Zionismus ist keine Ideologie

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In letzter Zeit ist inflationärer, irreführender und womöglich auch schädlicher Gebrauch von dem Begriff Zionismus gemacht worden. Das Problem ist sowohl in Israel selbst als auch im Ausland verbreitet; im nationalen Lager, im religiösen Lager und auch im Lager der Arbeiterbewegung; unter Liberalen und unter Nationalen; unter Juden in der Diaspora und unter Nichtjuden, und vor allem unter Arabern…

Von A. B. Yehoshua, Haaretz v. 26.11.10

Um den öffentlichen Diskurs über unsere wirklichen Probleme so weit es geht zu verbessern und die Dämonisierung Israels, die gerade im Zusammenhang mit diesem Begriff immer mehr um sich greift auf der Welt, so weit es geht zu verringern, werde ich den Begriff des Zionismus auf möglichst objektive und logische Weise zu formulieren und seine Verwendung zu spezifizieren versuchen. Wir dürfen den Begriff nicht zu einer Art Sauce machen, die man über jedes Gericht schüttet, um dessen Geschmack zu verbessern oder es völlig zu verderben.

Vor allem anderen: Der Zionismus ist keine Ideologie. Die Definition von Ideologie lautet gemäß der hebräischen Enzyklopädie: eine systematische und kompakte Kombination von Ideen, Sichtweisen, Prinzipien und Imperativen, in denen die spezielle Weltsicht einer Sekte, Partei oder sozialen Schicht zum Ausdruck kommt.

Gemäß dieser klaren Definition kann und darf der Zionismus nicht als Ideologie betrachtet werden. Der Zionismus ist die gemeinsame Plattform für verschiedene, ja einander sogar widersprechende soziale und politische Ideologien und kann daher nicht als selbständige Ideologie gelten.

Der Zionismus hoffte auf eine Sache und versprach eine Sache – die Errichtung eines Staates für die Juden. Dieses Versprechen hielt er – zu unserem Unglück – vor allem mithilfe des Antisemitismus. Der Zionismus strebte lediglich nach der Bildung eines politischen Rahmens. Was in dem Staat geschehen und was sein Charakter, seine Regierungsform sein würde, wo man seine Grenzen ziehen, was seine gesellschaftlichen Werte, wie sein Verhältnis zu nationalen Minderheiten sein würde – all diese und andere Fragen waren von Anfang an Dutzenden von Auslegungen und politischen und gesellschaftlichen Haltungen im Kreis jener Juden unterworfen, die ins Land Israel kamen, und selbstverständlich auch den Entwicklungen und Veränderungen, die in jeder menschlichen Gesellschaft vonstatten gehen.

Nachdem der Judenstaat, d.i. der Staat Israel, praktisch gegründet wurde, ist das einzige Verständnis von Zionismus, das in Kraft geblieben ist, das Prinzip des Rückkehrgesetzes. Das bedeutet, abgesehen davon, dass der Staat Israel mittels seines Parlaments von all seinen Bürger mit israelischem Personalausweis regiert und verwaltet wird, ist er weiterhin offen für jeden Juden, der sich einbürgern lassen will.

Ein solches Rückkehrgesetz gibt es noch in einigen anderen Staaten auf der Welt, wie Ungarn, Deutschland und anderen. Es ist zu hoffen, dass alsbald ein ähnliches Gesetz auch in dem an unserer Seite zu gründenden palästinensischen Staat eingeführt werden wird. Und so wenig dies in dem palästinensischen Staat ein rassistisches Gesetz sein wird, so wenig ist es in Israel ein rassistisches Gesetz. Denn als die Vereinten Nationen 1947 die Gründung eines jüdischen States beschlossen, nahmen sie einen Teil von Palästina nicht nur für die damals dort lebenden 600 000 Juden, sondern taten dies auch in der moralischen Annahme, dass dieser Staat allen Juden, die dies wünschen würden, eine Zuflucht bieten müsste.

Ein Israeli, Jude, Palästinenser oder jeder andere, der sich als a-zionistisch bezeichnet, ist ein Bürger, der gegen das Rückkehrgesetz ist. Diese Opposition ist legitim wie jede andere politische Position. Ein Antizionist hingegen ist ein Mensch, der den Staat Israel im Nachhinein annullieren möchte, und außer einigen extremen ultraorthodoxen Sekten oder radikalen jüdischen Kreisen in der Diaspora, gibt es nicht viele Juden, die diese Position einnehmen.

Alle die wichtigen und grundsätzlichen Diskussionen, die in Israel geführt werden – Annexion der Gebiete oder keine Annexion; das Verhältnis zwischen der jüdischen Mehrheit und der palästinensischen Minderheit im Staate; das Verhältnis von Staat und Religion; der Charakter und die Werte der Wirtschafts- und Wohlfahrtspolitik oder sogar historische Ereignisse der Vergangenheit –sind Diskussionen und Auseinandersetzungen, wie sie in vielen Staaten geführt wurden und werden. Es sind dies Debatten, die ständig mit der dynamischen und sich verändernden Identität eines jeden Volkes und Staates befasst sind.

Ebenso wenig wie diese Diskussionen andere Völker verpflichten, zusätzliche Begriffe in sie hineinzumischen, müssen auch diese Debatten zwischen uns nicht den Begriff des Zionismus beinhalten, der zu Unrecht und nicht zu seinem Vorteil zu einer weiteren Waffe im Kampf zwischen den verschiedenen Seiten geworden ist und dadurch die Klärung der Kontroversen und ihrer Bedeutung erschwert.

Der Zionismus ist kein Begriff, der die des Patriotismus oder des Pioniergeistes ersetzen sollte. Patriotismus ist Patriotismus, und Pioniergeist ist Pioniergeist. Der Offizier, der seinen Militärdienst verlängert, oder jemand, der sich im Negev ansiedelt, sind nicht zionistischer als ein Ladenbesitzer in Tel Aviv, sondern patriotischer oder pionierhafter als dieser, entsprechend des diesen Begriffen zugeschriebenen Verständnisses.

Der Zionismus ist unser teuerster Begriff, und daher ist es wichtig, dass er nur am richtigen Ort seinen Ausdruck findet: im Unterscheid zwischen uns und den Juden der Diaspora oder des Exils. Der inflationäre und überflüssige Gebrauch des Begriffs verwischt somit die moralische Debatte zwischen den Juden, die beschlossen haben, im Guten wie im Schlechten für jeden Aspekt ihres Lebens in einem begrenzten Gebiet unter Selbstherrschaft verantwortlich zu sein, und jenen, die im Gewebe andere Völker leben und ihre jüdische Identität partiell durch das Studium, religiöse Texte und limitierte Gemeindeaktivitäten praktizieren.

2 Kommentare

  1. Ein kluger Mann:

    … „Selbst wenn es uns gelänge das palästinensische Volk auseinanderzunehmen, wir könnten seinen Unabhängigkeitswillen und sein Recht auf einen Staat auf 22%(!) des Gebiets, das es als seine Ursprungsheimat ansieht, nicht zerstören.
    Heute lamentiert ihr über die Osloer Verträge? Gab es vor Oslo keine Attentate? Und unter Jizhak Shamir und Menahem Begin, gab es da keine Kriege?“ …

    http://test.hagalil.com/99/08/sefer.htm

    http://test.hagalil.com/2001/03/palaestina.htm

    http://test.hagalil.com/2001/03/grenzen.htm

    http://test.hagalil.com/2001/03/yehoshua.htm

  2. Abraham B. („Bulli“) Yehoshua (Hebrew: א.ב. יהושע‎) (born December 19, 1936) is an Israeli novelist, essayist, and playwright. His pen name is A. B. Yehoshua.
    Political views
    An ardent, untiring activist in the Israeli Peace Movement, Yehoshua attended the signing of the Geneva Accord and freely airs his political views in essays and interviews. He is a long-standing critic of Israeli occupation but also of the Palestinians.[7]
    He and some other intellectuals mobilized on behalf of the dovish New Movement shortly before 2009 elections in Israel.[11]
    Yehoshua said in La Stampa that he first related that even before the 2008-2009 Israel-Gaza conflict began, he had published an appeal to Gaza residents urging them to end the violence. Next he explained, „why the Israeli operation was necessary, but also how quickly it needs to end.“ Precisely because the Gazans are our neighbors, he said, „we need to be proportionate in this operation. We need to try to reach a cease-fire as quickly as possible.“ „We will always be neighbors, so the less blood is shed, the better the future will be,“ he added. Yehoshua added that he would be happy for the border crossings to be opened completely, and even for Palestinian workers to come to work in Israel as part of a cease-fire.[12]
    Controversy
    Yehoshua has been criticized by the American Jewish community for his statement that a „full Jewish life could only be had in the Jewish state.“ He claimed that Jews elsewhere were only „playing with Judaism.“ [7]

    http://en.wikipedia.org/wiki/A._B._Yehoshua

    A.B. Yehoshua’s ‚Friendly Fire‘
    By Ethan Bronner
    Published: Thursday, November 13, 2008

    Friendly Fire A Duet By A.B. Yehoshua, translated by Stuart Schoffman 386 pages. Harcourt. $26

    Acouple of years ago, the Israeli writer A.B. Yehoshua upset many American Jews by asserting that a full Jewish life could be had only in the Jewish state. Jews ruled by Jews, he said, were deciding whether to withdraw from territory and torture terrorists. Jews elsewhere might contribute to similar conversations but were only „playing with Jewishness,“ not defining it.
    The depth – and burdens – of a full Jewish life in the only Jewish state form the central themes of Yehoshua’s latest novel, „Friendly Fire,“ a work that interlaces a depiction of almost aggressively ordinary day-to-day Israeli activity with an emotional and symbol-laden journey to that other bloody cradle of civilization, Africa.
    The two halves of the narrative aim to echo and complement each other, and when they do Yehoshua achieves a remarkable artistry. However, this isn’t always the case. The result is a fine but flawed novel, rendered from the Hebrew in an excellent, nicely tuned translation by Stuart Schoffman…
    http://www.nytimes.com/2008/11/15/arts/15iht-IDSIDE15.1.17800057.html

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