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Gefangen in der Gewalt – Eine Flaschenpost um Doğan Akhanlı

Vielleicht fängt alles damit an, dass er eine Zeitung kauft, als er ungefähr 18 ist. Das muss also 1975 sein. Ein Schüler, eher naiv, kaum politisiert, sagt er. Die Zeitung, eine linke, sei noch nicht mal verboten gewesen. Unruhige Zeiten, er wird verhaftet, verbringt drei Monate in Untersuchungshaft, „und als ich ‘rauskam, war ich Kommunist“, sagt er… 

Von Ulla Kux, 24.08.2010 

Doğan ist jetzt im Gefängnis, seit zwei Wochen, davon die letzten fünf Tage in Tekirdağ. Als Deutsche findet man das mit googlemaps, ah ha, vielleicht 200 km von Istanbul, sieht abgelegen aus, Provinz. So beschäftigt man sich. Er ist entzogen. Dass er spürt, dass wir bei ihm sind: ob ihm das hilft? 

Er will seinen betagten Vater sehen, sein Dorf Ciritdüzü, Şavşat. „Hinter den Bergen“, sagt er zu uns deutschen Freunden. Sein Dorf. „Ich idealisiere das unglaublich“, sagt er. Aber wie auch nicht: wo der schmale Fratz barfuss durchs Dorf flitzte. Wir überlegten, ob Heimat der Ort ist, wo man sich sicher fühlt. Erinnerungen. Dass sie ihn nun bei der Einreise so 2,3 Tage lang festhalten würden, befragen und so, das hatten wir erwartet. 

Foto: © Manfred Wegener

Ein alter Vorwurf, von dem er irgendwann erst in Deutschland erfuhr: er hätte sich an einem Raubüberfall beteiligt, 1989. So ein Unsinn. – Längst vor seiner Reise hatte er Informationen einzuholen gesucht bei den Behörden, was angesichts des alten Vorwurfs in der Türkei zu erwarten sei. Kaum Auskünfte, die Freunde warnen, bleib in Deutschland, man kann nicht wissen. Er blieb. 

Gerade im Frühjahr hat er sein jüngstes Manuskript abgeschlossen, einen Roman über die Folter. Zwei Stimmen, der Folterer und der Gefolterte. Im Kampf mit sich und der Sprache, „ich finde keine Stimme für den Gefolterten“. Das versteht man. Oder man versuchts. 

Er habe nicht über die Folter im Istanbuler Militärgefängnis Metris schreiben können, in dem er bis 1987 mehr als zwei Jahre lang als politischer Häftling war, sagt er – als er eigentlich vom Ende seiner Schulzeit erzählt. Da habe er die mündliche Aufnahmeprüfung für die Universität abbrechen müssen. Sie hätten ihn heimgeschickt, so schlecht habe er ausgesehen. „In Depression“ sei er gewesen, kraftlos, zukunftslos sich gefühlt, warum dann eine Prüfung machen? Ich fragte: Aber warum denn zukunftslos, mit 18, 19? – Ja, in seinem jüngsten Roman habe er dann an die erste Folter gedacht. – Verwirrung. Welche erste? Etwa in der Haft mit 18, 19, nach der Sache mit der Zeitung? (man dachte, man kennt sich). Ja, das sei ihm selbst erst jetzt beim Schreiben … … man dachte, man kennt sich. Erinnerungen.  

Er will zum Grab seiner Mutter, die er nicht mehr sah, seitdem er mit Frau und zwei Kindern nach Deutschland floh, 1992. Seinen großen Bruder Erdal wird er nicht mehr finden, gestorben vor wenigen Jahren. Bei dem wuchs er auf in Istanbul ab seiner Gymnasialzeit, „mein großer Bruder“ schlechthin. „Der ging mit mir samstags zum Fußball.“ „Der brachte mich zu dieser wunderbaren Stelle am Bosporus“. „Der gab mir Geld für Kino, seit dem bin ich kino-süchtig“. Von dem er natürlich etwas über Frauen lernte, na klar. Der ihn fraglos unterstützte später, immer wieder, als er sich in Gefahr gebracht hatte. „Am Ende musste er sein Auto verkaufen“, und so fort. 

Er muss zurück an die Orte, wo vieles seinen Anfang nahm. Er liebt uns, seine Freunde in Deutschland; „Deutschland war gut zu mir.“ Mit ihm lernte ich, dass Heimweh krank machen kann. Verschob er seine Reise auch, weil er fürchtete, keine Heimat zu finden? 

In Deutschland ergriffen ihn Geschichte, Erinnerung. Das Lager Auschwitz hat ihn ins Herz getroffen. Vielleicht fand er etwas Verwandtes, das Sprachlose. Das beschäftigt einen Schriftsteller und Traumatisierten auf eigene Weise. Als ich ihn kennenlernte, führte er Kölner Besuchergruppen auf Türkisch durch eine Gedenkstätte in einem ehemaligen Gestapo-Gebäude, auch unten im Keller durch alte Haftzellen. Das müsse man wissen, sagt er, ehrlich sein mit der Geschichte, und die Opfer erinnern. Aha, ein ex-Gefängnis, welch Zufall, meinte ich damals – er guckte, ich guckte zurück. 

Er stiftet dort Dialog an, zwischen Türken, Armeniern, Griechen, Kurden, Deutschen, „Menschen eben“. Manchmal nennen alte Freunde ihn „Aktivist“. Mag sein. Er kann entschieden sein, Antisemitismus findet er widerlich. Er ist ein leiser Mensch. 

Jetzt hatten sie ihn erstmal wieder ins Metris-Gefängnis gebracht: gleich am Flughafen festgenommen, dann vor den Richter, dann ab ins Metris. Schöne Idee, eigentlich mag er Witze. Ja, es gibt eine alte Aussage gegen ihn, widersprüchlich zwar, doch sie sollen ruhig ermitteln, das müssen sie ja. Aber sie werden kleinlich, eine stinkende kleine Spur abgestandener Feindseligkeit riecht man (so, wie ich den Geruch von Gefängnis phantasiere) im Verschleppen und Lavieren, nicht ungeschickt zwar, doch wir wollen nicht hoffen, diese Geschicklichkeit allein sei statt der alten Grobheiten die vielbeschworene Veränderung in der Türkei, die wir glauben, glauben wollen. Derweil streitet die türkische Gesellschaft über eine Justizreform. Nach der Ablehnung der zweiten Haftbeschwerde, obwohl das belastende Material sich bereits aufgelöst hatte, entfährt mir ein „Dies ist am Ende einfach ein Scheißstaat“. Mein Lieber, Du weißt, sonst bin ich nicht so, Du schon gar nicht. Ob sie Dir wenigstens Papier geben? 

Ja, man kann nicht erwarten, dass der Justizapparat ihn kennt. Sie wissen nicht, wer er ist, ein Brückenbauer, der in der Türkei ein Gefühl der Heimat finden will und darin sich selbst. Und in der türkischen Sprache, die seine ist. 

Oder vielleicht doch? 2008 fährt er zur Buchmesse nach Frankfurt, Gastland Türkei. Er will andere Schriftsteller treffen, von denen er sonst abgeschnitten ist. Bunte Broschüren des türkischen Kulturministeriums zeigen „unsere zeitgenössische Literatur“. Darin findet er unversehens sich: Doğan Akhanlı, einer von uns – mit Vita, na ja, geglättet, ein Foto, Auszeichnungen, die Romane, auch den jüngsten, „Tage ohne Vater“. Ja, so sind sie, sagt er: manchmal etwas unverschämt. 1998 hatten sie ihn kurzerhand ausgebürgert. 

Bis heute weicht seine Trauer nicht um Hrant Dink, um den Menschen, für seine Liebsten, und zugleich um die unversöhnlich ausgeschlagene ausgesteckte Hand. Er schämt sich dafür, auch darin „einer von uns“. Eine drohende Zukunftslosigkeit der Türkei, die er in der Ermordung Hrant Dinks erkennt, ist wie seine eigene und die aller, die ähnliches erlebten: Gefangensein in der Gewalt, gefährdet, in der ewigen Wiederholung zu kreisen, ohne Ausblick, Hoffnung. 

Am Ende werden sie Dich laufen lassen müssen, was sonst. Wir warten auf Dich. Den Geschmack der Äpfel vom Şavşat können Sie Dir nicht nehmen. Du hast riskiert, der Geschichte zu begegnen, Annäherung erhofft, einen befreienden Schritt, auch mit ihnen, und wir glauben immer noch, das war richtig. Du bist uns kein Held, aber bestimmt kein Opfer. Gefangen in der Gewalt bist nicht Du, sondern sie. Dir ein Zeichen eines Neuanfangs zu verweigern, erneut Dir ihre Macht demonstrieren zu müssen ohne Erinnerung: Das wäre bitter für Dich, für sie hoffnungslos. 

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