- haGalil - https://www.hagalil.com -

Die Verwendung koranischer Narrative beim Streben nach Frieden

Ich halte den israelisch-palästinensischen Konflikt für das größte Hindernis beim Ausräumen islamisch-jüdischer Antipathien. Obwohl es in diesem Streit elementar um die Aufteilung von Gütern und die Macht zur Einflussnahme auf Entscheidungen geht, wird er oft als religiöser Konflikt dargestellt. Doch ist es richtig, dass die einander gegenüberstehenden Seiten oft falsche oder aus dem Kontext gerissene Interpretationen aus ihren heiligen Schriften benutzt haben, um den anderen zu dämonisieren und eine Rechtfertigung zu finden, sich nicht um einen gerechten Frieden zu bemühen…

Von Imam Feisal Abdul Rauf

New York. Aus einer islamischen Perspektive könnte dieses Vorgehen irriger nicht sein, da uns im Koran eine Reihe von aussagekräftigen Prinzipien und Geschichten gegeben wurde, die uns zu Gerechtigkeit, Frieden und gemeinschaftlicher Harmonie anhalten. Es ist deshalb meine Überzeugung, dass Religion, obwohl sie nicht das primäre Problem in Israel/Palästina darstellt, ein primärer Teil der Lösung ist.

Nach den Schriften sind Muslime und Juden vereint durch das Vermächtnis des Propheten Abraham, das sich in der „Abrahamitischen Ethik“ verkörpert, die auf einem Monotheismus basiert, der auf menschlicher Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit besteht. Der Koran wird nie müde zu wiederholen, dass es seine Aufgabe sei, diese Ethik wiederherzustellen, und dass Mohammed und alle vorangegangenen Propheten genau dieses Anliegen hatten: „Wahrlich, die Menschen, die Abraham am nächsten stehen, sind jene, die ihm folgen, und dieser Prophet (Mohammed) und die Gläubigen.“ (Koran, 3:68)

Der Islam definiert sich selbst weniger als Religion von Mohammed sondern vielmehr als Religion von Gott, die ursprünglich von Abraham begründet wurde. Herrührend von diesem gemeinsamen Erbe werden Juden (als auch Christen) im Koran mit einem besonderen Namen beschrieben: Volk des Buches (Ahl-al-kitab) oder Volk der Schrift. Muslime glauben, dass Gott den Juden durch ihre Propheten Schriften gesendet hat, die die göttlichen Lehren von Gottes Botschaft beinhalten. Daher haben sie die wahre Religion. Dies abzustreiten bedeutet, dem Koran zu widersprechen, der nicht bloß die Gemeinsamkeit anerkennt, die Juden mit Muslimen haben – er identifiziert den Islam mit ihnen. „Und sprecht [zum Volk des Buches]: „Wir glauben an das, was zu uns herabgesandt wurde und was zu euch herabgesandt wurde; und unser Gott und euer Gott ist Einer; und Ihm sind wir ergeben.“ (Koran, 29:46) Diese Einheit bedeutet, dass, obwohl es zweifellos Streitigkeiten zwischen uns gibt, diese nicht mehr als ein Familienstreit sind 

Der  Koran kritisiert die Juden für das Misslingen, die Tora hoch zu halten, für exzessiven Legalismus und den übertriebenen Autoritarismus einiger Rabbiner. Diese und andere Passagen sind benutzt  worden, um Juden auf eine Rolle festzulegen und sie ungerechtfertigt auf zeitgenössische Probleme anzuwenden. Es gibt jedoch keine Kritik, die der Koran an die Juden richtete, die sie nicht selbst an sich und ihre Tradition gerichtet hätten. Zudem kann kein Muslim bestreiten, dass viele dieser Fehler universeller Art sind – Unzulänglichkeiten, die in jeder religiösen Gemeinschaft, einschließlich der islamischen, bestehen. Tatsächlich verurteilt der Koran niemanden absolut, da die kritischen Verse Seite an Seite mit denjenigen Versen stehen, die die Gerechten rechtfertigen. 

Unser Auftrag ist es deshalb, unsere Gemeinschaften nicht wegen der Religion in feindliche Fraktionen zu spalten, wie es einige getan haben. Gottes Wort im Koran an Juden und Christen, ebenso wie an Muslime, besteht heute weiterhin so maßgebend, relevant und notwendig wie vor vierzehn Jahrhunderten, als es zum ersten Mal offenbart wurde: „O Volk der Schrift, kommt herbei zu einem gleichen Wort zwischen uns und euch, dass wir nämlich Allah allein dienen und nichts neben Ihn stellen und dass nicht die einen von uns die anderen zu Herren nehmen außer Allah.“ (Koran, 3:64) Diese und andere Passagen geben eine tiefgründige Inspiration für Dialog, Zusammenarbeit und, schließlich, Frieden.

Dialog, der erste Schritt, bietet die Gelegenheit, die gemeinsame Basis der geteilten Werte und Ziele aufzudecken, die in jedem unserer Glauben ihren Nachhall finden, und persönliche Bindungen und Vertrauensbeziehungen zu schmieden, die das Potential in sich tragen, gemeinsame Bemühungen zu ermöglichen. Ich trete für ein solches Vorgehen ein: orientierter Dialog, der über Gespräche hinausführt. 

Islamische und jüdische Organisationen und Institutionen müssen Koalitionen bilden, um sich in Frieden zu verbinden. Obwohl dieser Schritt in vielen Bereichen stattfinden sollte, ist er auf der Ebene der religiösen Führerschaft besonders entscheidend – zwischen Rabbinern und Imamen und unter sich auf die Religion beziehenden Aktivisten. Diese Freundschaften und Partnerschaften sind es, die helfen können, Israel, Palästina und der Region einen gerechten Frieden zu bringen, und die darüber hinaus die Beziehungen zwischen Muslimen und Juden weltweit verändern können. 

Solche Anstrengung in Richtung Veränderung könnte ihre Inspiration aus der bemerkenswerten Zeit des Kalifats von Cordoba (auf dem Territorium des heutigen Spanien) beziehen. Während seiner Hochphase im 10. und 11. Jahrhundert beherbergte es die aufgeklärteste, pluralistischste und toleranteste Gesellschaft der Erde, in der sich Muslime und Juden einer besonderen Beziehung erfreuten. Meine eigene Organisation, die Cordoba Initiative, stützt sich auf dieses Erbe, um die jüdisch-islamischen Beziehungen wieder auf eine Zusammenarbeit hin zu verändern, die sich auf unsere gemeinsamen Werte und Interessen gründet. Wir nutzen ein wirkungsmächtiges Modell von aktionsorientierter und glaubensbasierter Partnerschaft, um innerhalb des nächsten Jahrzehnts einen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen der islamischen Welt und dem Westen herbeizuführen, der den Kontext von Israel und Palästina einschließt. Ich glaube, dass das unser abrahamitischer Auftrag ist.

Imam Feisal Abdul Rauf ist Vorsitzender der Cordoba Initiative, die daran arbeitet, die islamisch-westlichen Beziehungen zu verbessern. Dieser Artikel ist Teil einer Sonderserie zu Juden und Muslimen in den Narrativen der jeweils anderen und wurde für den Common Ground News Service (CGNews) geschrieben.

Deutsche Übersetzung: hgn