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Regensburg zwischen Stolz und Ressentiment – Antisemitismus und Welterbe

In Regensburg haben sich aus dem späten Mittelalter nicht nur Gassen, Plätze und christliche Kunst- bzw. Bauwerke erhalten, sondern ebenso judenfeindliche Stereotype, die sich sogar in der Bewerbung der Stadt als UNESCO-Welterbe niederschlugen… 

R.J. Werner, San Lorenzo, 13.1.2011

Gemeint sind dabei nicht etwa die antijüdischen Kunstwerke am gotischen Regensburger Dom, wie beispielsweise die sogenannte „Judensau“, oder jene um 1420 entstandene Bauskulptur, die zeitgenössisch dargestellte Juden als Götzendienst ums „Goldene Kalb“ tanzen lässt.


„Tanz ums goldene Kalb“ – Regensburger Dom um 1420

Im Folgenden soll anhand von kaum bekannten Beispielen aus dem 21. Jahrhundert verdeutlich werden, dass Teile der Regensburger Stadtverwaltung antisemitische Stereotype für ihre Vergangenheitspolitik bemühen. Auch die christlichen Wurzeln der Judenfeindschaft sollen hierbei angesprochen werden.

Die Ausstellung in der Neupfarrkirche (2003)

Die mittelalterliche jüdische Gemeinde Regensburgs gilt als die älteste in Bayern. Bereits für das 11. Jahrhundert sind ein voll ausgebildetes jüdisches Viertel und im folgenden Jahrhundert eine angesehene Talmudschule nachweisbar. Nicht zuletzt wegen den komplexen und strittigen Rechts- und Schutzverhältnissen konnte sich die über lange Zeit hinweg in kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht bedeutungsvolle Gemeinde bis ins 16. Jahrhundert behaupten. Nach der Vertreibung der Juden aus Regensburger im Jahr 1519 entstand am Ort des Geschehens eine Kapelle und den Überlieferungen nach eine der größten Marienwallfahrten im damaligen Reich. Die Kapelle musste 20 Jahre später einer steinernen Kirche weichen, die 1542 das erste protestantische Gotteshaus der Stadt werden sollte. Seit 2003 gibt es in dieser Neupfarrkirche eine kleine, von Mitarbeitern des städtischen Archivs geschaffene Ausstellung, in der die Geschichte der Kirche und des Neupfarrplatzes thematisiert werden. Auf zwei von acht Tafeln versucht man, die christlich-jüdische Geschichte Regensburgs und die Gründe für die Vertreibung darzustellen, mit antijüdischen Stereotypen wird dabei nicht gespart.

Unter der Überschrift „Die Vertreibung der jüdische Gemeinde“ heißt es zur Beschreibung der Situation in der Stadt, dass die Stimmung in Regensburg auf dem Siedepunkt angelangt und dafür vor allem die Hetze des damaligen äußerst eloquenten Domprediger Balthasar Hubmeier verantwortlich gewesen sei.

„Den verarmten Handwerkern erschienen seine [= Hubmeiers] Anschuldigungen gegen die Juden, die verantwortlich für die schlechten [sic] Lage der Stadt seien, durchaus glaubhaft, sahen doch die Zünfte in den Juden ihre großen Gegner. Als Pfandleiher und damit Gebrauchtwarenhändler waren einige Juden tatsächlich für die Gewerke, die so ihre teueren Produkte nicht veräußern konnten, die Konkurrenz schlechthin.“

Der mit „Das jüdische Viertel im Mittelalter“ überschriebenen Tafel kann entnommen werden, dass das besagte Viertel innerhalb des alten Stadtkern Regensburgs bzw. des römischen Legionslager zu finden sei und Juden dort schon vor der Stadterweiterung von 920 n. Chr. ansässig gewesen seien. Und weiter heißt es auf der Tafel:

„Für den Handel prädestiniert waren sie vor allem durch ihre Religion, die von jedem Mann fordert, dass er lesen kann und die hebräische Sprache, die Sprache der Tora, lernt.“ Mit dieser liturgischen Sprache hätten Juden sich „weltweit“ verständigen können, durch den Fernhandel seien sie wohlhabend geworden.

Die Juden, die durch ihre Religion für den weitweiten Handel prädestiniert, Christen gegenüber die Konkurrenz schlechthin und reich gewesen seien? Braucht, oder besser gesagt, kann man gegen solche stark verdichtete judenfeindliche Ideologeme überhaupt noch argumentieren? Diese in Regensburg weit verbreitete stereotype Auffassung jüdischen Lebens hat man nach einem halben Jahrtausend unbesehen von den christlichen Hetzern und Predigern des Mittelalters übernommen, in die Sprache unserer Zeit transkribiert und in der Form einer städtischen Ausstellung zu einer Neuauflage verholfen. Christliche Judenfeindschaft wird hierbei nicht problematisiert, sondern mit einer wirtschaftsgeschichtlichen Verbrämung bzw. einer Pseudo-Legitimation versehen und wiederholt.

Nach sachlich vorgetragener inhaltlicher Kritik an der Schau in der Neupfarrkirche, reagierte eine der Ausstellungsmacherinnen bezeichnenderweise persönlich beleidigt, redete von ihrer Sympathie fürs Judentum und verwies auf ihr angeblich gutes Verhältnis zu dem damaligen Vorstand der jüdischen Gemeinde. Viele Monate später veränderte man das eine oder andere kritisierte Wort in den Schautafeln.

Um das antisemitische Konstrukt einer angeblichen jüdischen Vormachtstellung zuungunsten von Christen geht es auch im zweiten Beispiel.

Die Bewerbung Regensburgs als UNESCO-Welterbe (2004)

In der Nominierung zur Eintragung in die Welterbeliste der UNESCO der Stadt Regensburg (unterzeichnet von Kulturreferenten Klemens Unger, 2004) heißt es auf S. 22 unter der Überschrift Der Regensburger Fernhandel:

„Unter den Karolingern wurde von Regensburg aus Sklavenhandel im großen Stil betrieben. Vor allem durch Regensburger Juden wurden die Gefangenen aus den zahlreichen Auseinandersetzungen mit slawischen Völkern an arabische und maurische Völker verkauft. Der Weg führte über Augsburg, Chur und Pavia zur Verschiffung in die arabischen Herrschaftsgebiete oder nach Verdun, einem weiteren Mittelpunkt des Sklavenhandels.“

Scheut man nicht davor zurück für die Karolinger-Zeit, einerseits einen von „Regensburger Juden“ kontrollierten internationalen Sklavenhandel herbeizureden, muss man andererseits wenige Seiten später zugeben, dass es für diesen Zeitraum gar keinen Beleg für jüdisches Leben in Regensburg gibt! So ist der vom Amt für Archiv und Denkmalpflege bearbeiteten Schrift auf S. 25 zu entnehmen:

„Wenn auch exakte Belege fehlen, so reichen die Anfänge jüdischen Lebens in Regensburg wahrscheinlich schon in die karolingische Epoche zurück (…) Den ältesten urkundlichen Beleg für die Existenz von Juden in der Donaustadt bildet ein Diplom aus dem Jahre 981, mit welchem Kaiser Otto II. (955-983; seit 961 Kg., seit 967 Ks.) den Verkauf eines Gutes in „Schierstadt“, dem heutigen Stadtamhof, durch den Juden Samuel an St. Emmeram bestätigt.“

Wer zum ersten Mal von einem internationalen Sklavenhandel hört, der angeblich von Regensburger Juden in einer Zeit dominiert worden sein soll, für die über eine dortige jüdische Siedlung gar keine Belege existieren, mag erstaunt sein. Dem aufmerksamen Leser der einschlägigen Arbeiten aus dem Umfeld des Leiters des Amtes für Archiv und Denkmalpflege, Heinrich Wanderwitz, ist dessen Ideologem vom „jüdischen Sklavenhandel“ schon seit vielen Jahren bekannt. Seit kurzem will Wanderwitz, der zur christlich-jüdischen Geschichte nie eigene Forschungen betrieben hat, die Spekulationen über die angebliche jüdische Dominanz längst mit älteren Arbeiten belegt sehen: der Regensburger „Sklavenhandel des 9. und 10. Jahrhunderts“ sei schon des Öfteren untersucht worden, meint er etwa im Ausstellungskatalog der aktuellen Furtmeyr-Schau und vernachlässig alle Stimmen, die dem allgemein und grundsätzlich widersprechen bzw. für Regensburg diesbezüglich keine Sonderstellung erkennen können.

Ein Ausgangspunkt für das Konstrukt vom „Sklavenhandel im großen Stil“, den angeblich die Regensburger Juden dominierten, liegt in einer verzerrenden Interpretation der „Raffelstetter Zollordnung“ (903). In dieser ist nur von Kaufleuten bzw. Juden allgemein und von Abgaben unter anderem für auf der Donau transportierte Sklaven die Rede, jedoch nicht von Regensburg bzw. Juden aus der Donaumetropole. Eine Dominanz der Regensburger, und somit auch der dort ansässigen Juden, leitet Wanderwitz aus der strategischen Bedeutung der Handelsmetropole her, ohne weitere Belege dafür bieten zu können.

Laut dem Mittelalter-Experten und Historiker Michael Toch kann jedoch „im Reich seit der Seßhaftwerdung der Juden etwa zur Mitte 10. Jahrhunderts überhaupt nicht von einem berufsmäßig betriebenen Sklavenhandel die Rede sein, allein vom Erwerb meist slawischer Sklaven als Dienstboten für den Hausgebrauch.“ (Die Juden im Mittelalterlichen Reich, 1998, S.97). Da sich darüber hinaus für die Auffassung vom „jüdischen Handelsmonopol“ in den Quellen keine Abstützung finde, schlussfolgert Toch in seinem Standardwerk, dass diese „allein auf der Lehre einer wesensmäßigen jüdischen Affinität zu ´Wucher´-Berufen beruht.“ (S. 96)

Die einschlägigen Arbeiten von Heinrich Wanderwitz würden sich vorzüglich als Exempel für die langjährigen „Sklavenhandel“-Studien von Michael Toch eignen und vom „Wucher“ handelt auch das nächste Bespiel aus dem judenfeindlichen Repertoire der Regensburger Stadtverwaltung.

Die Rede von OB Schaidinger zur Einweihung des Kunstwerks von Dani Karavan (2005)

Auch Oberbürgermeister Hans Schaidinger blies die althergebrachte Melodie vom Wucher ins judenfeindliche Horn. In seiner Festrede (vom 13.7.2005) zur Einweihung des Denkmals von Dani Karavan brachte er – an den Grundmauern der zerstörten Synagoge – „die Juden“ mit dem wirtschaftlichen Niedergang der Stadt Regensburg im Mittelalter in Verbindung und machte sie für ihre Vertreibung letztendlich selbst verantwortlich:

„Jahrhunderte lang kennzeichnete Regensburg eine überaus intakte, fruchtbare christlich-jüdische Stadtgesellschaft, getragen von Toleranz und Respekt. Antisemitische Stimmen machten sich erst im 15. Jahrhundert infolge des wirtschaftlichen Niedergangs der Stadt bemerkbar. Die Juden waren die Gläubiger der christlichen Bürger, weil es den Christen verboten war, Geld zu verleihen. Je größer die Schulden, umso größer der Unmut, der auf den jüdischen Kreditgebern lastete. Jahrzehntelang stellten sie sich selbst unter den Schutz Kaiser Maximilians I. Als dieser 1519 starb, nutzten die Regensburger das Machtvakuum, um ihrer jüdischen Gemeinde ein Ultimatum zu stellen. Die Juden sollten die Stadt verlassen.“

„Erklärungen“ dieser Art machen den Kern einer wirtschaftlich gehaltenen Rechtfertigung der Vertreibung der Regensburger Juden aus. Auf diese Weise versucht man seit bald 500 Jahren die damaligen rechtswidrigen Vorgänge zu legitimieren. In unserer Zeit jedoch, nach der Shoa, lässt es sich OB Schaidinger nicht nehmen, mit einer Brise Stolz ein angeblich judenfreundliches historisches Regensburg zu konstruieren und von Respekt und Toleranz zu sprechen. Die geübten Schuldzuweisungen gegenüber Juden korrelieren mit dem Ausbleiben einer kritischen Betrachtung der damals gültigen christlichen Wirtschaftsordnung – von einer Problematisierung der christlich motivierten Judenfeindschaft will man offensichtlich ohnehin nichts wissen.

Karavans Kunstwerk wurde bekanntlich auf den Fundamenten der 1519 zerstörten gotischen Synagoge errichtet, es bildet diese anschaulich nach. Diese Grundmauern und die des romanischen Vorgängerbaus gelten als überraschende Entdeckung einer ausgedehnten Stadtkerngrabung, bei der in Jahren 1995-1998 am Regensburger Neupfarrplatz auch Teile der mittelalterlichen Kelleranlagen des zerstörten Judenviertels freigelegt wurden.

Es stellt sich die Frage, ob es für eine Rede, welche die Gründe für den Unmut gegenüber „den Juden“ bei diesen selber sucht, einen unpassenderen Ort als den der zerstörten und entweihten Synagoge gäbe? Die Antwort wäre, dass alle gleich schlecht wären und sogar der Katalog einer städtischen Kunstausstellung sollte von antisemitischen Stereotypen frei sein.

Die Ritualmordkolportage im Katalog der Furtmeyr-Ausstellung 2010

In seinem Beitrag zum Katalog der derzeitigen Ausstellung des Historischen Museums (Christoph Wagner und Klemens Unger (Hg.), Furtmeyr, 2010) kolportiert Archivdirektor Heinrich Wanderwitz die mittelalterlichen Regensburger Ritualmordbeschuldigungen. Unter dem Titel „Regensburg zur Zeit Berthold Furtmeyrs“, eines erfolgreichen Regensburger Buchmalers, führt er in die historischen Hintergründe ein. Nach einem kurzen Abriss über die Reichsstadt im 15. Jahrhundert zeichnet Wanderwitz, ausgehend von einer angeblich ausgesprochen judenfreundlichen Politik, die weitere Entwicklung nach. Das Verhältnis zu den Juden habe sich u. a. mit aufkommenden Ritualmordgerüchten zusehends verschlechtert.

„Dann drang 1476 eine Nachricht von einem angeblichen Kindsmord in Trient durch Deutschland, und als dortige Aussagen auf Verbindungen zu Regensburg deuteten, hier daraufhin verhaftete Juden unter der Folter aussagten, verschiedene Kinder ermordet zu haben, und man auf dem von ihnen bezeichneten Platz tatsächlich Kindergebeine fand, war kein Halten mehr: Es gab weitere Verhaftungen, man besetzte das Getto und beschlagnahmte ihr Vermögen.“ (S.25-26)

Schon die von Wanderwitz dargebotene Chronologie und die Rede von „kein Halten mehr“ zeugen von sachlicher Unkenntnis und Fehlschlüssen. Denn die Absperrung des jüdischen Viertels und die Beschlagnahme von Eigentum und Pfänder geschahen bereits Ende März 1476, also schon vier Wochen vor dem angeblichen Fund der Gebeine (vom 25.4.). Die von Wanderwitz angeführten „weiteren Verhaftungen“ wurden Anfang April (9.4.) vorgenommen, sprich bereits über zwei Wochen bevor die Gebeine aufgetaucht sind.

Darüber hinaus lässt Wanderwitz mit seiner Darstellung gebotene Seriosität vermissen. Dass man „auf dem von ihnen [den Inhaftierten, d. A.] bezeichneten Platz tatsächlich Kindergebeine fand“, entspringt allein der Phantasie des Archivars, dergleichen haben noch nicht einmal die von der Klägerpartei beauftragten fadenscheinigen notariellen Bestätigungen von 1476 behauptet. Diese beglaubigten nur die Aussage von hinzugezogenen Ärzten, sie hätten Gebeine von vier bis sechs Kindern vor sich liegen. Ihre Herkunft bzw. der Fundort bleibt dabei ungenannt, zumal der ganze Vorgang des Ausgrabens schon zeitgenössisch angefochten wurde.

Wanderwitz leitet das Auffinden der Gebeine als historisch gegebene Tatsache aus den Folteraussagen der verhafteten Juden her und unterstellt somit ein Täterwissen der Angeklagten: nämlich eines über den Vergrabungsort. Hierbei folgt der Archivar ohne Beleg der nicht verifizierbaren Behauptung der Ankläger, die Inhaftierten hätten ausgesagt, verschiedene Kinder ermordet zu haben. Insgesamt gesehen suggeriert Wanderwitz mit dem Konstrukt, Aussagen und preisgegebenes Täterwissen hätten am „bezeichneten Platz zu einem „tatsächlichen“ Fund von Kindergebeinen geführt, dass die rituelle Ermordung von „verschiedenen Kindern“ durch die damals Angeklagten eine historisch belegbare Tatsache sei. Diese Ausführungen sind in eine weit verbreitete, traditionsreiche judenfeindliche Geschichtsschreibung einzureihen und bezeichnenderweise trug Wanderwitz denselben Wortlaut bereits 1992 in einem Katalogbeitrag für eine andere städtische Ausstellung vor, ohne jegliche Irritationen zu erzeugen (450 Jahre Evangelische Kirche in Regensburg 1542-1992, 1992, S.33).

Als „Beleg“ für seine Behauptungen gibt Wanderwitz mit Peter Herde einen ausgewiesenen Fachmann und Kenner für die damaligen Ereignisse an. Wer sich jedoch mit dessen Arbeiten zur christlich-jüdischen Geschichte Regensburgs, wie z.B. dem Ortsartikel in der Germania Judaica (1995), beschäftigt hat, der weiß, dass für Herde an der Unschuld der angeklagten Juden „kein Zweifel bestehen kann“. Angesichts der historischen Tatsache, dass in diesem Zusammenhang kein Christenkind vermisst wurde, spricht er von „Ritualmordpsychose“. Als ein Ergebnis seiner Forschungen, schlussfolgert Herde: „Was die herbeigeschafften Skelette anbetrifft, so ist es sehr wahrscheinlich, daß sich einige Ratsherren eines offenkundigen Betruges schuldig gemacht haben.“ (ZBLG, 1959, S. 382).

Neben der missbräuchlichen Verdrehung der Arbeiten Herdes ist weiter festzuhalten, dass Wanderwitz darüber hinaus plagiatorisch vorgeht, da er die oben zitierte Passage (und mehr), Wort für Wort und ohne Kennzeichnung bei Walter Ziegler, einem emeritierten Professor für bayerische Landesgeschichte, abgeschrieben hat.

Ist Regensburg eine Ausnahme?

Wie oben ausgeführt ist festzustellen, dass sich die geschilderte Regensburger Vergangenheits- und Gedenkpolitik teilweise aus althergebrachten judenfeindlichen Ressentiments speist. Der weit verbreitete Rückgriff auf antisemitische Stereotype, der in der Regel von bürgerschaftlich Engagierten der Stadt gleichgültig hingenommen wird, steht unter anderem in einem komplexen Zusammenhang mit der Bearbeitung der mittelalterlich christlich-jüdischen Geschichte Regensburgs durch den Nazi-Historiker Wilhelm Grau. Dessen Arbeit stellt, laut dem emeritierten Regensburger Historiker Wilhelm Volkert, der nebenbei bemerkt der Doktorvater von Heinrich Wanderwitz ist, eine nationalsozialistische Hetzschrift dar. Wilhelm Grau, ab 1935 Geschäftsführer der Münchner „Forschungsabteilung Judenfrage“, war am Prozess der Vernichtung der europäischen Juden beteiligt. Er gilt als Spiritus Rector der Nazifizierung der jüdischen Geschichte und verfasste das antisemitische Machwerk Antisemitismus im späten Mittelalter (1934/1939). Grau konnte diese Arbeit nur mit Hilfe der umfangreichen Forschungen des jüdischen Historikers Raphael Straus erstellten, dessen Sammlung von Urkunden und Aktenstücken zur Geschichte der Juden in Regensburg er hierfür mit einer antisemitischen Rassenideologie ausdeutete. Grau versuchte die Geschichte der mittelalterlichen Vertreibungen und Blutbeschuldigungen für die nationalsozialistische Vernichtungspolitik nutzbar zu machen. Seine Arbeit zu Regensburg erfreute sich in lokalgeschichtlichen Arbeiten bis in die heutige Zeit einer unkritischen und breiten Rezeption, wobei an dieser Stelle erneut Wanderwitz zu nennen ist. Er trat in seiner Funktion als Archivleiter mit der Herausgeberschaft einer in Teilen zweifelhaften Publikation hervor (Klaus Fischer, Regenburger Hochfinanz, 2003), in der Grau „entnazifiziert“ und reingewaschen werden sollte. Nach Recherchen und Berichterstattung des Internetmediums www.regensburg-digital.de wurde die Publikation Regensburger Hochfinanz im Februar 2010 von der Verlagsleitung aus dem Programm genommen.

Antisemitische Historiker wie Grau sorgten dafür, dass beispielsweise die mittelalterlichen Regensburger Ritualmordbeschuldigungen vom nationalsozialistischen Propagandablatt Der Stürmer auf die Titelseite genommen wurden. In der Berliner Dauer-Ausstellung im Haus der Wannsee-Konferenz zeigt man den Titel des Hetzblatts, der eben diese Vorwürfe im Mai 1939 erneut erhob und mit einem Stich aus der Heiligensammlung des Jesuiten Matthäus Rader, der aus dem 17. Jahrhundert stammenden Bavaria Sancta, bildlich geschickt unterlegte.


Stich aus Bavaria Sancta III. 1627

Die Vorwürfe, Christenknaben rituell zu ermorden und Hostien zu frevelhaft zu behandeln, gehören zu den sogenannten Blutbeschuldigungen und somit zu den schärfsten Waffen der genuin christlich motivierten Judenfeindschaft, die sich in dem Gefolge der Transsubstantiationslehre des 13.Jahrhunderts europaweit ausbreitete. In Regensburg waren diese Beschuldigungen grundlegender Bestandteil einer radikalen antijüdischen Verfolgung und gehörten zu den ursächlichen Bedingungen der Vertreibung der Juden aus Regensburg im Jahr 1519. Generationen von christlichen Chronisten und Geistlichen haben diese Vorwürfe bis ins 20. Jahrhundert wiederholt, als sie dann von der antisemitischen Rassenideologie aufgriffen und in der staatlich organisierten Judenverfolgung des nationalsozialistischen Deutschland radikalisiert wurden.

Die kritische Antisemitismus-Forschung brachte nach der Shoa die Erkenntnis hervor, dass der sogenannte heidnische Antisemitismus der Deutschen im Nationalsozialismus ohne die christliche Judenfeindschaft nicht möglich gewesen wäre. Diese Auffassung ist in Regensburg kaum verbreitet, obwohl – wie oben versucht wurde aufzuzeigen – gerade die dortigen Vorfälle ein herausragendes Exempel für die Tradierung von ursprünglich religiös motivierter Judenfeindschaft und ihrer antisemitischen Erneuerung im nationalsozialistischen Kontext darstellen würden.

Der in Regensburg lehrende Exeget für Das Alte Testament, Christoph Dohmen, bringt in einer Broschüre des Gesprächskreises „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken (Auschwitz. Geschichte und Gedenken, 2002) eine noch ausstehende Auseinandersetzung folgendermaßen auf den Punkt:

„Es ist Aufgabe einer ´Theologie nach Auschwitz´, nicht nur den unchristlichen Antisemitismus zu demaskieren, sondern auch den jahrhundertelang gelehrten und praktizierten Antijudaismus der Kirchen. Die Christen und die Kirchen müssen ´Die Last der Geschichte annehmen´.“

Dieses Motto von der anzunehmenden Last, das aus einer Erklärung der deutschen Bischöfe aus dem Jahr 1988 stammt, haben in Regenburg, soweit ersichtlich, bestenfalls wenige Einzelpersonen zur Kenntnis genommen, Teile der Stadtverwaltung hingegen verbreiten antisemitische Stereotype. Die Fortsetzung einer solchen Praxis ist bis auf weiteres zu befürchten, es sei denn, eine übernationale Institution wie die UNESCO ginge dagegen vor und würde Städten nicht nur wegen Bausünden sondern auch wegen einer mit antisemitischen Stereotypen angereicherten Vergangenheitspolitik den Welterbe-Titel aberkennen.

Andere mögen einstweilen auf eine gelungenere Regensburger Rede von Papst Benedikt XVI. hoffen, dem der Regensburger Kulturreferent Unger vor kurzem persönlich einen Furtmeyr-Katalog überreichte, der mit der Ritualmord-Kolportage vergiftet ist.