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Ladino: Spanische Romanzen

Im Spanien des 12. bis 17 Jahrhunderts war die Romanze wichtigste und populärste literarische Form. Anonyme Dichter erzählen darin in volkstümlich-epischer Form von großen Königen und kleinen Episoden des mittelalterlichen Alltags, von Helden und Verlierern, untreuen Ehefrauen, zurückkehrenden Gatten, von generösen Sultanen und kriegerischen christlichen Edelleuten. Vorgetragen wurden sie meist von blinden Bettlern oder Gauklern, die die Handlung mit gemalten Szenenbildern illustrierten…

Fortsetzung von Sfarad: Die Musik der spanischen Juden

Aus dem Alltag der Sefarden war die Romanze nicht wegzudenken. Die Frauen erleichterten sich die Hausarbeit mit einer Romanze auf den Lippen, der Arbeitstag in der Werkstatt bekam mehr Abwechslung und so manches Familienfest geriet erst richtig in Schwung, wenn die ein oder andere Romanze angestimmt wurde. In ihrer Rolle als Wiegenlied jedoch lag ihre grösste Bedeutung. Ohne eigne Wiegenlieder im musikalischen Repertoire mussten die alten Romanzen diese Lücke schliessen. Im Allgemeinen wird eine Romanze ohne musikalische Begleitung und in einem etwas monotonen Rhythmus gesungen, und nicht ohne Wehmut über die verlorene Heimat.

Von der betrogenen Ehefrau erzählt die nächste Romanze. Des Nachts schleicht sich der Ehemann aus dem Haus und die Ehefrau, die ihm nachgeht, muss enttäuscht feststellen, dass er zu seiner Geliebten geht.

… „Öffne mir, mein Schatz.
Öffne mir, meine Liebe.
Müde bin ich, vom Umhergehen
in der Stadt“…
bittet der zurückkehrende Treulose, aber die Türen seines Hauses bleiben ihm verschlossen.

LA MUJER ENGAÑADA haben wir leider nicht gefunden. Stattdessen ein anderes Beispiel:

„Hija mia“, vorgetragen von Amina Alaoui, Marrocco.

Die Legenden legen die Ankunft der Juden in Spanien in die Zeit Nebucadnedsars, nach der Zerstörung des ersten Tempels, im VI. Jahrhundert vor Chr. „Sfarad“, das spätere Wort für Spanien, bedeutete im Hebräischen zunächst soviel wie zerstreuen oder Diaspora. Seit Beginn unserer Zeitrechnung pflegte man im Hebräischen mit „Sefarad“ das westlichste Extrem der damals bekannten Welt zu identifizieren: die iberische Halbinsel.
Al-Andalus, das heutige Andalusien, nannten die Araber ihr neues Land, das sich in den Händen der ehemaligen Wüstenbewohner alsbald in einen blühenden Garten mit hochzivilisierten Städten verwandeln sollte. In der toleranten Atmosphäre der frühen maurisch-spanischen Hochkultur – die Duldung fremder Religionen ist im Koran verankert – erlebten die spanischen Juden in diesem Mekka des Okzidents ihr goldenes Zeitalter.

Ihre Töchter versteckt eine Mutter vor dem Brautwerber in der folgenden Romanze. Erst als er sich als Königssohn entpuppt, stellt sie ihm ihre drei Töchter zur Auswahl und empfiehlt ihm die klügste, die auch noch so schön ist wie eine gerade aufgegangene Rose.

ESCOGIENDO NOVIA. 1:10

Auch hier ein anderes Beispiel: „Scalerica de oro“, ein Hochzeitslied vorgetragen von Francoise Atlan, beim Fes Festival of Sacred world music, Morocco. Siehe auch folgende CD.

Scalerica de oro, de oro y de marfil
Para que suva la novia a dar
Kidushin

Venimos a ver,
Venimos a ver
Y gozen y logren y tengan
Muncho bien

La novia no tiene dinero
Que moz tengan un mazal bueno….

Venimos a ver,
Venimos a ver
Y gozen y logren y tengan
Muncho bien.

Doch die Kriegstrommeln der Almohaden kündigten für die spanischen Juden bereits die neue Katastrophe an: „Tod oder Übertritt“ forderten die fanatischen islamischen Krieger, die von den maurischen Kalifen Andalusiens gegen die anstürmenden christlichen Heere zu Hilfe gerufen wurden. Im jahrhundertelangen Hin und Her der Reconquista, der Rückeroberung des arabischen Südens der spanischen Halbinsel, mußten die Juden abwechselnd vom christlichen Teil in den arabischen und umgekehrt fliehen.
Beide der rivalisierenden Parteien wollten sich die organisatorischen und wirtschaftlichen Fähigkeiten der Juden für ihre politischen Ziele nutzbar machen. Aber die Protektion der jeweiligen Macht schützte sie auf bei beiden Seiten nicht vor anti-jüdischen Ausschreitungen, die im Pogrom von 1391 ihren blutigen Höhepunkt erreichten. Als dann 1492 Granada, das letzte maurische Königreich, besiegt wurde, war auch die Vertreibung der Juden durch den neuen christlichen Einheitsstaat besiegelt.

Hören wir als nächstes eine moderne Version eines Liedes aus Bulgarien. Es singt und spielt die spanische Gruppe ALIA MUSICA.

SI VERIAS. 2:55

Si veriyaş a la rana
Asentada en la oryana
Friendo sus buenas fritas
Espartiendo a sus ermanikas

Si veriyaş al raton
Asentada en el kanton
Mundando sus muezizikas
Espartiendo a sus ermanikas

Si veriyaş al gameyo
Asentada en el tablero
Mudando sus buenas filas
Mas delgadas ke sus kaveyos

aus der Serie des tve (TV Espana): Voces de Sefarad – España y los Judios, hier Teil 1:

Im allgemeinen werden die Romanzen in einem monotonen Rhythmus gesungen und ohne Instrumentalbegleitung und – aus dem Munde von Sefarden – nicht ohne Wehmut über die verlorene Heimat.

Dem erzwungenen Exodus aus Spanien war eine Hochblüte der jüdischen Kultur auf der iberischen Halbinsel vorausgegangen. Bereits ab dem 9. Jahrhundert nach Christus begann sich das geistige Zentrum des Jüdischen Volkes von Babylonien nach Spanien zu verlagern. In der religiös und politisch toleranten Atmosphäre von Al-Andalus, dem arabischen Teil Spaniens, gediehen Künste und Wissenschaften zu einer für das 10.-15. Jahrhundert ungewöhnlichen Hochblüte. Der Arzt, Philosoph, Astronom, Mathematiker und Dichter Maimonides mag stellvertretend für mehrere Generationen solcher universaler Gelehrter stehen. Versiert auch in der Kunst der Diplomatie und des Finanzwesens, waren es fast stets Juden, die die einflußreichsten Ämter an den Höfen der maurischen Sultane bekleideten.

La religiosidad de los judíos vivía en armonía con la cultura profana.

Vom islamischen Zentrum längst mit Argwohn beobachtet, wie sich die spanischen Araber von der Orthodoxie loslösten, sollte bald die Tat folgen. Im 12. Jahrhundert fielen die Stämme der Almoraviden und Almohaden in Al-Andalus ein. Der religiöse Fanatismus der neuen Invasoren macht den Juden das Leben  in Al-Andalus unerträglich. Massenweise flüchteten sie in die nördlichen, von den Christen beherrschten Teile der iberischen Halbinsel. Unter der christlichen Protektion war das Wohlergehen der Sefarden zunächst gesichert. Auch an den christlichen Königshäusern waren es wieder Juden, die hohe Verwaltungsämter innehatten. Außerdem waren sie den spanischen Königen besonders willkommen. Die als Geschäftsleute und Finanziers begabten Juden sollten ihnen die „Reconquista“, den „Heiligen Krieg gegen die Araber im Süden finanzieren. Doch kaum war dieser mit dem Fall Granadas 1492 abgeschlossen, wiederholte sich, was in den Pogromen von 1391 seine Schatten vorauswarf. 1492 kommt das Vertreibungsedikt.

Werner Steinbeiß

Kategorie: Spanien