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Dschenin, Dschenin

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, was geschehen wäre, wenn Juliano Mer-Khamis von Juden ermordet worden wäre. Der Mord hätte eine Riesen-Schlagzeile in Ha’aretz erhalten. Und unter der Schlagzeile wären fünf aufgebrachte Analysen erschienen – eine von ihnen hätte ich geschrieben…

Kommentar von Ari Shavit, Ha’aretz, 07.04.2011
Übersetzung von Daniela Marcus

Die Autoren hätten den jüdischen Mordanschlag verurteilt und zu einem Feldzug gegen jüdischen Fanatismus aufgerufen. Andere hätten davor gewarnt, nicht den Fehler nach Baruch Goldsteins mörderischem Amoklauf zu wiederholen, sondern die Siedlungen sofort zu verlassen. Wieder andere hätten verlangt, die Hesder Yeshivas, die Torahstudium und Militärdienst vereinen, und das vom Staat geleitete religiöse Bildungssystem näher zu untersuchen.

Ausgewählte rassistische Zitate wären aus primitiven rabbinischen Schriften herausgenommen und geschichtliche Vergleiche mit den Morden an Emil Gruenzweig, Yitzhak Rabin und Martin Luther King erstellt worden. Innerhalb eines Tages wäre Mer-Khamis zu einer Symbolfigur geworden. An Samstagabenden wären Tausende zusammengekommen, hätten Fackeln hochgehalten, den Friedenshelden beweint und wären gegen die Mächte der Dunkelheit aufgestanden. Wäre Mer-Khamis durch Juden ermordet worden, hätte das die Linke wieder aufgebaut, sie hätte sich vereinigt und wäre in einen neuen Kampf gegen mörderischen jüdischen Faschismus ausgezogen.

Doch Juliano Mer-Khamis wurde nicht von Juden ermordet. Deshalb bekam er anstelle einer Riesen-Schlagzeile eine Geschichte unter ferner liefen. Anstelle von fünf aufgebrachten Abhandlungen erhielt er eine (schöne) Grabesrede. Niemand sprach über Rassismus, Fanatismus oder Faschismus. Niemand sprach über ein Bildungssystem, das Hass verbreitet, und über primitive Geistlichkeit. Mer-Khamis wurde nicht zur Symbolfigur und es demonstrierten nicht Tausende von Menschen. Der Mord an Mer-Khamis verursachte weder Protest, noch Empörung, noch heiligen Zorn. Die israelische Linke, die genau weiß, was sie im Fall eines Mordes durch Juden zu tun hat, weiß nicht, was sie im Fall eines Mordes durch Palästinenser tun soll.

Der Mord an einem Friedenshelden durch Palästinenser hat keinen Platz auf dem emotionalen und ideologischen Plan der Linken. Der Mord an einem Freiheitshelden durch Palästinenser ist ein Dogma untergrabendes, Paradigma zerrüttendes Ereignis für die Linke. Der Mord an Mer-Khamis durch Palästinenser ist ein Mord, der zur Verdrängung verurteilt ist.

Dies ist ein tiefes und umfangreiches Thema, das über die israelische Linke hinausgeht. Eine der herausragendsten Charakteristiken der westlichen Aufklärung des 21. Jahrhunderts ist die Unfähigkeit, die Mächte des Bösen in der arabisch-moslemischen Welt zu verurteilen. Westliche Aufklärung liebt es, den Westen zu kritisieren. Sie liebt es besonders, die westlichen Alliierten im Osten zu kritisieren. Doch wenn es um das Böse geht, das seinen Ursprung im Osten hat, dann bleibt sie still. Sie weiß nicht, wie sie damit umgehen soll. Es ist leicht, gegen den pro-westlichen Hosni Mubarak aufzustehen, doch es ist schwer, sich gegen die Moslembruderschaft zu wenden. Es ist leicht, gegen Benjamin Netanyahu aufzustehen, doch es ist schwer, sich gegen Bashar Assad zu wenden. Der aufgeklärte Westen ist unfähig, in dem Maß gegen Irans Ahmadinejad vorzugehen wie er gegen Amerikas Bush, Südafrikas Botha oder Serbiens Milosevic vorging.

Das Ergebnis dieses westlichen Verhaltens ist eine lange Reihe von Verzerrungen und Verdrehungen. Das Blut der Toten der Marmara-Flotte ist dicker als das Blut derer, die im Iran ermordet und gehängt wurden. Das Blut der Menschen, die in Gaza getötet wurden ist dicker als das Blut derer in Damaskus und Dara’a. Ein post-kolonialer Komplex lässt die westliche Aufklärung systematisch die Ungerechtigkeiten anti-westlicher Kräfte ignorieren. So verliert die westliche Aufklärung die Fähigkeit, die historische Realität als Ganzes zu sehen, in ihrer Komplexität. Sie agiert außerdem unfair und ungerecht.

Sie unterscheidet zwischen verschiedenen Arten des Bösen, verschiedenen Blut- und Opfertypen. Sie behandelt Dritte-Welt-Gesellschaften, als ob diese nicht den Maßstäben universaler moralischer Werte unterstellt wären.

Es ist noch nicht klar, wer Mer-Khamis ermordet hat. Das Motiv könnte finanzieller, persönlicher, religiöser oder kultureller Art sein. Doch es ist klar, dass er nicht ermordet wurde, weil er ein Besatzer, Unterdrücker oder Siedler war. Mer wurde ermordet, weil er ein freier Mann war, der die Freiheit in einer Gesellschaft verbreitete, die nicht frei ist.

Das ist die harte Wahrheit, mit der wir umgehen müssen. Das ist die harte Wahrheit, der wir ins Auge schauen müssen. Die westliche Aufklärung und die israelische Linke können nicht fortfahren, die dunkle Seite der nahöstlichen Realität zu ignorieren.