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Große Fußstapfen, passende Füße

Die offizielle Bekanntgabe der Ernennung Tamir Pardos zum neuen Mossad-Chef durch das Amt des Ministerpräsidenten kam nur etwa sechs Stunden nach dem Attentat auf zwei Atomwissenschaftler in Teheran. Das Timing ist zufällig, besitzt jedoch Symbolcharakter…

Von Yossi Melman, Haaretz v. 30.11.10

Vom ersten Tag seiner Amtsübernahme an wird sich Pardo, wie er gestern erinnert wurde, mit dem Thema befassen müssen, das an der Spitze der Tagesordnung der Geheimdienstgemeinde in Israel im Allgemeinen und des Mossad im Besonderen steht: den Anstrengungen zur Liquidierung des iranischen Atomprogramms. So wird Pardo gezwungen sein, die Linie fortzusetzen, die Meir Dagan, mit dem ihn eine Hassliebe verbindet, vorgezeichnet hat.

Pardo, der als Stellvertreter Dagans fungierte, hat die Organisation zweimal verlassen, nachdem ihm klar geworden war, dass letzterer nicht beabsichtigte, vorzeitig aus dem Amt zu schieden und ihn als seinen Nachfolger zu empfehlen. Desungeachtet schob Pardo mit seiner Einwilligung, in die Reihen der Organisation zurückzukehren, seine persönliche Beleidigung beiseite und ordnete sie sachlichen und professionellen Erwägungen unter. In dieser und auch in anderer Hinsicht ist die Ernennung Pardos die richtige Wahl.

Nach der acht Jahre und drei Monate währenden Amtszeit Dagans war klar, dass das „Abwerfen“ eines neuen Mossad-Chefs von außen erhebliche Missstimmungen innerhalb der Organisation hervorrufen würde. Andererseits wusste der Ministerpräsident, dass es keinen geeigneten Kandidaten aus der gegenwärtigen Führungsriege der Abteilungsleiter gibt. Die meisten sind erst recht kurz in ihrer Funktion oder haben noch nicht genug Erfahrung in einer Breite von Funktionen gesammelt, wie es vom Vorsitzenden des Mossad verlangt wird. Einige von ihnen hatten auch in internen Gesprächen angekündigt, den Dienst zu quittieren, sollte ihnen ein General von außen vorgesetzt werden. Insofern entspricht Pardo, der 30 Jahre sowohl in operationellen Funktionen als auch im Führungsstab der Organisation arbeitete, der Anforderung der Ernennung eines einerseits erfahrenen Mannes, der andererseits die Organisation von innen kennt. Nicht umsonst beriet sich Netanyahu mit früheren Mossad-Chefs, unter ihnen Shabtai Shavit, Efraim Halevi und Nahum Admoni – und diese wie auch Generäle der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (ZAHAL) begrüßten die Ernennung. Auch die Tatsache, dass er der Verbindungsoffizier Yoni Netanyahus war und als Vertrauter des Ministerpräsidenten und seiner Familie gilt, schadet nicht.

Die erste Aufgabe Pardos wird darin bestehen, die Gemüter im Mossad zu beruhigen und von den Abteilungsleitern zu fordern, in ihren Funktionen zu verharren. Es scheint, dass ihm dies gelingen wird, vor allem weil sein Führungsstil anders ist als der Dagans, der sich zumindest in seinen ersten Amtsjahren auf eine Weise verhielt, die von seinen Untergebenen als Arroganz und Eitelkeit, ja sogar Verachtung ihnen gegenüber empfunden wurde. Nicht von ungefähr beschwerten sich jene, die im Zorn die Organisation verließen, über sein Verhalten.

Die „Ära Dagan“ ist vor allem dadurch charakterisiert, dass es letzterem glückte, das Ansehen des Mossad innerhalb der öffentlichen Meinung in Israel und – wichtiger als alles andere – in der Weltöffentlichkeit wiederherzustellen. Das von ihm erworbene Image eines Mossad-Chefs mit „Messer zwischen den Zähnen“, einer Art israelischem Rambo, hat dem Ansehen der Organisation nicht geschadet, wenngleich der Mossad und sein Vorsitzender keine „Mord GmbH“ sind.

Es stimmt zwar, dass ausländische Medien die Organisation während der Amtszeit Dagans mit einigen Liquidierungsfällen wie vor allem dem Attentat auf den „Verteidigungsminister“ der Hisbollah, Imad Mughnyiah, und auch einigen Liquidierungen von Hisbollah- und Hamas-Leuten im Libanon, in Damaskus und in Dubai in Verbindung gebracht haben. Es ist aber wichtig zu betonen, dass hier letztlich von einer Organisation die Rede ist, deren Operationen, auch die besonderen, Mittel zur Sammlung von Informationen sind, die den Entscheidungsträgern in Israel helfen sollen, vernünftigere Entscheidungen zu fällen.

Alles in allem wird die „Ära Dagan“ als diejenige erinnert werden, in der die Zusammenarbeit mit anderen Geheimdiensten auf der Welt substantiell verbessert, die Prioritätenliste verändert, neue administrative Prinzipien eingeführt und eine umfangreiche Strukturreform umgesetzt wurden. Als Soll Dagans kann man bei all dem die Tatsache verzeichnen, dass bislang, trotz ausdrücklicher diesbezüglicher Verpflichtungserklärungen bei seinem Amtsantritt, er werde das iranische Atomprogramm zunichte machen, keine Anzeichen dafür vorliegen, dass dies geschehen ist, trotz der verschiedenen und weltweit dem Mossad zugeschriebenen Beschädigungen, die es gestört und verzögert haben. Auch die Ausschaltung des Hamas-Führers Mahmoud Al-Mabhouh im Januar in Dubai stellt eine umstrittene Operation dar: Sie war operationell erfolgreich bei der Liquidierung eines hochrangigen Hamas-Mannes, der auch der Verbindungsmann zum Iran war – ein Verlust, den die Hamas nur schwer wird überwinden können -, richtete aber hauptsächlich politischen Schaden an im Verhältnis Israels zu einigen Staaten.

Pardo wird all diese Trends und in dieser Hinsicht den Weg Dagans fortsetzen, aber am Ende des Tages wird er zweifellos auch signifikante Änderungen in der Organisation vornehmen und seinen persönlichen Stempel hinterlassen und beweisen wollen, dass er der Größe der Aufgabe gewachsen ist.