Prag: Mit Olivenzweigen und Gesang gegen Antisemitismus

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Vor den neuen Formen von Antisemitismus und Rassismus zu warnen – das war das Ziel des so genannten „Marsches des guten Willens“, der am Palmsonntag aus der ehemaligen Prager jüdischen Stadt in den Wallenstein-Garten auf der Kleinseite führte. Dort wurde der Marsch mit einer Kundgebung beendet…

18-04-2011 16:53 | Martina Schneibergová | Radio Prag

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Foto: Andrea FajkusováFoto: Andrea Fajkusová

„Bittet für den Frieden Jerusalems“, diesen Psalm sangen die Teilnehmer am Marsch des guten Willens. Viele hatten Israel-Flaggen, Olivenzweige sowie Transparente mit. Die Versammlung im Wallenstein-Garten ist eine der Veranstaltungen, die in Prag traditionell um das Datum des jüdischen Gedenktags der Shoah und des Heldentums – des Yom ha Shoah – stattfinden. Die Kundgebung bot diesmal auch viel Kultur: Neben Klezmer erklang klassische Musik, und Prager Schauspieler lasen Ausschnitte aus dem Werk des tschechischen jüdischen Autors Viktor Fischl. Im Publikum waren Vertreter christlicher und jüdischer Organisationen, Diplomaten und Politiker. Der Vizechef des Senats, Přemysl Sobotka, hatte traditionell die Schirmherrschaft über die Veranstaltung:

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„Es ist notwendig, ein klares Nein zu sagen, nicht nur zu den Floskeln primitiver Neonazis, zu den Vorurteilen der Kleinbürger, die überdauert haben, sondern vor allem auch zum aggressiven intoleranten Religionsfanatismus. Dieser ist in den letzten Jahren zur wichtigsten Stütze des internationalen Terrorismus geworden. Hier möchte ich an die Worte des namhaften britischen Philosophen Edmund Burke erinnern, die er schon im 18. Jahrhundert sagte: Zum Sieg des Bösen reicht es, wenn gute Menschen nichts machen.“

So Sobotka. Der Vorsitzende der Föderation jüdischer Gemeinden, Tomáš Kraus, war mit der Teilnahme an der Veranstaltung sehr zufrieden.

Přemysl Sobotka (Foto: Andrea Fajkusová)Přemysl Sobotka (Foto: Andrea Fajkusová)

„Ich habe den Eindruck, dass diesmal die Teilnahme wirklich sehr groß war. Wir verfügen leider über keine Zahlen, aber rein optisch war das beeindruckend. Ich würde sagen, dass es die größte Demonstration dieser Art in Prag war.“

Später lagen die Schätzungen bei rund 1000 teilnehmenden Menschen. Gegenüber Radio Prag sprach Kraus zudem über die Bedeutung der Veranstaltung. Auch wenn in Tschechien der Antisemitismus eine absolute Randerscheinung sei, dürfe man die Gefahr des Judenhasses und des Rassismus nicht unterschätzen, findet Kraus:

Tomáš Kraus (Foto: Martina Schneibergová)Tomáš Kraus (Foto: Martina Schneibergová)

„Wir gehen bei der Bewertung der Situation nicht nur von den statistischen Angaben, sondern auch von den Gesprächen mit Menschen aus, die uns ein Feedback bieten. Die Erkenntnisse zeugen davon, dass die Lage bei uns, was den Antisemitismus betrifft, wirklich günstig ist. Aber ich sehe in diesem Zusammenhang zwei Probleme. Ich bin optimistisch, was die Situation morgen betrifft, aber was sozusagen übermorgen sein wird, traue ich mich nicht einzuschätzen. Wie es mit dem Antisemitismus in 10 oder 15 Jahren hierzulande aussehen wird, weiß niemand. Es ist unsere Pflicht, darüber zu sprechen, auch wenn wir momentan nicht direkt gefährdet sind. Ein anderes Problem sehe ich im Rassismus, in der Beziehung zu den Roma. Ein Antisemit zu sein, ist in der tschechischen Gesellschaft heutzutage nicht in der Mode. Das Gegenteil gilt aber für die Haltung der Menschen gegenüber den Roma. Auch aus diesem Grund, müssen wir vor dem Rassismus warnen. Denn gestern waren die Juden die Gehassten, heute sind es die Roma. Und wer wird morgen an der Reihe sein?“

Foto: Andrea FajkusováFoto: Andrea Fajkusová

Die Versammlung gegen Antisemitismus wurde vor einigen Jahren von einigen christlichen Organisationen ins Leben gerufen. Was bedeutet dies?

Tomáš Kraus findet lobende Worte: „Dies ist meiner Meinung nach signifikant für die Gesellschaft an sich. Denn wir sollen nicht diejenigen sein, die selbst organisieren, die selbst schreien und sagen, der Antisemitismus ist für die Gesellschaft nicht gesund. Es ist gut, wenn jemand anderer darauf aufmerksam macht. Wenn es eine christliche Gemeinschaft ist, ist dies sehr positiv und sogar natürlich. Heutzutage sind wir im christlich-jüdischen Dialog sehr weit vorangeschritten. Die Probleme, die es einst gab, sind vorbei. Im Rahmen der geistlichen Zusammenarbeit werden gemeinsame Projekte entwickelt, wir sind sozusagen im selben Boot.“

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