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Versuch eines Überblicks: Islamismus, Djihad, Antisemitismus

„Akademiker, die sich zum Zwecke der paradiesischen Selbstveredelung in die Luft sprengen, Priester, die jungen Frauen Salzsäure ins Gesicht schütten, um Verstöße gegen den Verschleierungszwang zu sühnen, Eltern die ihre Kinder mit der Attrappe eines Sprengstoffgürtels freudig auf den Djihad vorbereiten – wer die Motive für derartiges Handeln aufspüren möchte, gerät in eine Welt, in der die Vernunft als Verrat, der Zweifel als Todsünde und die Juden als ‚Brüder der Affen, Mörder des Propheten, Blutsauger und Kriegshetzer’ gelten…

Von Chava Gurion, Austria

Viele wollen sich diesem ‚Schock des Offenen’ nicht aussetzen, sondern klammern sich lieber an das ‚Unwahre’. Dies fängt bei der Beurteilung der suizidalen Massenmorde an israelischen Zivilisten an. Die Videoaufzeichnungen der Täter, Dokumente ihres letzten Willens, zeigen stolze und begeisterte Männer, die geradezu erpicht darauf sind, sich in die Luft zu sprengen und möglichst viele Juden mit in den Tod zu reißen. Der ‚aufgeklärte’ Geist will von dieser Begeisterung nichts sehen und nichts wissen, sondern besteht darauf, daß Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung die Mörder motivieren…“[1]

Die Flut an Publikationen zu den komplexen Phänomenen Islamismus und Antisemitismus, ihren Ursachen und Wechselwirkungen, sowie auch eigene Studien und Erkenntnisse machen es zu einer kaum lösbaren Aufgabe, sich auf kleinem Raum tatsächlich einen „Überblick“ zu verschaffen. Hier können daher allenfalls nur Einblicke ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit geboten werden.

Was ist „Islamismus“?

Zunächst ein verbales Vehikel aus der politischen Notwendigkeit in der freien, „westlichen“, demokratischen Denkungsart, zwischen international auftretenden und politisch, fallweise bis oft auch terroristisch wirkenden, islamischen Fundamentalisten und dem „gemäßigten“ Islam als Religion zu differenzieren, ohne das von den Menschenrechten gewährleistete Recht auf freie Religionsausübung jeder Minderheit in einem demokratischen Staat zu tangieren. Dieses verbale Vehikel eignet sich auch ausgezeichnet dazu, sich in demokratischen Staaten, in denen Angehörige der islamischen Religion (noch) eine Minderheit darstellen, vom Verdacht der „Ausländerfeindlichkeit“ oder „Islamophobie“ rein zu waschen. Alles, wo „islamisch“ draufsteht, wäre „gut und brav“, alles, was als „islamistisch“ bezeichnet werden kann, wäre „böse“. Eine passende Vereinfachung für eine stark verkürzte links-rechts-schwarz-weiß-Denkungsart. Dass aber gerade Islamisten gerne mit dem verbalen Vehikel „Islamophobie“ jeden Verdacht auf Islamismus kategorisch von sich weisen, entgeht dabei der einfachen Denkungsart, wie leider manchmal auch jenen, die den soziologischen Neologismus „Islamophobie“[2] wissenschaftlich eingebracht und verarbeitet haben, oder gar „Islamophobie“ mit Antisemitismus vergleichen[3] und dabei die sehr berechtigte Kritik an Verallgemeinerungen sowie die Forderung nach Differenzierung gerade mit einer völlig unzulänglichen Verallgemeinerung untermauern wollen.

Definitionen des „Islamismus“

Ebenso erscheint eine Gleichsetzung von „Islamismus“ mit „politischem Islam“ undifferenziert und verkürzt. Der breit gefasste Begriff „Islamismus“ vereint verschiedene politische Bewegungen und Ideologien wie (in arabischer Selbstbezeichnung) „Fundamentalisten“, „Reformer“ und „Salafisten“; er entspricht dem europäischen Synonym „Fundamentalismus“ und steht in manch inhaltlichem Gegensatz zum orthodoxen Islam, für den eine Neuinterpretation des Koran und der Sunna im Sinne einer Anpassung an die Moderne nicht infrage kommt, da alle Fragen des täglichen Lebens, des Rechts, der Ethik und der Politik bereits durch Interpretationen aus hochislamischer Zeit abschließend beantwortet seien. Daraus erklärt sich vereinzelte Kritik aus der islamisch-sunnitischen Orthodoxie an Auffassungen und Vorgangsweisen der „Islamisten“. Dagegen setzt etwa der Islamkritiker Tilman Nagel[4] „Islamismus“ und orthodoxen Islam insofern gleich, als letzterer (mit Ausnahme der Muatazila) von Hause aus fundamentalistisch sei, sich nicht in einem bestehenden Staat einrichte, sondern einen eigenen gründe – dies alles historisch begründet mit der frühislamischen Gemeinde unter Mohammed, der „von Anfang an ein entschiedenes Streben nach Dominanz über alle anderen Menschenverbände eigen“ sei, weil es sich „…als unerschütterbar wahr und endgültig richtig auffasste. (…) Die Anwendung von Gewalt zur Selbstbehauptung und dann zur Unterwerfung anderer Gemeinschaften, die eben nicht islamische waren“, sei demgemäß ein „wesentliches, wenn nicht das wesentliche Merkmal der Geschichte des Wirkens Mohammeds in Medina.“[5]

Randbemerkung: In diesem Punkt unterscheidet sich das mittelalterliche und frühneuzeitliche katholische Christentum allerdings nicht wesentlich vom auf Expansion bestrebten Islam. Erinnert sei an die machtpolitisch und ökonomisch motivierten Kreuzzüge und an die Eroberung vor allem des südamerikanischen Kontinents, wofür jeweils religiös-missionarische Gründe instrumentalisiert wurden. Beides steht in krassem Gegensatz zum Judentum, das als einzige nicht missionierende „Religion des Buches“ bezeichnet werden kann, weil es im Gegensatz zu Islam und Christentum Konvertiten den Übertritt mit zahlreichen Hürden und Prüfungen äußerst erschwert. Dies entzieht auch sämtlichen Unterstellungen eines „jüdischen Strebens nach Weltherrschaft“ die reale wie ideologische Basis. In diesem Sinne wird auch die astrein antisemitische Konnotation einer imaginierten „jüdischen Weltherrschaft“ mit zeitgleichem (!) „jüdisch-israelischem, faschistoidem Rassismus“ halluziniert. Selbst für von Geschichtswissen freie Menschen sollte logisch erkennbar sein, dass „Expansion“ über die Welt nur über die „Missionierung“ der jeweiligen Ideologie gelingen kann.

Hauptmerkmale

Trotz der oft stark unterschiedlichen, auf landes- und konfessionsspezifische Traditionen rückführbaren Strömungen des „Islamismus“ lassen sich einige Konstanten erkennen:

Wichtige Differenzierungen

Es muss zwischen moderatem Islamismus und radikalem Islamismus unterschieden werden, wobei die Beurteilung durch Nicht-Muslime äußerst schwierig ist und realistisch nur post factum, also nach gesetzten Taten geschehen kann. Der Zugang zu Predigten beim Freitagsgebet und eventuell anschließenden politischen Diskussionen in den Moscheen, die ja nicht nur Bethäuser, sondern auch „Kulturzentren“ sind, ist Nicht-Muslimen verwehrt. Daher kann ein dort ausgeübter „politischer Islam“ bzw. Islamismus jede Kritik mit den Argumenten des Vorurteils und der Pauschalverdächtigung erfolgreich zurückweisen.[10]

Moderate Akteure des Islamismus wollen den Islam zur Richtschnur des politischen und sozialen Verhaltens machen und lehnen Gewalt, religiöse Führer radikaler Gruppen und Einschränkungen der persönlichen Freiheit ab. Radikale islamistische Gruppierungen sind gewaltbereit und üben Gewalt auch aus – nicht nur gegenüber Nicht-Muslimen, sondern auch unter einander bzw. gegenüber moderateren Gruppen. Das Argument der „Unterdrückung“ wird so zum Selbstläufer der Gegenargumentation. Zwischen beiden Kategorien gibt es noch zahlreiche Gruppierungen unterschiedlicher Strömungen, die vom Außenstehenden schwer einschätzbar sind. Ebenso ist zu unterscheiden zwischen islamistischen und islamischen oder muslimischen Gruppierungen und Parteien. Letztere existieren ebenfalls, können aber nicht automatisch als „islamistisch“ eingestuft werden, da sie (wenigstens offiziell) nicht für eine Politisierung der Religion einstehen.[11] Auch hier sind Übergänge möglich, aber schwierig zu beurteilen und nur über das Zusammenwirken betreffender Netzwerke einigermaßen einzuschätzen.

Historische Hintergründe

Obwohl islamistische Vordenker schon im 18. Jhd. wirkten, auf die hier nicht eingegangen werden kann, orten zahlreiche Experten als Entstehungszentrum des modernen Islamismus wie des Djihadismus in der 1928 in Ägypten von Hassan al-Banna gegründeten Organisation der „Muslimbruderschaft“[12] (Al-Ikhwan al-Muslimun). Sie kritisierte die von Großbritannien installierte Monarchie als dekadent, versuchte die religiösen Dogmen wieder herzustellen und alle Probleme der islamischen Länder, die den Niedergang des Osmanischen Reiches nach dem 1. Weltkrieg als Demütigung empfunden hatten, mit einer islamischen Ordnung zu lösen. Der de facto bis 1952 gegebene britische Einfluss in Ägypten galt ihnen als zu bekämpfender Neo-Kolonialismus.

Daraus erklärt sich auch, wie leicht die islamistische „Muslimbruderschaft“ in Palästina bzw. im späteren Westjordanland und in Gaza Fuß fassen konnten. Entgegen den Vorstellungen des Begründers des politischen Zionismus Theodor Herzl[13] nahmen die muslimischen Araber die Chance auf Partizipation an den Vorteilen der Urbarmachung Palästinas durch die zionistischen Heimkehrer nicht wahr, sondern interpretierten die jüdische Einwanderung pejorativ als Kolonialismus unerwünschter Fremdmächte und „Entweihung arabisch-muslimischen Bodens“.[14] Hassan al Bannaveröffentlichte seine Djihad-Vorstellungen unter dem Titel „Die Todesindustrie“ (in der diese das Ideal beschreibt!) erstmals 1938, 1946 wurde der Artikel unter dem Titel „Die Kunst des Todes“ neu publiziert.[15] Solange die Muslime ihre Liebe zum Leben nicht durch die im Koran geforderte Liebe zum Tod ersetzten, sei ihre Zukunft hoffnungslos: „Wenn du erpicht bist zu sterben, wird es dir gewährt sein zu leben, wenn du dich auf einen edlen Tod vorbereitest, wirst du vollständiges Glück erlangen.“[16]

Nachdem der Nationalsozialismus im Deutschen Reich die Fluchtbewegung der Juden vor allem nach Palästina provoziert und der Mufti von Jerusalem, Amin el-Husseini, der in seinem Judenhass von den Nazis kaum zu überbieten war, im April 1936 zu arabischen Generalstreik gegen die jüdische Einwanderung aufgerufen hatte, leitete dies die erste fanatische Solidaritätskampagne der Muslimbruderschaft ein, mit der sie zur Massenorganisation wurde und den Djihad mit dem Palästinakonflikt verband.[17]

Eine Sonderform des islamischen Fundamentalismus entstand im Iran mit der schiitischen Imamatslehre, die mit der iranischen Revolution 1979 unter Ayatollah Ruholla Musawi Khomeini einen „Gottesstaat“ mit einer Regierung auf Basis des schiitischen Fundamentalismus bis heute installieren konnte.[18] Damit wuchs in Folge der Panislamismus an, der Export dieser Revolution stärkte mental die verschiedenen islamistischen Kräfte in anderen Ländern, sie selbst wurde in der islamischen Welt zum Symbol und Beispiel eines „funktionierenden“ und lebensfähigen islamischen Staates.

Als sich in den 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts der bis dahin vorherrschende arabische Nationalismus – vor allem nach der als Demütigung empfundenen Niederlage im Sechs-Tage-Krieg 1967 – ideologisch ziemlich erschöpft hatte, bot der Islamismus eine akzeptable ideologische Ergänzung für alle vom panarabischen Nationalimus, Sozialismus und/oder monarchischen Regimes Enttäuschten. In dieser Zeit gewannen auch radikale Islamisten Einfluss, die zur Einlösung der Pflicht aller Muslime aufriefen, dem Gesetz Gottes durch Djihad wieder zu Geltung zu verhelfen.

Die Grenzen muslimischer Bruderschaft zeigten sich in den Golfkriegen[19] , in denen Muslime gegen Muslime kämpften, Iran gegen Irak und Iran gegen Kuwait.[20] In Folge war eine Radikalisierung zahlreicher Islamistengruppen in den 90-er Jahren zu verzeichnen. Sich auf religiöse Autorität berufende Staaten wie Saudi-Arabien finanzieren weltweit viele muslimische Gruppierungen, von denen viele islamistischer Gesinnung sind.

Hochgradige Radikalisierung bis heute

Der radikale Islamismus wurde ab den 90-er Jahren zur Ideologie von extremistischen, zum Teil terroristischen Gruppen wie Al-Qaida, die vor allem auch in Saudi-Arabien, Afghanistan, Pakistan und sogar auf europäischem Boden, in Bosnien wirkte, ihre Ideologie quasi internationalisierte und mit den Anschlägen vom 11. September 2001 erstmals auch ihren „großen Feind“, die USA, auf eigenem Boden angegriffen hatte. Allerdings wurde dabei der „kleinere Feind“ der extremistischen Islamisten, Israel, stets thematisch mit einbezogen. Der israelisch-palästinensische Konflikt in Nahost wurde durch diese Ereignisse höchstens in den Medien zum „Nebenschauplatz“. Er verschärfte sich zusehends und wurde vom Iran aus mit ideologisch-apokalyptischen Elementen wie mit realer Unterstützung der Hezbollah im Südlibanon, vom Westjordanland aus mit Märtyrerelementen und realen Selbstmordattentaten der Al-Aqsa-Brigaden und vom von Israel 2005 geräumten Gazastreifen aus mit dem Bomben- und Raketenhagel der Hamas auf israelische Zivilisten in Dörfern und Städten „angereichert“.

Der moderne Islamismus wirkt in vielen Bereichen und mit unterschiedlichen Mitteln.

So wird in vielen muslimischen Gemeinschaften eine Re-Islamisierung vorangetrieben, die auch innerhalb von Familien ein an islamischen Grundsätzen orientiertes Leben fordert, für den Islam wirbt, nach allen rechtlichen Möglichkeiten für den Islam strebt, soziale und kulturelle Einrichtungen sowie den Bau von Moscheen fördert und unterhält. Dies führte in Europa zu Disputen etwa um den „Kopftuchstreit“, um ein „Burka-Verbot“, um die „Mohammed-Karrikaturen“, um „Moscheenbauten mit oder ohne Minarett“ usw. – nicht selten auch auf niedrigstem Niveau und insbesondere von Rechtsaußenparteien unreflektiert und schlagwortartig politisch instrumentalisiert. Dem gegenüber konnten sich andere Vertreter dieser Rechtaußenparteien – wohl aus ihren antisemitischen Bodensätzen heraus – in ihrer „internationalen Perspektive“ problemlos dem eindeutig islamistischen, apokalyptischen, antisemitischen und zur Vernichtung Israels aufrufenden iranischen Regime und dem libyschen Staatschef Muammar al-Gaddafi andienen, der unlängst mit originellen Vorschlägen, etwa ganz Europa möge zum Islam übertreten oder für nur durch Libyen abwendbare, illegale Einwanderer aus Nordafrika quasi „negative Kopfsteuer“ in Millionenhöhe zahlen, Aufmerksamkeit auf sich zog.

Als „Faschismus des 21. Jahrhunderts“ wurde der Islamismus unter anderem vom niederländischen Schriftsteller Leon de Winter bezeichnet[21]. Der Begriff Islamismus wird durch die Debatte auch in Europa zunehmend politisiert, insbesondere nach den Anschlägen des 11. September 2001 und der Entwicklung des iranischen Regimes zu einer totalitären Diktatur.

Totalitarismus

Gerne wird von „moderaten“ Muslimen das Argument eingebracht, dass sich der islamische Missionierungseifer, ausgetragen mit zunächst „Überzeugungsarbeit“, dann allerdings auch „mit Feuer und Schwert“, wie es der Koran gebiete, „immer schon“ ausschließlich gegen „Ungläubige“ richtet(e). Die beiden anderen Buchreligionen, nämlich Christentum und Judentum, seien als religiöse Minderheit stets respektiert worden, wobei das Osmanische Reich den Juden während ihrer christlichen Verfolgung im Mittelalter und in der frühen Neuzeit als Fluchtort aus Europa gedient habe und sie aufgenommen habe. (Übrigens nicht nur, aber vorzugsweise im Sandschak [Verwaltungsbezirk] um Jerusalem, untergeordnet dem südsyrischen Vilajet [Provinz] Damaskus, also dem späteren „Palästina“ – um mit der Legende aufzuräumen, die Juden seien erst mit dem Zionismus in den Nahen Osten zurück gewandert.) Das ist zunächst richtig, aber nur die glänzende Seite dieser Argumentation. Juden wie Christen waren im Osmanischen Reich zwar in ihrer – möglichst unauffälligen – Religionsausübung offiziell nicht direkt gehindert, hatten aber lediglich den Rechtsstatus von dhimmis („Schutzbefohlenen“) mit stark eingeschränkten Bürgerrechten und mussten für diesen Schutz vor Verfolgung eine hohe Kopfsteuer zahlen, mit der die Goldene Pforte ihr Budget auffettete. Daher ist nachvollziehbar, wie wenig Emphatie der Sultan von Konstantinopel einst dem Ansinnen Theodor Herzls entgegenbrachte, stattdessen einen Teil des kargen, sumpfigen Landes zwischen Jerusalem und Mittelmeer als Heimstätte für alle Juden zu verkaufen.

Wie weit die religiöse Toleranz in den muslimischen Nachfolgestaaten des Osmanischen Reiches ging, zeigte sich spätestens nach 1948, nach Neugründung des Staates Israel. Der medialen Aufmerksamkeit völlig entzogen, deren Fokus sich seither allein auf die arabischen Flüchtlinge in Israels Unabhängigkeitskrieg richtet(e) – sie alle wurden übrigens von den arabischen Nachbarregierungen bzw. der Arabischen Liga aufgefordert, noch vor Kriegsausbruch das Land zu verlassen, um nicht in die Kämpfe zu geraten – wurden von 1947-1976 über 856.000 zuvor in muslimischen Staaten ansässige Juden enteignet und gewaltsam vertrieben. Über 550.000 davon fanden sofort Aufnahme in Israel, sie alle gelten nicht mehr als Flüchtlinge.

Im heutigen Israel stellen die Araber mit 1,535.000 Mio. Einwohnern einen Bevölkerungsanteil von 20,33% und somit eine große Minderheit der 7,552.000 Mio. Bevölkerung. Sie genießen volle Bürgerrechte, stellen Abgeordnete zur Knesset, Bürgermeister, ja sogar Botschafter des Staates Israels im Ausland. Dass sie – aus Rücksicht auf ihre emotionale Belastung im Falle eines Konfliktes mit arabischen Nachbarstaaten – nicht zum Militärdienst verpflichtet werden, stellt in allgemeiner Sichtweise friedlich gesinnter Demokratien keine Diskriminierung dar. Mindestens 2 Milliarden Frauen aller Welt müssten sonst ebenfalls wegen Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes beim UN-Menschenrechtsrat protestieren, da in den wenigsten Staaten der Welt eine Militärpflicht für Frauen besteht.

Auch nur annähernd gleiche Integration oder wenigstens Toleranz jüdischer Minderheiten in muslimischen Staaten ist nicht zu erkennen. Dass extreme Islamisten das Existenzrecht Israels leugnen, den jüdischen Staat bekämpfen und vernichten wollen, Parolen wie „Palästina frei und arabisch vom Fluss bis zum Meer“ auf ihre Fahnen und Plakate schreiben (auch ungehindert im europäischen Ausland), ist evident. Aber auch in der derzeit laufenden, um Frieden bemühten, vorsichtigen Annäherung zwischen Israel und der Palästinensischen Autonomiebehörde im Ringen um eine für beide Seiten lebbare Zwei-Staaten-Lösung zeichnet sich ein ähnliches Arrangement für eine jüdische Minderheit in einem zweiten, dann mehrheitlich arabischen Staat (noch) nicht ab. Es ist zu befürchten, dass in arabischer Sichtweise der vorgestellte Palästinenserstaat an der Seite Israels so gut wie „judenrein“ sein wird.

Antisemitismus als Element

Gerade das Element des Antisemitismus in Islamismus und Djihad wird so breit, vielfältig und divergierend thematisiert, dass es hier nur möglich ist, ein paar Beispiele von Sichtweisen zu nennen.

So ordnet Stefan Wild[22] die Rezeption europäischer antisemitischer Ideologie im arabischen Raum (anhand der Aufnahme der „Protokolle der Weisen von Zion“) geografisch und zeitlich genau ein: „Sie nahm ihren Anfang in Palästina in der Spätphase des Osmanischen Reichs und zu Beginn des britischen Mandats. Und sie richtete sich gegen das zionistische Siedlungsprojekt.“[23] Er führt u. a. aus: „[…] findet sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs immer wieder ein Verweis auf die ‚Protokolle’, die als historische Quelle ernst genommen werden, verbunden mit einem verzehrenden Judenhass. Der nahezu ungebremste Erfolg des Antisemitismus im islamistischen Diskurs hängt auch mit dem Misserfolg des arabischen Nationalismus und der arabischen Linken zusammen. Vor 1967, als die Hoffnungen vieler Araber auf einem pan-arabischen Nationalismus Nasserscher Prägung ruhten, beherrschte der Anti-Kolonialismus den Diskurs. Die arabische Linke war einer der wenigen Orte, an denen sich Palästinenser und Israelis trafen.“[24] Weiters würden die „Protokolle“ in Artikel 32 der Charta der Hamas ebenfalls als Beleg für die gewissermaßen naturgegebene Feindschaft zwischen Juden und Muslimen zitiert. [25] Wild hält es daher für falsch, „den arabischen und palästinensischen Antizionismus und die anti-semitischen Elemente des palästinensisch-arabischen Diskurses schlichtweg als Fortsetzung einer bis auf Mohammed und den Koran zurückgehenden uralten arabisch-islamischen Tradition des Judenhasses und einer Kontinuität der Judenverfolgung zu erklären.“[26]

Jochen Müller[27] argumentiert zunächst ähnlich und bezeichnet richtiger Weise die Differenzierung zwischen Antizionismus und Antisemitismus als politisch stark umkämpftes Feld. In jüngster Zeit, seit den Zeiten des Kalten Krieges, habe der Antizionismus häufig die Rolle des durch Nationalsozialismus und Massenvernichtung diskreditierten Antisemitismus eingenommen: „Das gilt etwa für den sich anti-imperialistisch, anti-kapitalistisch verstehenden Antizionismus, wie er in Osteuropa, aber auch in der westeuropäischen Linken vorherrschte. Immer wieder mischen sich hier antisemitische Stereotype in vermeintlich ‚nur’ antizionistische Überzeugungen. […] Vor allem aber ist es die arabische Welt, wo häufig aus Europa importierte klassische antisemitische Stereotypen Eingang in eine sich als antizionistisch begreifende Propaganda gegen Israel und seine Politik gefunden haben. Dabei wird ein wesentlicher Unterschied zum deutschen Antisemitismus deutlich: Während dieser auf reinen Fiktionen über ‚das Wesen der Juden’ beruhte, lassen sich im Nahen und Mittleren Osten zumindest die Konjunkturen von Israelhass und Antisemitismus mit einem real existierenden Geschehen in Verbindung bringen – dem Palästinakonflikt.“[28] Dennoch findet Müller in seiner Argumentation auch antisemitische Rückgriffe auf den Koran, die er im Abschnitt „Religiöser oder traditioneller Antisemitismus“ erwähnt: „Die religiöse Form judenfeindlicher Überzeugungen wird der Regel von Islamisten und konservativen Predigern formuliert. Diese berufen sich meist auf einige Koranverse, in denen Juden in erster Linie als Abtrünnige auftauchen. So greift die antisemitische Ideologie etwa in ihrer Diskriminierung der Juden als Fälscher der heiligen Schriften auf koranische Bezüge zurück (u. a. Sure 2,159). Zudem heißt es im Koran, dass Gott diejenigen Schriftgläubigen (Juden und Christen), die Mohammed nicht als Propheten anerkannt hätten, zur Warnung in Affen (Sure 2,65) und Schweine (5,60) verwandelt hätte. Heute werden diese Quellen bemüht, um die Juden als Nachkommen von Affen und Schweinen zu beschimpfen. So etwa in einer Kindersendung von AL-MANAR, dem Sender der libanesischen Hizbullah. Und in einer Predigt in der Al-Haram-Moschee, der bedeutendsten in Mekka, begründete deren Imam Abd Al-Rahman Al-Sudayyis seine Ablehnung von Friedensinitiativen im Nahen Osten so: ‚Die Juden sind der Abschaum der Menschheit, die Ratten der Welt, sie brechen alle Verträge und Abkommen, sie sind die Mörder der Propheten und die Nachkommen von Affen und Schweinen.’ Auch Scheich Muhammad Tantawi, der ehemalige oberste Rechtsgelehrte Ägyptens, jetzt Oberhaupt der Azhar-Universität, erklärte die Juden als ‚Feinde Gottes’ und bezeichnete sie als ‚Nachkommen von Affen und Schweinen’.“[29] [30]

Ein wichtiges, bisher von mir unerwähntes Segment erläutert Matthias Küntzel im Abschnitt Die Muslimbrüder, der Mufti und der NS im 1. Kapitel seines generell zum genauesten Studium zu empfehlenden Werkes[31]. Zum seit 1921 amtierenden Mufi von Jerusalem, Amin el-Husseini führt er u. a. aus: „Sein Antisemitismus war also schon ausgeprägt, bevor der Nazismus seinen Sieg errang. Dies zeigte sich besonders im August 1929 anläßlich eines vom Mufti entfachten Pogroms in Jerusalem, das nicht gegen die Zionisten, sondern gegen Juden gerichtet war. […] In einem 1929 in Jerusalem verteilten Flugblatt hieß es: ‚O Araber! Vergeßt nicht, dass der Jude euer schlimmster Feind ist und von jeher der Feind eurer Vorfahren war.“[32]

Nach Küntzel habe der Mufti die nach seiner Überzeugung wichtigsten Berührungspunkte zwischen islamistischer und nationalsozialistischer Weltanschauung so zusammengefasst: 1. Monotheismus – Einheit der Führung, Führerprinzip; 2. Sinn für Gehorsam und Disziplin, 3. Der Kampf und die Ehre, im Kampf zu fallen; 4. Die Gemeinschaft nach dem Motto: Gemeinnutz geht vor Eigennutz; 5. Hochschätzung der Mutterschaft und Verbot der Abtreibung; 6. Verhältnis zu den Juden – „In der Bekämpfung der Juden nähern sich der Islam und der N.S. einander sehr.“; 7. Verherrlichung der Arbeit und des Schaffens: „Der Islam schützt und würdigt die Arbeit, welche sie auch sein mag.“[33]

Ebenso beleuchtet Küntzel die von Al-Qaida vorausgesehenen und begrüßten Nachwirkungen des 11.September 2001. Es kam zu massenhaften antijüdischen Eruptionen in der arabischen und der europäischen Welt und Al-Qaida lobte die Signalwirkung der Anschläge. „Die Massaker seien ‚ein Rekordbrecher der Propaganda-Verbreitung’ für den Islamismus gewesen, hob ein Sprecher der al-Qaida hervor. ‚Von wenigen Ausnahmen abgesehen, hat der ganze Planet davon gehört.’ Der Anschlag von New York ‚läutete die Glocken des wiederkehrenden arabischen und islamischen Ruhms.’“[34]

Anders als die beiden vorgenannten Beispiele, sieht Küntzel doch einen komplexeren Zusammenhang zwischen Judenhass und Djihadismus:

„Die Auswirkungen der britischen Kolonialpolitik und der kapitalistischen Krise hatten den Islamismus Ende der 20er Jahre als Widerstandsbewegung gegen die ‚kulturelle Moderne’ hervorgebracht und den Ruf nach einer neuen Ordnung der Scharia provoziert. Dennoch nahm die Mobilisierung der Muslimbrüder fast durchgängig nur den Zionismus und die Juden ins Visier: Nicht als antikoloniale, sondern als antijüdische Bewegung wurden die Muslimbrüder zur Massenorganisation. Der Djihadismus stachelte den Antisemitismus nicht nur an, sondern wurde durch diesen zugleich konstituiert. Der Judenhaß der ikhwan, der sich 1936-38, 1945 und 1947/48 in Demonstrationen und Pogromen entlud, speiste sich aus den antijüdischen Passagen des Koran sowie dem Antisemitismus und dem Antizionismus des Nationalsozialismus. Es war das Zusammenfließen dieser unterschiedlichen und eigenständigen Quellen, […]“[35]

Weiters legt Küntzel noch einen Finger in die der Verdrängung anheim gefallenen Wunde der (deutschen) Linken: „Warum haben sich in den letzten 35 Jahren derartige Interpretationen des Palästinakonflikts durchgesetzt, die den Nationalsozialismus und den Antisemitismus weitgehend ignorieren, den Mufti und seine Anhänger dagegen anpreisen und den Islamismus idealisieren? […]“ (Und hinsichtlich der PLO Folgendes, Anm. d. V.) „Aus dem 1929 vollzogenen Pogrom an alten und wehrlosen Juden wurde ein Aufstandsversuch und aus den tribalistischen Bandenkämpfer von 1937/38 eine Revolution. Man gab sich nicht nur den Anschein, Mao und Che zu kopieren, sondern erweckte zugleich den Anschein, deren eigentliche Vorläufer zu sein. Diese Form von Geschichtsklitterung kam den neuen Palästina-Solidaritätsbewegungen nach 1968 nur allzu gut zupaß, war man doch daran interessiert, auch den jüdisch-arabischen Konflikt ungeachtet seiner historischen Spezifik in das Korsett eines antiimperialistischen Manichäismus zu zwängen. ‚Die Welt im Nahen Osten ist in zwei Fronten geteilt’, formulierte es prototypisch die DKP-Zeitung Unsere Zeit: ‚Da sind die arabischen Völker, die von den progressiven Kräften der Welt im Sinne des Fortschritts unterstützt werden, demgegenüber stehen die zionistischen Kreise, die jüdische Bourgeoisie und Monopole in und außerhalb Israels, die von der ganzen kapitalistischen Welt unterstützt werden.’ Dieser Standpunkt hat schon immer jedes objektivierbare Kriterium von Fortschrittlichkeit vermissen lassen. Ob in den arabischen Staaten der Feudalismus, eine Militärdiktatur oder noch die Sklaverei herrschte, ob sie Kommunisten hinrichteten, Juden verfolgten und Frauen unterdrückten – dies war und ist egal.“[36] Dieser Absatz sei übrigens auch den österreichischen „Seelenverwandten“, der KPÖ, der „Antiimperialistischen Koordination“ aber auch den Kreisky-Jüngern innerhalb der österreichischen Sozialdemokratie ins Stammbuch geschrieben.

Noch schärfer formuliert der fachlich renommierte, aber wegen seiner pointierten und grundlegenden Islamkritik politisch höchst umstrittene[37] Orientalist Hans-Peter Raddatz[38]: „Mit dem Islam erlangen die ‚Gläubigen’ zwei Vollmachten: Die eine läßt sie entscheiden, wann, wo und wie Unglaube und Versuchung sowie die ‚Verfolgung’ durch sie vorliegen, und die andere ermächtigt sie, sich zu Richtern und Henkern derer zu machen, die Allah im Weg stehen, ihnen auf sonstige Weise nichtislamisch erscheinen oder, wie es heute heißt, das ‚Feindbild Islam’ verbreiten. In vielen Varianten der Tradition verweist der Verkünder Mohammad auf die Pflicht der Gläubigen, das Recht in die eigenen Hände zu nehmen, wenn es um islamische Interessen geht. […] In der Abstufung Unglaube – Versuchung – Verfolgung spiegelt sich die grundlegende Charismatik der islamischen Gewaltlegitimation. […] In gleicher Weise stuft sich der Einsatzes modernen Islamismus ab – mit dem ‚Herzen’, d. h. Abwehr nichtislamischer Gedanken, mit der ‚Zunge’, d. h. Propaganda für die Ausbreitung des Islam, und mit der ‚Hand’, d. h. Kampf mit der Waffe. Diese Aktivitäten richten sich gegen den ‚nahen Feind’, d. h. Abweichler, ungehorsame Frauen etc. in der Gemeinschaft, und den ‚fernen Feind’, d. h. den ungläubigen Westen und vor allem Israel. Dementsprechend gestaltet sich der ‚Djihad’ (arab. Anstrengung, Kampf), der von der individuellen Seelenreinigung bis zur kollektiven Reinigung des Islam vom Schmutz des Unglaubens, dem Massaker reicht.“[39]

Für die europäische Perspektive verweist Raddatz auf den von der EU 1975 gegründeten EAD – European Arab Dialogue, dessen Maßnahmen zu verdanken sei, dass Europa seither zum Gegner Israels und Sponsor der Terrorgruppen in Palästina geworden sei.[40] Mit solcher Argumentation macht man sich selbstverständlich keine politischen Freunde in Europa. Weiters ortet er eine Anti-Israel-Amerika-Front („ANTISAM“), die „selbstverständlich aus Muftisten“ bestehe, und unter Friedensprozess verstehe man immer mehr einen islamischen Frieden, wie ihn die Djihad-Dhimma-Doktrin erzwinge. „So konnten die Muslime auch die EU-Zahlungen als jenen ‚Tribut’ sehen, der ihnen laut koranischer Vorschrift (9/29) seit 1400 Jahren zusteht. Noch weiter gehen die Apokalyptiker zurück und fordern nach ihrer eigenen ‚Logik’ knapp 2,2 Milliarden Tonnen Gold an ‚Zinsen’, die nach dem Exodus aus Ägypten auf jüdische Kredite aufgelaufen sein sollen!“[41] Hier verweist Raddatz zwar auf eine entsprechende Quelle, scheint aber selbst der sich aus dem islamischen Zinsverbot gegebenen Unlogik aufgesessen zu sein. Nach Raddatz gehöre es zu den Eckpfeilern der Islamexpansion, „1. die ökonomische und industrielle Parität mit dem Westen durch den Transfer moderner Technologie, besonders in der Rüstungs- und Nukleartechik, anzustreben; 2. Europa eine größtmögliche Muslimbevölkerung einzupflanzen, die sich in den Gastländern der politischen, kulturellen, sozialen und religiösen Rechte erfreut; 3. den Euro-Ländern die politischen, kulturellen und religiösen Einflüsse des arabischen Islam aufzuzwingen, indem die zugewanderte Bevölkerung politisch und kulturell Teil ihrer Herkunftsländer bleibt.“[42] Diese Art der Argumentation ließe sich allerdings tatsächlich auch in rechtsextremen Publikationen finden.

Diese Beispiele sollen aufzeigen, wie schwierig die Gratwanderung zwischen wissenschaftlicher fundierter Islamismus-Kritik und der Gefahr, sich dem pauschalen Vorwurf der „Islamophobie“ auszusetzen, zwischen dem Streben nach demokratischer, „aufgeklärter Sichtweise“, also kultureller Toleranz und Respekt für alle Religionen, und der Wahrnehmung eines auf Fakten gestützten, also unleugbar gegebenen Bedrohungspotentials ist.

Islamistische Gruppen und Organisationen

In Deutschland:

Kalifatstaat (vom deutschen Verfassungsschutz verboten)[43] ,Mîlli Göruş (Ursprung Türkei)[44] Muslimbruderschaft (Ursprung Ägypten) – der deutsche Verfassungsschutz nennt als herausragende Persönlichkeit der Muslimbruderschaft den Präsidenten des 1997gegründeten European Council for Fatwa and Research, Yusuf al-Qaradawi. Seit 1996 strahlt der Sender al-Jazeera dessen Programm „Das Leben und das islamische Gesetz“ einmal wöchentlich über Satellit aus.[45] Die Muslimbruderschaft unterhält eine eigene englische Webseite für ganz Europa, http://ikhwanweb.com/, auf der sie ihre Mission und Verbindungen offen darlegt.

Islamische Gesellschaft in Deutschland (gehört als nationaler Verein der 1989 gegründeten Dachorganisation des „Iqhwan“, der Federation of Islamic Organizations in Europe an) u. a. m.

In Österreich:

Islamische Liga Kultur, ebenfalls unter der o. g. Dachorganisation FIOE.

Im Vorstand der als Verein geführten Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), die sich als religiöse Vertretung der Muslime in Österreich ausgibt, aber nur sehr wenige tatsächlich vertritt, sitzen u. a. Angehörige der Muslimbruderschaft und Vertreter der Mîlli Göruş. Dem Schurarat des Vereins IGGÖ gehören u. a. lt. „profil“ Ghamal al-Menshawi (der angeblich der radikalen Organisation Gama’a al-Islamiyah zuzurechnen wäre[46] und der Verbindungen zu al-Qaida unterhalten soll), sowie der als österreichischer Leiter der Mîlli Göruş auftretende Abdi Tasdögen. Zeitgleich mit der Dachorganisation Forum of European Muslim Youth and Student Organizations (FEMYSO) wurde 1996 hier deren Teilorganisation Muslimische Jugend Österreichs (MJÖ) gegründet. Islamistische Vereine wie die genannte, in Deutschland wegen ihres radikalen Fundamentalismus unter Überwachung stehende Mîlli Göruş, unterhalten in Wien Kindergärten und andere Einrichtungen, Vereine gleicher Richtung auch Schulen und andere Bildungsstätten. Sie entziehen sich meist erfolgreich der Aufsicht der Behörden, die aus deren Sicht politisch unerwünscht sei und die Integration behindere. Weiters betreiben viele kleine Vereine in Wien Moscheen, Kindergärten und Koranschulen, deren Ausrichtung aus den genannten Gründen überhaupt nicht eingeschätzt werden kann. Selbstverständlich gilt für alle hier Genannten und auch nicht genannten die Unschuldsvermutung.

Nationale, nicht militante („gemäßigte“) Bewegungen:

Al-Adl wal-Ihsan (Marokko), An-Nahda (Tunesien), Muslimbruderschaft (Ägypten, Jordanien, Syrien), Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (Türkei).

Nationale militante Bewegungen:

Abu Sayyaf (Philippinen), Armée Islamique du Salut (Algerien), Al-Dschama’a al-Islamiyya (Ägypten), Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden (Palästinensische Autonomiegebiete), Al-Ittihad al-Islamija (Somalia), Ansar al-Islam (Autonome Region Kurdistan), Asbat al-Ansar (Libanon), Gerakan Aceh Merdeka (indonesische Provinz Aceh), GICM (Marokko), Groupe Islamique Armé (Algerien), GSPC (Algerien), Hamas (Palästinensische Autonomiegebiete), Harakat ul-Muhajidin (Kaschmir), Hezbollah (Libanon), Hezbollah (Türkei), IBDA-C (Türkei), IMK (Autonome Region Kurdistan), IMU (Usbekistan), Jaish Ansar al-Sunna (Irak), Jaish e-Mohammed (Kaschmir), Jemaah Islamiya (Indonesien), Lashkar e-Toiba (Kaschmir), MIA (Algerien), Moro Islamic Liberation Front (Philippinen), Qaidat al-Djihad fi Bilad ar-Rafidain (Irak), Taliban (Afghanistan, Pakistan).

Internationale militante Bewegungen:

Al-Qaida, Al-Tauhid, Hizb ut-Tahrir (Ursprung Ägypten), Islamischer Djihad.

Intolerable Gegenprovokationen

Dass Fundamentalismus nicht nur Muslime bis zu grenzenlosem Hass fanatisieren kann, zeigte sich derzeit am Vorgehen des sonst wohl kaum in die Medien gekommenen, amerikanischen Provinz-Predigers Pastor Terry Jones. Er kündigte zum heurigen Gedenken des größten Terroranschlags auf amerikanischem Boden am 11. September 2001 – der von terroristischen Islamisten der Al-Qaida verübt wurde und auch Hunderten Muslimen das Leben raubte – in seiner winzigen, christlich-fundamentalistischen Gemeinde in Florida eine öffentliche Koranverbrennung mit 50 Teilnehmern an, um den geplanten Bau einer Moschee auf Ground Zero des vernichteten World Trade Centers zu verhindern. Aufgrund der internationalen Proteste nahm er diese Ankündigung zunächst „vorläufig“, dann, am Jahrestag, definitiv zurück. Nach wie vor ist er jedoch offensichtlich der Überzeugung, der Islam sei „des Teufels“. Damit begibt er sich in aller „Geistlichkeit“ in die Tiefen des Mittelalters und der frühen Neuzeit zurück, wo es bekanntlich auch zu öffentlichen Talmudverbrennungen kam, angeordnet von römisch-katholischen Päpsten.[47] Nicht in diese Reihe passend, weil nicht religiös motiviert, sondern vom Rassenwahn und von Totalitaritätsansprüchen getragen, waren die zahlreichen Bücherverbrennungen der Nazis, die nicht nur jüdische Kultur gesamt, sondern auch Kulturprodukte aller Andersdenkenden und Freigeister als „artfremd“, „entartet“ oder „zersetzend“ ausrotten wollten. Dem stand übrigens die ehemalige, stalinistische Sowjetunion auch nach dem Krieg nicht wesentlich nach – es sei hier nur die Verbrennung der Judaika-Sammlung der Bibliothek von Birobidschan im Jüdischen Autonomen Gebiet genannt, die der ab 1948 von Stalin initiierten antijüdischen Kampagne in der Sowjetunion zum Opfer fiel.

Jetzt könnten bigotte Befürworter solcher gegen den Islam als Ganzes gerichteten Koran-Verbrennungsaktionen einwenden, dass radikale Islamisten in übelster Regelmäßigkeit auch Fahnen der USA und Israels bei Massendemonstrationen verbrennen, was selbstverständlich als hasserfüllte Provokation auf Basis von instrumentalisierten Pauschalurteilen in gleichem Maße zu verurteilen ist. Alle solche Provokationen, egal von welcher Seite und mit welcher ideologischen Botschaft, „funktionieren“ nur durch Mobilisierung niedrigster Instinkte und sprechen daher auch nicht gerade für ein souveränes Selbstbewusstsein. Dennoch sollte auch hier differenziert werden. Fahnen sind Staatssymbole – deren Verbrennung symbolisiert und visualisiert daher Hass in der „politischen Liga“, zur Aufhetzung von Massen in einer jeweiligen politischen Situation. Bücherverbrennungen – egal durch wen und auf welche Objekte bezogen – richten sich gegen die jeweilige gesamte Kultur im Rahmen ihrer Geschichte, deren Verschriftlichung damit ausgerottet werden soll. Religiöse Bücher zu verbrennen, ist nicht nur ein Sakrileg, sondern bezeugt hasserfüllte Missachtung anderer Kulturen und Glaubenswerte. Das führt die „aufgeklärte“ Menschheit des 21. Jahrhunderts tatsächlich ins tiefste Mittelalter zurück und kann neue Religionskriege entfachen.

Kleiner, lokalpolitischer Epilog dazu: In Erfahrung des offensichtlich auch spontan abrufbaren, internationalen Engagements des Wiener Gemeinderates (sh. 31. Mai 2010) wundert es doch sehr, dass weder die Raketenangriffe vom 2. August 2010 auf die israelische Stadt Eilat und die jordanische Nachbarstadt Akaba (mit einem zivilen Todesopfer dort) – zu verantworten vermutlich von den Izz al-Din al-Qassam- Brigaden der Hamas (als „Agenten des Iran“, wie sich ägyptische Medien dazu äußerten[48] ) – noch das Thema der Koranverbrennung im fernen Florida das internationale, solidarische Gewissen der StadtpolitikerInnen ebenfalls dazu motivieren konnte, entsprechend sofortige Sondersitzungen samt einstimmigem Beschluss zur Verurteilung der „Täter“ bzw. Provokateure einzuberufen und sich auch hier „dem internationalen Protest“ anzuschließen. Ebenfalls seltsam, dass diese dargebotene Gelegenheit im laufenden Intensivwahlkampf nicht ebenso genutzt wurde, sich der muslimischen WählerInnenschaft anzubiedern und Tausende dafür auf die Straße zu bringen. Die allparteiliche Empörungswelle (auch) der Wiener Stadtpolitik ist offensichtlich nur zu mobilisieren, wenn es gegen Israel geht. In diesem Sinne stellt sie sich ja doch wieder stromliniengerecht im Windkanal des internationalen „Mainstreams“ liegend dar.

CHAVA GURION: ISLAMISMUS, DJIHAD, ANTISEMITISMUS
Von Chava Gurion, Austria
Published in: SPME Faculty Forum German Edition September 13, 2010