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Abwanderung: Die Juden in der Türkei nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg verfolgte die Türkei eine westlich orientierte Politik, was zu einer liberaleren Atmosphäre führte. In den Bereichen Sport, Kultur und Soziales nahmen die Einrichtungen der jüdischen Gemeinde erneut ihre Aktivitäten auf, Angehörige der Minderheiten erhielten das Recht auf Dienstausübung als Reserveoffizier und 1949 wurde auf Vorschlag des Abgeordneten Salomon Adato Religions- und Hebräischunterricht an Schulen mit jüdischen Schülern gestattet, was zu einer stärkeren Autonomie im Inneren führte…

Oksan Svastics „Jüdisches Istanbul

Nach der Gründung des Staates Israel wurde die Emigration von über 4.000 Juden im Jahr 1946 und von über 26.000 im Jahr 1948 von der Öffentlichkeit mit Missfallen registriert, eine Zeit lang wurde sogar die Ausreise aus der Türkei nach Israel verboten. Durch das Vielparteiensystem aber war die Stimmung demokratischer geworden und mit der Aufhebung des Ausreiseverbots verbesserten sich auch die türkisch-israelischen Beziehungen.

Der 1955 in Thessaloniki erfolgte und späteren Behauptungen zufolge vom türkischen »Tiefen Staat« (Derin Devlet*) verübte Bombenanschlag auf Atatürks Geburtshaus hatte Folgen für alle Minderheiten. Nach den Plünderungen und Brandstiftungen, die als »Ereignisse des 6.-7. September« in die Geschichte eingingen und deren eigentliches Ziel die griechische Bevölkerung war, wanderten weitere Tausende türkischer Juden aus. Während zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei einer türkischen Bevölkerung von 20 Millionen der jüdische Anteil bei etwa 200.000 lag, fiel diese Zahl in den 1950er Jahren auf 45.000 bei einer Gesamtbevölkerung von mittlerweile 21 Millionen.

Ab den 1950er Jahren verließen Juden, die einen relativen Wohlstand erreicht hatten, allmählich die traditionellen jüdischen Siedlungsräume wie Balat und Hasköy und zogen in Stadtteile wie Sisli, Nisantasi, Gayrettepe und Osmanbey. 1960 kam es zu einem Militärputsch und zur Ausarbeitung einer neuen Verfassung. In der konstituierenden Versammlung saß auch Erol Dilek, Anwalt und Berater des Oberrabbinats des Türkischen Jüdischen Vereins.

»Politik des Schweigens«

In den Jahren der Republik hatten die Vertreter der jüdischen Gemeinde angesichts negativer Ereignisse eine, wie ein jüdischer Intellektueller es nannte, »Politik des Schweigens« angewendet.
So kommentierte 1974 etwa die Zeitung Salom in einer Meldung im Zusammenhang mit dem Steinewerfen auf die Büyükada-Synagoge und die Neve-Salom-Synagoge, dass der Grund, warum die Täter solcher Übergriffe nicht gefasst wurden, »… womöglich im Versäumnis der Stiftungsleitung liegt, diese Vorfälle bei den Sicherheitskräften anzuzeigen«.

Die Liberalisierung der Wirtschaft und Einschränkungen beim Versammlungsrecht der Arbeiter nach dem Putsch von 1980 fachten neue Investitionen und den Export an. In jener Epoche bevorzugten die Juden der höheren Einkommensklasse andere Stadtteile: zunächst Ulus, Etiler und Yeniköy, später dann Tarabya, Kemerburgaz und Ortaköy. Ab den 1990er Jahren gaben nicht nur die wohlhabenden Juden, sondern alle Besserverdienenden sicheren, von Mauern umgebenen Luxuswohnsiedlungen den Vorzug. Es gab immer mehr Juden unter den Akademikern, Journalisten, Werbefachleuten und Fotografen und es kam zu Firmengründungen in Bereichen wie Bauwesen, Computer, Chemie und Elektronik.

Die Verbliebenen

Auf diesem Boden kamen all diese jüdischen Gruppen zusammen: in der osmanischen Epoche die Überlebenden der Massaker in der Endphase Roms und Byzanz‘, die oströmisches Griechisch sprachen; die aus Spanien und Portugal vertriebenen Sepharden; die ungarischen Juden; die Aschkenasen, die dem von Polen ausgehenden Chmelnyzky-Pogrom von 1648 entgingen und sich ihre Freiheit von den Kasachen erkauften; ab dem 19. Jahrhundert die aus Italien stammenden Flüchtlinge; die 1912/13 während des Balkankrieges in Istanbul Zuflucht findenden 3.100 Juden; die vor der russischen Oktoberrevolution fliehenden Juden; nach der Gründung der Republik Türkei die während des Zweiten Weltkrieges aus Deutschland und Osterreich fliehenden Juden. Sie bauten Synagogen, die die Namen ihrer Herkunftsorte trugen, und sie brachten das Druckhandwerk, die Seidenverarbeitung, das Kino und die Stenografie in die Türkei. Die osmanisch-türkischen Juden, die eine Zeit lang die weltweit größte jüdische Gemeinschaft bildeten, zerstreuten sich, nachdem sie mehrere Jahrhunderte zusammengelebt hatten, nach Israel, in die USA, nach Südamerika und Europa.

Unter denen, die verblieben sind, gibt es im Gegensatz zu früher weder Diplomaten noch Polizeichefs oder höhere Beamte. Ob Hochschuldozent oder Freiberufler, ob Industrieller, Kaufmann, Schriftsteller, Kleinhändler oder Schüler – alle ziehen sie es vor, ihre religiöse Identität im Hintergrund zu halten. Festivitäten finden hinter hohen Mauern statt und Synagogen können nur mit mehrere Tage im Voraus eingeholten Genehmigungen besucht werden.

lu der Türkei gibt es heute zirka 24.000 Juden, die, wie ein jüdischer Intellektueller es formulierte, »nicht in einem physischen, sondern in einem sozialen Ghetto« leben. Die Mehrheit der türkischen Juden – 21.000 leben in Istanbul, zirka 2.000 in Izmir, die übrigen in Ankara, Bursa, Antalya, Adana, Canakkale und Kirklareli – ist sephardischen Ursprungs und sogar in Istanbul »unsichtbar«. Im April 2009 wurde ein »Projekt zum kennenlernen der jüdischen Gemeinde und der jüdischen Kultur in der Türkei« mit verschiedenen Veranstaltungen aul den Weg gebracht.

*) Der Begriff Tiefer Staat (derin devlet) wird in der Türkei in der Bedeutung von „Staat im Staate“ verwendet und deutet auf die Verflechtung von Sicherheitskräften, Politik, Justiz, Verwaltung und organisiertem Verbrechen (insbesondere Killerkommandos) hin.

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Jüdisches Istanbul: Sefardische Lieder in der klassischen türkischen Musik

Siehe auch: G’ttesdienstzeiten in Istanbul | Liste der Synagogeen |Koscher in Istandbul