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Rassisten und Moslemfeinde trafen sich zum Kongress

Letztendlich blieb der jüdische „Koscherstempel“ aus, zwei Drittel der Redner entstammen einem rassistischen und/oder rechtsradikalen Spektrum, die Frage bleibt, was das übrige Drittel dort zu suchen hatte. Vom durch die Veranstalter beanspruchten „Laizismus“ waren die Inhalte meistens weit entfernt: katholische Fundamentalisten waren ebenso willkommen wie „Identitäts“-Rassisten…

Von Bernard Schmid, Paris

Es geht doch nichts über einen guten gemeinsamen Feind, um unter Leuten, die sonst mutmaßlich nicht sehr viel miteinander gemeinsam hätten, etwas „Verbindendes“ zu stiften. Oder was sonst hätten eine historische Feministin, einzelne Kabylen – also nordafrikanische Berber – und rechtsorientierte Juden, rechtsradikale Fußballhooligans mit Schals vom Pariser Club PSG und ein neofaschistischer Präsidentschaftskandidat miteinander gemeinsam? Ja, zum Glück gibt es einen gemeinsamen Feind.

Dessen Bestimmung führt zu unerwarteten Annäherungen. Die Feinddefinition ist klar. Sie lautet: Die Moslems sind es, diese Bösen, die uns überfremden, „besetzen“, überschwemmen, die Arbeitsplätze wegnehmen, an Kriminalität schuldig sind – und überhaupt. Wie der US-Gastredner Tom Trento von der anti-moslemischen Aktivistengruppe ,Florida Security Council’ kurz vor der Mittagspause durch den Saal donnerte: Die von ihnen ausgehende Bedrohung sei heute viel größer, sei „perfider und tödlicher“ als jene, die „in seinen besten Tagen von Adolf Hitler ausging“. Trento rief dazu auf, „diese Ratten, diese Ratten“, also die muslimischen ,bad guys’, „zu jagen, und zwar mit Videokameras, um sie im Internet für alle sichtbar darzustellen“.

Nicht jeden Tag sieht man die Obengenannten, vom Berber bis zum Neofaschisten, gemeinsam in einem Saal sitzen wie am vergangenen Samstag im 12. Stadtbezirk von Paris; die Fußballschläger dagegen stellten eher den (beeindruckenden) Ordnerdienst der Veranstaltung. Antirassistische und Menschenrechtsgruppen hatten im Vorfeld ein Verbot der Veranstaltung als Rassistentreffen verlangt, und der sozialdemokratische Pariser Oberbürgermeister Bertrand Delanoë hatte sich dieser Forderung sogar angeschlossen. Das Innenministerium und die Polizeipräfektur antworteten ihn hingegen, aufgrund des Prinzips der Meinungsfreiheit ziehe man kein Verbot in Betracht – wache aber durch anwesende Beamte genau über die Äußerungen, die fallen würden, um bei strafwürdigen Inhalten einschreiten zu können. (Oder um spätere Strafverfolgungen zu ermöglichen.)

Vorab hatte die – gewöhnlich äußerst gut unterrichtete – Webseite ,Droite(s) extrême(s)’, die für ,Le Monde’ über das gesamte Spektrum der extremen Rechten berichtet, das Publikum darüber informiert, dass auch Angehörige der ,Ligue de défense juive’ (LDJ, „Jüdische Verteidigungsliga“) am Ordnerdienst teilnehmen würden. Bei der LDJ handelt es sich um den französischen Ableger der rassistischen Kach-Bewegung des 1990 in New York getöteten Rabbi Kahane, die in Israel und in den USA aufgrund rechtsterroristischer Taten verboten ist. In Frankreich hingegen ist die Extremistenorganisation bislang erlaubt, und nimmt oft an Allem teil, was sich irgendwie gegen Araber und/oder Moslems richtet. Einer ihrer Chefs, Anthony Attal, wurde im November 2006 als Teilnehmer am „Präsidentschaftskonvent“ von Jean-Marie Le Pen gesichtet (wo im übrigen auch der schwarze französische Antisemit Dieudonné M’bala M’bala auftauchte). Wie oben zitierte Webseite jedoch kurz darauf präzisierte, erbrachte die LDJ ein schriftliches Dementi, was ihre Beteiligung an dem Kongress vom Samstag betrifft. Ob einzelne ihrer Mitglieder letztlich – eventuell in ihrem eigenen Namen – letztendlich dabei waren oder nicht, kann zur Stunde noch nicht beurteilt werden.

Die britische anti-muslimische Hooligantruppe English Defence League (EDL), deren Chef Tommy Robinson als einer der Hauptredner angekündigt worden war, erschien aufgrund von Terminschwierigkeiten letztendlich nicht. An seiner statt stellte allerdings Timo Vermeulen von der ähnlich gearteten, niederländischen Dutch Defence League (DDL) seinen Verein vor. Er beschrieb in apokalyptischen Farben die moslemische Präsenz in Holland. Zum Sittengemälde gehörte nicht zuletzt auch, das angeblich „einheimische holländische Frauen mit Drogen betäubt und zur Prostitution gezwungen werden“. Durch Immigranten, natürlich. In sein Horrorgemälde gemeindete Vermeulen auch Juden und Homosexuelle, die er als durch die moslemische Springflut bedroht darstellte, mit ein. Nicht alle Anwesenden dürften sich ihnen freilich auf das Innigste verbunden fühlen – denkt man beispielsweise nur an den Schriftsteller und samstäglichen Redner Renaud Camus, eines von dessen Büchern musste aufgrund explizit antisemitischer Passagen zurückgezogen werden (vgl. unten).

Schweine-Sandwichs vom freundlichen Faschisten

Rund 1.000 Personen aus halb Europa – zuzüglich Gastredner aus Russland und den USA – zog der „Kongress gegen die Islamisierung unserer Länder“ an, der den ganzen Tag über dauerte. Verpflegt wurden die Anwesenden, die dafür 15 Euro berappt hatten, mit Schweineschinken-Sandwichs und Rotwein von der rechtsradikalen Vereinigung Solidarité des Français (SDF). Diese Satellitenstruktur des Bloc identitaire, einer aktivistischen neofaschistischen Organisation, machte in den letzten Jahren durch ihre „Schweinesuppe“ – la soupe au cochon – von sich reden: Es handelt sich um eine vorgebliche Armenspeisung, die sie jeden Winter Pariser Obdachlosen anbietet, aber mit einem Speiseangebot, das sowohl Moslems auch aus Juden von vornherein ausschließt, jedenfalls sofern sie ihrer Religion nicht abgeschworen haben. Französische Gerichte haben diese „Provokation“ verschiedentlich verboten, und der Europäische Gerichtshof bestätigte im Juni 2009, es handele es sich um einen Akt bewusster und vorsätzlicher Diskriminierung. Nichtsdestotrotz ging das Treiben auch in diesem Jahr vor wenigen Wochen schon wieder los. SDF und der Bloc identitaire zählten zu den Hauptveranstaltern des Kongresses. Der Bloc identitaire selbst war mit seinem „Präsidentschaftskandidaten“, Arnaud Gouillon, und seinem Chef Fabrice Robert als Rednern vertreten.

Der Haupredner des Tages, Pierre Cassen von der Internetpublikation Riposte Laïque (ungefähr: Gegenschlag der Laizisten) – der sich selbst einen „aus der Linken kommenden Säkularisten“ nennt, aber explizit das Bündnis mit Rechtsextremen rechtfertigt und die alleinige Konzentration der Religionskritik auf den Islam betreibt – bedankte sich an jenem Samstag mehrfach beim Bloc identitaire. „Ohne sein Organisationsvermögen hätte diese Veranstaltung unmöglich zustande kommen können“, betonte er.

Auch nicht jeden Tag hört man eine frühere Webbegleiterin von Simone de Beauvoir die rechtsextreme Politikerin Marine Le Pen mit ihrem Vornamen ansprechen bzw. erwähnen, um ihr zu attestieren, ihre Sprüche hätten „nichts Schockierendes“. So hörte man es am Samstag aus dem Munde von Anne Zelensky, die sich auf die viel diskutierten Äußerungen der Tochter von Jean-Marie Le Pen vom 10. Dezember bezog.

Applaus für „Marine“ (Le Pen)

An jenem Abend hatte die mutmaßliche künftige Chefin des Front National (FN) einen Auftritt in Lyon vor rund 300 Anhängern ihrer Partei. Bei der Stadt am Zusammenfluss von Rhône und Saone handelt es sich um eine als „ultraradikal“ geltende Sektion des FN: In dieser Hochburg ihres Rivalen Bruno Gollnisch finden sich unter anderem Aktivisten der offen republikfeindlichen und antisemitischen Kleingruppe Oeuvre française, die die „Protokolle der Weisen von Zion“ verbreiten. Vor einem solchen Publikum, und um auch in die Anhängerschaft ihres Konkurrenzkandidaten einzubrechen, ließ Marine Le Pen sich nicht lumpen. Am Mikrophon schrieb sie jenen, die „dauernd vom Zweiten Weltkrieg“ und der Besatzung durch Nazideutschland reden wollten, ins Stammbuch, heute gebe es eine aktuelle Besatzung, um die sie sich stattdessen lieber einmal kümmern sollten. Und zwar jene Besatzung „von Teilen unseres Territoriums“, die von Muslimen ausgehe, die tatsächlich oder angeblich unter freiem Himmel auf den Straßen beteten.

Solches kommt an islamischen Feiertagen ausnahmsweise in einzelnen Straßenzügen im 18. Pariser Bezirk vor, weil – aufgrund der dortigen starken räumlichen Konzentration der Einwanderer auf engem Raum – die Moscheen des Stadtteils viel zu klein sind. Alle Einwandererfeinde in Frankreich haben in den letzten Monaten ihre Aufmerksamkeit auf diese Szenen gerichtet, die auf spezialisierten Webseiten akribisch dokumentiert werden. Auch dies sei eine Besatzung, „selbst wenn sie dieses Mal ohne Panzer und Soldaten auskommt“, stellte Marine Le Pen dank einer sehr speziellen Parallele zu den Jahren 1940 bis 1944 fest.

Marine Le Pen nahm an dem Kongress, der von konkurrierenden Kräften innerhalb des rassistischen Spektrums ausgerichtet worden war, selbst nicht teil. Der FN rief nicht explizit zu einer Teilnahme auf. Allerdings hatte der noch für wenige Wochen amtierende Alt-Parteichef Jean-Marie Le Pen sich bei einer Pressekonferenz am letzten Donnerstag positiv zu dessen Inhalten geäußert und erklärt, er finde diese Veranstaltung gut und sei ansonsten pluralistisch gesonnen: „Wir haben nie behauptet, dass wir die Einzigen seien, die vor den Bedrohungen warnen.“ Marine Le Pen wiederum erklärte bei einem Fernsehinterview am Sonntag, sie habe nur deswegen nicht kommen wollen, weil sie vollauf durch den innerparteilichen Wahlkampf im Ringen um den Parteivorsitz beschäftigt sei.

Helvetischer Asterix“ und die Panzerknacker

Sie fügte auf dem Sender LCI hinzu: „Oskar Freysinger hat eine bemerkenswerte Rede dort gehalten.“ Freysinger, Abgeordneter der Schweizerischen Volkspartei (SVP), war der wichtigste Stargast des Kongresses. Er ist es, der das eidgenössische Referendum vom November 2009 zum Minarett-Verbot und jenes vom November dieses Jahres – zur automatischen Abschiebung ausländischer Krimineller oder auch „Sozialleistungs-Missbraucher“ – maßgeblich initiiert hat. Gegen Mittag tauchte er mit einem stattlichen Trupp von Leibwächtern, die durch ihre Sonnenbrillen stark den Panzerknackern in Walt Disneys Comicstrips ähnelten, auf dem Kongress auf.

Oskar Freysinger selbst führte sich als „helvetischen Asterix“ in die Runde ein: Ringsum sei die Welt voll von Bedrohungen, aber seine kleine Nation widerstehe ihnen wacker. Er führte aus, „Islam und Kommunismus“ hätte beide miteinander gemeinsam, dass sie „kollektivistische Totalitarismen“ seien – in Wirklichkeit ist der Islam eine stark kaufmännisch geprägte und deswegen im Ausgang eher wirtschaftsliberale Religion -, und deswegen stünden die Linken in einer Front mit den Muslimen. In Wirklichkeit sei aber das Hauptproblem, dass die moslemischen Einwanderer in Europa auf eine „geistige und spirituelle Wüste“ träfen, weil „wir“ uns „unserer eigenen Identität“ nicht mehr sicher seien.

Fabrice Robert: Es geht um Blut & Boden, pardon: „fleischliche Identität“

Der Name der abwesenden Marine Le Pen wurde mehrfach mit Applaus bedacht, unter anderem anlässlich der Ausführungen von Anne Zelensky. Sie rechtfertigte die Allianz mit den Rechtsextremen (da „mein früheres Lager“ ihr vorwerfe, „mit den ,Identitaires’ anzubändeln“): Die Linke habe den Laizismus nach ihrem Geschmack verraten, und heute sei sie mitunter mit „der Rechte und zum Teil der extremen Rechte“ einverstanden. Denn diese habe erkannt, dass „nicht alle Kulturen (oder im Originalton: ,civilisations’) denselben Wert haben“, sondern die abendländische aufgrund der Stellung der Frau überlegen sei. – Neben Zelensky war noch eine zweite Vertreterin des Feminismus anwesend, Michèle Viales aus Lyon, die eine allgemeine Kritik an den Religionen und des „theokratischen Patriarchats“ im Namen der Aufklärungsideen vornahm. Daran war nichts Rassistisches erkennbar, und sie rechtfertige anders als Anne Z. auch nicht explizit das Bündnis mit offenen Rechtsradikalen; fraglich war nur, was sie inmitten einer Ansammlung rasender Rassisten eigentlich zu suchen hatte. Den Namen der Frauenvereinigung, in welcher sie tätig ist, durfte Michèle Viales allerdings nicht nennen, da ihre Organisation sich von dem Auftritt bei dem Kongress distanziert hatte.

Als einzige Rednerin wurde die historische Feministin Anne Zelensky gegen 17 Uhr durch eine Mehrheit des Publikums ausgepfiffen, als sie erwähnte, wie sie im Jahr 1970 am Kampf um die Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen teilnahm. Und als einzige Rednerin wurde sie bei der Abschlussrede von Pierre Cassen mit kritischen Worten bedacht (die Sache mit der Abtreibung bilde doch offenkundig noch ein Problem). Nicht etwa der Chef des Bloc identitaire, Fabrice Robert, der in seinem Wortbeitrag mal eben Religionsfrage und Aufklärungsdenken – auf welch Letzteres Anne Z. sich ausdrücklich bezogen hatte – kurzerhand zur unwichtigen Nebensache erklärt hatte: „Die europäischen Völker sind laut einem Buch von Dominique Venner“, eines prominenten neofaschistischen Autors und Vordenkers der ,Nouvelle Droite’ („Neuen Rechten“ unter Alain de Benoist in den 1970er Jahren), „30.000 Jahre alt. Das Christentum hat nur zwei Jahrtausende, die Renaissance fünf Jahrhunderte und die Aufklärung 200 Jahre.“

In Wirklichkeit gehe es darum, „das zu verteidigen, was unsere Identität ausmacht“, und das sind für den Bloc identitaire – er schrieb es auch in zahllosen Texten nieder – , so wörtlich, „unsere fleischlichen Solidaritätsbande“ (nos solidarités charnelles). Nimmt man FabriCe Roberts Worte nur halbwegs ernst, dann ging es ihm dabei eben nicht um Laizismus, Aufklärung und nicht einmal um das Christentum, sondern schlichtweg um Blut & Boden.

Aber sei’s drum: Darauf kam es nicht, und die „laizistisch-republikanische“ Prominenz auf dem Podium wie Christine Tasin applaudierte dem Redner heftig (wie auch auf allen Aufnahmen zu sehen ist). Bei ihm ertönten keine Pfiffe, wie zuvor bei der – zweifellos politisch verwirrten und verkrachten – Altfeministin Anne Zelensky.

Weit, sehr weit vom Laizismus entfernt

Denn ganz so eng sehen viele der Anwesenden die Sache mit dem Laizismus nicht, der für einen Gutteil von ihnen vor allem einen bequemen Vorwand darstellen dürfte, um auf die Moslems im Besonderen und Einwanderer im Allgemeinen einzuprügeln. Als „Stargast“ war – vorab durchgesickerten Informationen von Le Monde zufolge – der Bürgermeister der Pariser Vorstadt Montfermeil vorgesehen, Xavier Lemoine. Nur ist dieser zwar ein fanatischer Kreuzzügler gegen den Islam und für das Abendland, aber wahrlich kein Verfechter des Laizismus. Ganz im Gegenteil. Der Rechtskatholik, der am Rande der konservativen Einheitspartei UMP steht, ist unter anderem Abtreibungsgegner und in gewissem Grade auch ein Nostalgiker des Vichy-Regimes. Jedenfalls ist Lemoine der politische Ziehsohn seines Amtsvorgängers und langjährigen Schirmherrn Pierre Bernard, der seinerseits im Juli 1996 an der Beerdigung von Paul Touvier, Chef der Miliz unter Vichy, in einer katholisch-fundamentalistischen Gemeinde teilnahm. Lemoine selbst hat es nicht derart doll getrieben, aber auch zu keinem Zeitpunkt mit seinem politischen Lehrherrn gebrochen.Auf den Plakaten offiziell angekündigt war unterdessen die Teilnahme von Christian Vanneste, konservativer Rechtsaußen-Abgeordneter aus der Nähe von Lille. Er ist der erste französische Promiente, der nach dem neuen Strafgesetz gegen Homophobie wegen schwulenfeindlicher Sprüche verurteilt worden ist, auch wenn das Urteil im vorigen Jahr durch den Obersten Gerichtshof aufgehoben wurde. Solche Figuren haben mit Laizismus schlichtweg nichts zu tun. Letztendlich erschienen aber weder Lemoine noch Vanneste zum Kongress. Die Parteiführung der UMP habe die Schraube angezogen und ihnen ein Erscheinen dort verboten, greinten die Veranstalter.

„Die Einwanderung, eine Belastung für uns (Schluchz – Hetz)“

Ansonsten ging es vor allem um die „Kosten der Einwanderung“, die der Unternehmensberater und Thatcherist Jean-Paul Gourevitch in Zahlenkolonnen vorstellte – angeblich kosten die Zuwanderer den Franzosen „38 Milliarden Euro“ pro Jahr, eine Zahl, die er freilich durch nichts rechtfertigte. Jacques Philarchein, „Gewerkschafter“ und in Wirklichkeit ein rechtsradikales U-Boot im Gewerkschaftsverband ,Force Ouvrière’ (FO) – er hält Vortrage in neofaschistischen Veranstaltungslokalen über „ein nationales Gewerkschaftswesen“, wie am 28. Oktober 2010 in einer rechtsradikalen Gaststätte im 15. Parier Bezirk  – hielt „der Linken“ vor, sie verrate „die wirklichen Armen“. Dies seien „die Einheimischen“, die einer Arbeit nachgingen, während die Zuwanderer „falsche Armen“ seien. Lebten sie doch durch Sozialleistungen und Kriminalität in Wirklichkeit ganz gut.

Applaus erhielt auch der Schriftsteller Renaud Camus; eines seiner Bücher musste im April 2000 durch den Verleger Fayard aufgrund antisemitischer Passagen zurückgezogen werden. Am Samstag führte Camus aus, die Präsenz von Zuwanderer in Frankreich sei Teil eines „großen Plans zum Bevölkerungsaustausch“ durch die Herrschenden. Hätten diese sich doch die – seinerzeit sarkastische – Aufforderung Bertold Brechts, sie mögen sich doch „ein neues Volk wählen“, zu Herzen genommen. Im Übrigen habe man es bei Straftätern migrantischer Herkunft „nicht mit Ganoven zu tun, sondern mit Soldaten“. Sei doch die „unerträgliche Unsicherheit“ Teil einer Kriegsführung, die auf Vertreibung der weißen „Eingeborenen“ abziele.

Nebenthema: Nationalismus versus Europäische Union

Ein zweites Thema, neben den Obsessionen bezüglich Einwanderung und Muslimen, beschäftigte viele Redner unterdessen auch: Die Unterdrückung der europäischen Nation durch die Union in Brüssel und die Einheitswährung Euro. Die Existenz des Euro wurde der Europäischen Union am Samstag neben ihren Rahmen-Richtlinien für ein Anti-Rassismus-Strafrecht in ihren Mitgliedsländern vorgeworfen.

Pierre Cassen und Christine Tasin von ‚Riposte Laïque’, respektive ihrer Vorfeldorganisation ,Résistance Républicaine’ (welcher u.a. auch der rechtsradikale Pseudo-Gewerkschafter Jacques Philarcheïn als Regionalverantwortlicher angehört), deren politischer Standort ungefähr als autoritärer National-Republikanismus charakterisiert werden kann, sprachen sich für eine rasche Rückkehr zum französischen Franc aus. Aber auch der dänische Redner Anders Gravers von der Vereinigung ,Stop the islamisation of Europe’ beschrieb die supranationale Europäische Union als eine der Hauptbedrohungen.

Tasin erklärte, sie sei „Republikanerin und Legalistin“, doch falls im Wahljahr 2012 kein grundlegender Wandel vollzogen werde, dann drohe eine Revolution  – ihrer Auffassung nach braucht es in dem Falle eine solche, aber von rechts. „Das französische Volk könnte dann auf die Straße gehen, um sich die Macht zurückzuholen.“

Islamhass soll Kräfte bündeln:
Rechtsradikalen-Häuptlinge aus halb Europa in Israel

Soll man Juden mehr hassen als Araber respektive Muslime? Oder lieber umgekehrt? Ungefähr so laufen Theoriedebatten auf der extremen Rechten ab. Durch die Reise von Prominenten dieses politischen Lagers[01] – unter ihnen die Leithammel der FPÖ aus Österreich[02] und des Vlaams Belang (VB, früher Vlaams Blok) aus dem flämischen Norden Belgiens – nach Israel seit dem vorgestrigen Montag wurde neues Öl ins Feuer des mitunter hitzig ausgetragenen Streits gegossen…

„Anti-Islam-Konferenz“ in Paris:
Ralph Giordano sagt Beteiligung ab

Der jüdische Schoah-Überlebende fühlt sich hintergangen: „Ich wurde auf eine falsche Fährt gelockt“…

Post scriptum:
Noch eine interessante Figur beim Kongress – Jean Robin, ebenso Rassist wie Antisemit
 
Noch eine andere Figur des Kongresses hätten wir beinahe ausgelassen. Es handelt sich um Jean Robin, der auf dem Anti-Islam-Kongress u.a. die russische Romanschriftstellerin Elene Tchoudinova (Autorin von „Die Moschee von Notre-Dame 2048“) übersetzte. Robin ist ansonsten auch Autor bei der Internetpublikation Riposte Laïque, wo er u.a. mehrere Artikel zu Themen wie dem „antiweiben Rassismus“ (etwa seinen Beitrag „Die Presse und die Bleichgesichter“) sowie dem „kolonialen Schuldkomplex“ absonderte.
 
Robin ist aber auch der Autor von Büchern über die „Judéomanie“ (2006 und 2008), ein Wort, das er erfunden hat und ungefähr – zugegeben sehr vergröbert übersetzt – „Judenwahn“ oder „Juden-Rummel“ bedeutet. Darin vertritt er die Grundthese, den Juden würden zu viel Aufmerksamkeit und zu viele Minderheitenrechte gewidmet. (Vgl. http://www.communautarisme.net/Jean-Robin-La-judeomanie-a-cree-une-distinction-entre-les-citoyens-francais_a808.html ) In einem Interview im Jahr 2008 für eine Webseite seines Verlegers, des Nationalrevolutionärs Philippe Randa, erklärte er zudem, die „Judéomanie“ sei nur die Blaupause für andere „Minderheiten-Rummel“. Robin dabei wörtlich: „Die Judéomanie führt zur Islamomanie, zur Negromanie, zur Homomanie usw., kurz, zum Kommunutarismus.“ Was ihn offenkundig störte, war, dass Leute, die nicht dem „Normalmenschen“ wie ihm selbst entsprechen, irgendwelche „Sonderrechte“ beanspruchen könnten…
 
Heute hat er sich allem Anschein nach stärker darauf verlegt, auf die Moslems einzuprügeln. Aber das Strickmuster bleibt identisch.