- haGalil - https://www.hagalil.com -

Der Weg ins 21. Jahrhundert: Der Islam auf der Weltkarte

Von der traditionellen langgestreckten Wüstenrandzone aus hat sich der Islam auf den Festlandgebieten und jenseits der Meere, ja der Ozeane ausgebreitet. Sein Zentrum ist die Region der »Land-und Meerengen« geblieben, aber diese haben im Kräftespiel der Länder neues Gewicht bekommen…

André Miquel, Henry Laurens
Aus p.432ff – Der Islam – Eine Kulturgeschichte

Nachdem sie bereits zum unentbehrlichen Durchgangsland für bestimmte Straßen des Weltverkehrs geworden waren, erweisen sie sich immer mehr als ein unvorstellbar reiches Fundgebiet für Erdöl. Eine neue Erscheinung des ausgehenden 20. Jahrhunderts sind auch die immer größer werdenden Auswanderergemeinden in den westlichen Industrienationen, vor allem in Amerika und Europa.

Der Islam auf der Weltkarte

1976 stieg die Weltbevölkerung auf über vier Milliarden Menschen. Aber wie viele davon waren Muslime ? 1970 waren es etwa 520 Millionen, das entsprach einem Siebtel der gesamten Menschheit. Mitte der achtziger Jahre schätzte man die Zahl der Muslime auf rund 900 Millionen, also auf etwa ein Fünftel der Weltbevölkerung. Anfang des 21. Jahrhunderts sind es weit über eine Milliarde Menschen – ein Zeichen dafür, daß der Islam im Weltgeschehen eine immer wichtigere Rolle spielt. Aber hinter dieser Gesamtzahl sind noch andere Faktoren zu beachten, zum Beispiel die Verteilung der Muslime auf verschiedene Weltregionen und deren Verhältnis zueinander.

Ende des 20. Jahrhunderts ist festzustellen, daß ein Großteil der islamischen Welt sich in Blöcke gliedern läßt, die jeweils etwa 50 Millionen Menschen umfassen: die arabischen Länder im Nahen Osten, Ägypten, der Maghreb, der Iran, die muslimischen ehemaligen Sowjetrepubliken, Nordnigeria. Über diesem Mittelwert liegen, mit einer Einwohnerzahl von über 80 Millionen, Pakistan, Bangladesh und das muslimische Indien. Die Spitze bildet Indonesien mit über 150 Millionen Muslimen.
Der Schwerpunkt der islamischen Welt liegt also in Asien. Man darf jedoch der geographischen Ausbreitung nicht zuviel Bedeutung beimessen. Viel wichtiger ist eine Gliederung nach »Kulturkreisen« im weitesten Sinne des Wortes. Mit der Vorsicht, die bei solchen Aufteilungen geboten ist, können wir feststellen, daß die indische Welt an der Spitze steht. An zweiter und dritter Stelle stehen, etwa gleichauf, die arabische Welt und Indonesien, gefolgt von der türkischen Welt (einschließlich der Turkvölker der ehemaligen Sowjetrepubliken), Schwarzafrika und dem Iran.

In diese großen geopolitischen beziehungsweise kulturellen Gebiete ließe sich die islamische Welt heute einteilen. Man muß sich jedoch davor hüten, als einziges Beurteilungskriterium die Zahlenstärke gelten zu lassen. Lange Zeit hat man zum Beispiel daran zweifeln können, ob die Muslime der Sowjetunion im Islam das gleiche Gewicht hatten wie die Bewohner des Niltals oder der iranischen Region. Ebenso kann man daran zweifeln, ob der arabische Bereich sich wirklich nur auf die Länder des Nahen Ostens und des südlichen Mittelmeerraums beschränkt, wenn man berücksichtigt, daß das Arabische vom einen Ende der muslimischen Welt bis zum anderen der bevorzugte Ausdruck der islamischen Kultur und das Medium des Glaubens ist, daß es dort überall zumindest in bestimmten Kreisen gesprochen oder gelesen wird und daß es sich noch heute, wie in manchen Gebieten Afrikas, weiter ausbreitet und dabei neue, manchmal aufsehenerregende Erfolge vorweisen kann.

Das sind Fragen, die für die Gegenwart und die unmittelbare Zukunft von Bedeutung sind. Aber die aktuellen Entwicklungen werfen noch andere Fragen auf. Von den 520 Millionen Muslimen, die es 1970 gab, lebten etwa 375 Millionen in Ländern, in denen der Islam entweder die einzige oder zumindest die vorherrschende Religion war. Aber von den übrigen 145 Millionen bildeten viele in ihren Ländern eine Minderheit, und die anderen gehörten zur weltweiten Diaspora. Etwa ein Drittel bis ein Viertel aller Muslime lebt mittlerweile also in Koexistenz mit anderen Gemeinschaften. Aber natürlich stehen viele von ihnen dabei gleichzeitig in enger Verbindung zu jenen Gesellschaften, die aus einer wesentlich vom Islam bestimmten Geschichte hervorgegangen sind und die auch heute noch – ob offiziell oder nicht – auf den Grundsätzen des Islam aufbauen. Betrachtet man die Weltkarte, so erscheint der Islam also nicht nur als ein prägendes Merkmal verschiedener Staaten. Weil er in vielen Gebieten als Religion einer Minderheit aufblüht, bildet er auch die Verbindung dieser Staaten zum Rest der Welt.

Neue Grenzen

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Weltkarte verändert. Beginnen wir im Osten. Das pakistanische Experiment einer zugleich modernen und die Grundlagen des Islam achtenden Gesellschaft wird weiterhin fortgesetzt, aber das Staatsgebiet Pakistans, das sich von 1947 bis 1971 aus den räumlich weit getrennten Teilen Westpakistan und Ostpakistan zusammensetzte, beschränkt sich heute auf den westlichen Teil des indisch-muslimischen Raums, aus Ostpakistan ist der eigenständige Staat Bangladesh geworden. Diese Staatsgründung verlief nicht ohne Schwierigkeiten, und sie hatte schwerwiegende Folgen für die internationale Politik. Für viele Länder der sogenannten Dritten Welt und für viele islamische Länder hängt das Problem der Staatsgrenzen von der Vereinbarkeit oder Unvereinbarkeit der folgenden drei Grundsätze ab: Unverletzlichkeit der von den Kolonialmächten übernommenen Grenzen, Selbstbestimmungsrccht der Völker und Besinnung auf die vorkoloniale Vergangenheit. Das ehemalige Spanisch-Sahara war lange Zeit von Algerien und Marokko umkämpft, wobei sich Algerien auf die beiden erstgenannten Grundsätze berief und Marokko im Verbund mit Mauretanien auf frühere Hoheitsrechte verwies.

Anlaß zu weiteren Konflikten, Rechtsstreitigkeiten und Feindseligkeiten boten, um nur einige zu nennen, das südliche Grenzgebiet zwischen Marokko und Algerien, Eritrea, die Gegend um Alexandrette (Iskenderun), die Syrien während der französischen Mandatszeit an die Türkei abtrat, der Persische beziehungsweise Arabische Golf, über den der Iran die alleinige Kontrolle ausüben wollte, Kaschmir, der ewige Zankapfel zwischen Pakistan und Indien, die Paschtunenfrage, die Pakistan und Afghanistan entzweit, der latente Separatismus der Belutschen sowie die Autonomiebestrebungen der Kurden, die vor allem in der Türkei, im Irak und im Iran leben.
In anderen Regionen führten die Grenzziehungen der Kolonialherrn zur Entstehung neuer Staaten, so an der Südküste der Arabischen Halbinsel, auf dem Gebiet der Afar und der Issa (Dschibuti) und auf den Komoren, obwohl die Insel Mayotte nach wie vor zu Frankreich gehört.

Das größte Problem wird jedoch auch in Zukunft der Palästinakonflikt sein. Ob Geiselnahmen, Flugzeugentführungen oder andere aufsehenerregende Aktionen – die Palästinenser betrachteten die von ihnen angewandte Gewalt als Antwort auf die von ihnen erlittene Gewalt; als Antwort auf die Vorenthaltung eines Territoriums, einer Heimstätte, wie sie auch das jüdische Volk von der Weltgemeinschaft für sich eingefordert hatte.
Die amerikanische Friedensinitiative führte 1978 zum Camp-David-Abkommen und zur Vertragsunterzeichnung in Washington. Aber nachdem der Konflikt mit Ägypten beigelegt war, versuchte Israel 1982, die PLO im Libanon zu zerschlagen. Der Libanonkrieg forderte viele Opfer unter der Zivilbevölkerung und führte zu keinem anderen Ergebnis, als daß Israel in die Kämpfe zwischen den kampferprobten Bürgerkriegsparteien verwickelt wurde. Nach der Räumung der israelisch besetzten libanesischen Gebiete (1985) erinnert die Intifada daran, daß es bei diesem Konflikt weniger um die Gegensätze zwischen den Großmächten oder die Auseinandersetzungen zwischen Israel und den arabischen Staaten geht als um den Kampf zweier Völker um dasselbe Land. Der Stein, den ein palästinensischer Jugendlicher wirft, bringt jede Friedensinitiative zum Scheitern, sofern sie allein auf ein Abkommen zwischen bestehenden Staaten abzielt und die Interessen des palästinensischen Volkes, das als nationale Einheit existiert, nicht berücksichtigt. Nach der Ausrufung eines eigenen Staates (1988) haben die Palästinenser eine Teilung des Landes vorgeschlagen. Es ist noch immer nicht klar, ob Israel diese historische Chance nutzen oder ob es weiterhin hartnäckig an Gebieten festhalten wird, die es gegen den Willen ihrer Bewohner besetzt hält.

Werden die gescheiterten Friedensbemühungen und das selbstzerstörerischc Verhalten beider Seiten zu einer Destabilisierung der ganzen Region führen und in den arabischen und den anderen muslimischen Ländern die Stimme des Volkes, das von den autoritären Regimen lange geknebelt worden war, wieder laut werden lassen?

Das Palästinenserproblem war eine der Ursachen des Libanesischen Bürgerkriegs, und der Libanon setzt sich für das Rückkehrrecht der Palästinenser ein, in der Hoffnung, daß diese das libanesische Territorium verlassen werden. Für den gesamten Nahen und Mittleren Osten bedeutet das Fehlen eines umfassenden Friedensabkommens und eines kollektiven Sicherheitssystems, daß der Rüstungswettlauf weitergeht und Massenvernichtungswaffen (Langstreckenraketen, chemische und biologische Waffen und Atombomben) hergestellt werden, die auch für den Rest der Welt eine Gefahr darstellen. Die Anwendung von Gewalt ist kein Ersatz für eine politische Lösung, die das unveräußerliche Recht des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung und somit das Recht auf ein eigenes Territorium berücksichtigt – auf ein eigenes Territorium, das nicht nur aus mehr oder weniger autonomen Verwaltungsbezirken besteht, die an reservatsähnliche Bantustans erinnern.

Ein weiteres Problem, dessen Lösung indes allein in den Händen der Muslime selbst liegt, ist das Problem der Überbevölkerung