Beth-Shalom“ nicht um eine Synagoge, die als Beispiel internationaler Stararchitektur ein Touristenmagnet werden dürfte. Nein, es ging um Gemeinderäume. Um ein Arbeitszimmer für den Rabbiner, Spiel- und Unterrichtsräume für Kinder und Jugendliche, einen Treffpunkt für Senioren, um jüdisches Leben im Alltag unter den Prämissen des liberalen Judentums, wie sie in Deutschland entwickelt und formuliert wurden und von hier in die Welt gingen und bis heute die ehemalige Bedeutung des deutschen Judentums belegen.

So will auch Daniel Libeskind, als liberaler Jude, seinen Beitrag für die Wiederaufrichtung der ersten vom NS-Terror zerstörten Synagoge leisten. Dabei hat er durchaus genug zu tun. Bald werden sich über New York die Freedom-Towers erheben. Genau dort, wo vor zehn Jahren noch die Türme des World Trade Centers standen.

Dass deren Planer und seine Frau Nina gerade jetzt, in der Woche, in der der Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September unschädlich gemacht werden konnte, ihre Pläne für den Neubau der Liberalen Synagoge Münchens vorstellen werden, ist ein weiteres Symbol für die ewige Aufgabe des Tikun Olam, also der Genesung der Welt, der Sichtbarmachung ihres g’ttlichen Ursprungs.

Im Oktober 2010 sagte Libeskind, u.a. Träger der Buber-Rosenzweig Medaille, bei der Besichtigung eines eventuellen Bauplatzes, er denke für den Neubau an einen freieren Geist, der nicht soviel formale Strenge und Autorität, wie die orthodoxe Synagoge am Jakobsplatz, ausstrahlt: “Wir leben in einer pluralistischen, demokratischen Gesellschaft und das sollten Gebäude auch widerspiegeln. Schließlich gibt es nicht nur eine Art zu denken. Es wäre sehr gesund, wenn die Stadt mehr als nur eine einzige Vorstellung davon bekäme, was Jüdisch sein bedeutet.”

Heute abend wird Daniel Libeskind seine Pläne vor Vertretern der Stadt und der Wirtschaft präsentieren. Bis Ende Mai kann das Modell im Jüdischen Museum am Jakobsplatz besichtigt werden.