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Briefe aus Degania

Fortsetzung der Briefe von Oswald L., die wir aus Anlass des 100jährigen Jubiläums der Kibbutzbewegung dokumentieren…

Daganiah, 27. September bis 4. Oktober 1920 (Sukkoth).

… Nach ca. sechswöchentlicher Fahrt bin ich vor vier Wochen in Jaffa ans Land gestiegen, habe mich dort vierzehn Tage herumgetrieben, auf landwirtschaftliche Arbeit wartend, und bin dann tatsächlich als einer von wenigen in verhältnismäßig kurzer Zeit zu meinem Ziel gelangt: nach Daganiah. Ihr wißt ja, wie ich immer diese Gegend vor Augen hatte, wenn ich an meinen künftigen Wirkungsplatz gedacht habe, und es scheint sich mein Glaube wieder einmal zu bestätigen, daß eine wirklich starke Sehnsucht sich das Schicksal dienstbar macht.

Daß ich hier eine so schöne Landschaft, von Natur aus und von Menschen geschaffen, finden würde, habe ich mir allerdings nicht träumen lassen. Ueberhaupt kann man sich Palästina in der Ferne nicht vorstellen, weder seine Oede noch sein sprießendes Leben. Darum ist es auch so schwer, davon zu erzählen, man müßte ein Künstler der Schilderung sein. Nehmen Sie zum Beispiel Daganiah. Ein landwirtschaftlich bestellter Boden von 300 Hektar um fünf Wirtschaftsgebäude herum, mit einem Orangengarten, Oliven, Mandelbäumen und einem Eukalyptushain macht einen bei weitem schöneren, ja großartigeren Eindruck als P., trotzdem das Ganze bloß von dreißig Leuten bearbeitet wird, die in einem in Europa so berüchtigten Kommunismus leben, und alles ist die Frucht einer kaum fünfzehn bis zwanzig Jahre langen schweren Arbeit. Da ist ein Stall mit zehn Maultieren, ca. 40 Stück Rindvieh, Geflügel in einer Anzahl, daß man den halben Speicher von P. für Futter brauchen würde. Landwirtschaftliche Maschinen in einer Auswahl, die zwar einem Hof von diesem Umfang in Böhmen ärmlich erschiene, aber hier achtunggebietend wirkt.

Ca. 2 km von hier ist eine Tochterfarm, sie heißt Daganiah B. Da erblickt das Auge schon weniger Gebäude, noch einige Zelte, noch wenig Bäume. Wohl haben sie einige Maultiere und landwirtschaftliche Geräte, sind aber hierin auf die Unterstützung unserer Farm angewiesen, die in echt brüderlicher Weise erfolgt. Lassen Sie die Augen weiter im Kreis herumschweifen über eine Pflanzungsfarm der Ica hinweg, so treffen Sie zuerst am Berghang ein großes Zelt. Was ist das? Die Behausung von 40 Leuten, die kürzlich hierherkamen und mit der Arbeit begonnen haben. Rings um sie ist es noch Wüste, nur einzelne kleine Gebüsche, künftige Bäume, sind die Zeichen ersten Auflebens der Natur unter Menschenhand. Während wir täglich ein paarmal im Jordan oder Kinerethsee baden und außerdem noch ein Duschbad zur Verfügung haben, um uns von Staub und Schweiß zu reinigen, müssen sie mühsam das nötige Wasser den Berg hinaufschaffen. Und doch werden sie vielleicht nach einiger Zeit schon ebensoviel Zelte haben, wie die Genossenschaft am Har Poriah, die bereits in drei Zelten wohnt, das heißt, eins davon dient als Küche, eines als Speisezimmer und Versammlungsraum, eines als Schlafraum. Als ich herkam, existierte das erstbesprochene Zelt noch nicht und die drei kamen mir so einsam vor, mit Wehmut sah ich zu ihnen hinauf. Als ich aber bald zu Besuch hinaufkam und die Leute sah, wie sie fröhlich sind, in Kameradschaft geeint, hatte ich kein Mitleid mehr mit ihnen, so schwer auch ihre Lebensbedingungen sind. Litauische Jungens sind es, die bereits ein Stück Land bebaut haben, das sie vorher entsteint haben, eben haben sie ein neues Stück Land zum Entsteinen in Angriff genommen. Und es wird eine Zeit vergehen, ein Jahr, und es werden neue Früchte von Arbeit zu sehen sein, und es werden wieder Jahre vergehen und mitten in der Berglandschaft werden zwei neue grüne Eilande zu sehen sein.

Durchfährt man mit der Bahn palästinensisches Land, wie öde kann es einem erscheinen, besonders in der Sommerzeit, fast unmöglich, das alles zum Leben zu erwecken. Und doch, sieht man die Siedlungen in ihren verschiedenen Stadien wie hier um den See herum, blüht Glaube und Hoffnung auf. Und sieht man den Menschen bei der Arbeit und arbeitet man selbst mit, dann weiß man auch, welche Unsumme von Arbeit dazu erforderlich ist. Freilich auch viel Geld. Und die Juden Europas wissen nicht, wie sehr sie sich gegen das Land und gegen die Menschen vergehen, die es zum Leben erwecken wollen, wenn sie ihre Taschen so zugeknöpft halten ….

Daganiah, 4. Oktober 1920 (Simchath Thorah).

Eben höre ich, daß heute nachmittags ein Kamerad nach Jerusalem fährt, da will ich ihm noch schnell einen Brief für Euch mitgeben. Ich habe vergangene Woche endlich die ersten drei Briefe von Ella bekommen, gestern zwei auf einmal . . . Vor einigen Tagen habe ich im Traume noch einmal Abschied genommen und wieder allen Schmerz und alle Tränen erlebt. Und doch hatte ich ein süßes Gefühl am Morgen; daß ich Euch alle wiedergesehen habe.

Daß ich Euch heute so eilig schreibe, hat seinen Grund darin, daß Ella mir schreibt, welche Nachrichten über Palästina bei Euch umgehen. Da will ich Euch nochmals versichern, daß ich hier mitten in der Arbeit stehe, so sehr von ihr umfangen, daß ich fast gar nicht weiß, was in der großen Welt Palästinas und außerhalb des Landes geschieht. Was aber die andern betrifft, so wäre schon Arbeitsmöglichkeit in Hülle und Fülle, wenn nur das nötige Geld da wäre. Doch scheint sich eine Aktion anzubahnen, wie ich gehört habe, wenn das Ausland weiterhin versagt, hier im Lande selbst, was nur möglich ist, an Mitteln aufzutreiben. Und Palästina hat schon einmal, in der Zeit der Geulah-Wochen, ein leuchtendes Beispiel von Opferfähigkeit gegeben. Wieviel fruchtbringender hätte das Geld hier verwertet werden können, das die Flüchtlinge jetzt in Prag und Wien verzehren, wenn für sie hier dafür Existenzmöglichkeiten geschaffen würden!

Ach, wenn Ihr nur mit eigenen Augen sehen würdet, wie hier gearbeitet wird und wie Stück um Stück aus Tod und Leben, aus Wüste und Unwirtlichkeit allmählich sich seine Adern erschließen, durch Arbeit! Mein Körper, der noch nicht gewöhnt ist, ist manchmal müde, wie erschöpft, aber blicken die Augen umher, was Menschenhände geschaffen haben, und in welchem herrlichen Rahmen der Natur, so fließen mir neue Kraftquellen zu. Vor einigen Tagen sagte ein Kamerad während der Arbeit zu mir: Wenn in Europa diese Energie, diese Arbeit entfaltet würde wie bei uns, wie müßten sie dort reich sein! Und ich dachte wieder: Wenn uns die dortigen Mittel zur Verfügung stünden, was müßte aus uns werden! Doch vielleicht ist es gut, sonst würden wir erschlaffen, und es hat ja den Juden so in die Höhe Hoffnung geblieben ist, durchzudringen. Ich habe kürzlich in einem Brief nach P. versucht, ein Bild zu entwerfen über dies Leben in seinen verschiedenen Entwicklungsstadien. Ich glaube z. B. auch, daß der Gesang der Lerchen, der mich gestern den ganzen Tag während der Arbeit beglückt hat, eine Folge der hier geleisteten Arbeit ist, denn in den Sanddünen bei Jaffa oder in den Bergen Dalmatiens bin ich keinem Singvogel begegnet.

Ella schrieb mir vom Herbst, der bei Euch bereits Ende August eingebrochen ist. Ich kann mir ihn gar nicht vorstellen, inmitten unseres sommerlichen Grün, das noch so gar keine Anstalten macht, zu welken und zu vergehen, unter diesem blauen Himmel, der für Wolken keine Heimstätte zu sein scheint, auch wenn hier und dort welche lagern oder vorüberziehen. Wie kommt das nur? frage ich oft, woher diese Widerstandsfähigkeit gegen ihre Bedrohung? …

–> Fortsetzung

Die Briefe wurden erstmals in der von Martin Buber herausgegeben Zeitschrift “Der Jude”, Heft 7, 1921/1922, veröffentlicht. Einleitend heißt es dazu: “Die nachstehenden Briefe an Verwandte und Freunde stammen von Dr. Oswald L., einem geborenen Karlsbader, der, als Konzipient in Wien tätig, den Entschluß faßte, als landwirtschaftlicher Arbeiter nach Palästina zu gehen, sich der sozialistischen Genossenschaft “Awodah” anschloß, sich (…) praktisch ausbildete und im Sommer 1920 zu Schiff ging. Seine Frau Ella folgte ihm im Dezember. Er arbeitete in der ersten Zeit in Daganiah A, in der Kwuzah A. D. Gordons, von dessen wirkender Gegenwart man in den Briefen etwas verspüren wird.”