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„Das Hauptproblem ist nicht der Staat, sondern die Gesellschaft“

Hat die Revolution bisher diskriminierten Minderheiten wie Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen und Transgendern zu mehr Freiheiten verholfen? Wie lebt es sich als Homosexueller in Ägypten? Die Jungle World sprach mit Hassan R., einem 25jährigen Homosexuellen, der in Kairo im Bildungsbereich ­arbeitet…

Interview: Juliane Schumacher
Jungle World v. 14. April 2011

Sie leben in der 25-Millionen-Stadt Kairo. Gibt es dort eine große schwule Szene?

Nein. Kairo ist kein guter Ort, um als Schwuler zu leben. Es ist hier unmöglich, Homosexualität offen zu zeigen, es gibt keine Orte, wo wir uns offen treffen können. Wenn, dann höchstens in Privatwohnungen, und auch dort ist das immer noch eine heikle Angelegenheit. Seit 2001 das »Queen Boat« – das ist ein Boot, auf dem Schwulenpartys stattfanden – von der Polizei gestürmt wurde und zahlreiche Leute festgenommen wurden, hat sich die Situation nochmal verschlechtert.

Wie findet man sich, wenn man nicht öffentlich zeigen kann, dass man schwul ist?

(lacht) Wir treffen uns auf der Straße. Man sieht sich in die Augen und weiß Bescheid. Vieles läuft inzwischen natürlich auch über das Internet ab.

Ist Homosexualität in Ägypten verboten?

Nein. Es gibt eigentlich keine legale Grundlage dafür, dass Homosexuelle von der Polizei verhaftet werden. Es ist nur verboten, Gewalt in Beziehungen anzuwenden oder nicht einvernehmlichen Sex zu haben. Die Polizei nutzt die allgemeine Homophobie aus: zum Beispiel, indem sie Geld erpresst, wenn sie Schwule oder Lesben erwischt. Oder damit droht, sie andernfalls wegen Prostitution oder Trunkenheit mitzunehmen. Die Diskriminierung hat keine legalen, sondern rein kulturelle Ursachen. Das Hauptproblem ist nicht der Staat, sondern die Gesellschaft. Die Familien, die Freunde, das Umfeld.

Weiß Ihre Familie denn Bescheid?

Nein. Es ist unmöglich, meiner Familie zu sagen, dass ich schwul bin. Einige meiner sehr engen Freunde wissen davon. Aber ich bin sehr vorsichtig damit, wem ich das erzähle. Einer meiner Freunde wurde von seiner Familie rausgeworfen, als er es ihnen erzählt hat. Sie interessieren sich heute nicht mal mehr dafür, ob er überhaupt noch lebt. Ein anderer Freund wurde von seinem Bruder auf einer Feier gesehen, und dieser hat es der Familie erzählt. Sie haben ihn nackt ausgezogen und vor allen Geschwistern verprügelt, ehe sie ihn auf die Straße gesetzt haben. Sie glauben, einen schwulen Sohn zu haben, bringe Schande über die ganze Familie.

Nein. Die Homophobie ist dieselbe, ganz gleich ob unter Moslems, Kopten oder anderen christlichen Gruppen. Überall gibt es konservative Gruppen, die sich auf bestimmte Verse in der Bibel oder im Koran beziehen. Es ist mehr eine grundsätzliche Frage von Toleranz gegenüber anderen Lebensweisen, die in Ägypten nicht sehr weit verbreitet ist.

Ist die Situation von Lesben und Schwulen vergleichbar?

Nein, überhaupt nicht. Für Lesben ist es meiner Ansicht nach oft einfacher, ihr Leben zu leben – aus dem eigentlich traurigen Grund, dass sich für das, was Frauen machen, einfach niemand so richtig interessiert. Für Mädchen ist es oft lange Zeit möglich, Beziehungen zu »besten Freundinnen« zu führen, sie sehen das als selbstverständlich an und würden sich nicht einmal selbst als lesbisch oder bisexuell bezeichnen. Manche lassen sich dann einfach zwingen zu heiraten, und damit hat sich dieser Teil ihres Lebens erledigt. Andere wachen in diesem Moment auf und entscheiden sich bewusst gegen eine Hochzeit. In jedem Fall ist der Skandal nicht so groß, wie wenn herauskommt, dass ein Mann schwul ist. Denn Schwulsein greift nach Ansicht der Gesellschaft das ganze Bild des Mannes an, deshalb reagiert sie so empfindlich.

Hat die Revolution die Situation von Schwulen verbessert?

Ich selbst, als junger, ägyptischer Mann, habe sehr lange von einem besseren Ägypten geträumt, einem Ägypten, in dem mehr Platz für alle ist. Und nichts ist passiert. Dann kam die Revolution, und in ganz kurzer Zeit ist ganz vieles davon wahr geworden. Aber ich habe mich, wie alle, während der Revolution als Ägypter gefühlt, nicht als Schwuler oder irgendetwas anderes. Es ging um unser Land, um Politik. Das andere ist eine Frage von Kultur. Und die zu verändern, wird viel länger dauern.

War es während der Tage auf dem Tahrir-Platz möglich, sich als Schwuler zu outen?

Nein, das ging nicht. Ich habe mit Freunden darüber gesprochen, und wir haben uns dagegen entschieden. Zum einen, weil es nicht das Entscheidende war. Es ging um andere Dinge. Zum anderen natürlich auch, weil wir Ablehnung gefürchtet haben. Ein bekannter ägyptischer Schauspieler hatte sich vom ersten Tag an dem Protest angeschlossen und war von allen dafür gefeiert worden. Dann kam heraus, dass er schwul ist – und er wurde vom Platz gejagt. Das hat mich sehr, sehr traurig gemacht.