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Simon Wiesenthal: Der Unbequeme

Er hatte viele Freunde. Aber vielen – noch mehr – war er auch ganz einfach unbequem. Dass ihn (mehr oder weniger ehemalige) Nationalsozialisten hassten, weil sie ihn fürchteten, liegt auf der Hand. Aber Simon Wiesenthal war auch so vielen lästig, weil er ein Stachel war. Er erinnerte diejenigen – Juden und andere, dass der Preis zu hoch war, der für ein Arrangement mit einer Schlussstrich-Gesellschaft zu zahlen gewesen wäre…

Anton Pelinka über die Biografie Simon Wiesenthals

1945 war eben keine „Stunde Null”, bei der ein neues Buch aufzuschlagen war. 1945 und die Jahre danach waren die Fortsetzung dessen, was in dem Verbrechen gegen die Menschheit kulminierte hatte, das Yehuda Bauer „unprecedented” nennt: Der Holocaust – nicht einmalig, sondern erstmalig; und eben deshalb wiederholbar.

Tom Segev erzählt die Geschichte des Mannes aus dem altösterreichischen Galizien, der als polnischer Staatsbürger von der Vernichtungsmaschinerie erfasst worden und diese – zufällig, wundersam – überlebt hatte; die Geschichte Simon Wiesenthals, der als Überlebender polarisierte: Österreich, wo es einen Konsens gab, möglichst rasch zu vergessen; das Judentum, in dem Fraktionen und Strömungen pro- und anti- Wiesenthal agierten; den Staat Israel, der mit einem Zionisten Probleme hatte, der nicht in Israel leben wollte. Doch am Ende seines Lebens war aus dem Polarisierer der weise alte Mann geworden – geehrt von der Welt und sogar von der Republik Österreich. Am Ende seiner Jahre war Wiesenthal – einstmals Bruno Kreiskys Intimfeind und vom World Jewish Congress bekämpft – ein „great old man”, anerkannt und umworben von (fast) der ganzen Welt.

Das alles ist Tom Segevs Buch: Ergebnis gründlicher Recherche, vor allem auch in Wien. Segevs grundsätzliche Sympathie und Bewunderung für Wiesenthal hindert den Autor nicht, auch Wiesenthals Schwächen zu erwähnen – etwa den eifersüchtigen Wettbewerb mit Elie Wiesel um den Nobelpreis, einen Wettlauf, den Wiesenthal deshalb verlor, weil seine Position gegenüber Kurt Waldheim verzerrt dargestellt worden war; etwa der Mangel an Präzision, wenn es um Details aus einem phantastischen, aber über Jahre hindurch auch schrecklichen Leben ging: Wie viele Konzentrationslager Wiesenthal überlebt hatte, kann aus dessen verschiedenen Erinnerungen kaum noch rekonstruiert werden.

Für diese und andere Schwächen zeigt Segev Verständnis – und erfüllt damit optimal die Aufgabe eines Biographen: Es geht um das Herausarbeiten der großen Linien; alles, was dem entgegenzustehen scheint, darf nicht ausgelassen, muss aber in die richtige Proportion gebracht werden.

Segev ruft in Erinnerung, wie sehr das Auffinden und die Verhaftung Adolf Eichmanns Wiesenthals Lebensweg bestimmten: Sein hartnäckiges Beharren half mit, die Spur des SS-Offiziers nach Argentinien verfolgen zu können. Die Frage bleibt letztlich offen, wie groß der Anteil Wiesenthals an diesem wohl größten Erfolg der Suche nach Gerechtigkeit seit Nürnberg war. Der Erfolg begründete seinen Ruf als „Nazi-Jäger“. Wiesenthal hatte freilich im israelischen „Establishment” nicht nur Freunde – ebenso wenig wie später, als Folge der Waldheim- „Affäre”, im US-amerikanischen Judentum. Für Österreich ist Wiesenthals Konflikt mit Kreisky von besonderer Bedeutung. Segev widmet diesem Wiesenthal und Kreisky persönlich besonders bewegenden Abschnitt ein umfangreiches Kapitel mit insgesamt 22 Seiten. Segev konzentriert sich bei der Erklärung der 1975 explodierenden Auseinandersetzung auf die Frage nach der Identität. Kreisky hatte Wiesenthal „nicht nur als politischen Gegner, sondern als Feind” betrachtet.

Lesen Sie den gesamten Artikel über die Biografie Simon Wiesenthals von Tom Segev in der Printausgabe der INW (August / September 2010).
Tom Segev: Simon Wiesenthal. Eine Biographie, Siedler Verlag, München 2010, aus dem Hebräischen von Markus Lemke.