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Doppelmoral: Wer kommt viel teurer als die Talmudschüler?

Die Ähnlichkeit ist verblüffend: Zwei engstirnige und arrogante Bevölkerungsgruppen, verschiedene und zuweilen merkwürdige, einflussreiche Minderheiten mit autoritativen Führern und beide mit ihren eigenen Gesetzen und Normen. Die Siedler und die Haredim (Ultraorthodoxe). Erstere sind – ohne Ostjerusalem – etwa 300.000 stark, die letzteren etwa 700.000, einschließlich der haredischen Siedler…

von Gideon Levy

Im Israel von 2010 sind dies die beiden aktivsten und entschlossensten Gruppen unter der selbstzufriedenen und gleichgültigen jüdischen Bevölkerung. Beide ruinieren den Staat und beide kosten ihn eine Menge Geld. Doch während die Kampagne gegen die Haredim in Schwung kommt – eine Kampagne, die von hässlichem Hass und Rassismus begleitet wird, schwankt die Haltung gegenüber den Siedlern zwischen Apathie, Sympathie und sogar Mitleid.

Mitleid? Ein Mitglied des Gremiums, das untersucht, wie Israel mit den evakuierten Siedlern aus dem Gazastreifen umgeht, Yedidya Stern, beschrieb sie diese Woche als die Opfer der „schwerwiegendsten Verletzungen der Menschenrechte in der Geschichte des Staates Israel“. Nicht Israels Arme, nicht die Immigranten, die in Entwicklungsstädte gepackt werden, nicht die Risikokinder, nicht die Kinder von Gastarbeitern, nicht die Araber, die 1948 und 1967 vertrieben wurden und nicht die Palästinenser unter Besatzung, sondern die Siedler, die evakuiert und nach Prof. Sterns bemerkenswertem Ethik-Kode entschädigt wurden.

Im Gegensatz zu den Siedlern sind die Haredim ein leichtes Ziel. Nichts verbindet die säkulare israelische Gesellschaft mehr als die Abneigung gegen sie. Die Kritik an den Siedlern ist kontrovers, sie hat einen Preis und erfordert Mut. Populistische Politiker bauen ihre Karrieren auf, indem sie Ressentiments gegen die Haredim verbreiten. Aber es sind eher die Gerichte als die Führer des Landes, die die Siedler betreffende Normen verändern.

Ohne vorher irgend einen Versuch gemacht zu haben, sich mit ihnen näher zu befassen, legen die Gerichte eine offizielle Entscheidung nach der anderen fest. Der Oberste Gerichtshof bestimmte, dass staatlich finanzierte Stipendien für Yeshiva-Studenten unfair seien. In Immanuel herrsche zwar unerträglicher Rassismus; doch die Armee wünscht noch Tausende mehr an Yeshiva-Studenten. All diese Entscheidungen waren richtig und unvermeidbar, aber wie ist es mit der anderen aufsässigen Gruppe?

Rassismus? – Die Siedler sind rassistischer.
Gewalt? – Die Siedler sind weit gewalttätiger.
Eklatante Nichtbeachtung der Landgesetze und Aufrechterhaltung eines getrennten Rechtssystems. Enorme Budgets? – Die Siedler kosten uns mehr und die Haredim sind ärmer.
Schaden für die Gesellschaft und den Staat? – Der Schaden, den die Siedler anrichten, ist katastrophaler ….

Die Selbstisolierung der Haredim innerhalb ihrer eigenen Welt auf Staatskosten ist tatsächlich etwas, das geändert werden muss, und Anzeichen von Rassismus unter ihnen muss ausgerottet werden. Aber wo bleibt die öffentliche Meinung und der Staat und seine Gerichte, wenn es um diese Siedler geht? Die Haredim melken das Budget, wie wir oft beklagen – und die Siedler etwa nicht??

Nach Peace Now kosten uns die Siedler 2,5 Milliarden NIS im Jahr. Für was? Für ihre Bemühungen, alle Friedensaussichten zu vereiteln?
Ist das nicht schädlicher als das, was ein Yeshiva-Junge anrichtet? Ist das nicht gefährlicher, als ein Torah-Student?

Die europäischen (ashkenasischen) Haredim behandeln die orientalische Juden (Misrachim) abscheulich. Ja, es ist Rassismus. Aber wenigstens ist er nicht gewalttätig, wie der Rassismus der Siedler gegenüber den Palästinensern.
Die Haredim setzen ihre Frauen im Bus nach hinten; die Siedler schließen die Palästinenser nicht nur aus ihren Bussen aus, sondern sperren für sie auch das Straßennetz.
Die Haredim errichten Barrieren zwischen Ashkenazim und Mizrahim in ihren Schulen; die Siedler sperren ganze Gebiete, unter der Schirmherrschaft des Staates, wie z.B. für die 25.000 ausgesperrten Bewohner von Hebron.

Wer ist also der wahre Rassist hier? Verglichen mit der Hügeljugend der Siedler sind die Jungen aus den Yeshivas wahre Vorbilder an Moral. Aber wer wird gegeißelt. Die Haredim natürlich. Wann werden die Gerichte gegen den Rassismus der Siedler vorgehen, so wie sie gegen den Rassismus der Haredim vorgingen? Sie selbst praktizieren verschiedene Systeme, um Juden und Araber zu strafen. Wann werden wir von den Tausenden fiktiver ziviler Dienste hören, die von Siedlern aufrechtgehalten werden? – z.B. ein bezahlter Sicherheitsdienst in jedem Wohnanhänger – so wie wir über die angeblichen Haredim-Parasiten hören? Doch was ist mit den Tausenden von Soldaten, die die Siedler bewachen müssen, die überflüssigen Straßen, die für sie gebaut wurden, die Strom- und Wasserleitungen, die für die illegalen Posten gelegt wurden? Alles wurde von uns bezahlt, mehr als wir für das Torah-Studium der gesamten Haredim-Bevölkerung zahlen.

Lasst uns das Übel also mit seinem richtigen Namen benennen: Doppelmoral. Und Feigheit ist auch dabei.

Gideon Levy ist israelischer Journalist aus Tel Aviv und arbeitet für die Tageszeitung haArez, unter anderem als Chefredakteur der Wochenendbeilage. Ersch. 17.06.2010, haArez, übersetzt von Ellen Rohlfs.