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Neo-Sarrazismus: Rassismus ohne Rassisten

Was passiert, wenn ein Elefant sich auf die Ausgabe 10 /2009 der Zeitschrift Lettre international setzt? Zunächst nichts, aber wenn er aufsteht, liegt da ein dickes rotes Buch mit dem Titel „Deutschland schafft sich ab“. Darin findet man breitgewalzt und plattgedrückt die Thesen des Interviews und einiger früherer Äußerungen Sarrazins…

von Ramona Ambs

Beginnen wir mit dem Positiven. Wer lange und intensiv sucht, findet was. Auf Seite 57 liest man den Satz: „Vielfalt ist grundsätzlich erwünscht.“ Das ist natürlich fantastisch. Und bezeugt: Sarrazin kann kein Rassist sein! Ein Mann, der Vielfalt grundsätzlich wünschenswert findet, muss ein echter lupenreiner Demokrat sein. Oder?

Dummerweise stößt man bereits auf der ersten Seite auf ein Wort, das einen zumindest stutzig machen sollte: Fäulnisprozesse.

Sarrazin meint, dass die Deutschen die Fäulnisprozesse im Innern der Gesellschaft nur getrübt wahrnehmen würden. Die Tatsache, dass bereits in der Einleitung auf Begriffe aus der Biologie zurückgegriffen wird, zeigt, wohin die Reise geht:  In die biologistische Sicht auf die Gesellschaft und ihrer Probleme.

Das Buch wird durchzogen von Begriffen wie „Selektion“, „Zuchtwahl“ oder „Auslese“. So verwundert es denn auch nicht, dass man im Kapitel „Zeichen des Verfalls“ über Hunde- und Pferdezüchter liest, die vom unterschiedlichen Begabungsprofil ihrer Tiere leben und dass im „19. Jhdt. die Reproduktionsrate der Unterschicht wesentlich geringer war, weil viele Menschen zu arm waren, um eine Familie zu gründen und zudem viele Kinder starben.“ Diese Szenarien wünscht sich Sarrazin natürlich nicht zurück, betont er. Was er sich aber  wünscht als konkrete Lösung, lässt er relativ offen. Jedenfalls glaubt er feststellen zu können, dass die Unterschicht – insbesondere die muslimischen Milieus – zu viele Kinder bekommen und dass dies gefährlich sei für die deutsche Gesellschaft.

Bedauernd stellt Sarrazin dabei fest: „Leider werden in der deutschen Geburtenstatistik Religionszugehörigkeit und Herkunft der Mütter nicht statistisch erfasst.“ Tja, das ist natürlich bitter für einen passionierten Rassenforscher wie Sarrazin. Sonst wäre es ihm sicherlich zweifelsfrei gelungen, den Juden die jüdische Intelligenz nachzuweisen und den Türken vielleicht die fehlende Arbeitsmoral. Denn dass Juden einen um 15 % höheren IQ haben als Deutsche, behauptet er natürlich erneut. Verwundert ist man allerdings darüber, dass Sarrazin keine weitergehenden theoretischen Überlegungen anstellt: was passiert, wenn man einen Juden mit einem Türken „kreuzt“?  Werden die Reproduktionsprodukte dann faule Kluge oder dumme Fleißige?

Interessant sind auch Sarrazins Formulierungen: so bleibt er stets bei passiven Satzkonstruktionen, wenn er über die „jüdische Intelligenz“ berichtet: „Erklärt wird die durchschnittlich höhere Intelligenz der Juden mit dem ausserordentlichen Selektionsdruck, dem sie sich im christlichen Abendland ausgesetzt sahen. Der Rabbi hatte hohe Fortpflanzungschancen, weil er die reiche jüdische Kaufmannstochter heiraten konnte. Eine über Jahrhunderte betriebene Familien- und Heiratspolitik, die dem intellektuellen Element überdurchschnittliche Fortpflanzungschancen gab, führte allmählich zur Ausbildung der überdurchschnittlichen Intelligenz.“ Hier bezieht sich Sarrazin auf Kevin B. MacDonald, einen Psychologieprofessor von der California State University, der sich zwar durch absolut unwissenschaftliche, dafür aber umso antisemitischere Thesen einen Namen gemacht hat.

Das passt aber ins Bild. Sarrazin befindet sich mit seinen Thesen längst auf eindeutig rassistischem Terrain. Und deshalb lohnt sich die Beschäftigung mit ihm eigentlich auch nicht. Eigentlich,- wenn da nicht eine seltsame Allianz zustande gekommen wäre: Eine Allianz aus einem einstmals seriösen Verlag, der dva, der sogar eine Pressesperre für Vorabrezensionen des  Buchs verhängte, und zweier Medien, die vorab mit Lese-Häppchen gefüttert wurden: der BILD-Zeitung und dem SPIEGEL, die in dieser Kombination dafür sorgten, dass Sarrazins Thesen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind und nun überall diskutiert werden.

Der eigentliche Skandal ist nicht Sarrazin – denn von ihm weiß man allerspätestens nach seinem Interview mit dem Lettre International, wo er politisch steht. Der eigentliche Skandal ist der Umgang der Medien und der Politik mit ihm.

Sarrazin verbreitet Rassismus und einen als Philosemitismus getarnten Antisemitismus, der von den Medien als Meinungsfreiheit und Tabubrecherei eingeordnet wird. Warum eigentlich? Wer ist denn dann ein Rassist, wenn nicht einer, der rassistische Dinge äußert und versucht, sie pseudowissenschaftlich zu belegen? Warum hofiert man diesen Mann so? Warum „erwägt“ man bei der SPD ein Austrittsverfahren und leitet es nicht einfach ein? Warum wird nicht wenigstens versucht, ihn aus seinem angesehenen Job bei der Bundesbank zu entlassen? Ist Rassismus heutzutage keine „schwerwiegende Entgleisung“ (Voraussetzung für eine mögliche Entlassung durch den Bundespräsidenten) mehr? Warum traut man sich in den Medien nicht, Sarrazin als das zu bezeichnen, was er ist: Schlicht und ergreifend: ein Rassist?

Offenbar gibt es zwar Rassismus, aber keine Rassisten.

In einem Interview in der ZEIT wird dies überdeutlich: Eine Portion heißer Brei gefällig? Bitte sehr:

„DIE ZEIT: Herr Sarrazin, Sie waren ein guter Berliner Finanzsenator und haben in der Integrationsfrage vieles Wichtige angesprochen. Aber, um es vorweg zu sagen: Ihr neues Buch hat uns verzweifeln lassen, weil es als rassistisch missverstanden werden kann.

Thilo Sarrazin: Auf Ihren Vorwurf des Rassismus will ich gar nicht eingehen. Denn damit bestätigt man ja zur Hälfte das, was man ablehnt. Ich bin kein Rassist.

ZEIT: Das haben wir auch nicht behauptet. Wir fürchten nur, dass es so verstanden wird.

Sarrazin: Das Buch zielt nirgends auf ethnische, sondern auf kulturelle Abgrenzungen. Das ist auch deutlich zum Ausdruck gebracht.

ZEIT: Da lesen wir Ihr Buch ‚Deutschland schafft sich ab‘ doch anders. Die Kernthese lautet, dass die deutsche Gesellschaft schrumpft und verdummt, weil bildungsferne Deutsche und bildungsferne muslimische Migranten mehr Kinder kriegen – somit schaffe sich Deutschland ab.“

Man fragt sich: was will der Interviewer denn nun? Ist das alles nur ein riesiges Missverständnis? Warum lässt man Sarrazin das Geschwurbel durchgehen und beschränkt sich nicht darauf, auf das zu verweisen, was er selbst in seinem Buch geschrieben hat?

Auch in der Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen vom 29.8.2010 bestätigt Frank Schirrmacher, dass Sarrazin kein Rassist sei. Sarrazin  behaupte zwar  Unbewiesenes, nämlich, beispielsweise,  dass die Zunahme von Erbkrankheiten in muslimischen Milieus durch den Inzest in Familienverbänden entstehe, aber Schirrmacher fragt: „Ist er deshalb ein Rassist? Gewiss nicht, denn in Wahrheit bezieht er sich, ohne das deutlich zu machen, auf die große Einwanderungs- und Intelligenzdebatte, die vor fast genau hundert Jahren in den Vereinigten Staaten stattfand …“. Aha. Wie beruhigend.  Man ist also kein Rassist, wenn man sich (ohne es vermutlich selbst zu merken) auf eine alte amerikanische Debatte bezieht, in der man ebenfalls rassistische Zuschreibungen finden kann, die Schirrmacher selbst zitiert:  Die Italiener beispielsweise waren demnach „Parasiten, die die meisten Verbrechen begehen“, die „die Schule bei der ersten Gelegenheit verlassen“ und denen die „Fähigkeit zu denken fehlt“. Warum derlei Einschätzungen nicht rassistisch sein sollen, wird nicht verraten. Aber in dieser Debatte bleibt so manches im Dunkeln.

Das sind nun nur zwei Beispiele aus den aktuellen Medien, bei denen mir eine klare Positionierung fehlt. Eine klare Positionierung ist aber mehr als notwendig. Es kann nicht sein, dass Sarrazin seinen Rassismus verbreitet , der dann hernach als „hilfreicher Debattenbeitrag“ und lediglich „überspitzt“ oder „missverständlich formuliert“ von einem breiten Rezensorium beklatscht und gefeiert  – und somit verharmlost und letztlich gesellschaftsfähig wird.

Rassistische Äußerungen sind nie hilfreich in einer Debatte. Und schon gar nicht in einem Land wie Deutschland, wo Vorbehalte gegen Juden und Muslime immer noch gang und gebe sind. Ein positiver Beitrag sieht anders aus.

Das Spiel mit ominösen Ängsten „Deutschland schafft sich ab“ trieb übrigens schon mal einer : Reichsminister des Inneren, Wilhelm  Frick. Der sprach 1933 vor dem „Sachverständigenbeirat für Bevölkerungs- und Rassenpolitik“  – und vertrat beinahe wortwörtlich Sarrazins Thesen. Auch Fricks befürchtete, dass „begabtere wertvolle Schicht von Generationen nahezu abnimmt und in wenigen Generationen nahezu vollkommen ausgestorben sein wird, damit aber auch Leistung und deutsche Kultur…“ …

Ich hoffe ich werde jetzt nicht missverstanden, wenn ich sage, man könnte fast auf den Gedanken kommen, der Bundesbanker habe vom Reichsminister abgeschrieben…

Thilo Sarrazin:
Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“

Deutsche Verlags-Anstalt, 2010. 464 S.