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Die Meinhardts (IV)

Diese Schrift ist dem Andenken unserer Großeltern Franz Meinhardt und Margarethe Meinhardt, geb. Löwenthal gewidmet, die 1942 im Holocaust umgekommen sind. Sie ist auch unseren Eltern Gerd Meinhardt und Käte Meinhardt, geb. Luft gewidmet, die 1939 Nazi Deutschland verlassen konnten und in Chile Aufnahme und Schutz fanden, um dort ein neues Leben beginnen zu können. Sei ihr Andenken selig. (Z.L.)…

Von Albert Michael Meinhardt und Dr. Yehuda (Franki) Meinhardt
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Erste Schritte im neuen Land

In Santiago wurden sie in einer Auffangpension untergebracht. Sie wurde von der jüdischen Gemeinschaft in Chile betrieben und finanziert, um den verfolgten Juden aus Mitteleuropa eine erste provisorische Bleibe zu bieten. Es gab zwei Mahlzeiten am Tag. Auch hier wurden viele Ratschläge erteilt. Es wurden Spanischkurse angeboten und an einer Anschlagstafel erschienen Informationen über Wohnraum und mögliche Arbeitsplätze. Meine Eltern freundeten sich mit einem fast gleichaltrigen Ehepaar aus Berlin an, den Schweitzers, die einige Wochen vorher in Chile eingetroffen waren, und beschlossen mit ihnen gemeinsam Wohnung und Arbeitsstelle zu suchen.

Sie fanden zunächst einen Job im Zentralmarkt, den Großmarkthallen, wo alle Produkte aus dem Lande und aus dem Meer von Großhändlern an die Kleinhändler in der Stadt verteilt wurden. Einige jüdische Großhändler  gaben den neu angekommenen Emigranten eine temporäre Arbeit. Es war wirklich keine sehr qualifizierte Arbeit, Hr. Schweitzer und Vater luden Säcke auf, räumten Konserven ein und übernahmen andere Hilfsarbeiteraufgaben. Aber Vater erzählte später zufrieden, “es war mein erstes selbst verdientes Geld in Chile”.

Sie entschlossen sich zusammen mit den Schweitzers eine gemeinsame Wohnung zu mieten und kamen in einer 2- Zimmer- Wohnung in der Calle (Strasse) Perez Canto im Stadtteil Nuñoa unter. In diesem Stadtteil hatten sich fast alle Emigranten niedergelassen.

Die Kiste aus Valparaíso wurde angefordert und so hatten sie, als die Kiste eintraf, eine erste Ausstattung für die Wohnung. Auch Schweitzers bekamen ihr Gepäck aus Deutschland angeliefert. Dann gingen Vater und Hr. Schweitzer auf Arbeitssuche. Sie durchliefen die Hauptstraße in diesem Viertel, die Avenida Irrarrázaval und gingen in jedes Geschäft und in jeden Betrieb hinein und fragten in miserablem Spanisch, ob es eine Arbeit für wenigstens einen von ihnen geben würde.

Nach vielen Absagen  hatten sie aber gleich am ersten Tag der Suche  Doppelerfolg. In einem Möbel-Bedarfsladen stellte sie beide ein Spanier ein. Don Amadeo war gebürtiger Spanier, was jeder in Chile sofort an seinem Akzent hören konnte, (wie ein Brite in den USA), war Tischler von Beruf und lebte schon fast 30 Jahre in Chile. Im Hof seines Wohnhauses in der Calle Luis Beltrán, fast Ecke Irrarázaval, hatte er seine Werkstatt, in der er Tischlerei- Arbeiten machte. Er wohnte knapp eine Straße vom Geschäft entfernt. Schon am nächsten Tag fingen sie an, dort zu arbeiten. Es wurden Schrauben, Nägel, Scharniere und andere Beschläge für Möbel verkauft, ferner Harze und Färbmittel, um Lacke vorbereiten, dazu den Holzalkohol (Methyl-Alkohol) um diese zu lösen, stinkender Leim zum kleben, Schrauben und Nägel, aber kein Werkzeug. Die beiden “Gringos” (so nennt man in Chile europäisch aussehende Ausländer)  begannen nun den Laden richtig auszumisten, denn es herrschte ein totales Chaos darin. Sie ordneten den Warenbestand, legten eine Inventur an und Hr. Schweitzer baute Regale auf, die er von Don Amadeo in seiner Werkstatt hergestellt bekam. Alte verrostete Nägel und Schrauben bot mein Vater als Sonderposten an (das war neu dort), um sie loszuwerden. Er kümmerte sich schon bald um den Einkauf der Waren, um dabei neue und günstigere Bezugsquellen zu erkunden. Es gab keine Selbstbedienung und man musste stundenlang hinter dem Ladentisch stehen, um die Kunden zu bedienen. Don Amadeo erschien immer seltener im Laden. Er hatte volles Vertrauen in die beiden “Gringos“, die alles auf  Heller und Pfennig genau mit ihm abrechneten. So war man nicht verwundert, als einige Wochen später Don Amadeo den beiden anbot, den Laden voll zu übernehmen. Er selbst wollte vollzeitig zu seiner Tischlerei zurück. Er bot ihnen die Auszahlung in Raten an. Beide waren sofort einverstanden, sie konnten so selbständig werden.

Der Laden war gemietet und man musste nur den Wert der Waren an Don Amadeo auszahlen. Dies konnte man anhand der Inventur leicht ermitteln. Nun haben beide Partner, die sie nun waren, einen Kredit von der “Joint” Organisation angefordert. Der “Joint” war eine jüdische Organisation mit Sitz in den USA, die den Flüchtlingen aus Mitteleuropa half, unter anderem  mit der Gewährung von zinslosen Darlehen bis zu U$ 3000, die man in einigen Jahren zurückzahlen sollte. Nach dem Krieg hat sich der “Joint” vor allem um die Überlebenden der Schoah gekümmert und eine große Suchaktion für vermisste Verwandte eingeleitet, in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Roten Kreuz  in Genf.

Jetzt konnten mein Vater und Hr. Schweitzer ihre eigene Existenz aufbauen. Sie arbeiteten hart und unermüdlich mit Unterstützung ihrer Frauen. Anfang 1940 zogen sie in eine größere Wohnung in der calle Garibaldi 1521. Bald waren beide Frauen schwanger. Bei den Schweitzers kam eine Tochter, Ivonne (genannt Vonni) im September 1941 an. Albert Michael wurde zwei Monate später geboren. Nun fingen bald Spannungen zwischen den beiden Frauen an, “wer hat den Topf nicht geputzt?”, “wann gibt mal euer Baby Ruhe?” usw. Man wohnte ja in Gemeinschaft und teilte Bad und Küche. Albert Michael lag im Wäschekorb und wurde nachts in einen anderen Raum verfrachtet, um die Nachtruhe mit seinem Geschrei nicht zu sehr zu stören.

Hr. Schweitzer war von Beruf Feinmechaniker und fand wahrlich keine berufliche Erfüllung darin, in einem Laden stundenlang hinter dem Ladentisch zu stehen. Man trennte sich in Freundschaft. Mein Vater musste nun seinen Partner in Raten auszahlen.

Die Schweitzers zogen in eine eigene Wohnung. Dort im Hinterhof  baute Hr. Schweitzer einen Galvanisierungs-Betrieb auf. Dort wurden in Bädern Metallteile verzinkt, verchromt oder mit anderen Metallbeschichtungen überzogen. Alles elektrolytisch, was viele giftige Salze und Hilfssubstanzen erforderte. Die Abwässer gingen in den normalen Abfluss im Wohngebiet. Undenkbar so etwas in Mitteleuropa!

Das Geschäft forderte vollen Einsatz und auch Mutter stand oft stundenlang im Laden,  um die Kunden zu bedienen. Vater brauchte nun einen Mitarbeiter um das Geschäft weiter zu führen. Er fand einen deutschen Emigranten, kein Jude, der als überzeugter Kommunist 1938 nach Chile gekommen war. Er war 22 Jahre alt und ledig. Hr. Vogel hatte heimlich Untergrundarbeit für seine Partei geleistet und als ihm die Gestapo auf den Fersen war, floh er nach Chile, wo er Verwandte in Valdivia hatte. Nun war er in Santiago und besaß ein Motorrad. Hinten auf dem Fahrzeug wurde eine große verschließbare Holzkiste montiert und so konnte Hr. Vogel die Waren schnell im ganzem Stadtgebiet ausfahren, dabei auch kassieren und neue Bestellungen annehmen.

Das Motorrad war eine “Husqvarna” Maschine, ein schwedisches Fabrikat. Hr. Vogel hatte oft mit Vater politische Diskussionen, in denen er seine Ansichten entschieden vertrat. 

1943 wurde das “National Komitee Freies Deutschland” in der Sowjetunion gegründet. Auch in Chile gab es einen Ableger davon, dem Hr. Vogel sofort beitrat. Nun versuchte er, unseren Vater zum Beitritt zu überzeugen. “Sie, Hr. Meinhardt, als direkter Verfolgter der Nazis, sollten sofort für ein besseres Deutschland eintreten und in unserer Gruppe Mitglied werden“, sagte Hr. Vogel. Mein Vater diskutierte heftig mit ihm, “Ihr habt die Weimarer Republik bekämpft und verneint und die Kommunisten waren nicht bereit, in einen Pakt aller demokratischen Kräfte einzugehen, um die Nazis 1933 aufzuhalten”. So trat er nicht dem “Komitee” bei, was aber nicht die gute Arbeit, die der sehr junge Hr. Vogel leistete, beeinträchtigte.

–> Fortsetzung

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