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Grözinger über Sand: Geschichtsschreibung als politischer Kampf

Der israelische Historiker Shlomo Sand will mit seinem Buch „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ (Der hebräische Titel lautete: Wann und wie wurde das jüdische Volk erfunden) in die innerisraelische Debatte um das Selbstverständnis der israelischen Gesellschaft, über das Verständnis dieses Staates und sein Verhältnis zum Diasporajudentum eingreifen. Dies versteht der Leser erst wirklich, wenn er das Buch von hinten zu lesen beginnt, wo Sand die Schlussfolgerungen aus seinen durchaus lesenswerten und informativen historischen Teilen des Buches zieht…

Karl E. Grözinger, SPME Faculty Forum German Edition, Juli 2010

Shlomo Sand – Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand.

Hier wird allerdings klar, dass Auswahl und Akzentsetzungen der historischen Themen und Darstellungen in erster Linie von den politischen Thesen des Autors diktiert werden. Die von Sand ausgewählten geschichtlichen Fakten und die von ihm bevorzugten nationenbildenden Konstrukte des 19. und 20. Jahrhunderts stehen vollkommen im Dienste des politischen Kampfes. Das, was den israelischen Staatsbürger Sand bewegt und ärgert, wo auch berechtigte Fragen und staatsbürgerliche Problemzonen angesprochen werden, führt die Hand des historischen Narrativs, das hier vorgestellt wird.

Die politischen Kernfragen für den zugegebenermaßen »links« orientierten Historiker Sand ist die »ungenügende Trennung zwischen dem israelischen Staat und den Rabbinern«, die aus einer »angeborenen Schwäche eines unsicheren Nationalismus, der sich mangels Alternativen die meisten seiner Gestalten und Symbole [aus] der überkommenen Religion und deren Textkorpus entlieh« (S. 417). Eine von vielen Israelis – nicht nur Sand – schmerzhaft empfundene Einschränkung aus dieser Verbindung von Religion und Staat ist die religiöse Dominanz im Bereich der Ehegesetzgebung (fehlende Zivilehe) (S. 413), die Definition des Judeseins, das damit verbundene Hok ha-Schwut, also der Berechtigung eines jeden halachisch ausgewiesenen Juden israelischer Staatsbürger zu werden, das Problem der nach rabbinischem Standesrecht illegitimen Mischehen, der von einer nichtjüdischen Mutter geborenen Kinder (S. 422), von Juden, die eine andere Religion angenommen haben (S. 420f) und dann natürlich die Rechtunterschiede für »Juden« und »Araber« etwa hinsichtlich des Wehrdienstes, ganz zu schweigen von der seit dem Sechstagekrieg betriebenen Siedlungspolitik und den dahinterstehenden »historischen« Ansprüchen.

Um für diese Probleme Lösungsmöglichkeiten anzubieten, führt Sand den gesamten, historischen Apparat auf. Seine eigentlich historische Darstellung setzt mit dem europäischen »Völkerfrühling« ein, der Entstehung der europäischen Nationalstaaten nach dem Zusammenbruch der Großreiche wie dem österreich-habsburgischen, dem osmanischen oder der Vereinigung sich widerstreitenter Kleinstaaten, beziehungsweise des durch die Nachbarstaaten aufgelösten Polen und noch weiteren. Dass auch der jüdische Nationalbildungsprozess in diesen geschichtlichen Rahmen gehört, haben die Protagonisten der jüdischen Nationalbewegung schon selbst gesehen, so zum Beispiel der 1862 schreibende Moses Hess mit seinem Titel Rom und Jerusalem die letzte Nationalitätenfrage. Auch die dem orthodoxen Lager zugehörigen Zwi Hirsch Kalischer (Drischat Zion – Zionssuche, 1861) oder der etwa gleichzeitige serbische Rabbiner Jehuda Alkalai wiesen auf diesen Zusammenhang hin und erhoben die Forderung, dass das, was Rumänen, Italienern und anderen Nationen in ihren Tagen geschenkt wurde, nun auch für die jüdische »Nation« gelten müsse. Sand führt die Entstehung der europäischen Nationalstaaten in dieser Zeit vor: »Um 1800 trat dann der Nationalismus auf den Plan. Diese Ideologie und Metaidentität, die in der Moderne sämtliche Kulturen erfasste, ohne Zögern den Begriff ›Volk‹ in Anspruch [nahm], hauptsächlich um das Alter und die Kontinuität der von ihr konstruierten Nation zu behaupten.« (58).

Der Historiker Sand anerkennt dieses paneuropäische, auch in Amerika aufgetretene, Phänomen des Nationalismus und weist zu Recht und zustimmend darauf hin, dass all jene Staaten, die damals ins Dasein traten bis heute in ihrer Identitätspolitik wie auch in ihrem Staatsbürgerrecht davon zehren. Leider lässt der Titel des Buches diese unbestreitbare europäische Verankerung des Zionismus nicht erkennen und spricht polemisch von einer »Erfindung« des jüdischen Volkes, eine Formulierung, die genau zum zionismuskritischen Anliegen Sands passt und dazu angetan ist, alleine Israel an den Pranger zu stellen, dem in den Schlusskapiteln gar das Prädikat »demokratisch« aberkannt wird. Dass diese Aberkennung auf einer bestimmten, durchaus nicht allgemein verbreiteten Definition von Demokratie durch Sand beruht, entspricht seiner politische Positionierung, ist aber zugleich eine historische Vernebelung. Es ist schade, dass dieses viel interessantes historisches Material bietende Buch von der Ideologie geleitet wird. Dies zeigt sich auch daran, dass Sand im Kapitel über die Entstehung der Nationalismen im 19.-20. Jahrhundert sehr wohl differenzieren kann und die verschiedenen ideologischen Konstrukte der nationalen Ideologien vorführt: Sie kannten die Alternativen von einer ethnisch-biologischen Herkunft aller Bürger (Blut-und Boden-Mystik), die ethnisch-religiöse Gemeinsamkeit, den Willen zur Teilnahme am politischen und gesellschaftlichen Leben (bürgerlich-politische Nation), oder aber kulturell-politische Gesichtspunkte. So wie die Ursprungs- und Konstruktionsmythen zur Nationenbildung vielfältig waren, so waren es auch deren Ursachen, seien es interne Motive, die napoleonischen Kriege, das Zusammenbrechen der Großreiche oder sonst wie gestaltete »Ausnahmen«. Kurz, die zionistische Nationalbewegung fügt sich organisch in die allgemeine Völkergeschichte mit ihren bis heute anhaltenden Konsequenzen ein, kein Grund also, den Zionismus wegen seiner »ethnischen« Fundierung an den Pranger zu stellen oder gar des Rassismus zu beschuldigen. Auch Deutschland anerkennt bis heute sogenannte »deutschstämmige« Personen aus der ehemaligen Sowjetunion als Deutsche, obwohl sie seit Generationen im Osten in anderen Kulturen und zum Teil ohne deutsche Sprachkenntnisse lebten, ohne dass man dem heutigen Deutschland deshalb Rassismus vorwirft oder ihm den Status einer Demokratie abspricht.

Um dem Zionismus im Rahmen dieses durchaus vielfältigen und widersprüchlichen Völkerfrühlings seine Legitimität abzusprechen, greift Sand, wie in Sachen »Demokratie«, zu seinen eigenen vorgefassten Definitionen: »Ich halte die Juden nicht für ein Volk, denn der heutige Gebrauch des Begriffes zielt auf eine Gruppe von Menschen ab, die ein bestimmtes Territorium bewohnt, auf dem sich eine bestimmte Alltagskultur entwickelt hat – von der Sprache über die Sitten bis hin zu Lebensweisen -, die allen gemein ist.« (S. 18). Sand sagt dies, wiewohl er anführt, dass auch Nord- und südamerikanische Nationen nicht autochthone Besitzer ihrer heutigen Territorien waren. Wenn Sand demgegenüber mit Wohlgefallen die Definition von Benedict Anderson zitiert – »Eine Nation ist eine imaginierte Gemeinschaft – imaginiert als begrenzt und souverän.« (S. 69) – so fragt man sich, warum in aller Welt Sand aus der möglichen Vielfalt nationaler Selbstbestimmungen ausgerechnet nur den Zionismus als Fehlbestrebung herauspickt.

Sand beklagt am Zionismus, dass dieser die jüdische Nation vor allem »ethnisch« definiert, wohl anerkennend, dass es davon die Ausnahme des Proselyten gibt. Darum dient seine ganze historische Darstellung einzig dem Nachweis, dass es in Laufe der jüdischen Geschichte nicht nur die individuellen Übertritte zum Judentum gegeben hat, sondern auch Massenkonversionen, so schon in der Antike unter den Hasmonäern, dank der antiken jüdischen Mission rund um das Mittelmeer, die Judaisierung ganzer Volksstämme, der arabischen Himjariten, oder der asiatischen Chasaren, weshalb man eben das Judentum nicht ethnisch definieren dürfe. Aber durch solche Feststellungen ändert sich allenfalls die Quantität des nichtbiologischen Anteils am jüdischen Volk, nicht aber die Qualität der Definition, die im biblischen und hernach herrschend gewordenen rabbinischen Judentum neben der matrilinearen Abstammungszugehörigkeit schon immer die religiös-kulturelle Ergänzung aus Fremdstämmigen anerkannte. Mit der Wiederholung solcher historisch längst bekannter Massenkonversionen kann man den Zionismus nicht delegitimieren, dies umso weniger, als man dann allenfalls statt der »ethnischen« die absolut unbestreitbare kulturell-religiöse Definition jüdischer Nationalität, die auch unter den Zionisten nicht fremd war, anstelle der »ethnischen« setzen kann. Dadurch wird dann allenfalls die eine gebräuchliche nationale Begründung durch eine andere ersetzt, nicht aber der Zionismus für illegitim erklärt.

Aber eben daran ist Sand nicht gelegen, denn es sind gerade diese unbestreitbaren Nationalitätspotientiale der jüdischen Geschichte, die in Sands Darstellung vollkommen unter den Tisch fallen. Selbst wenn die »Säkularkulturen« und die Mentalitätsunterschiede der in Israel zusammengeströmten Populationen gewaltige Unterschiede aufweisen, so ist doch nicht zu leugnen, dass es gerade die religiöse Kultur ist, welche die überaus verschiedenen Volksgruppen über die Zeiten und Grenzen zusammenhielt und noch hält. Und da das rabbinische Recht nicht ein »Kirchengesetz« im engeren Sinne ist, sondern schon immer sich als ein umfassendes Zivil- Straf- und auch Staatsgesetz verstand, hat es die jüdische Kultur auch über den engeren religiösen Bereich hinaus geprägt. Also auch nichtreligiöses jüdisches Leben war davon geprägt. Ein weiteres »Gemeinsamkeit« schaffendes Element lässt Sand ganz außen vor, nämlich die weltweite Diskriminierung, Verfolgung und Bedrohung jüdischen Lebens, die auch in den von Sand so optimistisch betrachteten modernen westlichen Staaten noch lange nicht aufgehört hat. Hätten die europäischen Völker die Juden nicht 2.000 Jahre lang ausgeschlossen, diskriminiert, verfolgt und ermordet, wäre die Geschichte der jüdischen »Nation« womöglich anders verlaufen. Sand macht diese Seite der Geschichte und damit die zentrale Mitschuld und Verantwortung der europäischen Völker am heutigen Nahostkonflikt geflissentlich vergessen.

Wenn der Historiker Sand die neuen, die Geschichtswissenschaften prägenden Ansätze preist, so bleibt bei ihm die doch die für die vorliegende Fragestellung zentrale Mentalitätsgeschichte außer Betracht. Es gibt wohl kaum eine der von Sand beschriebenen sich zu Nationen definierenden Völker, die ein so weit zurückreichendes Bewusstsein von der Gemeinsamkeit ihres Volkes haben wie das »Volkes Israel«. Kennt etwa Sand nicht die von der Bibel bis in die Gegenwart reichende, weltweit entstandene »religiöse«, erzählende, philosophische, moralische und kabbalistische Literatur, in der das »Volk Israel« stets eine zentrale Rolle spielte – auch wenn, wie Sand betont, dieser hebräisch Begriff »Am«, Volk, nicht dieselbe Bedeutung wie in der modernen Diskussion hat? Es ist geradezu „bewegend“ zu sehen, mit wie viel Genugtuung Sand nachzuweisen sucht, dass es ein davidisch-salomonisches Großreich nicht gegeben habe, dass dies vielmehr eine Fiktion aus der späteren Königszeit, zwischen dem 8.-10. Jahrhundert vor der Zeitrechnung sei. Aber was hat Sand damit gewonnen? Damit müsste er doch zumindest anerkennen, dass es in den altorientalischen geteilten biblischen Staaten »Israel« und »Juda« immerhin schon die »nationale« Fiktion von einem gemeinsamen Reich Israel gab, das auch in der messianischen Zeit wieder errichtet werden wird. Wo haben denn die europäischen Nationen ein so weit zurück nachweisbares nationales Bewusstsein? Im Rahmen der von Sand vorgestellten Möglichkeiten anzuerkennender nationaler Fiktionen steht der Zionismus doch wirklich sehr gut da!

Es ist schade! Ein gut geschriebenes Buch, das viele – wenn auch zum Teil umstrittene – historische Ereignisse darstellt, diese jedoch um der Tagespolitik willen auswählt und so die Geschichte des eigenen Volkes einseitig zeichnet und damit auch noch den erklärten Feinden dieses Volkes willkommene Schützenhilfe bietet. Nicht dass man geschichtliche Wahrheit, auch beschämende und schmerzliche, vertuschen sollte, aber ideologisch verkürzte Geschichte ist nicht weniger bedenklich. Sand, der die historischen Fiktionen der Nationenbildung des 19. und 20. Jahrhunderts und deren mythische Historiographie verlassen will, greift nun selbst zu solchen, indem er nur die Seiten der Geschichte herausstellt, die seiner Sache – und Gott sei’s geklagt auch jener der notorischen Feinde des Judentums und Israels dienen.

Shlomo Sand: Die Erfindung des jüdischen Volkes. Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand.
Aus dem Hebräischen von A. Meroz, Berlin