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Unter Brüdern in Kiel

Eine Veranstaltung zur Woche der Brüderlichkeit…

Von Svenja Naudszus

Im März riefen die Gesellschaften für Christlich- Jüdische Zusammenarbeit zur jährlichen Woche der Brüderlichkeit auf. Aufgrund der Regelmäßigkeit der Veranstaltung und vielleicht wegen der Wiederholung von Themen, bringt dieses Event oftmals nur ein altgewohntes Gähnen hervor. Die meisten jüdisch- christlichen Initiativen dienten und dienen der Aufbereitung des Nationalsozialismus. Dabei hat die interreligiöse Zusammenarbeit soviel mehr zu leisten und zu bieten.

In Kiel ist dem Vorstand der Gesellschaft diese Zusammenarbeit in der Woche der Brüderlichkeit, so wichtig und spannend sie auch sein mag, nicht genug. Das Schlüsselwort für den Vorstand ist Brüderlichkeit. Brüder sind die Söhne eines Vaters, zwischen ihnen ist ein untrennbares Band. Judentum und Christentum stehen nun einmal nicht alleine und so wurde auch ein Vertreter für den Islam auf Initiative von Walther Joshua Pannbaecker, der in dieser Runde das Judentum vertrat, zur Veranstaltung „Bibel und Koran – Religionen  des Buches“ am 16. März dieses Jahres eingeladen.

Geschwisterlichkeit trifft den Punkt der Kieler Veranstaltung eventuell mehr, denn der moderne Begriff schließt auch Frauen ein – wie die Hamburger Imamin Halima Krausen, die den Zuhörern die muslimische Seite eröffnet.  Sie setzt sich aktiv für den interreligiösen Dialog ein; sowohl innerhalb Deutschlands als auch international agiert sie als Vermittlerin, Ansprechpartnerin, Kommunikationsrohr. Die Geschwisterlichkeit ist ihr sehr wichtig. Aber in Kiel wird nicht auf Begrifflichkeiten herumgeritten. Es sind die Ideale der Brüderlichkeit, die bei dieser Veranstaltung zum Vorschein kommen.


Krausen und Pannbaecker sitzen zwischen den Vertretern der Kirche – auf der einen Seite Joachim Liß-Walther, heute Sprachrohr für die evangelische Kirche, und Bernd Gaertner, Vertreter der katholischen Kirche

Eine Handvoll Muslime und Juden sitzen zwischen all den anderen, zumeist Christen, weltoffen und interessiert. Im Halbkreis ist das Publikum den vier weisen Rednern zugewandt. Dass dabei keiner aus dem Morgenland kommt, fällt gar nicht auf. Überhaupt sind sie viel mehr unauffällig als besonders. Doch die Religion ist eben anders.

Halima Krausen sagt später, dass sich hier ein kleiner, etwas verzerrter Spiegel der Religionszusammensetzung Deutschlands wiedergefunden hat.

Die Runde redet über den Stammvater Abraham, über Offenbarung, Propheten, das Verhältnis zu Gott. Schnell zeigen sich unterschiedliche Ansichten, wie es „wirklich ist“. Aber während in anderen Zeiten die Wahrheit noch unteilbar war, ist es heute anders, erklärt Bernd Gaertner. Auch Tradition hat keinen eigenen Weg für sich, sondern muss sich immer wieder an das rückkoppeln lassen, was in der Bibel steht. Dass die persönliche Interpretation das A und O ist, darin sind sich alle einig. Das Publikum lauscht gespannt und selbst die Referenten machen sich Notizen zu den Aussagen der anderen.

Einigkeit ist den Referenten sehr wichtig; immer wieder zeigen sie Übereinstimmungen zwischen den Religionen auf. Dass etwas einen und trennen kann, führen sie am Beispiel Jesus vor. Das er existiert, steht außer Frage, aber welche Bedeutung er hat, welche Position er in der jeweiligen Religion einnimmt, ist sehr unterschiedlich.

Hier findet die Diskussion statt, die sich der jüdische Teil des Vorstandes gewünscht hat, eine Art „scriptural reasoning“. Langfristig könnte sich W.J. Pannbaecker als Fortsetzung dieses Abends Veranstaltungen vorstellen, in denen Personen unterschiedlicher Religionen die Heilige Schrift lesen und sich dadurch neue Beziehungen zueinander eröffnen, sei es durch die aufgedeckten Unterschiede oder Gleichheiten.

An diesem Abend sind aber auch lebensweltliche Fragen relevant. So erkundigt sich ein Zuschauer, der einen Quran in deutscher Übersetzung in der Hand hält, inwieweit sich Gott in der Natur zeigt. Es geht nicht nur um die Teilung des Roten Meeres, sondern es geht auch um aktuelle Geschehnisse, speziell das Atomkraftwerkunglück in Japan. Und alle sind sich einig, dass – auch wenn das Unglück selbst noch keine Strafe Gottes darstellen muss – es unbedingt als Denkanstoß dienen soll.

Der Mann aus dem Publikum, der schon den ganzen Vortrag lang seine muslimische Gebetskette in der Hand hält, fasst zusammen, dass sich generell alle einig sind, was eine gute Sache ist. Vielleicht braucht es, so sagt er leise und fragend, nur mehr Mut von einem jeden einzelnen, aufeinander zuzugehen.

In der Veranstaltung in Kiel zur Woche der Brüderlichkeit zeigten sich Nächstenliebe und Humanität. Die Gemeinsamkeiten der Religionen unter dem gleichzeitigen Respekt für die Unterschiede wurden betont. Es war wie „unter Brüdern“ – es ist so wichtig und so schön, so Halima Krausen, nicht über jemanden, sondern mit jemandem zu reden.