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Sfarad: Die Musik der spanischen Juden

Einen Tag bevor Kolumbus von einem spanischen Hafen aus in Richtung Westen in See sticht, wir schreiben den 2. Aug. 1492, tritt ein Dekret in Kraft, das dem Spanien der drei Kulturen ein Ende setzt. Dem Genueser Seemann ist sein Traum Wirklichkeit geworden, den spanischen Juden wurde die  politische Wirklichkeit zum Trauma…

„Wir, seine Majestäten die katholischen Könige, stimmen  dem Rat der Granden und kirchlichen Herren und anderer gelehrten Personen unserer Königreiche zu, daß alle Juden unserer Königreiche des Landes verwiesen seien. Es sei ihnen nicht erlaubt, jemals wieder zurückzukehren, weder zur Durchreise, noch um sich niederzulassen, noch auf sonst eine Art und Weise. Alle, die diesem Befehl nicht Folge leisten, seien mit dem Tode bestraft, ihre Güter sollen dem königlichen Staatsschatz zufallen.“

Etwa 200.000 Sefarden, spanische Juden, mußten das Land verlassen. Gold und Silber mitzuführen war ihnen nicht gestattet.

Ihr Besitz fiel den Spekulanten in die Hände. Als Gepäck führten sie nicht viel mehr mit sich als ihre Religion und ihre jahrhundertealten jüdisch-spanischen Traditionen, ihren Hausschlüssel und die Hoffnung auf die Rückkehr.

LA VOCACION DE ABRAHAM – Romanze

Die schlechte technische Qualität unserer Musikbeispiele bitten wir nachzusehen. Es sind Aufnahmen, die z.T. bereits in den 20 er und 30 er Jahren in den damals noch existierenden Gemeinden der sefardischen Diaspora entstanden sind.

Das musikalische Erbe, das sie von ihrer iberischen Heimat mit in die Diaspora nahmen, hat im Laufe der Jahrhunderte viele Abwandlungen und Angleichungen erlebt. Jüdisch-spanische Musik spiegelt die vielfältigen kulturellen Kontakte wider, die die Sefarden seit ihrem erzwungenen Exodus aus Spanien ein halbes Jahrtausend lang erfahren haben. Ein Sefarde aus Istambul gebraucht eine andere musikalische Sprache als einer aus Marokko, das gleiche sefardische Wiegenlied klingt in Saloniki anders als in Kairo. Dort nämlich, im östlichen Mittelmeerraum, in den Balkanländern  und in Marokko, beendeten die spanischen Juden ihren Weg ins unfreiwillige Exil.

http://www.youtube.com/watch?v=P2cOdN23tXE
In Ermangelung der im Text erwähnten Hörbeispiele haben wir ein Video eingefügt:

Ensemble Accentus Austria, Leitung Thomas Wimmer, Titel: Nacimiento y vocacion de Abraham, Sefardic Romances

Diese alten authentischen Aufnahmen, inzwischen schon fast geschichtliche Dokumente,  demonstrieren uns die ganze Vielfalt sefardischer Musik. Das Lied, das wir zuletzt hörten, erzählt von der Geburt und der Berufung Abrahams und wurde in Bulgarien aufgenommen.

Aus Saloniki stammt die folgende Aufnahme. Diese Romanze ist ein Dialog zwischen einer Frau und einem gerade vom Krieg zurückkehrenden Ritter.

Es wusch das weiße Mädchen
wusch und hing die Wäsche auf
es wusch mit ihren Tränen
und mit ihren Seufzern trocknete sie sie

Ein Ritter kam vorbei
und bat um Wasser
Mit den Tränen ihrer Augen
füllte sie sieben Krüge.

Warum weint Ihr, Señora
Warum weint Ihr, was ist Euch geschehen?
Mein Gatte zog in den Krieg
und kommt nicht mehr zurück.

Gebt mir ein Zeichen
ein Zeichen von Eurem Gatten.
Groß ist er, groß wie eine Kiefer
aufrecht und gerade wie ein Pfeil
rot ist sein Bart
so rot wie die aufgehende Sonne.

Und nachdem der Ritter – diese letzten drei Strophen fehlen bei dieser Aufnahme leider – die Treue der Frau geprüft hat, gibt er sich als ihr Ehemann zu erkennen.


Hier nutzen wir das Fehlen des Tonmaterials, um an die Musik von Triana (El Patio, 1975) und Jesús de la Rosa Luque, den Leadsänger, der vor fast dreissig Jahren (14. Oktober 1983) starb, zu erinnern. Im Oktober 2010 findet in Triana, Sevilla, ein großes Erinnerungskonzert statt.

LAVABA LA BLANCA NIÑA.  2:35

Die Sprache, in der die Sängerin aus Saloniki die achtsilbigen Vierzeiler dieser Romanze singt, ist Spanisch. Ein Spanisch jedoch, wie es in jener Epoche gesungen wurde, bevor die Sefarden Opfer von Inquisition und staatlicher Intoleranz wurden. Ähnlich wie die Ashkenasim ihre jiddische Sprache aus dem Mittelalter herüberretteten, hielten auch die Sefarden wie auf einer Insel im Meer  der Zeit über 500 Jahre hinweg ihre spanische Sprache und Traditionen am Leben. Als Kind einer in Bulgarien niedergelassenen Familie hat der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti diese inzwischen fast versunkene Welt noch miterlebt. In seiner Autobiographie erinnert er sich:

„Sie hielten sich für Juden besonderer Art, und das hing mit ihrer spanischen Tradtition zusammen. Im Lauf der Jahrhunderte seit ihrer Vertreibung hatte sich das Spanisch, das sie untereinander sprachen, sehr wenig verändert…. Die ersten Kinderlieder, die ich hörte waren Spanisch, ich hörte alte spanische Romances, was aber am kräftigsten war und für ein Kind unwiderstehlich, war eine spanische Gesinnung. Mit naiver Überheblichkeit sah man auf andere Juden herab, ein Wort, da immer mit Verachtung geladen war, lautete „Todesco“, es bedeutete einen deutschen oder aschkenasischen Juden. Es wäre undenkbar gewesen, eine Todesca zu heiraten, … Ich war keine sechs Jahre alt, als mich mein Großvater vor einer solchen Mesalliance in der Zukunft warnte.“

Von der verwöhnten Königstochter erzählt die folgende Romanze. Um sie begehrenswerter zu machen baute ihr der König ein eigenes Schloß. Und da sitzt sie nun und stickt während sie auf den Liebsten wartet, der in den Krieg ziehen mußte.

Einen Brief werd‘ ich schreiben
mit Worten aus meiner Faust
daß sie mir meinen Liebsten bringen
lebendig, gesund und ohne Ketten.

Und wenn sie ihn mir nicht bringen
beginn ich einen großen Krieg
mit Schiffen auf dem Meer
und Soldaten zu Land.

Und gibt es keine Segel
so nehm‘ ich meine langen Zöpfe
und gibt es keine Ruder
so nehm ich meine schönen Arme.

Und kommt kein Kapitän
stell‘ ich mich neben die Fahne
und die Leute werden sagen:
„Es lebe diese Jungfrau –
um ihren Liebsten zu retten
scheut sie weder des Meeres Sturm noch Flut.

Es singt eine Sängerin aus Marokko.

UNE HIJA TIENE EL REY (Eine Tochter hat der König), Romanze, Marokko.

Stars of Ladino Music: Mediterrane Poesie zwischen Cadíz und Haifa
Ladino, oder Judeo-Spanisch, ist eine sehr alte Sprache, die noch heute von türkischen, griechischen und bulgarischen Juden gesprochen wird…

Im schattigsten Palmenhain: Kordova
Walter Rathenau, früherer deutscher Außenminister, berichtet aus dem „Garten der Hesperiden“: In dem Dome zu Kordova stehen Säulen dreizehnhundert, dreizehnhundert Riesensäulen tragen die gewalt’ge Kuppel…

Kategorie: Spanien / Werner Steinbeiß