Eichmanns Chefankläger

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Am Sonntag sendete die ARD ein Doku-Drama über den Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann. Wenige Tage zuvor saß Gabriel Bach, 1961 Chefankläger gegen Eichmann, in der Wohnung dieses Korrespondenten und erzählte Schülern aus Bochum seine Erlebnisse rund um diesen Prozess. Der Mitschnitt seiner Ausführungen ist hier stark gekürzt, aber stilistisch kaum überarbeitet wiedergegeben…

von Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 26. Juli 2010

Gabriel Bach, 1927 in Halberstadt geboren, wuchs mit seiner Familie in Berlin auf. Ich ging in die Theodor Herzl Schule am Adolf Hitler Platz. In Berlin spielten wir Fußball im Preußenpark. Da gab es herrliche Bänke, rote und grüne. Und es gab gelbe Bänke. Die waren nur für Juden. Für uns, in der zionistischen Schule, war das nicht so niederschmetternd. Wir sangen hebräische Lieder, um uns Mut zu machen. Aber für die jüdische Bevölkerung in Berlin war das grausig. Wir sind am Wochenende auf dem Wannsee mit Motorbooten gefahren. Praktisch an jeder Straßenecke gab es Kästen mit dem „Stürmer“. Plötzlich sah ich ein Bild von uns auf einem der Motorboote: „Juden fahren noch auf dem Wannsee spazieren.“ Unser Glück war es, dass wir Deutschland 1938 verlassen hatten, zwei Wochen vor der Kristallnacht. Holland verließen wir einen Monat vor der deutschen Invasion. Wir gelangten auf der Patria nach Palästina. Das Schiff wurde bei seiner nächsten Fahrt versenkt, mit 250 Todesopfern.

Mein bester Schulfreund Freund in Amsterdam, ein Nichtjude, sah mich 1961 im Fernsehen beim Eichmannprozess. Er rief mich an und erzählte, dass von allen jüdischen Schülern unserer Schule, ich der einzige Überlebende sei. Alle anderen wurden getötet.

Ein Onkel lebte in Bayern in einem kleinen Dorf. Jeder wusste, wer da jüdisch war, als die Leute abgeholt und in die Lager geschickt wurden. In der Kristallnacht haben Burschen meinen Onkel zusammengeschlagen. Mit den Anderen ging es im Autobus nach Buchenwald. Auf dem Weg rief der SS-Mann: „Ihr Schweine müsst die Fahrt bezahlen.“ Am Tag darauf erhielt meine Tante eine Mitteilung von der Gestapo. Sie solle kommen. Sie wollte wissen, was mit ihrem Mann passiert ist. Der Beamte sagte: „Frau Bach, Ihr Mann ist im Autobus nach Buchenwald gefahren und musste die Fahrt bezahlen. Er hatte nur einen 20 Mark Schein. Die Fahrt kostet aber 18,80 Mark. Diese 1,20 Mark möchte ich Ihnen erstatten.“ Der Beamte wusste nicht, wie er diese 1,20 Mark für die Fahrkarte ins KZ verbuchen sollte.

Zur Eichmann-Affäre möchte ich Euch Sachen mitteilen, die nicht veröffentlicht wurden, persönliche Erfahrungen. Mein erstes Treffen mit ihm im Jagur-Gefängnis: Ich saß in meinem Büro und las die Autobiografie von Rudolf Höß, dem Kommandanten von Auschwitz. Ich las, wie sie an vielen Tagen 1000 jüdische Kinder getötet haben. Höß schrieb: „Wenn ich die Kinder in die Gaskammern stoßen musste, bekam ich manchmal Kniezittern. Ich schämte mich dieser Schwäche. Obersturmbannführer Eichmann erklärte mir, dass man die Kinder zuerst umbringen sollte. Denn wo ist die Logik, dass man ältere Menschen umbringt und eine Generation von möglichen Rächern am Leben lässt. Die könnten ja auch eine Keimzelle für die Wiedererrichtung dieser Rasse werden.“ Nach zehn Minuten wollte mich Eichmann sprechen. Er saß mir gegenüber wie Sie jetzt (sagt Bach zu den Schülern aus Bochum). Mir fiel es schwer, da ein Pokerface zu behalten.

Aus Polen, das damals sehr anti-israelisch war, erhielten wir anonyme Briefe, so auch einen mit abgetippten Listen, wie viele Juden jeden Tag zwischen 1942 und 1943 nach Auschwitz kamen und welche Nummern sie auf den Arm tätowiert bekamen. Die Papiere waren ohne Stempel und Unterschrift, als Beweismaterial vor Gericht wertlos.

Ich zeigte allen Polizeioffizieren die Papiere. „Hat einer von euch eine Idee, wie man das doch als akzeptables Beweismaterial gebrauchen könnte?“ Es herrschte Stille. „Vielleicht können wir zeigen, dass die Informationen stimmen. Einige hundert Israelis waren in Auschwitz, und wissen wann sie nach Auschwitz gekommen sind. Die haben noch immer die Nummer auf dem Arm.“ Da zog der für Polen verantwortliche Offizier sein Hemd hoch, zeigte uns seine Nummer und sagte ich bin im September 43 nach Auschwitz gekommen. Seine Nummer stimmte genau überein mit dem, was da (auf der Liste) stand. Das sind Momente, die man schwer vergessen kann.

Da gab es ein Kind. Der Zeuge hatte im Prozess ausgesagt. Er war einzige, der schon in einer verschlossenen Gaskammer war und davon erzählen konnte. Er war damals ein Kind, elf Jahre. Man hatte immer 200 Kinder zusammen in eine Gaskammer genommen. Er beschrieb, wie sie in der Gaskammer waren und wie es dunkel wurde. Die Kinder hätten gesungen, um sich Mut zu machen. Als nichts geschah, fingen die Kinder an zu weinen und zu schreien. Und dann öffnet sich die Tür. Da war ein Zug mit Kartoffeln in Auschwitz angekommen. Es gab nicht genug SS Leute, um die zu entladen. Ein Offizier hatte die glorreiche Idee: Warum nicht einige dieser Kinder benützen, bevor sie getötet werden? Und da holte man die ersten Zwanzig, die nahe der Tür waren. Unser Zeuge war einer von denen. Die anderen 180 wurden sofort getötet. Jene, die beim Entladen geholfen hatten, wurden auch gleich getötet. Aber unser Zeuge hätte Schaden an einem der Lastwagen angerichtet. Ein Offizier sagte: „Bevor der in die Gaskammer kommt, zusammen mit der nächsten Gruppe, soll er im Lager von einem SS-Mann gepeitscht werden.“ Und da hat man ihn rausgebracht. Doch der SS-Mann, der ihn auspeitschen sollte, empfand Zuneigung zu ihm und ließ ihn bei sich. So blieb er am Leben.

Ein europäischer Professor machte geltend, dass Richter eines Staates und Volkes der Opfer keinen gerechten Prozess führen könnten. Er bat, die Anklageschrift zu sehen. Da sah er, dass wir Eichmann auch wegen Mordes an Zigeunern, russischen Kommissaren, Tschechen, Polen und anderen angeklagt hatten. „Warum habt ihr das nicht polnischen, russischen und anderen Gerichten überlassen?“ Ich antwortete: „Vor fünf Minuten haben Sie gesagt, dass es Unrecht sei, wenn ein Gericht einer Gesellschaft der Opfer Anklage erhebt. Sie scheinen keine Schwierigkeiten mit einem russischen oder tschechischen Gericht zu haben. Nur beim Gericht eines Judenstaates haben Sie auf einmal Probleme.“ Der Mann hatte die Anständigkeit, zu erröten. „Ehrlich gesagt weiß ich wirklich nicht, warum ich diesen Unterschied gemacht habe,“ sagte er.

1944 war klar, dass Deutschland den Krieg verlieren würde, da sagte Eichmann zu Freunden: „Ich werde meinen Krieg noch gewinnen“. Er fuhr nach Auschwitz, um die Zahl der Tötungen von 10.000 pro Tag auf 12.000 zu erhöhen. Dann forderte er mit List und Tücke Eisenbahnen für die Todeszüge, obgleich Generale der Wehrmacht sie dringend brauchten. Dann forderte Eichmann, alle Vierteljuden in der Wehrmacht, also jeden, der einen jüdischen Großvater hatte, zu kastrieren oder in ein KZ zu bringen. Keitel, der Oberkommandierende der Wehrmacht, war dagegen, nicht etwa aus humanitären Gründen. Er wollte die deutsche Armee nicht schwächen. Es gab tausende Soldaten die Vierteljuden waren. Hitler unterstütze Keitel. Eichmann war das völlig egal.
Während des Prozesses machten wir einen 45 Minuten langen Dokumentarfilm aus Originalmaterial. Den wollten wir beim Gericht einreichen. Am Abend vorher zeigten wir den Film dem Angeklagten. Ich beobachtete ihn, weil ich seine Reaktion auf die Leichenberge sehen wollte. Eichmann sprach sehr aufgeregt mit seinem Wächter. Den fragte ich, worüber sich Eichmann so aufgeregt habe: „Er hat gesagt, dass man ihm versprochen hätte, nie in den Gerichtssaal in Gefangenenkluft betreten zu müssen, sondern immer in seinem dunkelblauen Anzug. Man solle ihm so was nicht versprechen, wenn man es nicht einhalten könne.“ Die Tausenden Leichen haben ihn überhaupt nicht erregt, nur die Farbe seines Anzugs. Ein kleiner Punkt, aber typisch für Eichmann.

© Ulrich W. Sahm, haGalil.com

Gabriel Bach über den Eichmann-Prozess