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Antisemitische Schmähungen in Ungarn

Mit Recht hat Prof. Paul Lendvai im Europastudio des ORF am 9. Januar den anwesenden ungarischen Außenminister János Martonyi darauf hingewiesen, dass es eine Schande ist, wenn in einem regierungsnahen Blatt, ein Freund des ungarischen Ministerpräsidenten einen berühmten Pianisten in antisemitischer Manier schmäht…

Von Karl Pfeifer

Spricht man unter vier Augen gebildete Fidesz Funktionäre dazu an, zucken sie mit der Schulter und sagen, nein wir können uns nicht von Bayer distanzieren, denn viele unserer Mitglieder denken ähnlich und wir müssen sie bei der Stange halten, sonst wandern sie zur Jobbik. Wir müssen denen den Wind aus den Segeln nehmen. Und so bestätigt Fidesz die Einschätzung ihrer Partei als „völkisch“.

Bayer publizierte am 4. Januar 2011 in der Fidesz nahen Tageszeitung „Magyar Hirlap“: „Aus Ungarn ‚strömt Gestank’ schreibt irgendein auf den Namen Cohen hörendes stinkendes Exkrement von irgendwo in England. Cohen, und Cohn-Bendit und Schiff.“

Das ist nicht das erste Mal, dass Bayer gegen Juden hetzt, er beklagt sich auch, dass nach der Niederschlagung der ungarischen Räterepublik nicht genügend Linke ermordet worden seien. „Leider gelang es nicht alle bis zum Hals im Wald von Orgovany zu verscharren“, schrieb er. Der Wald von Orgovany südlich von Budapest war der Schauplatz eines Massakers an „Roten“ und Juden bei dem im August 1919 mindestens 300 umgebracht wurden. Karl Kraus schrieb in der Fackel: »Im Wald von Orgovan bei Kecskemet haben Horthys Offiziere, vor allen der berüchtigte Massenmörder Hejjas, hunderte von Unschuldigen zu Tode gemartert und dann an die Bäume gehängt.«

„Nur ein Pianist?“ unter diesem Titel veröffentlichte István Szász heute in der linken Budapester Tageszeitung Népszava einen Artikel über den Angriff des antisemitischen Hetzer Zsolt Bayer gegen den weltbekannten Pianisten András Schiff.

Szász hat sich zwar geschworen mit „drittklassigen provinziellen Nazilehrlingen“ nicht zu sprechen, da er früher Musiker und Pianist war, konnte ihn aber „das Papier das man Magyar Hirlap nennt“ aufregen. Es erübrigt sich András Schiff vorzustellen:„Diesen großartigen ungarischen Künstler versucht ein rechtsextremer Schreiberling zu erniedrigen.“

Schiff, der sich wie so viele Künstler gegen die Einschränkung der Freiheit gewandt hatte, meldete sich in der „Washington Post” und protestierte gegen die Liquidierung der Pressefreiheit, das „Toleranzniveau in Ungarn ist niedrig, der Rassismus, die Diskriminierung der Roma, der Antisemitismus, die Fremdenfeindlichkeit, der Chauvinismus und der reaktionäre Nationalismus beunruhigen sehr.” Und Schiff stellt nach dem Skandal über das neue Mediengesetz die Frage, „ob Ungarn es verdient Vorsitzender der EU zu werden”.

Bayer ist empört, was dieser Schiff „versteckt unter seinem Piano” sich erlaubt. ”Hier lohnt es nicht über Stil zu reden, denn außer Schmähung ist da nichts.” Es ist schon genug Schande, dass eine regierungsnahe Zeitung so was publiziert. Szász erinnert daran, dass Künstler seit mehr als einem Jahrhundert Stellung nahmen für die Freiheit und Menschenwürde. Szász erwähnt Emile Zola, Thomas Mann, Arnold Schönberg, Bruno Walter, Rostropovic, Arturo Toskanini. Es lohnt nicht, über diesen Artikel zu sprechen, man muss sich nur um den „penetranten Gestank” kümmern, den er verbreitet. „Jetzt ist es aber Zeit darüber zu sprechen, wie die Fidesz-Zunft – ich nenne diese organisierte Nervenkrankheit ungern Regierung – außer ihren anderen demokratiefeindlichen Taten sich vorbereitet die ungarische Kultur zu ruinieren.” Er erinnert an die Entlassung des führenden Regisseurs Balázs Kovalik von der staatlichen Oper und wie sie den Dirigenten Adam Fischer gezwungen haben wegzugehen.

Jetzt ist das Nationaltheater und dessen Direktor Róbert Alföldi der nächste Zielpunkt, die Neonazi können ihn auf der Straße als Homosexuellen antisemitisch angreifen. Und die Machthaber befehlen, das vom Kossuthpreisträger Pál Zavada geschriebene Stück über das an Ungarn 1940 wieder angeschlossene Nord-Transsylvanien nicht zu zeigen. Und sie lassen lieber die ganze neue ungarische Filmkunst untergehen. Sie unterminieren die Arbeit von Zeitschriften und wissenschaftlichen Institute und entziehen die finanzielle Unterstützung.

Szász fragt, was wird dieser Beschmutzer tun, wenn Schiff wieder Ungarn besucht, um Bartók zu spielen und tausende kommen werden, um ihn zu hören. Er erinnert, wie das ungarische Genie Béla Bartók während der dreißiger Jahre ähnlich geschmäht wurde, weil er nicht ertragen konnte, dass seine Heimat von Naziverbrechern ruiniert wird. „Er wählte das freiwillige Exil und schrieb bevor er seine Sachen packte seinem Vertrauten in Basel „In Ungarn huldigt leider die „gebildete” christliche Mittelklasse fast ausschließlich den Nazi-Ideen – ich schäme mich, dass ich aus dieser Klasse stamme.”

Bartók hat sein Wort erhoben, weil er nicht mitschuldig werden wollte, an dem, was während der dreißiger Jahre in Ungarn geschah. „Schiff hat das auch getan, er protestiert dagegen, was 2010 in Ungarn geschieht”. Und wenn ein großer Künstler wie Schiff – wie einst Bartók – von Hergelaufenen als kommunistischer Volkskommissar geschmäht wird, „stellt sich das ganze idiotische Wahlkabinenrevolutionsregime” ein prächtiges Zeugnis aus.

Österreichische Journalistenvereinigungen und Reporter ohne Grenzen haben zu einer Protestdemonstration gegen die Einschränkung der Pressefreiheit vor der ungarischen Botschaft in Wien (Bankgasse) am 14. Januar 2011 zwischen 18 und 19 Uhr aufgerufen.