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Rumänien: Die sprechenden Steine von Siret

Siret besitzt zwei historische Monumente: eine alte, orthodoxe Kirche aus dem 11. Jahrhundert, als Siret die Hauptstadt der Bukowina war, eine Kirche der moldavischen Fürsten sowie den alten jüdischen Friedhof, einer der drei jüdischen Friedhöfe der Stadt Siret. Ich sehe vor meinen Augen den Hügel mit dem Ausblick zum Fluß Sereth, auf welchem dieser Friedhof liegt, ein „heiliger Ort“, wie es unsere Urahnen nannten…

Die hundertjährigen alten Steine waren in der Erde versunken, eingegraben, wilde Pflanzen bedeckten sie. Künstlerisch waren die Grabsteine von einer besonderen Ästhetik. Es war interessant festzustellen, wie die Überlebenden von jener Zeit ihre teuren Verwandten beweinten. Die Erinnerung an diesen Friedhof lebt weiter in der Tiefe meines Herzens. Als junges Kind kam ich vom Cheider (Kinderschule) am Abend nach Hause. Das Städtchen war in tiefe Dunkelheit eingehüllt. Unser Haus lag an der Straße, in der der Friedhof liegt. In der Stadt erzählte man über Teufel und Geister, welche aus den Gräbern nach Mitternacht herauskamen. Daher hatte mir meine Mutter eine kleine Bauernlaterne besorgt. Vom Wind geschützt, brannte darin eine Kerze. Die Flamme durchbrach die Finsternis. Das konnte meine Furcht ein bißchen beruhigen. In den achtziger Jahren hatte der damalige Diktator Rumäniens Nicolae Ceausescu versucht den Friedhof zu eliminieren. Er plante eine Autobahn. Der Hügel des Friedhofes war für den Plan jedoch ein Hindernis. Daher beschloß er den Friedhof einzureißen.

Der damalige Oberrabbiner von Rumänien Dr. Moses Rosen sah die Sache anders: Ceausecu wollte die Zeichen der jüdischen Anwesenheit in diesem Raum ausmerzen. Rosen drohte die ganze jüdische Welt gegen diese Absicht zu mobilisieren. Ceausescu mußte daher zum Rückzug blasen. So wurde der Friedhof gerettet. Das Diaspora Museum in Tel Aviv hatte ein besonderes Interesse für die Dokumentation dieses historischen Friedhofes. Der Ethnograf Zussia Efrem verbrachte Monate in Siret. Er katalogisierte jeden Stein in schwarz und weiß und in Farbe. Die Bilder sind im Photo Archiv des Diaspora Museums aufgehoben. Dank der Hilfe von Gönnern und des Interesses von Kreisen der Kunst gelang es dem letzten Juden in Siret Herbert Gropper diesen Friedhof zu restaurieren. In den drei jüdischen Friedhöfen der Stadt ist die Geschichte der Juden in Siret begraben. In diesen Plätzen haben sie ihre letzte Ruhe gefunden. Jedoch, nicht allen Juden von Siret war es vergönnt ewige Ruhe zu genießen. Hunderte von Deportierten nach Transnistrien haben kein Grab, keinen Grabstein, sie wurden auf dem Weg umgebracht, weggescharrt oder irgendwo am Straßenrand, in den Schanzen, in den Feldern und Wäldern bzw. in den Wellen des Onies Ter Flusses liegengelassen. Kein Kaddisch wird man ihnen sagen. Anstatt ewiger Ruhe finden sie dort ewige Vergessenheit. So soll das Buch: „Die sprechenden Steine von Siret“ ein kollektiver Grabstein zu ihrer Erinnerung sein.

Weggemann, Meyer, Montigel: Die sprechenden Steine von Siret