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Archäologie: War Pompeji eine ‚Rache Gottes‘?

Verschwörungstheorien sind eine beliebte Methode, Juden oder Israelis die Schuld für fast alles in die Schuhe zu schieben: von Schneekatastrophen im Libanon, über den Tsunami an Weihnachten 2004 und bis hin zum 11.9. in New York, den neben CIA natürlich der Mossad verursacht habe. Jetzt hat es auch Hershl Shanks erwischt…

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 24. August 2010

Shanks ist Herausgeber der angesehenen Zeitschrift „Biblical Archeology Review“ und laut New York Times der „berühmteste Amateur unter biblischen Archäologen“. Weil die Zerstörung des ersten und des zweiten Tempels in Jerusalem, sowie die Zerstörung Pompejis durch den Ausbruch des Vesuv fast auf den gleichen Tag im Jahr fallen, prüfte Shanks, ob die Juden damals, im August vor 1931 Jahren, an eine Gottesverschwörung glaubten.

Laut Bibel (2. Könige 25,8 und Jeremias 52,12) zerstörten die Babylonier den Tempel Salomons in Jerusalem am 7. oder 10. des hebräischen Monats Av im Jahr 586 vor der Zeitrechnung. Den Zweiten Tempel des Herodes zerstörten römische Legionäre am 9. des Monats Av im Jahr 70, also am 29. oder 30. August, vielleicht auch etwas früher. Gemäß römischen Historikern brach der Vesuv im Jahr 79 um den 24. August aus. Der Vulkan zerstörte Herculanum, Pompeji, Stabia und andere Ortschaften rund um das heutige Neapel. Zeitgenössische Augenzeugen beschreiben den gewaltigen Vulkanausbruch und den Untergang von Pompeji wie ein apokalyptisches Ereignis.

Shanks fragte mehrere Forscher, ob es jüdische Reaktionen auf Pompeji gegeben habe. Der Forscher Shaye Cohen riet ihm, das vierte Buch der Sibyllinischen Orakel zu lesen. Laut der deutschen Ausgabe von Paul Riessler (1927) in diesen „jüdisch, christlichen Weissagungen nach heidnischer Art“, mutmaßlich von einem jüdischen Verfasser im Jahr 80, ein Jahr nach der Zerstörung Pompejis, oder später geschrieben, heißt es: „Schießt im italischen Land aus einer Erdkluft ein Feuerzeichen auf zum weiten Himmel und kehrt zurück, verbrennt gar viele Städte, vernichtet viele Männer, und viel schwarze Asche füllt den Himmel…“ Weiter steht dort: „dann soll man draus des Himmelsgottes Zorn erkennen, weil man der Frommen Unschuldsvolk vernichten will.“ Dieses Orakel klingt, auf die heutige Zeit übertragen, wie Mossad und Sprüche des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad.

Doch Shanks forschte weiter. Im 19. Jahrhundert entdeckte man in den Ruinen von Pompeji ein Grafitti, eine kaum noch lesbare lateinische Kohle-Inschrift an einer Hauswand: „Sodom und Gomorrah“ (Region 9, Insula 1, Haus 26). Plünderer oder ehemalige Besitzer des Hauses hinterliessen sie wohl. Shanks prüfte daraufhin, ob Juden in Pompeji gelebt haben. Dabei stieß er auf die früheste Darstellung einer biblischen Szene, dem Urteil des Salomon (1. Könige 3, 16-18). Shanks fragt nicht, ob das Fresco von Juden oder gar von Frühchristen stammte.
Er fand zudem einen anderen kuriosen Beweis. Die Römer liebten Garum, eine Fischsauce. Sie schmeckte vermutlich ähnlich, wie fermentierte Fischsauce aus Thailand. „Falls eine Flasche Fischsauce im Kofferraum ausläuft, kann ich das Taxi wegwerfen“, sagte ein Taxifahrer in Bangkok zu dieser schrecklich stinkenden und dennoch wohlschmeckenden Würzsauce. Da sie aus Seegetier hergestellt wird, ist sie nicht koscher.

In Pompeji wurde ein Garum-Laden des Aulus Umbricius Scaurus entdeckt. Auf einem Mosaik verewigte er Schildchen für verschiedene Garum-Sorten. Der zeitgenössische Historiker, Plinius der Ältere, erwähnte ein „anderes Garum“, also vielleicht ein koscheres Garum für Juden.

Unter den gefundenen Amphoren tragen einige die Aufschrift GAR CAST: Garum und dann vielleicht CASTimionale, also rein, züchtig, unschuldig, einwandfrei. Das könnte laut Shanks „koscher“ bedeuten. Widerspruch erhebt Hannah Cotton von der Hebräischen Universität. Sie schrieb über eine Garum-Amphora aus Massada am Toten Meer und behauptete, dass es auch andere Religionen mit Speisegesetzen gegeben habe, etwa der Isis Kult und Magna Mater.

Shanks hält daran fest, dass es wohl eine jüdische Gemeinschaft in Pompeji gegeben habe, und dass die Juden damals die Vernichtung von Pompeji als Strafe Gottes für die Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer nur neun Jahre zuvor, ebenfalls im August, gesehen hätten.

Wenn man bedenkt, dass Shanks sensationelle Entdeckung allein auf einem kaum lesbaren Grafitti und einem umstrittenen Koscherstempel auf einer Amphora für eine römische Fischsauce basiert, dürften andere Forscher wohl bald das Thema aufgreifen, um weitere Anhaltspunkte zu finden.

http://www.bib-arch.org
Lesenswert aber nicht zitierfähig sind Reaktionen von Lesern der Jerusalem Post, die auf einen Artikel zu dem Thema reagierten und debattierten, wann und wo Gott wohl Rache verübt habe, etwa in Berlin oder Dresden: http://www.jpost.com

© Ulrich W. Sahm, haGalil.com