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Amos Oz und Sari Nusseibeh erhalten den Siegfried Unseld Preis

„Israelis und Palästinenser (…) sind gar keine Feinde. (…) Sie sind strategische Verbündete.“ Und: „Israel kann den Willen der Palästinenser, in Freiheit zu leben, nicht gewaltsam brechen, und ebensowenig können die Palästinenser Israel mit Gewalt hinter die Grenze von 1967 zurückdrängen. Gewaltanwendung ist nicht nur unmenschlich, sondern auch politisch sinnlos.“ Dies schrieb Sari Nusseibeh, in Oxford ausgebildeter palästinensischer Philosoph, in seiner autobiographischen Erzählung „Es war einmal ein Land“. Vor wenigen Tagen, am 28. September 2010, erhielt er hierfür gemeinsam mit seinem israelischen Freund und Kollegen Amos Oz in Berlin den mit 50.000 Euro dotierten Siegfried Unseld Preis. Mit der Preisverleihung werde auch das Engagement dieser Autoren für eine Versöhnung beider Nationen und eine dauerhafte gewaltlose Koexistenz zweier Staaten geehrt, betonte die Siegfried Unseld Stiftung…

Von Roland Kaufhold

Eingeleitet wurde die Preisverleihung durch eine anspruchsvolle Rede Ulla Unseld-Berkéwiczs. Sie zeichnete, in Anwesenheit des Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit, wesentliche Facetten aus den Biographien und Werken von Amos Oz und Sari Nusseibehs nach. Beide – Amos Oz wurde 1939, Nusseibeh 1949 geboren – sind in unmittelbarer Nachbarschaft, nur ein, zwei Kilometer voneinander entfernt, aufgewachsen – in Jerusalem. Und doch waren ihre jüdischen bzw. arabischen Lebenswelten scharf voneinander getrennt. Begegnet sind sie sich in diesen Jahren nie – erst sehr viele Jahre später, als prominente Vertreter einer auf Ausgleich, auf eine Zwei-Staaten-Lösung gerichteten Friedensbewegung. Und: Begegnet sind sie sich in ihren „literarischen Zwillingswerken“ Eine Geschichte von Liebe und Finsternis und Es war einmal ein Land. Ihrer tragischen, traumatischen Vergangenheit waren sie sich beide bewusst – und verweigerten doch die pathogene seelische Gesetzmäßigkeit, sich in einem blinden Wiederholungszwang in den Kreislauf einer wechselseitigen Beschädigung, in die Spirale der blinden Gewalt hineinziehen zu lassen. Demgemäß hat Amos Oz firmuliert: „Du kannst die Vergangenheit ignorieren, aber die Vergangenheit ignoriert dich nicht. Du kannst entweder davonlaufen oder dich umdrehen und auf sie zurückschauen, aber du kannst sie nicht ausradieren. Das ist etwas, was für Israelis und Deutsche gleichermaßen gilt: Man muss nicht zu Sklaven der Geschichte werden, aber in diesem einen Teil Europas muss man niederknien und die Vergangenheit auf die Schultern laden, dann, danach, kann man hingehen, wohin man will.“


V.l.n.r.: Klaus Wowereit, Amos Oz, Sari Nusseibeh, Ulla Unseld-Berkéwicz
© Susanne Schleyer/Suhrkamp Verlag

Amos Oz, der als Amos Klausner in einer galizisch-jüdischen Familie aufwuchs, erzählt in seinem großen Werk vom zionistischen Traum, von den Hoffnungen und Enttäuschungen der Shoah-Überlebenden und deren Kinder, von der Angst vor Progromen, Massakern, Krieg – „Angst, die vergraben wird, um weiterzuleben“, so die Laudatorin Ulla Unseld-Berkéwicz. Sie streicht den hierzulande (gerade von „Linken“) gerne verleugneten, ausgeblendeten Anteil der verschiedenen arabischen Staaten für die nahöstliche Tragödie hervor: Staaten, die das Leid der Palästinenser gezielt instrumentalisierten, sie Jahrzehnte lang in Flüchtlingslagern beließen, als moralische Anklage gegen Israel; und die die Palästinenser aus ihren eigenen Ländern gewalttätig hinauswarfen, vertrieben, wenn sie dort realen Einfluss zu gewinnen trachteten:
„Die reiche arabische Welt hilft den Palästinensern nicht aus ihrer Armut heraus, weil die palästinensische Armut ihre Waffe gegen Israel ist, ihre Vorzeigeschuld. Die riesige arabische Welt gibt den Palästinensern keinen Raum, weil die Palästinenser dort verhasst sind, wie bei uns zuzeiten die Zigeuner. Die Palästinenser aber in Libanon und Jordanien verkommen dort auf engstem Raum. Vorzeigenot wie Vorzeigeschuld. Die Heiligen Krieger aber, die Gotteskämpfer, sie rüsten immer weiter auf.“ Die Laudatorin fügt hinzu: „Jeder Versuch, den Islam in politische Macht umzuwandeln, hat zum Terrorismus geführt.“ Und: „Nirgendwo in der islamischen Welt gibt es eine Friedensbewegung, nirgendwo dort geht man auf die Straße, um für `die gerechte Sache des Feindes´ zu demonstrieren.“

Unseld-Berkéwicz erinnert jedoch auch an den „jüdischen Fanatismus“, den „jüdischen Fundamentalismus“, der „in Sachen Vaterlandswahn und Erlösungsterror“ gleichfalls maßgeblichen Anteil am Kreislauf der wechselseitigen Gewalt habe. Dieser müsse jedoch vor dem historischen, traumatischen Hintergrund der Shoah verstanden werden: „Die Abhängigkeit vom Schrecken der Geschichte, das Gedächtnis, hat schon manchen Abhängigen und mit ihm Kinder und Kindeskinder um den Verstand gebracht.“ Insofern sei es zynisch, wenn gerade Deutsche eine Einfühlung in das jüdische Schicksal verweigerten, ihnen moralische, sich selbst entlastende Vorhaltungen machten. Viele Formen der populären „Israelkritik“ seien eindeutig antisemitisch.

Im Gegensatz hierzu spreche das Werk von Nusseibeh und Oz die Sprache des Dialogs, der wechselseitigen Einfühlung, der Duldsamkeit, des politischen Dialogs.

Paradigmatisch für diese Hoffnungsperspektive, einzig aus der eine historische Verständigung, eine gerechte Zwei-Staaten-Lösung erwachsen könne, erinnert Unseld-Berkéwicz an den tragischen Hintergrund, aus dem die arabische Übersetzung von Oz´ Eine Geschichte von Liebe und Finsternis erwachsen ist: Im Jahre 2004 wurde der Palästinenser George Khouryie beim Joggen vor der Hebräischen Universität erschossen. Die palästinensischen Terroristen hielten ihn für einen Juden. „Seine Eltern finanzierten als Zeichen der Erinnerung für ihren getöteten Sohn die Übersetzung von Amos Oz´ Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ – eine beeindruckende Geste, die zeigt, wie Verständigung, Frieden möglich ist. Trotz aller Verluste.

In seiner Dankesrede erinnert Amos Oz an seine Freundschaft mit seinem langjährigen Verleger Siegfried Unseld. Den Preis nehme er, gemeinsam mit seinem Freund Nusseibeh, „stolz und glücklich“ entgegen. Seine autobiographisch getönte Erzählung sei jedoch keine eigentliche Autobiographie, sondern vielmehr eine Erinnerung an seine Eltern, die elf Sprachen beherrschten, ihrem Sohn jedoch nur Hebräisch lehrten – damit er im jungen jüdischen Staat in Sicherheit aufwachsen könne: „Damals, in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts, waren sie der Ansicht, wenn ich eine einzige europäische Sprache kennen würde, wäre ich damit eine leichte Beute für Europas tödliche Reize und würde Europa besuchen und dort ermordet werden. Dennoch liebten sie Europa.“

Die Last der Shoah war für seine Eltern zu schwer: „Meine Mutter nahm sich das Leben, als ich zwölf Jahre alt war, mein Vater verlor allen Lebensmut, und ihr einziger Sohn blieb allein zurück. Wie war es möglich, fragte ich mich, dass die Ehe zweier guter, gebildeter und rücksichtsvoller Menschen ein so schreckliches Ende fand“, erinnert sich Oz.

Seine Großeltern hatten 1933 verzweifelt versucht, aus Wilna in ein europäisches Land oder in die USA zu emigrieren. Kein Land bot ihnen Zuflucht. So blieb einzig das damalige Palästina als Zufluchtsort. Amos Oz hebt hervor: „Meine Großeltern klammerten sich an den einzigen Strohhalm, der ihnen geblieben war, und kamen 1933 nach Jerusalem. Heute fragen sich viele Schlaumeier, ob es sich wirklich gelohnt hat, den Staat Israel zu gründen, ob der Preis nicht zu hoch war, das Ganze nicht zu teuer erkauft war. Für meine Eltern und für Millionen anderer Juden gab es aber kein anderes Rettungsboot weit und breit. Man hatte sie vom Deck der Europa in ein kaltes und dunkles Meer geworfen, während die Decks aller anderen Schiffe voller Lichter und fröhlicher Menschen war. Ihr Glück war, dass man sie zu Anfang der dreißiger Jahre ins Wasser geworfen hat – denn hätten sie gewartet, wären sie wenige Jahre später ermordet worden.“ Und Oz fügt in Berlin hinzu: „Sie lernten, ihr neues Land zu lieben und Jerusalem zu lieben, den einzigen Ort der Welt, wo sie sich nicht schämen mussten, Juden zu sein. Sie liebten das neue, junge, dynamische Israel, das vor kreativer Kraft strotzte – aber sie sehnten sich nach Europa.“ Sie lebten mit der unerwiderten Liebe, ein schreckliches Gefühl, welches von Millionen israelischer Juden geteilt wurde.

Oz, prominenter Vertreter der 1977 gegründeten israelischen Friedensgruppe Schalom achschaw (Peace now), kommt auf den Friedensprozess zu sprechen, spricht, vielleicht sehr überraschend, von einer „Zeit neuer Hoffnung“. Die Grundzüge einer Übereinkunft – wie sie in der „Genfer Initiative“ (www.genfer-initiative.de) niedergelegt worden sind – seien allseits bekannt und leicht realisierbar. Oz´ Optimismus scheint ungebrochen: „Der Tag wird kommen, an dem es eine israelische Botschaft in Palästina und eine palästinensische Botschaft in Israel geben wird. (…) Die Extremisten auf beiden Seiten werden weiterhin alles in ihrer Macht Stehende tun, um einen historischen Kompromiß und einen Friedensschluß zu unterminieren – aber der Frieden wird kommen, weil die Mehrheit beider Völker ihn will.“

Abschließend führt der israelische Schriftsteller Amos Oz aus: „Es bedeutet mir eine große Freude und eine große Ehre, den Siegfried Unseld Preis mit meinem Freund Sari Nusseibeh zu teilen. Doch der größte Preis, den ich eines Tages mit Sari zu teilen hoffe, ist der Frieden.“

Sari Nusseibeh ist in weiten Teilen der intellektuellen Öffentlichkeit Israels sehr beliebt. Das Ausmaß seines Ansehens mag in einer Anekdote zum Ausdruck kommen, welche Avi Primor 2003 in Köln in seiner Laudatio auf Nusseibeh erzählte. Sari Nusseibeh erhielt seinerzeit, gemeinsam mit dem aus Deutschland stammenden israelischen Publizisten und „Friedensaktivisten“ Uri Avnery (s. Kaufhold 2003) den Lew Kopelew Preis für Frieden und Menschenrechte; Primor hielt die Laudatio. Als Nusseibeh vor einigen Jahren auf Einladung Primors einen Vortrag halten wollte kam er anfangs nicht dazu: „Er war bei mir einmal zu Gast in der Universität Tel Aviv. Als ich nur seinen Namen erwähnte, gab es so einen Beifall, der wollte gar nicht mehr aufhören; ich wollte etwas sagen, bin aber gar nicht dazu gekommen. Die wollten nur noch klatschen und klatschen.“

Nusseibeh war nach der Lektüre von Amos Oz´ Autobiographie beeindruckt. Und doch war er eigentümlich berührt, schrieb Oz doch über die gleiche Stadt, in welcher er selber aufgewachsen war – und an die er sehr andere Erinnerungen hatte. Nusseibeh fügte einige Jahre später in der Einleitung zu seiner eigenen Autobiographie hinzu: „Dass die Araber in den Kindheitserfahrungen von Amos Oz praktisch nicht vorkamen, veranlasste mich, darüber nachzudenken, wie ich selbst groß geworden war. Was hatten meine Eltern von seiner Welt gewusst?“ Nusseibeh fragt sich, ob nicht die „Unfähigkeit, sich das Leben der ‚Anderen‘ vorzustellen“ letztlich der „Kern des israelisch-palästinensischen Konflikts“ sei.

Sari Nusseibeh hebt in seiner Dankesrede den Anteil seines Freundes Oz hervor – dieser hatte den Preis ursprünglich alleine erhalten sollen, wollte ihn jedoch mit Nusseibeh teilen. Als jemand, „der sich sein Leben lang in einen Konflikt verstrickt gesehen hat, der ihm oft genug sinnlos erscheinen musste (…) und ihm jeden Seelenfrieden geraubt hat“ beschreibt er sein nachhaltiges Bemühen um einen gerechten Frieden, eine gerechte Teilung des Landes zwischen Israelis und Palästinensern. Das Beharren auf scheinbare, abgrenzende Identitäten, das selbstgerechte, narzisstische Aufrechnen, welche Seite denn nun mehr Opfer gebracht habe, „mehr“ historisches Recht habe, führe nicht weiter: „Die Wahrheit sieht anders aus, denn es gibt keinen Unterschied zwischen jüdischem Blut und arabischem Blut oder umgekehrt; in einer anderen Welt könnten die Araber sehr wohl Juden sein und die Juden Araber, und ihre diesseitigen Identitäten sind letzten Endes so oberflächlich und entbehrlich wie die Verkleidungen auf einem Maskenball“, so Nusseibeh in seiner Berliner Dankesrede.

Nusseibeh verteidigt seine an Gandhi orientierte Strategie einer konsequenten Gewaltlosigkeit, die nicht mit einem naiven Opferstatus verwechselt werden solle: „Ich neige keineswegs zu der Ansicht, Ungemach habe man heiter zu erdulden.“ Er trete für die legitimen Rechte der Palästinenser ein, vom Standpunkt einer Unteilbarkeit der Menschenrechte und menschlicher Werte. Auch wenn die Aussichten für eine gerechte Zwei-Staaten-Lösung gegenwärtig als eher gering erscheinen mögen so gebe es keine Alternative zu den gegenwärtigen Verhandlungen – „auch wenn die Aussichten auf Erfolg keine sonderliche Zuversicht wecken angesichts der tiefen Zwietracht im Haus der Palästinenser, der Engstirnigkeit der israelischen Regierung und der erbärmlichen Schwäche und Ohnmacht der internationalen Gemeinschaft. Israel sei „in gewisser Weise das Opfer seiner eigenen Stärke“, die Palästinenser wiederum seien „immer wieder der eigenen Rhetorik auf den Leim gegangen. “Insofern sei die Herausforderung an alle „Friedenssuchende weitaus größer geworden, als sie es je zuvor war.“ Angesagt sei Geduld wie auch ein heute möglicherweise als utopische erscheinendes Vertrauen auf die Möglichkeit einer Veränderbarkeit: „…dass wir unserer Fähigkeit vertrauen, Wunder zu wirken, der Fähigkeit, Dinge zu bewirken, auch wenn sie noch so wenig machbar erscheinen mögen“ – so Sari Nusseibehs abschließende Aufforderung.

Sari Nusseibeh: Es war einmal ein Land, Frankfurt/M. (suhrkamp), Euro 14,00 [Bestellen?]
Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, Frankfurt/M. (suhrkamp), Euro 9,90 [Bestellen?]

Weitere Bücher von Amos Oz
Interview mit Sari Nusseibeh: „Menschliche Werte einen, religiöse trennen!“

Roland Kaufhold (2003): Uri Avnery: Ein Porträt. In: Uri Avnery (2003): Ein Leben für den Frieden. Heidelberg (Palmyra), S. 258-287; sowie auch unter dem Titel „Vom Irgun zur israelischen Friedensbewegung. Zum 80. Geburtstag des israelischen Friedensaktivisten Uri Avnery“ erschienen in psychosozial Nr. 93, H. 3/2003, S. 107 – 122.